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Sehet die Vögel
In seiner berühmten Bergpredigt gibt Jesus einen Rat, den ich gerade jetzt im Frühling gern beherzigen möchte. Wenn ihr Stress habt, sagt er, dann nehmt euch ein Beispiel an den Vögeln. Oder wörtlicher: "Sorget euch nicht! Sehet die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch." Jetzt, wo es schon früher hell wird und vor dem Fenster tatsächlich die Vögel zwitschern, kann man gern schon beim Aufwachen an diesen Spruch denken, damit einem nicht gleich wieder
dieser alte Song von Jürgen von der Lippe den Start in den Tag versaut.
Aber nun hat mir die
Rote Liste des Landes den Jesusspruch verleidet. Denn auf dieser Liste der bedrohten Vogelarten in NRW stehen inzwischen auch sogenannte Allerweltsvögel wie Haussperling, Star, Feldlerche oder Rauchschwalbe. Und woran liegt’s? An der Landwirtschaft, sagen die Naturschützer. Denn die tut all das, was die Vögel nicht tun: säen, ernten, in die Scheunen sammeln. Deshalb bleibt vor lauter Feldern und Äckern kein Platz für die Vögel. Weil wir uns, ganz gegen die Bergpredigt, sehr effektiv um uns sorgen, haben die Vögel das Nachsehen.
"Und der himmlische Vater?", fragt meine Tochter, die neuerdings gern in meinen Theologensprüchen herumstochert. Sie findet sogar, dass der die Vögel ganz gemein in die Falle getrieben hat. Denn durch die Klimaerwärmung, so hat sie kürzlich bei
Quarks & Co gesehen, haben viele Zugvögel gelernt, eben nicht mehr nach Süden zu ziehen, sondern hübsch im Lande zu bleiben. Wo sie dann keine Brutplätze finden - Lernfähigkeit, die nach hinten los geht. "Ist etwa Gott für die Klimaerwärmung verantwortlich?", frage ich zurück.
Doch zurück zu den Bauern. Von den Vogelschützern beschuldigt, blasen sie jetzt zum Gegenangriff: Die unter Naturschutz stehenden
Krähen machen ihnen die Saat des Frühjahres kaputt. Und einige Killerkrähen bringen angeblich sogar neu geborene Lämmer um. Würde da nicht auch dem guten Hirten der Geduldsfaden reißen? Aber auch
die Saatkrähe steht auf der Roten Liste. Wer sich also die Vögel unter dem Himmel anschaut, stößt auf lauter Interessenkonflikte. Von wegen: Sorgt euch nicht ...
Keine Sorgen machen muss man sich dagegen um den Bestand der schrägen Vögel. Während der Star bei uns selten geworden ist, findet Deutschland Staffel für Staffel einen Superstar aus einer ganzen Sammlung solch seltsamer Piepmätze. Und all die Vorschläge, die im Landtagswahlkampf auf uns niederprasseln, belehren mich, dass diese Artenvielfalt nicht auf die Popkultur beschränkt ist. Der Ministerpräsident will Amsel, Drossel, Fink und Star im Volkslied unter Schutz stellen. Der Umweltminister hilft einer anderen Vogelart durch das Projekt "1.000 Fenster für eine Lerche". Schade, dass es nur eine ist. Ich vermute, dass sich bald auch der Innenminister durch eine Vogelschutzaktion profilieren wird: mehr Starenkästen!
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