"Wie wird man eigentlich Experte für das moderne Leben?", fragte mich vor kurzem meine 25-jährige Nichte, die Journalistin werden möchte. Die Frage rührte mich. Zeigte sie doch, dass meine Nichte zumindest einmal die Kolumne gelesen hatte und etwas für die Verjüngung der Userschaft tat. Dann aber meldeten sich Zweifel: War die Frage vielleicht spöttisch gemeint? Hält meine Nichte mich insgeheim für einen hoffnungslos altmodischen Kerl, weil ich nicht mal ihren MP3-Player auf Anhieb bedienen kann? Oder weil ich ständig von früher erzähle? Oder weil ich nicht weiß, was ICQ bedeutet?
Schließlich erklärte ich meiner Nichte weitschweifig meine
Grundqualifikationen. Besonders wichtig sei ein kritisches Bewusstsein, dozierte ich, der Wille und die Fähigkeit zu hinterfragen, den Dingen auf den Grund zu gehen, Schein und Sein auseinanderzuhalten. Das habe ich wirklich schon als Kind trainiert, in der "Hörzu". "Original und Fälschung" war in der Programmzeitschrift meine Lieblingsrubrik. Dort galt es, die feinen Unterschiede zwischen zwei auf den ersten Blick identischen Bildern herauszufinden.
Meine Nichte guckte interessiert, also redete ich weiter und erläuterte ihr die schrittweise Ausbildung meiner Unterscheidungsfähigkeit. Etwa durch die Lektüre jeder Menge Krimis. Dabei lernte ich nämlich, unwichtige von bedeutenden Spuren zu unterscheiden, und, noch wichtiger, gefälschte von echten Hinweisen. Hilfreich war auch die intensive Beziehung zu einer Kunsthistorikerin, die mich lehrte, echte Kunst und bloß Nachgemachtes auseinanderzuhalten. Und in verschiedenen Wohngemeinschaften wurde mir eingebläut, den lieben Mitbewohnern nichts vorzumachen, sondern bitteschön bloß authentisch zu bleiben, zumindest ein Stück weit.
An dieser Stelle konnte meine Nichte ein Gähnen nicht unterdrücken. Ich versuchte einen eleganten Abgang und sagte ihr, dass ich ihr das Geheimnis meines Expertentums ein anderes Mal zu Ende erklären würde. Denn nun müsste ich schleunigst eine neue Glosse produzieren. Thema: der
Rauswurf Clements aus der SPD und der
Streit um ein Immendorff-Gemälde. "Echt?", fragte meine Nichte. "Tja, darum geht es ja gerade", sagte ich. "Ist ein Immendorff-Gemälde wirklich ein echter Immendorff? Auch wenn er selbst keinen Pinselstrich gemacht hat? Und ist der Clement wirklich ein Genosse? Auch wenn er davon abrät, Parteifreundin Ypsilanti zu wählen? Oder sind die SPDler, die Clement ausschließen wollen, keine echten Genossen?"
Meine Fragen blieben unbeantwortet. Die Augenlider meiner Nichte waren zugeklappt, sie war wohl echt müde. Leise stand ich auf und ging. Vorher legte ich ihr noch zwei Bonbons auf den Tisch. Ich glaube, es waren "Werthers Echte".
Audio: Echtzeit
Das moderne Leben - als Podcast.
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