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Juni 2010Den ersten richtig warmen Sommertagen wohnt ein Zauber inne. Der kühle Frühling ist bloß noch Erinnerung, und für Klagen über die Hitze ist es noch zu früh. Das Leben verlagert sich nach draußen, in Biergärten und Straßencafés. Dort können wir an der frischen Luft Fernsehen gucken, genauer gesagt Fußball, noch genauer: die Spiele der
FIFA WM 2010. So heißt das Ereignis in Südafrika offiziell, und so müssen es die Medien transportieren, haben die FIFA-Bosse festgelegt. Über die Macht der FIFA wird noch zu reden sein, aber sicherheitshalber erst nach der WM, pardon der FIFA WM 2010.
Fast noch interessanter als der Fußball ist das Theater drum herum, sowohl im fernen Südafrika als auch bei uns. Die französische Mannschaft hat ein
starkes Stück abgeliefert, bei dem allerdings nicht ganz klar ist, wer in diesem Stück der Schurke ist: ein Spieler, der den Trainer aufs Unflätigste beschimpft hat, der Trainer, der in einem ganz eigenen Kosmos zu leben scheint, oder die Staatssekretärin, die den Fußballern der Grande Nation das Grand-Hotel nicht gönnte? Was die Equipe Tricolore außerhalb des Rasens bot, war auf jeden Fall unterhaltsamer als das Trauerspiel der Italiener auf dem Rasen. Pomadig wird solch eine Leistung gerne von den Experten im Studio genannt, wobei die Experten mitunter auch äußerst pomadig wirken.
Das kann die Begeisterung für das große Theater auf und neben dem Rasen hierzulande nicht dämpfen. Mit Fähnchen bestückt und in schwarz-rot-goldene Fahnen gehüllt, erleben die Deutschen die WM als buntes, gemeinschaftsförderndes Spektakel. Ob das auch noch gilt, wenn die deutsche Elf ausscheidet, bleibt abzuwarten. Fest steht aber: Theater gibt es in diesem Sommer satt. Dafür sorgt nicht zuletzt die Regierung in Berlin. In ihrem postmodernen Stück reden die Akteure viel und aneinander vorbei, sogar Wildsäue rennen über die Bühne. Einer spielt eine Doppelrolle, als oberster Diplomat und polternder Parteiführer. Als Anleihe aus dem klassischen Theater tritt regelmäßig ein Chor auf, der nur einen Satz skandiert: "Wir müssen sparen!" Dabei richtet er seinen Blick, wenn man genau hinschaut, nur auf das Publikum auf den billigen Rängen. Prima auch der Auftritt des blinden Sehers, der eine
geringere Neuverschuldung prophezeit. Allerdings ist sein Stimmchen etwas dünn und provoziert noch lauteres Lamento des Chors.
Manch einer wünscht sich ein Ende des Berliner Stücks, doch wie bei zeitgenössischem Theater üblich, weiß man vorher nie, wann es vorbei ist. Das gilt auch für das Stück, das in Düsseldorf gegeben wird. Derzeit heißt es
"Regierungsbildung", ein schlichter Titel für ein Werk voller Raffinesse, mit vielen plötzlichen Wendungen, einer zaudernden Frau und einem gealterten Regenten, dessen Tage gezählt sind. In Nebenrollen treten auf: Narren, Naturliebhaber und Neureiche, die öfter mal ihr Kostüm wechseln. Deutlich hörbar sind die Souffleure, die berlinernd den Akteuren den Text vorsprechen. Und ein Chor, da gehe ich jede Wette ein, wird bestimmt auch noch auftreten.
Wenn der Weltmeister der FIFA WM 2010 feststeht, ist das Sommertheater also längst noch nicht vorbei. Zwar animieren Bundestagsdebatten, Talkshows und Politmagazine nicht gerade zum Public Viewing, aber vor dem heimischen Fernseher bleibt uns der Brummton erhalten, den wir inzwischen lieben gelernt haben. Nur stammt er diesmal nicht von der Vuvuzela, sondern vom Chor der politischen Kassandra-Rufer: "Wir müssen sparen!"
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Zum SeitenanfangWenn noch irgendjemand das Wort Sommermärchen in den Mund nimmt, blas ich ihm mit meiner
Vuvuzela direkt ins Ohr – und zwar so, dass er sein Trommelfell auf der anderen Rheinseite aufsammeln kann. Ich mag diese Verballhornung von Heinrich Heine nicht mehr hören. Der hatte den Ausdruck Wintermärchen böse gemeint, satirisch, und nicht stimmungsbesoffen. Und außerdem ist noch Frühling. Und in Südafrika Winter.
In NRW haben wir keine richtige Regierung, in Berlin eigentlich auch nicht und der
Wechsel in unserem höchsten Staatsamt wird als Farce inszeniert. Die politische Klasse scheint endgültig nur noch mit sich selbst beschäftigt und die Bürger wissen nur, dass bei ihnen demnächst kräftig gespart wird, wie auch immer. Das Land hat seinen neuen Namen wirklich verdient: Wir leben in Schland.
Aber
Schland o Schland hat ja 23 junge Leute am Kap stationiert, die schlagen sich so gut, dass selbst erfahrenen Sportmoderatorinnen peinliche Metaphern dazu einfallen. Deren Gesprächspartner dagegen scheint das Klima dort unten Ruhe und Gelassenheit einzuflößen. Ist dieser Studioexperte Oliver Kahn wirklich der einstige Tor-Titan, der allein mit seinem Gesichtsausdruck Gegnern wie Mitspielern Furcht einflößte, der immer weiter machte, immer weiter, und gegen Ende eines vergeigten Spiels mal gern in den gegnerischen Strafraum stürmte? Ein Mann wie ein Tier – und jetzt parliert er als Elder Statesman des Ballsports über die Freuden, endlich mal die Landeskultur eines Turnierortes kennen zu lernen und zeigt auch für schwache Mannschaften das milde Verständnis des Erfahrenen.
Solche Wandlungen geben mir zu denken. Finden Menschen ihr wahres, besseres Ich erst dann, wenn sie eine anstrengende Rolle ablegen können? Ich sehe
Horst Köhler in der fackelerhellten Dunkelheit vor Schloss Bellevue stehen. Er lächelt. Er hat es hinter sich und wahrscheinlich keimt in dem verkrampften und verschwatzten Beleidigten auch schon ein Elder Statesman auf. Das wahre Ich erblüht erst nach dem großen Zapfenstreich.
Vielleicht sollte man wichtige, entscheidende Ämter nicht mit karrieregeilen Westerwillis und machtverbrauchten Merkels besetzen, sondern mit Leuten, die wo anders schon mal hingeschmissen haben. Womit ich jetzt keinesfalls Roland Koch meine! Sondern Menschen, die den Blues kennen. Den Blues, von einem Jens Lehmann verdrängt worden zu sein und plötzlich zu entdecken, dass man nicht immer weiter immer weiter muss. Oder eben den St. Louis Blues, den sich Köhler zum Abschied wünschte.
"Wenn ich mich morgen noch fühle wie heute, dann pack ich meine Sachen und mach mich davon", heißt es dort. Das Lied würde ich gern auf einer mit selbstgebohrten Löchern getunten Vuvuzela einstudieren. Und irgendwann spielen es alle beim Public Viewing, als neue Hymne von Schland.
.... das spricht mir aus dem Herzen! Sehr schön betrachtet, schade dass ich keine Vuvuzela habe - es wäre einen Tusch wert!
cora_bell am 20.06.10 20:06
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Zum SeitenanfangDas Gefühl, besser woanders zu sein als dort, wo ich gerade bin, lernte ich in der Schule kennen. Etwa, wenn ich meine Hausaufgaben vergessen oder mich am Nachmittag zuvor bewusst fürs Fußballspielen und gegen das Vokabel-Büffeln entschieden hatte. Dann versuchte ich mich in der Klasse möglichst unsichtbar zu machen. Ich verbarg mich, so gut es ging, hinter dem Rücken des vor mir sitzenden Klassenkameraden oder schaute, wenn das nicht gelang, den jeweiligen Lehrkörper mit einem betont neutralen Gesichtsausdruck an – mit wechselndem Erfolg.
Den übermächtigen Wunsch nach einer Tarnkappe habe ich fortan immer wieder erlebt – und auch bei anderen beobachtet. Auf einer Semestereröffnungsparty beispielsweise, bei der sich ein Gespräch in kleiner Runde über unseren jeweiligen Heimatorte entwickelte. Ich versuchte es mit "einem Ort in der Nähe von Köln" und kam noch einmal glimpflich davon. Anders erging es der netten Blondine Lisa, die zunächst errötete und dann stotterte, sie käme aus Hannover. Hannover hatte damals schon den Ruf, langweiligste Stadt Deutschlands zu sein, und entsprechend fielen die Kommentare der Kommilitonen aus.
Hart erwischte es auch den fülligen Altsprachler Hubert, der erklärte, aus Bielefeld zu stammen. "Bielefeld –
das gibt es doch gar nicht", grölten die Mitstudenten im Chor. Und dann erklärte Gerd, ein angehender Philosoph, in geschliffenen Worten die Nicht-Existenz der ostwestfälischen Stadt. Hubert konterte noch mit den wehrhaften Germanen samt ihrem Anführer Arminius, die in grauer Vorzeit in der Nähe des heutigen Bielefeld Heldenhaftes vollbracht hätten. Doch das konnte uns ebenso wenig überzeugen wie seine Hinweise auf die
Lokalzeit OWL, die doch regelmäßig aus Bielefeld berichte. "Alles Fake", befand Gerd, und alle bis auf Hubert nickten.
Inzwischen dürfte selbst Lisa gelassen sein, wenn die Sprache auf die Heimat kommt. Hannover ist mächtig und wichtig geworden, wofür nicht nur
Lena Meyer-Landrut und
Christian Wulff stehen. Die niedersächsische Landeshauptstadt ist Heimat der Scorpions, der
auf dem Eis und der an den Instrumenten. Ein Wind of Change hat die Stadt erfasst, und fortan wird den Menschen zu Hannover nicht mehr zuerst der leicht erregbare Prinz einfallen, sondern vielleicht die allerorts beliebte Frau Käßmann oder der Friedensschluss zwischen Bandidos und Hell's Angels. Und für den Beweis der realen Existenz Bielefelds legt sich inzwischen sogar ein Spielfilm ins Zeug.
Einen Imagewandel hat selbst meine kleine Heimatstadt hinbekommen. Würde ich heute gefragt, könnte ich stolz erklären, dass ich in der "Bundeshauptstadt der Energie" geboren wurde und ein gewisser Horst Schlämmer dort journalistisch tätig ist. Wenn ich dort bin, beschleicht mich aber wieder das Gefühl, besser woanders zu sein. Vielleicht liegt es an der schlechten Luft, verursacht durch die zahlreichen Braunkohle-Kraftwerke. Zum Glück, fällt mir dann ein, habe ich immer noch einen Gutschein, den mir Freunde vor einigen Monaten zum Geburtstag schenkten. Für ein Verwöhnwochenende – in Bielefeld.
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Zum SeitenanfangDa sitze ich vor dem Schachbrett, eine kleine, hoffnungslose Partie gegen meinen Ältesten. Ich kann mich einfach nicht auf die Züge konzentrieren, denn statt Pferdchen, Turm, Bauer und Dame sehe ich ständig
Köhler und
Koch, Mixa und Käßmann. Deutschland fährt im Rücktritts-Gang und beim Figuren-Schieben grüble ich darüber nach, wer jetzt am klügsten wen ersetzen könnte.
Als Horst Köhler zurücktrat, kurz nachdem Lena Meyer-Landrut in Köln ihre Pressekonferenz hielt, sah ich darin sofort einen Fingerzeig:
Lena for president! Aber meine grundgesetzfesteren Kollegen wiesen gleich auf Artikel 54 hin: Der Bundespräsident muss das 40. Lebensjahr vollendet haben. Also doch Stefan Raab? Den fände ich dann doch etwas verschenkt. Schließlich hat der Bundespräsident meist nur zu repräsentieren. Retter Raab, der gerade die nationale Aufgabe gelöst hat, die seit 1982 nicht zu knacken schien, sollte man für Wichtigeres vorhalten. Vielleicht muss er ja nach dem zweiten Vorrundenspiel schon Jogi Löw ersetzen, damit
in Südafrika kein Debakel geschieht.
Roland Koch? Ich spiele nervös mit dem Turm herum. Nein, Koch polarisiert zu sehr für dieses Amt. Aber man könnte es mit einer Rochade probieren: Koch löst Stoiber in Brüssel ab. Dann würde dort wirklich mal brutalst möglich die Bürokratie entstaubt. Und Stoiber zöge ins Schloss ... Aber wollen wir diese Reden im Ernst hören?
Außerdem soll es diesmal ja
jemand aus Hannover sein. Aber mit der wahrscheinlichen Wahl bin ich nicht einverstanden. Hat doch der
Kirchentag in München jüngst bewiesen, dass eine trinkfeste Exbischöfin viel beliebter ist als ein staubtrockener Ministerpräsident. Außerdem kennt sich Margot Käßmann mit öffentlicher Aufregung über Afghanistan-Äußerungen besser aus als Christian Wulff. Plötzlich sehe ich eine geniale Zugfolge plastisch vor mir: Jürgen Rüttgers wird Ministerpräsident in Hessen, das dürfte die
Regierungsbildung in NRW erheblich erleichtern. Koch wie gesagt nach Brüssel, um die Axt im Walde zu geben. Stoiber wird dafür Bischof von Augsburg. Das würde auch die trauernden Mixa-Anhänger versöhnen und eine schnelle Bischofsweihe kann bei den guten Kontakten Bayerns in den Vatikan eigentlich kein Problem sein. Käßmann zieht ins Bundespräsidialamt. Und Lena wird an ihrer Stelle Bischöfin ihrer Heimatstadt Hannover. Schließlich trägt sie jetzt schon ständig ein Kreuzchen. Das wäre einfach wunderschönst!
"Du bist matt", sagt mein Sohn und stellt seine Dame vor meinen König. Ach, denke ich, so muss sich Angela Merkel fühlen. Einfach nur matt. Und um sie herum kreisen die Posten, Personen und Probleme - like a satellite.
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