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Wehrpflicht für die CaritasMein Sohn bereitet zur Zeit seine Kriegsdienstverweigerung vor und sucht auch schon nach einer Zivildienststelle. Das geht ja im Netz ganz einfach: mit Mustervorlagen für die Gewissensbegründung und Stellenbörsen für den Zivi-Einsatz. Mir gibt das Gelegenheit, von den harten Zeiten zu erzählen, als der "Drückebergereinsatz" noch zwanzig Monate dauerte, während mein Sohn darauf hoffen kann, dass der
Verteidigungsminister den Dienst bald auf ein halbes Jahr zusammenstreicht.
Apropos Drückeberger: Ein Vierteljahrhundert nach meinem Einsatz ist es mir schon eine Genugtuung, dass heutzutage die Zivis wichtiger sind als die Rekruten. "Lieber rot als tot?" und "Geht doch nach drüben!" hat man uns seinerzeit beschimpft. Inzwischen würde die Abschaffung der Wehrpflicht auf den größten Protest bei Caritas und Rotem Kreuz stoßen, weil die ihre Einrichtungen nicht ohne die billigen Zivis führen könnten. Die vielen Wehrpflichtigen dagegen liegen Herrn von Guttenberg nur auf der Tasche.
Dieser Wertewandel ist verständlich: Einst passte der Rekrut auf, dass der Russe nicht kommt. Das ist unzeitgemäß, seit der Russe Schalke sponsert und einen Altbundeskanzler in Lohn und Brot hält. Keine deutsche Grenze braucht mehr Soldaten zu ihrer Verteidigung. Deshalb hat sich das Militär längst auf den Export verlegt. Deutschland wird am Hindukusch verteidigt. Deutsche Arbeitsplätze offenbar auch. Denn Deutschland ist der drittgrößte Waffenexporteur nach den USA und Russland und Firmen wie Rheinmetall freuen sich über das
boomende Rüstungsgeschäft. Weil also die Militärhaushalte, auch der deutsche, nicht wirklich schrumpfen, brauchen wir fürs Soziale und für das Gesundheitswesen weiterhin billige Hilfskräfte, und damit es die gibt, die Wehrpflicht. So ist alles ein schöner Kreislauf.
Meinem Sohn übrigens rate ich dringend, sich eine Dienststelle im Pflegebereich zu suchen. Nicht etwa, weil ich wie manche Eltern mit Blick auf die eigene Zukunft froh bin, wenn meine Kinder so was schon mal gelernt haben. Sondern weil die Pflege kranker und alter Menschen ein wichtiger Dienst an der Gesellschaft ist. So wichtig, dass es jetzt sogar einen
Mindestlohn dafür geben soll: 8 Euro 50 im Westen und 7,50 im Osten ist der Gesellschaft dieser Dienst wert. Und weil das offensichtlich mehr ist, als bislang häufig gezahlt wird, dürfte sich hier der Bedarf an billigen Zivis noch erhöhen. Auch das ist ein Kreislauf.
Um solche Kreisläufe zu unterbrechen, fand jetzt wieder der
Equal Pay Day statt. Da geht es nicht um irgendwelche Flatrate-Werbung, wie mein Sohn vermutete, sondern um gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Allerdings nicht für Zivis, wohl aber für Frauen, die im Schnitt weniger bekommen als ihre männlichen Kollegen. Denn vom gleichen Lohn sind die gerade in Deutschland oft weit entfernt. Von der gleichen Arbeit dagegen nicht mehr. Denn, auch das ein Unterschied zu meiner Zeit: Inzwischen gibt es Frauen auch beim Bund. Als Männerdomäne blieb nur noch die Drückebergerei.
Audio: Wehrpflicht für die Caritas
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