"Da möchte ich mal Mäuschen spielen", sagte meine Oma oft, wenn sie neugierig war, wie etwas wirklich abläuft. Als Mäuschen, als unbeobachtete Beobachterin wollte sie etwa dabei sein, wenn die Queen zusammen mit der königlichen Familie ihren nachmittäglichen Tee einnimmt. Vielleicht, so ihre Vorstellung, schlürft die Monarchin ihren Tee, oder die royale Tischdecke hat Flecken. Sie wollte die Geschichte hinter der Geschichte erfahren, lange bevor
Guido Knopp diesen Slogan für seine Sendungen im ZDF erfand.
Mein Vater hegte ebenfalls einen Mäuschenwunsch. Als politisch interessierter Mensch wollte er dabei sein, wenn Egon Bahr oder Willy Brandt mit den Ostblock-Größen verhandelten. Mich interessierte dagegen mehr, was er und meine Mutter so beredeten und taten, wenn wir Kinder nicht anwesend waren. Ich hatte so eine Ahnung, dass es da eine Realität gab, die mir noch verschlossen war.
Die Wirklichkeit ist längst nicht immer so, wie sie zunächst scheint - diese zentrale Erkenntnis beförderte später auch der Philosophieunterricht, als Platons
Höhlengleichnis auf dem Lehrplan stand. Der alte Grieche schien mir allerdings zu pessimistisch, was die wahre Erkenntnis anging, aber klar, er kannte ja auch Omas Mäuschen-Konzept noch nicht.
Manchmal werden verborgene Wirklichkeiten sogar sichtbar, ohne dass Mäuse im Spiel sind. So geschehen kürzlich beim G-8-Gipfel in Toyako. Da lagen in den dicken Pressemappen der amerikanischen Delegation nicht nur viele Papiere mit schönen Worten über die Rettung unseres Planeten vor Armut, Hunger und Klimakatastrophe. Sondern auch
Informationen über Italien. Das sei ein korruptes Land, in dem ein ehemaliger Staubsaugervertreter mit Hang zum großen Geld herrsche, wurde behauptet.
"Endlich einmal Klartext", mag sich mancher gesagt haben, der die übliche heiße Luft der Diplomaten längst als die wirkliche Klimakatastrophe empfindet. Schon kursieren Gerüchte über Dossiers der Amerikaner, die in letzter Sekunde aus den Pressemappen entfernt wurden. Darin soll angeblich von einem verzagten Land die Rede sein, das von einer hölzernen Physikerin regiert werde, die ihre Staatsgäste mit gegrilltem Wildschwein traktiere. Und von einem anderen Regierungschef, der sehr klein sei, dafür aber hyperaktiv und das auch bei Frauen.
Interessant ist, wie der diplomatische Fauxpas der Amerikaner zustande kam. Die Italien-Schelte sei einfach von einer Internet-Seite kopiert worden, hat eine italienische Zeitung herausgefunden. Wir müssen also unser Bild von sorgfältig arbeitenden Spitzenbeamten korrigieren, die tage- und nächtelang vor einem Gipfeltreffen ein Dossier nach dem anderen zusammenstellen. Nein, es geht auch einfacher: copy and paste. Was ein Glück, dass noch niemand rausbekommen hat, wie eigentlich die Glossen zum modernen Leben gefertigt werden.
Audio: Einmal Mäuschen sein!
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