Die Grillen zirpten, die Kühe glockten. Über den Himmel zogen leichte Schäfchenwolken, zwischen denen einige wagemutige Paraglider als bunte Tupfer ihre Kreise zogen. Der Weg hinauf war schweißtreibend gewesen, lange steile Serpentinen durch den Wald. Aber jetzt belohnte die Alm mit sanftem Wind. Wunschlos glücklich lag ich auf dem Rücken im kurzen trockenen Gras und träumte vor mich hin, weit entfernt von allem ...
Ich schrecke auf. Dösen am Schreibtisch ist nicht erlaubt. Schließlich muss ich eine Glosse schreiben. Viele andere erwartet jetzt wieder die Schule. Einige zum ersten Mal, mit
Schultüte und Feier. Die haben es gut, denn sie können noch nicht schreiben und werden deshalb ihre Urlaubserlebnisse unzensiert bewahren. Den Größeren droht möglicherweise das berüchtigtste Aufsatzthema der Welt: "Mein schönstes Ferienerlebnis."
Vielleicht ist das aber längst aus der Mode gekommen. Es gibt allerdings noch andere erprobte Möglichkeiten,
die schönsten Tage des Jahres nachhaltig platt zu machen. Die ungeschlagene Nr. 1 praktiziert man schon während der Reise: die Urlaubskarte. Die Liste aller, die sonst beleidigt sein könnten, lastet bleischwer im Gepäck, bis ich mich endlich aufraffe und den lieben Verwandten und Bekannten schriftlich versichere, wie schön das Wetter ist, wie bekömmlich das Essen und wie gut gelaunt die Kinder. Verschwiegen wird, wie genervt ich vor diesen Karten sitze und die kostbare Zeit mit ihnen vertue. Mein schönstes Ferienerlebnis kommt auf ihnen niemals vor. Das ist schließlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.
Da war mein Vater früher allerdings anderer Ansicht und stellte alle unsere Erlebnisse breit und farbig beim häuslichen Diaabend dar. "Hier, diese Kapelle, die stand am Eingang des kleinen Hochtals, wo wir zu dem Heimatmuseum gefahren sind." Aber die mitgereiste Tante war anderer Ansicht: "Nein, das ist doch dieses barocke Kleinod, gleich neben dem Biergarten, wo du ..." Das Publikum konnte den Konflikt nicht lösen, weil es nicht dabei war. Dafür rächte es sich beim nächsten Bild: "Was hattet ihr denn da für komische Hüte auf!"
Diese abendfüllende Veranstaltung wird heutzutage gern in einer Büro-Kurzform aufgeführt. Im Zeitalter der Digitalfotografie nimmt man sich das schönste Ferienerlebnis mit zur Arbeit und richtet es als Bildschirmhintergrund ein. Da können die Kollegen dann neidisch staunen, an was für einem exotischen Strand man gelegen hat. Die Kommentare reichen von "Darum kannst du dir kein ordentliches Auto leisten!" bis zu: "Schon für
Atmosfair gespendet?"
Wer prominent ist und ausreichend begabt, kann seine schönsten Ferienerlebnisse auch einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Er schreibt dann die "Italienische Reise" oder ein "Irisches Tagebuch". Ich dagegen kann leider nicht in den schönen Erinnerungen an die ach so schnell vergangenen Tage schwelgen. Schließlich ruft, kaum dass der Koffer geleert wurde, schon wieder die Pflicht. Ich muss eine Glosse schreiben. Also: Die Grillen zirpten ...
Audio: Urlaub für die Anderen
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