Müde und ausgedörrt stapften wir durch den heißen Sand. Kein Luftzug kam vom Meer her. Kein Schatten war in Sicht. Die Stadt war noch weit und ich fragte mich, warum mein Vater unbedingt zu Fuß vom Hotel zu dieser sehenswerten Moschee gehen wollte. Dann standen sie plötzlich vor uns: Ein alter Mann mit sonnenverbranntem, zerfurchtem Gesicht und ein Esel, beladen mit Netzen voller köstlicher Orangen. "Apfelsina", sagte der Mann. "Gute Apfelsina. Billig Apfelsina."
Aber mein Vater wollte keine Apfelsina. Der Mann machte aus "Billig Apfelsina" "Billig billig Apfelsina". Aber am Preis lag es nicht. Mein Vater wollte kein Netz Apfelsinen mit sich herumschleppen. Der Weg war mühselig genug und in der Stadt konnten wir uns schließlich alles kaufen, was wir wollten. "Hier Apfelsina billig, billig", sagte der Mann: "In City teuer." "Aber wir wollen nicht tragen", beharrte mein Vater. Da schaute er uns mit einem langen, abschätzigen Blick an, drehte sich weg und sagte laut: "Du Kapitalist!"
Das Kindheitserlebnis aus Tunesien hat sich mir tief in die Erinnerung gebrannt. Seither weiß ich, dass bei Fernreisen aus bescheidenen Lehrern schnell Kapitalisten und aus Händlern Bettler werden. Manchmal sind die Einheimischen auch gerissene Gauner, die uns übers Ohr hauen, oder exotische Zootiere, die wir gern fotografieren. Die Begegnung mit den Fremden in der Fremde ist nicht leicht. Selbst wenn man sie erwünscht, sind die Fremden oft anders als erhofft. So las ich vor einem Jahr im Gästebuch eines All-Inclusive-Hotels in der Türkei folgenden Eintrag: "Man kommt doch hier her, um die Einheimischen kennen zu lernen - und dann sind lauter Russen da!"
Ob der Eintrag auch so wütend ausgefallen wäre, wenn es - wie gewohnt - lauter Deutsche gewesen wären? Dass der Auslandsurlaub wirklich zum Abbau von Vorurteilen und zur Völkerverständigung beiträgt, mag jedenfalls bezweifelt werden. Wer also 1. kein Kapitalist ist und 2. wirklich fremde Einheimische kennen lernen möchte, dem empfehle ich als Reiseziel Balkonien. Dorthin kann man sich dann einige Nachbarn einladen, die in diesem Jahr auch nicht verreisen können, weil sie für den
Einbürgerungstest büffeln müssen. Häufig stammen diese Mitbürger, die echte Gastfreundschaft zu schätzen wissen, aus beliebten Urlaubsregionen. So kann man sich wunderbar ergänzen: Die Gäste erzählen vom Bosporus, von Dalmatien oder dem Zweistromland und bringen vielleicht auch etwas Leckeres von dort mit. Wir als Gastgeber stellen das Bier kalt und bringen ihnen bei, was man als geborener Deutscher quasi mit der Muttermilch aufsaugt: Was die Opposition im Bundestag eigentlich macht oder was Willy Brandt mit seinem Kniefall 1970 bezweckte.
Bei den 310 Auswahlfragen des Tests geht der Stoff für gemeinsame gemütliche Abende der Völkerverständigung so schnell nicht aus. Und wenn alle Deutschländer-Kandidaten später bestehen, gibt es gewiss noch eine rauschende Party. Statt Diaabend nach dem Urlaub. Der ist ja eh schon überholt. Apropos überholt: Unsere rheinische Lokalzeitung erklärte Brandts Kniefall damals damit, der Kanzler wolle dem Ostblock in den A... kriechen. Das ist laut Einbürgerungstest falsch. Aber ich hoffe, der sicher schon pensionierte Redakteur wird nicht noch nachträglich ausgebürgert.
Audio: Fremde in Balkonien
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