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Der Höhlenmensch im Kader
Ich bin ja eher so ein Waldemar-Hartmann-Typ. Nicht, was das Verhältnis zu Weißbier angeht, zu Frauen in Führungspositionen oder zum professionellen Duzen - wohl aber zum Sport. Denn ich red’ nur drüber. Das brachte mir im schulischen Sportunterricht manche traumatisierende Gruppenerfahrung ein. Bei der
Wahl der Mannschaften saß ich stets als letzter auf der Bank. Es kam sogar vor, dass die beiden wählenden Kapitäne darüber verhandelten, wer mich nehmen musste - der bekam dann noch einen Besseren dazu oder hatte Anstoß.
Nach solch quälender Wahl blieb ich meist da, wo ich vorher schon war: auf der Bank. Nur der Sportlehrer sorgte für meine späte Einwechslung. Schließlich brauchte er eine Leistungsgrundlage, um mein Gnaden-"ausreichend" auf dem Zeugnis zu begründen.
Zum Kader gehören und doch nie spielen: Das ist in der Politik sogar noch härter als im Sport. Da machen Landtagsabgeordnete wie André Stinka (SPD) oder Andrea Milz (CDU) kräftig Wahlkampf in NRW, aber in der Regierung groß aufspielen werden sie nicht - egal, wie es ausgeht. Es geht ja auch nicht um den Einzelnen, sondern um die Mannschaft, würde Jogi Löw dazu sagen. Deshalb facht er die Konkurrenz im Kader bewusst an, damit sich alle richtig anstrengen. Sport und Politik sind eben Kernfelder eines gelebten Sozialdarwinismus.
Beim Stichwort Darwinismus fällt mir gleich der Neandertaler ein. Der hat sich im kalten Europa abgerackert, um Höhlen gemütlich zu gestalten und Jagdpfade im Wald anzulegen, während es sich der feinere Homo sapiens sapiens im warmen Afrika gut gehen ließ. Als der dann nach Europa kam, hat er sich ins gemachte Nest gesetzt. Bis vor Kurzem hat er sogar die Legende verbreitet, der Neandertaler sei mit seiner Nachhilfe ausgestorben. Erst jetzt haben Forscher nachgewiesen: Der Frühmensch mit den starken Augenbrauen lebt auch in uns. Die beiden Menschensorten haben sich nicht bekämpft, vielmehr haben sie es miteinander getrieben und damit sicher auch den Fortschritt der Menschheit angetrieben. Denn die Mischung macht’s. Aber vom Ruhm abbekommen hat der Neandertaler nichts. Für das Training im Kader war er gut. Für das Spiel um den Zivilisationspokal angeblich nicht.
Reservespieler, Hinterbänkler oder Neandertaler – drei Beispiele für die Ungerechtigkeit des Erfolgs. Sie gehören dazu, aber groß rauskommen dürfen sie nicht. Dem Neandertaler wird jetzt aber eine späte Genugtuung zuteil. Forscher haben seinen gesamten Genbestand durchbuchstabiert und fein säuberlich die vier Prozent Übereinstimmung mit dem des heutigen Menschen herausgefiltert. Also schauen wir im Neandertalmuseum auch uns selber an. Jetzt ist nur noch zu hoffen, dass sich bald auch mit filigranen statistischen Methoden der Beitrag eines Reservespielers zum Turniererfolg und eines Hinterbänklers zum Wahlsieg exakt ausrechnen lässt. Dann präsentiere ich demnächst bei unserem 30-jährgen Abitreffen die vier Promille meines Beitrags zur erfolgreichen Schulmeisterschaft 1980. Damit mir keiner mehr nachruft: "Der spielt ja wie ein Höhlenmensch."
Audio: Der Höhlenmensch im Kader
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