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2.08.09
Wenn rein gar nichts passiert im Sommerloch, beschäftigen wir Journalisten uns gerne mit den
Sommerlöchern vergangener Jahre. Oder mit dem Phänomen des Sommerlochs an und für sich. In diesem Jahr jedoch bleibt uns das glücklicherweise erspart, denn erstens gibt es - nicht nur im Ruhrgebiet - genügend
Löcher, die sich plötzlich auftun und über die man schreiben kann, zweitens sorgt die
Schweinegrippe täglich für frische Infektionen und Meldungen, und drittens ist Gesundheitsministerin Ulla Schmidt in Spanien der
Dienstwagen gestohlen worden. Der ist zwar inzwischen wieder da, ohne Kratzer. Dafür ist das Bild der Ministerin angekratzt.
Mit Spanien verbinden wir Deutschen zumeist eins - Urlaub. Vielen fallen vielleicht noch Sangria und Paella ein, Stierkampf und der FC Barcelona. Kulturinteressierten mag Picasso in den Kopf kommen oder Don Quijote. An die möglichen Probleme bei der Gesundheitsversorgung deutscher Rentner, die in Spanien leben, denken die Wenigsten. Nur Ulla Schmidt tat das, sogar in ihrem Urlaub. Dass sie nicht nur darüber nachdachte, sondern darüber auch reden wollte, und das außerhalb ihres Feriendomizils, wurde ihr nun zum Verhängnis. Alle Welt empört sich nun über den Dienstwagen, den sie für den dienstlichen Trip in Spanien aus Berlin heranfahren ließ.
Ulla Schmidt kann man manches vorwerfen, Furchtsamkeit aber nicht. Ihre Unerschrockenheit beweist sie stets aufs Neue, wenn sie auf dem Ärztetag auftritt, bei Versammlungen von Krankenkassen-Funktionären oder vor der Pharma-Lobby. Furchtlosigkeit beweist sie mit ihrem Trip nach Spanien, ein Land, in dem die Schweinegrippe grassiert. Sie ist unbeirrt, und deshalb lässt sie sich auch vom Wirbel um ihren Dienstwagen nicht irre machen. Sie steht ihre Frau im Mediengewitter. Aufrecht, stolz wie eine Spanierin. Sie klingt ein bisschen nasal, ein wenig erkältet, als sie ihre Erklärung vor den Journalisten verliest. So klingt sie immer, das hat nichts mit Schweinegrippe zu tun.
Vor der Schweinegrippe kann man sich schützen, wird uns täglich eingetrichtert: Hände waschen, Menschensammlungen meiden. Klar, dass Ulla Schmidt das weiß. Klar, dass sie sich in Spanien nicht in den Bus setzt und sich dem Risiko einer Infektion aussetzt, sondern lieber mit dem Dienstwagen unterwegs ist. Es wäre schließlich ein verheerendes Signal, wenn ausgerechnet die Gesundheitsministerin an Schweinegrippe erkrankte. Außerdem: Schmidts Kritiker würden sich bestimmt auch lieber in einem vollklimatisierten S-Klasse-Mercedes über staubige spanische Straßen chauffieren lassen als sich selbst hinter das Steuer eines Leih-Panda zu quetschen.
In der Diskussion um den Schmidtschen Dienstwagen kommt, wie immer, der kleine Mann zu kurz. Ich meine den Chauffeur. Für ihn war die Tour nach Spanien und zurück doch wie ein Sechser im Lotto, sieht man vom Einbruch in sein Zimmer und der vorübergehenden Entwendung seines Arbeitsgerätes ab. Gemütlich mit dem Benz in den Süden zockeln, ein wenig spanische Sonne genießen und gemächlich zurück nach Berlin, dazu noch jede Menge Überstunden ansammeln. Auf der Rückreise wird er bei einem Zwischenstopp in Frankreich, so stelle ich mir vor, abends auf der Terrasse eines Restaurants sitzen, lecker essen und mit einem guten Rotwein in Gedanken seiner Chefin zuprosten. Danach wird er sich vielleicht eine Zigarette gönnen - die Gesundheitsministerin ist ja weit weg, wieder in Berlin - und zu seinem Buch greifen: Don Quijote. Nachts träumt er dann bestimmt von einer furchtlosen Rittersfrau mit näselndem Aachener Akzent.
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