Sonntag, 06.03.2011
Die Kuh und der Fortschritt
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Technik von gestern
Der Computer, der bis vorige Woche unter meinem heimatlichen Schreibtisch stand, hatte seine beste Zeit lange hinter sich. Beim Einschalten gab er zunächst ein Brummen von sich, bevor er nach minutenlangem Hochfahren in ein kaum hörbares Sirren wechselte. Die verschiedenen Programme führte er dann im ihm eigenen Tempo oder besser: in der ihm eigenen Langsamkeit. Die Muße vor dem Bildschirm, so redete ich mir lange ein, sei wichtig für die Qualität meiner Glossen – in den Wartezeiten war ich ja gezwungen, den jeweiligen Text wieder und wieder zu lesen. Doch schließlich wurde mir alles zu viel – ständig die Sanduhr auf dem Bildschirm, die spöttischen Bemerkungen meiner Freunde, die ruckelnden Videos. Ich kaufte mir einen neuen Rechner. "Damit bekommen Sie modernste Technik, und das zum Schnäppchenpreis", versprach der Verkäufer im Elektronikmarkt.
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Hier gibt's neueste Technik
Er hat nicht zu viel versprochen. Der neue Computer ist sehr fix, ich weiß kaum noch, wie die Sanduhr aussieht. Und er hat mich angefixt, für den technischen Fortschritt begeistert. Der war in diesen Tagen in Hannover zu bestaunen, auf der
Cebit – dem "weltweit wichtigsten und internationalsten Ereignis der digitalen Industrie", so die Eigenwerbung. Messehallen gehören normalerweise nicht zu meinen Lieblingsorten. Denn dort gibt es in der Regel schlechte Luft, mieses Essen und jede Menge überflüssiges Papier. Doch dem Lockruf der Cebit konnte ich nicht widerstehen. Die Fahrt im Zug nach Hannover geriet dann leider etwas holprig. Eine Stunde hatte der Zug Zwangspause, wegen der Kollision mit einer Kuh.
Auf der Cebit komme ich dann aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Eine
neue Technik soll beispielsweise dafür sorgen, dass ich zum Steak den richtigen Wein trinke, dank geschickt verknüpfter Datenbanken. Ein echter Fortschritt, wie jeder weiß, der sich schon einmal über einen näselnden, arroganten Kellner geärgert hat, der einem den teuersten Tropfen andrehen will.
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Technik von morgen
"Die Technik wird immer intelligenter – dank Semantik", erklärt mir ein Standbetreuer, laut Namensschild "Herr Hübner". Ich grübele, welche Bedeutung sich hinter "Semantik" verbirgt und wie Herr Hübner wohl mit Vornamen heißt. Der redet währenddessen weiter, über smarte Anwendungen, ungeahnte Möglichkeiten und sogar über „Ontologie“. Mir schwirrt der Kopf. "Und richtig praktisch ist der elektronische Einkaufszettel", behauptet Herr Hübner. "Was Sie üblicherweise kaufen, ist im Hintergrund bereits gespeichert. Haken Sie während des Einkaufs die 'Milch' ab, schiebt der elektronische Einkaufszettel den Joghurt nach oben, da Sie sich wahrscheinlich noch in der Nähe des Milchprodukte-Regals befinden." Ich bin beeindruckt, auch von einer weiteren Errungenschaft, die Herr Hübner anpreist: das automatische Beschwerdemanagement. Es analysiert lästige Reklamationen und formuliert eigenständig Antwortschreiben. Ehrlich gesagt kamen mir Antwortschreiben auf Beschwerden schon immer so vor.
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Lustig, aber analog
Nach einem langen Messetag sinke ich erschöpft auf den reservierten Sitz im ICE nach Köln. Schnell falle ich in unruhigen Schlaf und träume - von einem elektronischen Einkaufszettel. Der verkündet mir zuerst laut und deutlich den Fettgehalt der Schokolade und der Chips, die ich in den Einkaufswagen lege. Vor dem Zigarettenregal gibt er einen Heulton von sich. Als ich gerade zur Billig-Milch greifen will, zaubert der elektronische Helfer das Bild einer ganz und gar unglücklichen Kuh auf sein Display. Die Kuh wird größer und größer, verlässt das Display, beginnt laut zu reden. Ich werde wach. Neben mir sitzt eine Frau, eingezwängt in ein weißes
Kostüm mit großen schwarzen Flecken, und unterhält sich mit ihrem Gegenüber, das ebenfalls ein weißes Kostüm trägt, allerdings mit großen braunen Flecken. In der Ontologie des Fortschritts scheint die Kuh eine gewisse Rolle zu spielen. In der des Grauens aber auch.
Audio: Die Kuh und der Fortschritt
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