In den letzten Tagen habe ich mir stets den aktuellen Medaillenspiegel ausgedruckt und an den eigenen Spiegel geklemmt. Das geschah wohl in der vagen Hoffnung, mein Gesicht könnte beim Rasieren eine gewisse Ähnlichkeit mit dem von amerikanischen Schwimmern oder jamaikanischen Läufern annehmen. Bei denen scheint ja manche Zauberei möglich. Tatsächlich aber lächelte mir eines Morgens das verschmitzte Gesicht von
Benjamin Boukpeti entgegen. Einbildung? Vielleicht. Oder es lag am plätschernden Geräusch, wenn ich die Rasierklinge abspülte, dass ich diesen Athleten vor mir sah, der in seinem Kajak Bronze holte - die einzige Medaille für sein Land Togo bei Olympia in Peking, ja die erste olympische Medaille für Togo überhaupt. Darüber geriet Boukpeti so aus dem Häuschen, dass er noch im Kajak sitzend sein Paddel zertrümmerte.
Boukpeti hatte schon bei der Eröffnungsfeier die Fahne von Togo getragen. Eine weise Entscheidung, denn seine beiden Mannschaftskameraden, Sacha Dananyoh (Judo) und Komlavi Loglo (Tennis) schieden in ihren Wettbewerben in der ersten Runde aus. So zum nationalen Helden geworden, will Benjamin Boukpeti demnächst Togo zum zweiten Mal besuchen. Einmal war er schon im Land, dessen Fahne er trug. Boukpeti ist in Frankreich geboren, hat einen französischen Pass, studiert und trainiert dort. Aber in einem französischen Kanu zur Olympiade zu reisen, ist nicht leicht. Bekanntlich paddeln fast alle jungen Franzosen irgendwann einmal auf der Ardeche herum. Die können das also ein bisschen. Benjamins Bruder Olivier musste das leidvoll erfahren - ihm gelang die Qualifikation nicht. Da erinnerte sich Benjamin an das Heimatland seines Vaters, besorgte sich einen zweiten Pass und machte sich und Togo glücklich.
Ich erzähle diese Geschichte nicht etwa, um die Nase zu rümpfen. Schließlich sammelt die deutsche Mannschaft sogar Gold-Medaillen durch Eingebürgerte aus
Usbekistan oder
Österreich. Aber Boukpetis Geschichte erinnert mich irgendwie an einen anderen berühmten Olympioniken, an den Athener Kimon. Dieser Pferdesportler holte gleich drei Mal in Olympia den Sieg im Viergespann - und zwar stets mit den selben Stuten. Aber seine zwei ersten Siege gewann er nicht für seine Heimat Athen. Denn von dort war er, nach einem Streit mit dem Machthaber Peisistratos, verbannt worden. Ausgerechnet ihm widmete er seinen zweiten Olympiasieg - und erhielt prompt die Erlaubnis zur Rückkehr nach Athen. Kimons Sohn Miltiades übrigens war später der entscheidende Feldherr im griechischen Sieg von Marathon (also der Schlacht, nicht dem Lauf).
Zugegeben, das ist eine Weile her. Aber was uns
Herodot berichtet, zeigt doch, dass es bei Olympia immer schon so zuging wie heute. Sport, Politik und geschicktes Management gehören zusammen. Vielleicht widmet Benjamin ja seine Medaille jetzt dem zu Hause gebliebenen Bruder. Oder sein Sohn wird einmal ein wichtiger Mann in der Regierung Togos. Ich ziehe die Rasierklinge durch den Schaum, zwinkere dem Gesicht von Benjamin im Spiegel zu und überlege, welchem sportlich unterentwickelten Kleinstaat ich meine Dienste anbieten könnte. Hatten meine Tiroler Vorfahren nicht Verwandte in Liechtenstein? Fehlt nur noch die Sportart. Was in Peking vertreten war, kann ich alles nicht. Aber vielleicht wird Kochen ja bald olympisch (wenn sich Kerner dafür einsetzt). Oder "Bier erkennen" (wenn sich Waldi dafür einsetzt).
Audio: Verschlungene Wege zum Ruhm
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