Mein erster Schultag war ein zwiespältiges Erlebnis. Zwar fand ich Unterricht, Lehrer und Mitschüler ganz spannend. Doch bei der Erinnerung daran, wie bisher meine Vormittage aussahen, wurde ich melancholisch. Mit den Freunden Cowboy und Indianer spielen, Murmelwettbewerbe austragen, durch den Wald streifen - das war doch eindeutig interessanter, als stundenlang im Klassenzimmer zu hocken. Ein besonders bitterer Moment kam, als ich am Ende des ersten Schultages realisierte, dass der Premiere noch unzählige Wiederholungen folgen würden. Besonders ätzend waren dann später die Chemiestunden mit einen langweiligen und trockenen Lehrer, der nur Frontalunterricht und Formeln konnte.
Das ist lange her, inzwischen habe ich die Schule und so manches Ehemaligentreffen überstanden. Nicht so die Kinder, die Anfang der Woche in NRW eingeschult wurden. Vor ihnen liegt der Ernst des Lebens, und der scheint immer ernster zu werden. Stresssymptome plagen schon viele Grundschulkinder, hat eine Studie herausgefunden. Und ihre Eltern machen sich bereits vor dem ersten Schultag Gedanken, auf welche weiterführende Schule ihr I-Dötzchen denn gehen könnte und was es dafür leisten müsste. Um dem Sprössling Höchstleistungen zu ermöglichen, tun manche Eltern eine Menge: Sie kaufen Stifte, Lineale und Hefte der besten Qualität, engagieren eine Ernährungsberaterin, die ihnen die Schultüten packt, und trainieren in zahllosen Memory-Runden die Merkfähigkeit ihres Kindes.
Sie tun auch alles, damit ihre Kinder sicher zur Schule kommen. "Schule hat begonnen", signalisieren große Plakate am Straßenrand all jenen, die Auto fahren und lesen können, aber sonst nicht viel mitbekommen. Denn aus Fernsehen und Radio ist lange bekannt, wann der Lernbetrieb wieder losgeht. Außerdem konnte man dort erfahren, wie schwer Tornister sein dürfen, wie bindend die Empfehlung der Grundschule für die weiterführende Schule ist oder wie das Konzept des
"Walking Bus" selbst in Südwestfalen Schule macht.
Ist der Schulweg schon gefährlich, ist es die Schule erst recht. Das haben Generationen von Schülern erlebt, und daran hat sich nichts geändert. Strafarbeiten und Nachsitzen, überraschend angesetzte Tests und unangekündigte Hausaufgabenkontrollen - das Arsenal der schulischen Grausamkeiten ist groß. Nervige Streber und tumbe Hausmeister verschönern auch nicht gerade den Schulalltag, ebenso wenig die Politik, die mit vollgestopften Lehrplänen, Lernstandserhebungen und
Turbo-Abi das Schülerdasein erschwert. Kein Wunder, dass mancher Schüler davon träumt, seine Penne einfach in die Luft zu jagen.
Wie aus einem Traum Wirklichkeit werden kann, sollte er seinen Chemielehrer fragen. In zahlreichen Chemieschränken an NRW-Schulen hat das Landeskriminalamt nun
Pikrinsäure sichergestellt. Die Chemikalien hatten enorme Sprengkraft, weil die Lehrer sie hatten eintrocknen lassen. Schlamperei? Oder sind vielleicht doch nicht die Kinder die wahren Anarchisten, wie Herbert Grönemeyer sang? Meinen blassen und trockenen Chemielehrer von damals sehe ich nun mit anderen Augen.
Audio: Vorsicht, Schule!
Das moderne Leben - als Podcast.
"Besonders ätzend waren dann später die Chemiestunden mit einen langweiligen und trockenen Lehrer..."
Wo sind Sie denn Deutsch gelernt?
Ihre Schule muss ja wirklich schlecht gewesen sein. Oder waren Sie es?
Keim am 17.08.08 10:10
Lieber Keim, wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Aber Kopf hoch, die deutsche Sprache ist nicht so kompliziert, dass man sie bei ein wenig Mühe nicht doch noch lernen könnte. Also weiterhin viel Erfolg!!
Retlaw am 17.08.08 10:42
Lieber Retlaw,
ich glaube, der Eintrag von Keim war leicht ironisch gemeint und die Grammatikfehler beabsichtigt.
Aber auch einen Sinn für Ironie kann jeder erlernen. Also weiterhin viel Erfolg!
Morrissey am 18.08.08 11:45
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