WDR.de
Kultur
Glossenblog
Blog
8.02.09
Die ISM hat mich ganz schön verwirrt. Ich meine nicht die Internationale Raumstation. Die heißt ISS. Sondern die
Internationale Süßwarenmesse in Köln. Sie verheißt Süßes. Aber sie bietet Schokolade mit Peperoni und Kekse, die nach Spargel schmecken. Kein Wunder, dass ein SM in der Abkürzung steht. Das Süße ist nicht mehr süß. Das scheint ein Trend unserer Zeit zu sein.
Nichts ist mehr es selbst. Es wird erst hip, wenn es eigentlich etwas anderes ist. Vielleicht hat das mit dem alkoholfreien Bier begonnen. Mittlerweile sind Handys keine Telefone mehr, sondern Musikanlagen oder Fernseher. Kaffeeröstereien sind Warenhäuser, in denen man sich beklommen nach dem Kaffee umschaut. Das moderne Leben fordert Flexibilität auch von den Dingen. Deshalb dürfen sie keine feste Identität mehr haben. Mit den Menschen geht es genau so. Sie sollen jedes Jahr jemand anders sein können - also irgendwie niemand. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich bin Journalist. Das sind bekanntlich Leute, die von ganz vielen Dingen eher wenig wissen. Je bessere Journalisten sie werden, desto weniger wissen sie über immer mehr. Am Ende wissen sie nichts über alles.
Warum ich so philosophisch drauf bin? Das liegt an meiner 14-jährigen Tochter. Sie kommt aus der Schule und sagt: "Papa, sag mir mal ein paar kluge Gedanken über das All und das Nichts." "Geht's nicht auch ein bisschen kleiner?" frage ich. "Nein", sagt sie: "Wir machen gerade die String-Theorie." Ich bin schon nicht mehr überrascht: Englisch ab der dritten,
Quarks und Co in der achten. Das sind die Anforderungen des modernen Lebens (siehe oben). Also muss ich mit meiner Tochter mal eben den Urknall "machen" und ein wenig über Antimaterie nachdenken und über Paralleluniversen (was ausnahmsweise mal nichts mit
schlecht integrierten Türken zu tun hat). Besonders angetan hat meiner Tochter die Vorstellung, dass fast alles eigentlich nichts ist, wenn man die ganzen kleinsten Teilchen vergleicht mit den Zwischenräumen. Das All hat gewissermaßen eine journalistische Struktur: Es ist überall, aber substanzmäßig fast nichts. Vielleicht könnte man es auch mit Süßigkeiten vergleichen, Baiser zum Beispiel oder Zuckerwatte: Sieht groß aus, zerfällt aber im Mund zu fast nichts.
In der Schule hat der Lehrer "String-Theorie" gesagt und die 14-Jährigen haben gelacht. Bei String denken sie an knappe Höschen. Womit wir schon wieder bei so einem Beispiel wären: Der moderne Slip ist keine Hose mehr. Er ist nur noch ein String: ein feiner Streifen Materie und drum herum nichts. Dieses Nichts müssen wir dann ausfüllen, mit unserer bedrohten, wackeligen Identität. Oder zumindest mit unserem wackelnden Hintern.
Die Glosse ist wirklich sehr amüsant und ganz auf der Höhe der Zeit. Denn wie oft höre ich beispielsweise im Kulturbereich oder bei den Medien: Kunst und Kultur, die ja immerhin Auskunft über unser Leben und unsere Wurzeln geben und zur intensiveren Auseinandersetzung mit Dingen, Gedanken und Weltbildern auffordern, "gehen" nicht. Quoten zählen, und die lassen sich nur bei leichter Kost also bei Inhalten, die gegen nichts tendieren, erzielen...
Alles muss möglichst so verpackt sein, dass man ja nicht merkt, wenn etwas Vernünftiges drin ist: Als verheißungsvolles Nichts.
Dagmar am 9.02.09 13:02
Zum Anfang dieses Eintrags
Trackback-URL zu diesem Eintrag:
http://www.wdrblog.de/cgi-bin/mt-tb.cgi/2161
Zum SeitenanfangPermanente URL dieser Seite: http://wdrblog.de/glossenblog/archives/2009/02/08/
Der WDR ist nicht für Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.