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Die Allee der Verbannten
Wer sich an den Adventssonntagen in eine Kirche verirrt, wird feststellen, dass dort weniger der Nikolaus eine Rolle spielt und schon gar nicht der Weihnachtsmann, wohl aber ein Mann namens Johannes der Täufer. Das ist dieser sittenstrenge Prophet, der einen Kamelhaarmantel trug und sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährte, denn sein Arbeitsplatz lag in der judäischen Wüste. "Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet seine Straßen", rief er laut Bibel seinem Publikum zu. Und damit soll er Jesus, den kommenden Messias angekündigt haben.
Johannes blieb allerdings der sprichwörtliche Rufer in der Wüste. Weil seine Moralpredigten auch mit dem Herrscherhaus des Herodes ins Gericht gingen, landete sein Kopf auf einem königlichen Silbertablett. Spät, spät scheint seine Aufforderung, dem Herrn in der Wüste einen Weg zu bahnen, nun doch noch gehört worden zu sein. Und zwar im Düsseldorfer Umweltministerium. Und so begab es sich, dass
Umweltminister Eckard Uhlenberg sich in den Tagen des Advents 2009 nach Lehavim in der Wüste Negev begab. Dort weihte er feierlich die "Nordrhein-Westfalen-Allee" ein. Das ist eine einhundert Meter lange, von Bäumen gesäumte Straße. Sie soll "schattige Bereiche zur Erholung für die Anwohner und Besucher schaffen", sprach der Minister. Und er sah, dass es gut war - und reiste wieder ab.
Eine schöne Geste - und doch bleiben Fragen zurück. Nicht nur die, wie Israelis wohl das Wort "Nordrhein-Westfalen-Allee" aussprechen. Sondern theologisch gewichtiger die, ob Herr Uhlenberg die Aufforderung des Propheten Johannes richtig ausgelegt hat. Hatte der wirklich an eine Baumreihe in der Wüste gedacht, die der Herr bequem durchschreiten kann, wenn er kommt? War das nicht eher moralisch gemeint? Der wörtliche Umgang mit der Bibel ist bekanntlich nicht immer richtig.
Während der Minister die Wüste bepflanzte, ging es in Düsseldorf hoch her:
Hendrik Wüst, Generalsekretär von Uhlenbergs CDU, steht wegen doppelt kassierter Krankenkassenzuschüsse unter Druck. Uhlenbergs Kollegin Roswitha Müller-Piepenkötter
wegen wüster Verhältnisse in den hiesigen Gefängnissen. Und Kollegin Christa Thoben, weil sie ausgerechnet während der Weltklimakonferenz einen
Klimaschutzparagraphen für NRW-Kohlekraftwerke streichen will. Die Landesregierung holpert und stolpert. Und alle warten darauf, wer als erster in die Wüste geschickt wird. Vielleicht war das ja Uhlenbergs geheimer Auftrag: Nicht für den Herrn, aber für seinen Herrn Rüttgers eine Allee in der Wüste zu bauen, auf dass geschasste Landesgrößen auf angemessenem Wege ihren Bestimmungsort erreichen können. So dass es demnächst in der Staatskanzlei kein schlimmeres Gerücht geben wird als: "Der ist reif für Lehavim!"
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