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14.12.08
Für so manchen war es Irland: das letzte Paradies in Europa. Grüne Hügel, einsame Küsten, Stille. In den kleinen Pubs sitzt man zwischen freundlichen, tief katholischen Säufern. Im Gras liegend liest man Bölls "Irisches Tagebuch" oder denkt an die Asche der Mütter. Irland stand so sehr für reine Natur, dass viele sogar gern die teure Butter kauften von der heilen Inselwelt. Und jetzt?
Dioxin im irischen Fleisch!
Noch weiter hinaus zu flüchten in den Atlantik hilft auch nicht. Island, die Insel der Elfen und Geysire, hat sich längst als Tummelplatz von Finanzjongleuren entpuppt. Die einzigen nordischen Märchen, an die man dort noch glaubte, kamen vom US-Immobilienmarkt. Jetzt ist das Geld futsch - und der Mythos auch.
Apropos Mythos: Das eigentliche Paradies des deutschen Bildungsbürgers ist natürlich schon seit Jahrhunderten Griechenland. Früher wollte man "das Land der Griechen mit der Seele suchen", später fand man es per Charterflug. Man landete in Athen, der Wiege von Philosophie und Demokratie. Aber jetzt brennt die Heimat des Sokrates. Die
wütende griechische Jugend tut alles, um dem größten Kapital des Landes - den Trümmern - neue hinzuzufügen. Und kein Orakel von Delphi hat die Politiker vorgewarnt.
Es herrscht tatsächlich ein akuter Paradies-Mangel in Europa. Irgendwo in der Südsee soll es noch welche geben. Aber die saufen im Klimawandel allmählich ab, und außerdem machen sich diese Paradiese extrem schlecht in der persönlichen CO2-Bilanz. Also sollte man nicht in die Ferne schweifen, sondern paradiesische Oasen in der Heimat suchen. "Na bestens", lamentiert mein Sohn: "Hier ist doch alles betoniert und zugebaut. Also auf das
Paradies Balkonien kann ich verzichten!"
Wir haben keine Paradiese? Wir müssen sie schaffen! Schließlich liegt die Stärke von NRW in Innovation und Produktion. Andere haben das Hochgebirge. Oder das Meer. Aber wir haben das Braunkohlerevier, eine Landschaft wüst und leer und deshalb dafür geeignet, aus dem Nichts einen Garten Eden zu schaffen. Dort wo in den vergangenen Jahren ein Dorf nach dem anderen weggebaggert wurde, soll in den kommenden Jahrzehnten der größte See des Landes entstehen: in der Gemeinde
Inden. An seinen Ufern werden tausend Blumen blühen - und der Tourismus. 2060 ist es so weit, sagen Politik und RWE. Bis dahin wird der Klimawandel gewiss noch einige Palmen hinzu spendieren. Und dann heißt es: Inden statt Indien!
Die Naturschützer mäkeln jetzt, eine solche künstliche Natur sei eine ökologische Wüste. Sie haben keine Phantasie. Im Inden-See könnten alle berühmten Tiere des Landes eine neue Heimat finden: Kaiman Sammy aus Dormagen und
Killerwels Kuno aus Mönchengladbach, der Badewannenaal Aalfred aus Bochum und all die Exoten, die der Zoll an den Flughäfen sicher stellt. Das Paradies zu Inden wird ein Anziehungspunkt über die Grenzen hinaus, und alle werden sie kommen aus ihren längst nicht mehr blühenden Landschaften, die Griechen, die Isländer und die Iren.
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