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22.03.09
"Frühlingsanfang ist für mich das eigentliche Silvester", sagt meine Freundin Elke.
Wir sitzen auf ihrem Balkon.
"Frühling ist wie ein neuer Anfang. Und das Jahr ist der Reigen der Jahreszeiten", sagt sie. "Ohne diesen Rhythmus wäre es doch unendlich öde."
"So öde wie auf einer Südseeinsel am Strand unter Palmen", werfe ich ein. In unseren Tassen dampft der Kaffee. Das einzige Warme hier.
"Eben", sagt Elke: "Deshalb haben diese Insulaner auch keinen Vivaldi."
Ich denke darüber nach und komme zu dem Schluss, dass ich es auf so einer Insel zur Not auch ohne Vivaldi aushalten könnte.
Ein voreiliger Schluss, wie mich Elke belehrt. "Die Jahreszeiten sind Rhythmus, Wechsel, Dramatik. Das schafft doch erst Spannung, Abwechslung, Durchhaltevermögen, Hoffnung - und damit Kultur. Ich wollte nicht in einem ewigen Sommer leben."
Ich überlege, ob Elke damit begründen will, warum es diese glücklichen Insulaner auf den Gauguin-Bildern nur zu Baströckchen und Schneckengeld gebracht haben und ob dass nicht eine etwas rassistische Theorie ist. Aber dann fällt mir etwas anderes ein. "Wahrscheinlich ist deshalb auch unsere Wirtschaft so: Aufschwung, große Blase, Platzen, Depression. Das sind sozusagen die Jahreszeiten der Börse, so klingt der Vivaldi der Konjunktur."
Elke schaut mich nachdenklich an. Und ich rede mich in Rage.
"Der Kapitalismus, der ganze Fortschritt ist ein Ergebnis unseres Klimas. Ohne auf und ab können wir nicht leben. Deshalb schaffen wir soziale Kälte und die Caritas dazu als Aufwärmstube. Wir sorgen dafür, dass die Arbeiter nicht immer ohne Rhythmus arbeiten müssen, sondern dazwischen auch mal arbeitslos sind. Winterbrache sozusagen. Damit die ABM-Maßnahme sich so muckelig anfühlt wie ein zweiter Frühling."
"Du wirst ein wenig zynisch", sagt Elke. Sie geht in die Wohnung und holt zwei Decken.
"Das moderne Leben", entwickele ich meine neue Theorie weiter, "hat das Vivaldi-Prinzip auch ins Private übertrage. Monogamie zum Beispiel ist auf Dauer so öde wie die Tropen. Also hat man das Prinzip der Lebensabschnittsgefährten entwickelt. Frühling der Verliebten, Sommer der Ehe, Herbst der Trennung, Winter der Singlephase und dann wieder Frühling."
"Du willst mir nur meine Frühlingslaune vermiesen", mault Elke.
"Überhaupt nicht", sage ich. "Du hast mich nur auf gute Gedanken gebracht. Nimm doch die Politik. Sogar da hat die Bundesrepublik sich diesem Jahreszeitenrhythmus angepasst. Mal werden wir rot regiert, mal schwarz, dazwischen schieben wir hin und wieder eine Übergangsphase Schwarz-Rot, und als Frühlingsfarben kommen ein bisschen Gelb und Grün dazu. So haben wir eine Abwechslung, eine Ordnung, einen Reigen, und im Großen und Ganzen ändert sich nichts."
Es kommt, wie es kommen muss. Wir beginnen zu streiten. Ich will mich aber nicht streiten. "Ich geh rein", sage ich. "Zu kalt hier."
"Du bist ja nur neidisch, weil du keinen Balkon hast", sagt Elke.
"Und du bist nur neidisch, dass du nicht fliegen kannst", sage ich. "Sonst würdest du es machen wie die Zugvögel. Die haben ihren Rhythmus und trotzdem immer Sommer."
Audio: Kein Vivaldi unter Palmen
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