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August 2009Meine Oma konnte kein Englisch. "Made in Germany" sprach sie immer so aus, dass man an eklige kleine Würmer denken musste. Als Kinder machten wir einen Witz daraus und sagten: "Es steckt eine Made in Germany". Das war fast prophetisch, denn damals war man noch richtig stolz auf das, was ganz unenglisch "deutsche Wertarbeit" hieß. Die war für das kollektive Selbstbewusstsein fast so wichtig wie die D-Mark.
Heute ist nicht nur die D-Mark weg. Die Made hat ziemlich viel angefressen in Germany. Ich sage nur: Grundig, Schießer, Märklin. Irgendwann kam das Land in den Ruf, nur Altbackenes hervorzubringen, Altbier, Asbach Uralt, Altpapier. Und wenn ein Deutscher mal eine "körpergebundene Kleinanlage für die hochwertige Wiedergabe von Hörereignissen" patentieren ließ, brachten doch die Japaner den
Walkman heraus. Erst spät wachte die Politik auf und erfand als Gegenmaßnahme neue Berufe: etwa den Zukunftsminister. Als ein solcher die Regierung von NRW übernahm, erfand er in seinem Kabinett gleich noch so einen Beruf: den Innovationsminister.
Seither sind Zukunft und Innovation so richtig angesagt zwischen Rhein und Weser. In der Schützenfeststadt Neuss gibt es den Slogan "Öfter mal was Neuss" und während die Kultur noch auf die Ruhr2010 blickt, teilt die Wirtschaft schon den Ruhr2030Award aus. Der ging in diesem Jahr nach Marl. In der Stadt werden nämlich nicht nur begehrte Fernseh- und Online-Preise hergestellt, sondern auch die
Rollfliese. Die ist laut Laudatio eine "Produktinnovation, die ein hohes Marktpotenzial mit sich bringt".
Als ich hörte, dass man Fliesen jetzt so kaufen und verlegen kann wie Tapeten, war ich erst mal ganz von der Rolle. Dabei ist die Rollfliese beileibe nicht die einzige brandneue Innovation im Land. Wie der Kollege
Horst Kläuser berichtet, gibt es in Dörentrup-Schwelentrup patentierte Straßenlaternen, die man per Handy anknipsen kann. Mehr davon, möchte man ausrufen! Dafür braucht es aber findige Forscher und geniale Erfinder - und die sind bekanntlich in großer Zahl ausgewandert und müssen nun von Innovationsministern handverlesen und
teuer zurückgekauft werden.
Patentscouts suchen an den Unis nach ihnen wie nach Stecknadeln im Heuhaufen.
Soll man es da nicht begrüßen, wenn eine Firma in
Bergisch Gladbach seit Jahren erfolgreich neues Humankapital in Form von Doktoren produziert? Sollte man der Stadt, die mit Heidi Klum eines der erfolgreichsten deutschen Exportprodukte hervorbrachte, nicht dankbar sein? Aber statt des Bundesverdienstkreuzes erhält die Bergische Dr.-Schmiede Besuch von Staatsanwälten. Sollen jetzt Menschen bestraft werden, die sich Bildung etwas kosten lassen? Für erfahrene Akteure aus der globalisierten Wirtschaft - typische Kunden eines Promotions-Services - muss es eine irritierende Erfahrung sein, dass Schmiergelder illegal sind. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Den Titel in meinem Bloggernamen erhielt ich für lau. Aber ich musste drei Jahre investieren, eine viel zu lange Zeit für Innovationen mit Marktpotential. So was konnte man sich in Zeiten der deutschen Wertarbeit leisten. Im modernen Leben dagegen braucht man den Doktor just in time. Schließlich will ich auch die Straßenbeleuchtung anknipsen, wenn ich sie brauche. Und morgen roll ich mir mein Bad neu.
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"Warum wird der Bundestag eigentlich immer Ende September/Anfang Oktober gewählt", fragt mich meine Tochter. Ich bin schon wieder mal mit meiner politischen Bildung am Ende, weiß nicht einmal, ob das schon immer so war. Also sage ich einfach: "Wahrscheinlich, damit vorher die 'heiße Phase des Wahlkampfs' stattfinden kann." Tatsächlich bemüht sich das
Wetter redlich um so eine heiße Phase. Es wird dabei aber ziemlich allein gelassen. So wie Steinmeier. Ihm ergeht es wie Hannibal in Italien oder Napoleon in Russland: Er führt einen Feldzug, aber der Gegner stellt sich einfach nicht. So hat er keine Chance, zumal Steinmeier kein Hannibal und kein Napoleon ist, eher schon ein abgehetzter Hase zwischen der CDU-Igelfrau Merkel und dem CSU-Igel-Mann von Guttenberg. Die sind beide immer schon da, wo er hinrennt.
Nun sind die CDU/CSU-Igel allerdings nicht die einzigen, die nicht mitmachen. Die Bürger, wir also, halten es ähnlich. Wir lassen die Krise Krise sein und gehen lieber zur
Gamescom. Oder wir wünschen uns, dass man Horst Schlämmer wirklich wählen kann, damit es lustiger wird in der Politik. In Wirklichkeit aber wird
Guido Westerwelle Außenminister werden. Das finde ich lustig genug.
Ich frage mich ernsthaft, was die Deutschen eigentlich politisieren könnte, wenn es die größte Weltwirtschaftskrise der Nachkriegszeit und kläglich scheiternde Klimarettungsversuche nicht können. Kurz bevor ich an dieser Frage verzweifele, treffe ich meine Freundin Elke im Straßencafé. Kaum sitze ich ihr gegenüber, zieht sie über Horst Schlämmer her. Der sei doch eine Marionette von RWE, meint sie: "Die finanzieren das alles. Die machen Grevenbroich, diese selbsternannte
Bundeshauptstadt der Energie, zur beliebtesten Kommune Deutschlands, nur um von ihren Braunkohleseeplänen und Dreckschleuderkraftwerken abzulenken!"
Ich bin erstaunt, denn ich habe diese Theorie noch nie gehört. Aber meine Frage, woher sie das hat, beantwortet Elke erst gar nicht. Ob ich schon wüsste, fragt sie mich, dass die Kondensstreifen der Flugzeuge seit Jahren mit Chemikalien versetzt werden. "Mit denen will das Pentagon bald das Wetter beeinflussen können, weltweit." Nein, wusste ich nicht. "Du musst doch
Chemtrails kennen!" ruft Elke verwundert aus. "Kannst Du alles im Netz nachlesen."
Ich würde Elke jetzt gern fragen, was sie vom kürzlich über die Bühne gegangenen
Mondlandungsjubiläum hält, sozusagen als Testfrage für alle Verschwörungstheoretiker. Aber stattdessen trinke ich schweigend meine Bio-Limonade. Denn mir dämmert allmählich, dass die Wahlkampfstrategen etwas falsch machen. Sie führen die immer gleichen öden Diskussionen über Wirtschaftsankurbelung und Steuersätze. Das ist reichlich phantasielos. Die Menschen haben aber Phantasie. Gerade will ich dann doch zum Mondlandungstest ansetzen, da sagt Elke: "Und der ganze Wahlkampf interessiert mich schon lange nicht mehr. Die nächste Regierung haben die Parteien doch längst miteinander abgesprochen." Darüber will ich nun doch diskutieren, aber es sind plötzlich dicke Wolken aufgezogen, ein Windstoß fegt über unseren Tisch und dann kracht es kräftig. "Die Gewitter kamen früher auch nie so plötzlich", sagt Elke. Ich hätte gern erfahren, woran das liegt. Aber sie will schnell vor dem Regen nach Hause. "Ja, ja, der Regen ist auch nicht mehr, was er mal war", rufe ich ihr nach. Und schon beginnt es zu schütten, doch so schnell wie er gekommen ist, hört der Regen wieder auf. Nun riecht die Luft wie frisch gereinigt. "Chemisch gereinigt", würde Elke sagen.
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