Neulich war die Jahrgangsstufe meines Sohnes bei einem Bewerbungstraining. Von da brachte er den Spruch mit: "Man muss sich auch verkaufen können." Wie sich doch die Zeiten geändert haben, dachte ich wieder einmal. Unsre Großeltern hätten von so einem Termin noch die Weisheit mitgebracht: "Bescheidenheit ist eine Zier." Heute dagegen muss man dick auftragen. Wer etwas werden will, darf nicht zaudern. "Yes we can" lautet Barack Obamas Bewerbungsspruch. Zu deutsch: Klar kann ich die größte Weltmacht regieren. Als Politiker kann man ja sowieso alles: Heute Innen-, morgen Außenpolitik, damals
Staubsaugervertreter ...
Da wirkt die
Äußerung von Christian Wulff geradezu irritierend. Der ist schon niedersächsischer Regierungschef, aber Kanzler - das traut er sich nicht zu. Solche Bescheidenheit ist das Publikum so wenig gewohnt, dass es schon wieder eine Finte wittert: Will sich da doch wieder einer nur gut verkaufen, Sympathiepunkte sammeln - und dann darauf warten, dass man ihn zu dem drängt, wozu er sich nie gedrängt hat?
Die Bewerbungstrainer meines Sohnes würden solche Bescheidenheit sicher rundweg ablehnen. Denn sie ist gefährlich, bedroht sie doch die moderne arbeitsteilige Gesellschaft. Wo kämen wir denn hin, wenn sich jeder prüfen würde, ob er oder sie sich einen Job auch zutrauen kann? Wäre dann etwa Annekathrin Grehling Stadtkämmerin in Aachen geworden? Grehling war das zuvor auch in
Hagen. Dort hat sie die Stadt durch Spekulationen an der Kredit-Börse wahrscheinlich um 50 Millionen Euro gebracht. Die Stadt verklagte später die Bank: Man habe nicht gewusst, dass "swappen" so brandgefährlich ist. Aber Annekathrin Grehling ist von solchen Selbstzweifeln nicht angekränkelt. Sie würde wieder so handeln, ließ sie von Aachen aus wissen. Ob unsere verschuldeten Städte bei lauter Wulffs überhaupt noch Kämmerer fänden? Würde unser Land bei verbreiteter wulffscher Zauderei noch wagemutige Unternehmensgründer finden wie Franjo Pooth? Und erst in der Kultur: Wie viele singende Schauspieler würden uns fehlen, wie viele schauspielernde Tänzerinnen? Und wie viele Bücher schreibende Sportler?
"Schuster, bleib bei deinem Leisten", ist auch so ein Spruch der Großelternzeit. Bei den Bewerbungstrainern meines Sohnes heißt es wohl eher: Wer bei seinem Leisten bleibt, leistet nie was und kann sich auch nichts leisten. Ich werde meinem Sohn raten, schleunigst in die Hauptstadt zu reisen und schon mal vorsorglich an ein paar wichtigen Zäunen zu rütteln. Auch aus Hannover kamen schon ganz andere Vorbilder als der Wulff.
Audio: Bescheidenheit ist keine Zier
Das moderne Leben - als Podcast.
Ich frage mich eigentlich was dieser Artikel bezwcken soll? Ich finde es durchweg richtig, dass jemand auch mal zugibt, für einen bestimmten Posten nicht geeignet zu sein oder ihn nicht haben zu wollen. Wo liegt da bitte das Problem? Es ist doch nur ehrlich. Ist jedenfalls besser als so mancher in der Politik, der seinen/ihren Beruf verfehlt hat.
Im Grunde kennen wir ja auch nicht die wahren Beweggründe und sollten die Entscheidung auch akzeptieren.
Es macht übrigens einen gewAltigen Unterschied ob jemand bei seinem Leisten bleibt oder eine Aufgabe ablehnt. Es wird hier eine Kausalität hergestellt, die durchaus auch eine Fehlinterpretation sein kann. Und im Übrigen schadet auch unseren Kindern eine gesunde Selbsteinschätzung nicht. Nicht selten wird ihnen von Haus aus eine Selbstüberschätzung anerzogen, die den Kindern das Leben nicht zwingend leichter machen wird.
Anne am 20.07.08 13:51
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