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September 2009
An dem Sonntagnachmittag im September
1998 herrschte großes Gedränge in meiner kleinen Wohnung, ich hatte Freunde zum Geburtstag eingeladen. Um 18 Uhr schauten alle gebannt auf den laufenden Fernseher. Über die Mattscheibe flimmerten Balken, Diagramme und später dann Bilder von Gerhard Schröder und Joschka Fischer, breit lachend und sichtlich gelöst. Gelöst war auch die Stimmung in meiner Wohnung, verstärkt von Alkohol und Wahlergebnis. Enttäuscht schauten nur Ute, Tochter eines CDU-Kommunalpolitikers, und meine blaublütigen Freunde aus Meerbusch.
Am späten Abend, als die Gäste gegangen waren, wurde ich melancholisch. Wieder ein Jahr älter, und die Abstände zwischen den Geburtstagen schienen mir immer kürzer. Irgendwann in Zukunft würden mich die Leute ehrfurchtsvoll fragen, ob ich wirklich selbst erlebt hätte, wie der große dicke Mann aus Oggersheim die Bundesrepublik regierte - und ich müsste ja sagen. Derart trübe gestimmt tröstete mich damals der Gedanke an den Pfälzer, der das Ende seiner eigenen Ära miterleben musste. Gut gelaunt war der sicher auch nicht.
Wahlen setzen Gefühle frei, mindestens so sehr wie Geburtstage. Unvergessen der enthusiastische Edmund Stoiber, sonst eher Bild biederer Unterkühltheit, als er am Abend der Bundestagswahl 2002 schon mal ein Glas Sekt auf seinen Sieg öffnen wollte. Gewonnen hat er nach Auszählung sämtlicher Stimmen schließlich nicht, und wie man Stoiber kennt, wird er sich den Sekt verkniffen haben. Unvergessen auch der Wahlabend 2005, als Noch-Kanzler Gerhard Schröder den Macho raushängen ließ, während Angela Merkel mit ihrer Fassungslosigkeit rang - wobei manche Beobachter auch einen fassungslosen Schröder und eine stoische Merkel gesehen haben.
Im Bundestagswahlkampf 2009 haben sich die Politikerinnen und Politiker alle Mühe gegeben, Sympathiepunkte zu sammeln und als Menschen wie du und ich zu erscheinen. Merkel hat verraten, dass sie gerne
Kartoffelsuppe kocht,
Steinmeier hat uns in den Urlaub nach Südtirol mitgenommen und
Renate Künast hat bewiesen, dass sie auf einem Bauernhof mit anpacken kann.
Gregor Gysi hat auf dem Bau malocht, und
Wolfgang Bosbach ist sogar in den Knast gegangen. Doch so richtig gepackt hat uns Wähler das alles nicht.
Zufall oder nicht - in diesem Jahr fallen mein Geburtstag und die Bundestagswahl wieder auf den selben Sonntag. Um die Laune meiner Gäste nicht zu gefährden, feiere ich diesmal bereits am Samstagabend, in Wahl- und Geburtstag hinein. Am Sonntagabend schaue ich mir dann in Ruhe die Wahlsendung an. Sollte mir melancholisch zumute sein, trösten mich vielleicht die entgleisten Gesichtszüge der Wahlverlierer. Oder das Gläschen Sekt, das ich mir auf jeden Fall öffnen werde.
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Zum SeitenanfangIn meiner Nachbarschaft gab es mal einen Pastor, zu dem gingen auch die Kirchgänger der Nachbargemeinden recht gern. Denn er predigte locker und manchmal mit kleinen kirchenkritischen Spitzen. Es gab in seiner Gemeinde aber auch eine ältere Dame, eine pensionierte Grundschullehrerin, der gerade diese Bemerkungen gar nicht gefielen. Im Kampf gegen Irrlehren schrieb sie Eigenverantwortung groß und die Bemerkungen des Pfarrers in einem Notizblock mit. Diese Aufzeichnungen schickte sie dann hin und wieder an den Bischof. Und der wiederum rief hin und wieder beim Pfarrer an. Der Pfarrer ließ sich davon jedoch wenig beeindrucken. Eines Sonntags flocht er in seine Predigt sogar die Bemerkung ein: "Soll ich das noch mal wiederholen, Frau N., oder haben sie es schon?"
In einer Institution, die Beichtstuhl und Inquisition erfunden hat, geht man mit Überwachung eben gelassen um. Ähnliche Fragen wird man demnächst aber auch öfter von Wahlkampfbühnen hören: "Haben Sie das im Kasten, oder soll ich noch mal wiederholen?" Denn die politischen Gegner
verfilmen sich neuerdings gegenseitig. Jürgen Rüttgers' Sprüche über Rumänen und Chinesen wurden von der SPD mit der Handkamera eines eifrigen Jusos aufgenommen. Die CDU hat nun auf Hannelore Kraft gleich eine Filmproduktionsfirma angesetzt.
Ich stelle mir das lustig vor, wenn wir demnächst die Parteien stets im filmischen Stil der Gegenseite kennen lernen werden, für Cineasten sicher ein ästhetisches Erlebnis. Der Arbeiterführer Rüttgers eingefangen in etwas wackeligen langen Einstellungen wie bei Dogma-Regisseuren. Die Sozialdemokraten dagegen präsentiert in Short-Cut-Manier, aus ständig wechselnder Perspektive gesehen, als sei's ein Streifen aus Hollywood. Wenn die Grünen auch endlich mitmachen, gibt es bald ein langes Westerwelle-Porträt im Stil einer Star-Doku von Martin Scorsese. (Bärbel Höhn wird manchmal eingeblendet und kommentiert Westerwelles Körpersprache.) Die Linke wiederum dreht einen Streifen über die Grünen, waschechter sozialistischer Realismus unter dem Titel: "Wahlkampfkreuzer Trittin". Unterlegt mit Musik von
Hanns Eisler. Schön fände ich, wenn zu Beginn einer neuen Legislaturperiode ein Zusammenschnitt der besten Überwachungsfilme in die Kinos käme. Da könnte man dann Kultpartys veranstalten, so wie bei der Rocky Horror Picture Show.
Ein Problem mit der neuen Kunstform wird allerdings die Piratenpartei haben. Sie ist bekanntlich gegen jede Videoüberwachung und erst recht gegen deren Veröffentlichung. Während die anderen über ihre Demonstrationen wundervolles Popcorn-Kino mit Anleihen am "Fluch der Karibik" produzieren, schreiben die Piraten beim Gegner nur mit. Die Notizen werden dann auf Lesungen präsentiert. Und da ist es dann mucksmäuschenstill, wie in der Kirche.
Der arme Jürgen Rüttgers ist vor lauter Angriffen schon gealtert. Kein Wunder, überall nur negative Ereignisse von A wie Nokia und Z wie Opel, man merkt hier stimmt was nicht, stimmt. Was nicht stimmt ist die...stop, hier handelt es sich um eine Glosse. Den politischen Alltag ein wenig satirisch behandeln mit einem Funken Wahrheit. Rüttgers ist bei der CDU, sein Ziehvater hat immer gesagt: Wichtig ist was hinten rauskommt. Also den guten Jürgen da filmen ? Ja er könnte auf einige sch...denn er kann nur seinen Job als Ministerpräsident machen und ist kein Diktator der den Konzernen befehlen kann. Weil er das nicht kann nehmen ihm manche übel und wenn er seine Enttäuschung aus Versehen kund tut fallen alle über ihn her. War das jetzt ein Funken Wahrheit. Darüber soll jeder selbst urteilen. Glück auf !
MG am 20.09.09 21:27
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Wie schön Italien ist, wusste schon Goethe. Spätestens, seit
Rudi Schuricke bei Capri die rote Sonne im Meer versinken ließ, wissen es fast alle Deutschen. Die Toskana-Liebhaber bringen es sogar auf Fraktionsstärke bei den deutschen Sozis. Richtig tief in den Süden reisen dagegen nur wenige. Zu denen gehörten in diesem Jahr meine Bonner Freundin Kati und ich. Südlich von Neapel buchten wir uns eine Ferienwohnung, um es uns dort gut gehen zu lassen und einige Ausflüge ans Meer und zu den Sehenswürdigkeiten der näheren Umgebung zu machen.
Der Urlaub war sehr erholsam, auch wenn es in der ersten Woche extrem heiß war. Nun, mit kühlen Getränken und Gelato ließ es sich unter einem Sonnenschirm trotzdem gut aushalten. Für ein wohltuendes Frösteln sorgte zuweilen auch meine Urlaubslektüre:
"Gomorrha" ist ein Buch über die Camorra, die neapolitanische Variante der Mafia. Es beschreibt nicht nur die wirtschaftskriminellen Umtriebe in dieser Region Italiens, sondern auch sehr detailliert manche Gewalttat der Camorristi.
Sorgen um unser Wohlergehen verdrängten wir aber erfolgreich mithilfe einer altersweisen Prominenten. Die 75-jährige Frau hatte erklärt, so lasen wir in der Tageszeitung, dass 90 Prozent aller Sorgen, die man und frau sich im Leben so machen, grundlos seien. Wenn Kati zu unken begann über drohende Gewitter, angriffslustige Mücken oder
Einbrecher, die sich auf Ferienwohnungen spezialisiert haben, sagte ich bloß: "90 Prozent". Und schon lösten sich die dunklen Gespräche und Gedanken auf, und wir konnten uns fröhlich dem dolce far niente widmen.
"Unser Wagen ist abgeschleppt worden", sagte Kati, nachdem wir durch Amalfi gebummelt waren. Mit "90 Prozent" war die Situation diesmal nicht zu entschärfen, denn wir standen genau an der Stelle, wo wir den Leihwagen abgestellt hatten, jetzt aber weit und breit kein Auto zu sehen war. 90 Prozent, so dachte ich mir, sind halt nicht 100 Prozent. Manchmal geht wohl wirklich was schief. Also machten wir uns auf den Weg zur Polizeiwache. Dort erklärte uns ein schnauzbärtiger Italiener mit verspiegelter Brille, dass die Wache erst um vier Uhr wieder geöffnet habe.
Pünktlich um vier betraten wir wieder die Wache. Der Schnauzbart hatte noch immer seine Sonnenbrille auf und hackte auf der Tastatur seines Computers herum. Barsch erklärte er uns in Broken English, wir sollten zum Busbahnhof gehen. Dort war aber keine Spur von unserem Wagen. Allerdings wusste ein Busfahrer, der gerade Pause machte, dass falsch geparkte Wagen ins Bergdörfchen Ravello geschleppt würden. Er verkaufte uns zwei Bus-Tickets, und eine Stunde später lösten wir mit 80 Euro unseren Wagen bei einem Abschleppunternehmer in Ravello aus, der ebenfalls Schnauzbart und Sonnenbrille trug. Neben seinem Parkplatz gab es eine Waschanlage, in der gerade Polizeiautos auf Hochglanz gewienert wurde. Ich nahm mir vor, am Abend das Camorra-Buch weiter zu lesen. Vielleicht gab es dort ja auch ein Kapitel über die Verfilzung von Polizei und Abschleppern.
Die Urlaubsfreude habe ich mir nicht vermiesen lassen, auch nicht, als ich am letzten Abend beim Nüsse-Naschen ein Stück von einem Backenzahn einbüßte. Doch ein wenig freute ich mich doch auf Zuhause, die kühlen Nächte in Deutschland und den Zahnarzt meines Vertrauens. In Köln angekommen, stellte ich als erstes fest, das mein ordnungsgemäß geparktes Auto nicht mehr an seinem Platz stand. Es sei "sichergestellt und im Wege der Ersatzvornahme abgeschleppt und in Verwahrung genommen", erklärte mir ein Schreiben der Stadt, das ich in meinem überquellenden Briefkasten fand. Ich knirschte mit den Zähnen, was keine gute Idee, sondern äußerst schmerzhaft war. Kurzfristig hatte die Stadt mal wieder ein Parkverbot eingerichtet - wegen Dreharbeiten. Zu einem Film über Mafia-Aktivitäten in Köln.
shit happens! mit 90-prozentiger Sicherheit.
cornusflorida am 14.09.09 10:01
Tja, so ist das wohl, wenn man in Süditalien seinen Urlaub verbringt. Viel besser ist doch ein Urlaub in Norditalien, da sind die Leute, das Wetter und auch die Carabiniere freundlich,zum großen Überfluss sprechen sie auch noch Deutsch und Parkplätze sind ebenfalls ausreichend vorhanden. Dem lieben Stephan Josef empfehle ich die kürzere Urlaubsanfahrt - außerdem schont das den Geldbeutel und die Umwelt.
Anonym am 14.09.09 17:34
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Gerade war der Sommer der Liebe mit seinen nassen
Bethel-Nächten vorbei, da folgte auf ihn der Herbst der Krieger. In jenem denkwürdigen Jahr 1969, während die Hippies noch ihre bematschten Klamotten wuschen, sann das US-Militär über ein "unzerstörbares Netzwerk" nach und ließ es von einigen Universitäten in Kalifornien und Utah aufbauen. Die beauftragende Militärbehörde hieß Arpa und heraus kam das Arpanet - die
Keimzelle des Internets.
Arpa, Arpanet? Plötzlich kommt es mir vor, als könne ich mich an diesen Begriff noch aus meiner Kindheit erinnern. Aber das ist unmöglich, schließlich ahnte damals kaum einer, was das Pentagon heimlich tat und dass dort unser künftiges Leben mit Mails, Spamfilter und Onlinebanking vorbereitet wurde. Außerdem war ich damals noch ein Kind, das sich beim Fernsehen weder für Jimi Hendrix noch für den Kalten Krieg interessierte, sondern für Schweinchen Dick. Aber Fernsehen ist das richtige Stichwort, und jetzt weiß ich es wieder: Ich erinnere mich nicht an Arpa, sondern an Arpad.
"Arpad der Zigeuner" ritt wenige Jahre später - während Arpa unter Ausschluss der Öffentlichkeit allmählich immer mehr Rechner einbezog - durch die deutschen Fernseher. Ich liebte diesen Puszta-Helden des Vorabendprogramms. Er entkam Folge für Folge den Fängen feindlicher Österreicher, Ungarn und Stammesbrüder, schoss und ritt dabei vorzüglich, zeigte viel Brust und liebte Rilana (was ich bald mit ihm gemeinsam hatte).
Meinen Kindern sind Arpad und Rilana böhmische (bzw. ungarische) Dörfer. Ich weiß auch nicht, warum die Serie nie wiederholt wird. Vielleicht, weil sie heute "Arpad der Sinti" heißen müsste und die politisch korrekte Nachsynchronisation zu viel Arbeit machen würde. Dass Arpad immer noch sehr viele Fans hat, beweist ein Klick im heutigen Arpanet: Bei Google findet er sich über 5.000 Mal.
Mich macht diese Erinnerung unruhig. "Kümmert euch eigentlich eure Zukunft?" will ich meinen Kindern zurufen. Aber die schauen gerade die neue Folge von Doctor's Diary. Ob sich die in einigen Jahrzehnten wohl auch noch 5.000-fach finden lässt? Ob es dann überhaupt noch ein Internet geben wird, oder ob es die EU wegen seiner nachgewiesenen Klimaschädlichkeit längst verboten hat, wie die
Glühbirne? Oder ob es dann die EU schon nicht mehr gibt, weil sie in der Eurasischen Union unter der Führung Chinas aufgegangen ist? Müssten wir nicht eigentlich wissen, was irgendwelche Militärs in Peking gerade heimlich ausprobieren lassen? Während wir das meiste, was wir heute erfahren, getrost vergessen können? Mich verwirren diese Fragen so sehr, dass ich dringend Entspannung brauche. Doctor's Diary langweilt mich. Also gehe ich in mein Arbeitszimmer und lege gute Musik auf. Robert Schumann, Zigeunerleben.
Arpa, nicht Arpad!
Jupp am 7.09.09 21:15
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