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Angst vor dem ZiegenhimmelVor einigen Jahren haben wir Urlaub auf einem Öko-Bergbauernhof in Österreich gemacht. Meine Freundin Elke hatte uns den Ferienhof empfohlen. Es war wirklich erholsam dort, viel Ruhe und gesundes Essen und Tiere zum Anfassen für die Kinder. Für die Erwachsenen interessant waren vor allem die Miturlauber, echte Persönlichkeiten aus den unterschiedlichsten Richtungen ökologischer bis esoterischer Überzeugungen. Ich fühlte mich wie auf einer Party von Elke. Da gab es zum Beispiel ein älteres Ehepaar, das – der kleinen Pensionsszimmer wegen – stets im Aufenthaltsraum seine Matten ausbreitete und Yoga übte. Die beiden aßen streng vegan. Und als sie im Gespräch herausgefunden hatten, dass ich mich in der Theologie auskenne, bekam ich eines Tages die Frage gestellt: "Aber Jesus hat doch nicht wirklich das Osterlamm gegessen, oder??“
Ich begriff erst nicht, worum es ging. Die beiden verbanden Buddhismus und Christentum auf kreative Weise und konnten sich nicht damit abfinden, dass der Sohn Gottes Fleisch gegessen haben könnte. Leider musste ich antworten, dass Jesus wohl wie ein Jude seiner Zeit eben Lamm zum Paschafest gegessen habe. Was Jesus zu Weihnachten gegessen hat, weiß ich auch als Theologe nicht. Es war ja sein Geburtstag, und was wir - mehr als 2000 Jahre später - daraus machen würden, ahnte er wohl nicht. Bei uns gab es diesmal zu Weihnachten Pute, und zwar Bio-Pute. Elke kennt da einen Bauern, bei dem man sie kaufen kann. Eine ehemals glückliche Pute lässt sich mit leichterem Gewissen essen als eine vielleicht schon
bei lebendigem Leib gerupfte Gans. Und selbst eine Bio-Kuh ist zwar glücklich gewesen, hat aber Zeit ihres Lebens klimaschädlich gefurzt.
Aber trotz ökologisch korrekter Pute fielen mir an den Festtagen wieder die veganen Joga-Senioren aus Österreich ein. Schuld daran war eine Meldung von dem kürzlich in Münster gegründeten
Institut für Theologische Zoologie. Unter der Schirmherrschaft der Schimpansenforscherin Jane Goodall soll dort den Tieren in der Theologie mehr Gerechtigkeit widerfahren als bisher. So erklärte der Gründer Rainer Hagencord, dass auch Tiere in den Himmel kommen würden. Das hat mich sehr beunruhigt.
Die Aussicht, wem man im Himmel alles wieder begegnen könnte, fand ich schon immer - sagen wir mal: zwiespältig. Die Aussicht, lauter auferweckten Wesen zu begegnen, die man im irdischen Leben einmal gegessen hat, ist allerdings neu. In der traditionellen Theologie mussten damit nur gläubige Kannibalen rechnen. Wenn Herr Hagencord jedoch Recht hat, bin ich nur froh, dass ich kein Niederländer bin. Denn dort, im
Land der Kamelmilch, werden zur Zeit 36.000 Ziegen getötet, um die Ausbreitung der
Ziegengrippe zu verhindern. Ich möchte nicht irgendwann im Jüngsten Gericht 36.000 gehörnten Nebenklägern gegenüber sitzen. Da reichen mir schon die unseren Gehweg vollscheißenden Köter, die ich in Gedanken regelmäßig mit völlig ewigkeitsuntauglichen Flüchen belege. Vor ihren Haltern dagegen habe ich keine Angst. Die kommen bestimmt nicht in den Himmel.
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