WDR.de
Kultur
Glossenblog
Blog
Wenn der Müllmann dreimal klingeltNach einem Spätdienst in der Redaktion würde ich gerne am folgenden Tag etwas länger schlafen. Meistens bleibt mein Wunsch aber unerfüllt. Das liegt daran, dass oft in aller Frühe der Müllmann Sturm klingelt und mich unsanft aus dem Schlaf holt. Montags holt er die Papiertonne aus dem Hof, dienstags die gelbe Tonne mit dem Grüne-Punkt-Müll und mittwochs die grauen Behälter mit dem Restmüll. Vielleicht träume ich deshalb manchmal, dass ich in einem Gerichtssaal sitze und eine Klage gegen die Abfallwirtschaftsbetriebe der Stadt Köln vorbringe. In dem wiederkehrenden Traum sitzen mir gegenüber auf der Anklagebank feixende Ratspolitiker in den Overalls der Stadtreinigung. Kurz bevor das Gericht sein Urteil sprechen kann, ist der Traum jedes Mal zu Ende. Weil der Müllmann klingelt.
Im Wachzustand bin ich natürlich dankbar dafür, dass der Müllmann zuverlässig die vollen Abfalltonnen des Mietshauses, in dem ich wohne, vom Hof auf die Straße bugsiert, sie dort in den Müllwagen entleert und sie wieder im Hof abstellt, aufnahmebereit für neuen Müll. Und natürlich bin ich auch ein glühender Verfechter der Mülltrennung, ein wenig hat die Ökologiebewegung schließlich auch mich bewegt. Gewissenhaft habe ich mich mit den Fragen beschäftigt, wohin der Grünschnitt unseres kümmerlichen Rasens gehört, wo Batterien zu entsorgen sind und in welche Tonne der Plastikmüll zu stopfen ist.
In unserem Haus hat die Mülltrennung leider für eine Störung des ansonsten harmonischen Miteinanders gesorgt. Manfred aus dem Erdgeschoss isst gerne und oft Döner, was selbst im Hausflur gut zu riechen ist. Seit Jahresbeginn quält er sich mit einer Diät – nach der Methode "FdH": Manni isst seinen täglichen Döner also nur zur Hälfte auf, der Rest landet im Biomüll. Das sorgte bei Silke aus dem Dachgeschoss vor kurzem für einen Schock, als sie den Deckel der Biotonne öffnete. Erst umhüllte sie eine Knoblauchwolke, und dann entdeckte Silke Mannis Döner-Hinterlassenschaften, neu belebt von fetten weißen Maden. "Fleisch gehört nicht in die Biotonne", kreischte Silke, deutlich hörbar bis in meine Wohnung im dritten Obergeschoss.
Axel aus dem ersten Stock ist Finanzbeamter, ein ruhiger Typ und ein Mann mit Prinzipien. Vor zwei Wochen wurde ich Zeuge, wie er fast ausflippte. Axel wollte einen gelben Sack mit seinen Plastikabfällen in die Gelbe Tonne stopfen. Die war aber schon voll, offensichtlich mit Kunststoff-Abfällen von Silke. "Kann denn keiner hier ordentlich seinen Müll entsorgen", zeterte Axel über den Hof. Er hatte entdeckt, dass Silkes Plastikmüll der grüne Punkt fehlte und nach der ortsüblichen Müll-Logik in die Restmüll-Tonne gehörte. Seither ist Silke eingeschnappt und hat aus Trotz damit begonnen, auch die Windeln ihres Kindes in die Gelbe Tonne zu stopfen.
Die angespannte Atmosphäre im Haus, da bin ich mir sicher, wird sich aber schon bald wieder entspannen. Manni wird seine Diät nicht mehr lange durchhalten und seine Döner wieder vollständig vertilgen. Silkes Kleiner wird aus den Windeln rauswachsen. Die
Abfallbranche plant, die Entsorgung von Plastikmüll ohne Grünen Punkt in der Gelben Tonne zuzulassen. Und ich werde mir Ohrenstöpsel kaufen. Aber wo entsorge ich die später bloß?
Audio:
Wenn der Müllmann dreimal klingelt
Trackback-URL zu diesem Eintrag:
http://www.wdrblog.de/cgi-bin/mt-tb.cgi/2349
Zum SeitenanfangPermanente URL dieser Seite: http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2010/01/wenn_der_mullmann_dreimal_klin.html
Der WDR ist nicht für Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.