Amerika, das war für mich als Kind das Land, wo der Fortschritt zuhause ist. Die Nachbarn redeten voller Bewunderung von einem amerikanischen Traktor, den sich ein Bauer gekauft hatte. Ohne ihn gesehen oder gar irgendwelche Testberichte gelesen zu haben, war mir klar: Das musste einfach ein toller Traktor sein, der da aus dem fernen Land übers Meer transportiert worden war und nun die niederrheinische Scholle pflügte. Erst später habe ich erfahren, dass das Gerät öfter mal eine Zwangspause einlegen musste, weil sich dringend benötigte Ersatzteile noch auf hoher See befanden.
Freude kam auf, als mein Vater den Dienst-Käfer durch einen Ford Taunus ersetzte. Schließlich war Ford ja ein amerikanisches Produkt, auch wenn es in Deutschland produziert wurde. Schlecht wurde mir leider aber weiterhin beim Autofahren. Daran war aber wahrscheinlich die unvergessene Duftmischung aus dem Rasierwasser meines Vaters, dem Haarspray meiner Mutter und dem Kölnisch Wasser meiner Oma schuld, nicht die rasante "Badewanne", wie wir den Taunus liebevoll nannten.
Mein Amerika-Bild trübte sich allerdings zu Studienzeiten etwas ein. Das lag weniger an den Inhalten meines Politikstudiums als an einem Semesterferien-Job. Ich war jung und brauchte das Geld, und deshalb arbeitete ich bei der Straßenreinigung. Dort hatte ich als Aushilfe unter anderem die spannende Aufgabe, festgetretene Kaugummis vom edlen Belag unserer neuen Fußgängerzone zu kratzen. Seitdem habe ich zu der uramerikanischen Erfindung des Chewinggum ein gespaltenes Verhältnis, genauso wie zur heimischen Stadtverwaltung, die für das sündhaft teure, aber total unpraktische Pflaster verantwortlich war.
Amerika bleibt aber das Land der unbegrenzten Möglichkeiten für mich, trotz Rüstungswahnsinn, Staatsverschuldung und Irakkrieg. Schließlich hat dieses Land uns auch Doris Day, Lassie und das Flower-Power-Lebensgefühl geschenkt. "Sex and Drugs and Rock'n Roll", auch das ist Amerika. Ob
Ex-Schauspieler,
Sex-Maniac oder
Ex-Alkoholiker - in den USA kann jeder zum Präsidenten aufsteigen. Vielleicht erleben wir demnächst einen Rock'n-Roller an der Spitze unseres wichtigsten Verbündeten. Barack Obama, Hoffnungsträger der Demokraten, sprach
in seiner Rede vor der Goldenen Else in Berlin von einer atomwaffenfreien Welt, mehr Klimaschutz und einem besseren Zusammenhalt zwischen Europa und den USA. "Yes we can", ist seine Losung. Hoffentlich heißt das nach der Wahl nicht: "Wir können auch anders."
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Neulich war die Jahrgangsstufe meines Sohnes bei einem Bewerbungstraining. Von da brachte er den Spruch mit: "Man muss sich auch verkaufen können." Wie sich doch die Zeiten geändert haben, dachte ich wieder einmal. Unsre Großeltern hätten von so einem Termin noch die Weisheit mitgebracht: "Bescheidenheit ist eine Zier." Heute dagegen muss man dick auftragen. Wer etwas werden will, darf nicht zaudern. "Yes we can" lautet Barack Obamas Bewerbungsspruch. Zu deutsch: Klar kann ich die größte Weltmacht regieren. Als Politiker kann man ja sowieso alles: Heute Innen-, morgen Außenpolitik, damals
Staubsaugervertreter ...
Da wirkt die
Äußerung von Christian Wulff geradezu irritierend. Der ist schon niedersächsischer Regierungschef, aber Kanzler - das traut er sich nicht zu. Solche Bescheidenheit ist das Publikum so wenig gewohnt, dass es schon wieder eine Finte wittert: Will sich da doch wieder einer nur gut verkaufen, Sympathiepunkte sammeln - und dann darauf warten, dass man ihn zu dem drängt, wozu er sich nie gedrängt hat?
Die Bewerbungstrainer meines Sohnes würden solche Bescheidenheit sicher rundweg ablehnen. Denn sie ist gefährlich, bedroht sie doch die moderne arbeitsteilige Gesellschaft. Wo kämen wir denn hin, wenn sich jeder prüfen würde, ob er oder sie sich einen Job auch zutrauen kann? Wäre dann etwa Annekathrin Grehling Stadtkämmerin in Aachen geworden? Grehling war das zuvor auch in
Hagen. Dort hat sie die Stadt durch Spekulationen an der Kredit-Börse wahrscheinlich um 50 Millionen Euro gebracht. Die Stadt verklagte später die Bank: Man habe nicht gewusst, dass "swappen" so brandgefährlich ist. Aber Annekathrin Grehling ist von solchen Selbstzweifeln nicht angekränkelt. Sie würde wieder so handeln, ließ sie von Aachen aus wissen. Ob unsere verschuldeten Städte bei lauter Wulffs überhaupt noch Kämmerer fänden? Würde unser Land bei verbreiteter wulffscher Zauderei noch wagemutige Unternehmensgründer finden wie Franjo Pooth? Und erst in der Kultur: Wie viele singende Schauspieler würden uns fehlen, wie viele schauspielernde Tänzerinnen? Und wie viele Bücher schreibende Sportler?
"Schuster, bleib bei deinem Leisten", ist auch so ein Spruch der Großelternzeit. Bei den Bewerbungstrainern meines Sohnes heißt es wohl eher: Wer bei seinem Leisten bleibt, leistet nie was und kann sich auch nichts leisten. Ich werde meinem Sohn raten, schleunigst in die Hauptstadt zu reisen und schon mal vorsorglich an ein paar wichtigen Zäunen zu rütteln. Auch aus Hannover kamen schon ganz andere Vorbilder als der Wulff.
Audio: Bescheidenheit ist keine Zier
Das moderne Leben - als Podcast.
Ich frage mich eigentlich was dieser Artikel bezwcken soll? Ich finde es durchweg richtig, dass jemand auch mal zugibt, für einen bestimmten Posten nicht geeignet zu sein oder ihn nicht haben zu wollen. Wo liegt da bitte das Problem? Es ist doch nur ehrlich. Ist jedenfalls besser als so mancher in der Politik, der seinen/ihren Beruf verfehlt hat.
Im Grunde kennen wir ja auch nicht die wahren Beweggründe und sollten die Entscheidung auch akzeptieren.
Es macht übrigens einen gewAltigen Unterschied ob jemand bei seinem Leisten bleibt oder eine Aufgabe ablehnt. Es wird hier eine Kausalität hergestellt, die durchaus auch eine Fehlinterpretation sein kann. Und im Übrigen schadet auch unseren Kindern eine gesunde Selbsteinschätzung nicht. Nicht selten wird ihnen von Haus aus eine Selbstüberschätzung anerzogen, die den Kindern das Leben nicht zwingend leichter machen wird.
Anne am 20.07.08 13:51
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"Da möchte ich mal Mäuschen spielen", sagte meine Oma oft, wenn sie neugierig war, wie etwas wirklich abläuft. Als Mäuschen, als unbeobachtete Beobachterin wollte sie etwa dabei sein, wenn die Queen zusammen mit der königlichen Familie ihren nachmittäglichen Tee einnimmt. Vielleicht, so ihre Vorstellung, schlürft die Monarchin ihren Tee, oder die royale Tischdecke hat Flecken. Sie wollte die Geschichte hinter der Geschichte erfahren, lange bevor
Guido Knopp diesen Slogan für seine Sendungen im ZDF erfand.
Mein Vater hegte ebenfalls einen Mäuschenwunsch. Als politisch interessierter Mensch wollte er dabei sein, wenn Egon Bahr oder Willy Brandt mit den Ostblock-Größen verhandelten. Mich interessierte dagegen mehr, was er und meine Mutter so beredeten und taten, wenn wir Kinder nicht anwesend waren. Ich hatte so eine Ahnung, dass es da eine Realität gab, die mir noch verschlossen war.
Die Wirklichkeit ist längst nicht immer so, wie sie zunächst scheint - diese zentrale Erkenntnis beförderte später auch der Philosophieunterricht, als Platons
Höhlengleichnis auf dem Lehrplan stand. Der alte Grieche schien mir allerdings zu pessimistisch, was die wahre Erkenntnis anging, aber klar, er kannte ja auch Omas Mäuschen-Konzept noch nicht.
Manchmal werden verborgene Wirklichkeiten sogar sichtbar, ohne dass Mäuse im Spiel sind. So geschehen kürzlich beim G-8-Gipfel in Toyako. Da lagen in den dicken Pressemappen der amerikanischen Delegation nicht nur viele Papiere mit schönen Worten über die Rettung unseres Planeten vor Armut, Hunger und Klimakatastrophe. Sondern auch
Informationen über Italien. Das sei ein korruptes Land, in dem ein ehemaliger Staubsaugervertreter mit Hang zum großen Geld herrsche, wurde behauptet.
"Endlich einmal Klartext", mag sich mancher gesagt haben, der die übliche heiße Luft der Diplomaten längst als die wirkliche Klimakatastrophe empfindet. Schon kursieren Gerüchte über Dossiers der Amerikaner, die in letzter Sekunde aus den Pressemappen entfernt wurden. Darin soll angeblich von einem verzagten Land die Rede sein, das von einer hölzernen Physikerin regiert werde, die ihre Staatsgäste mit gegrilltem Wildschwein traktiere. Und von einem anderen Regierungschef, der sehr klein sei, dafür aber hyperaktiv und das auch bei Frauen.
Interessant ist, wie der diplomatische Fauxpas der Amerikaner zustande kam. Die Italien-Schelte sei einfach von einer Internet-Seite kopiert worden, hat eine italienische Zeitung herausgefunden. Wir müssen also unser Bild von sorgfältig arbeitenden Spitzenbeamten korrigieren, die tage- und nächtelang vor einem Gipfeltreffen ein Dossier nach dem anderen zusammenstellen. Nein, es geht auch einfacher: copy and paste. Was ein Glück, dass noch niemand rausbekommen hat, wie eigentlich die Glossen zum modernen Leben gefertigt werden.
Audio: Einmal Mäuschen sein!
Das moderne Leben - als Podcast.
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Zum SeitenanfangMüde und ausgedörrt stapften wir durch den heißen Sand. Kein Luftzug kam vom Meer her. Kein Schatten war in Sicht. Die Stadt war noch weit und ich fragte mich, warum mein Vater unbedingt zu Fuß vom Hotel zu dieser sehenswerten Moschee gehen wollte. Dann standen sie plötzlich vor uns: Ein alter Mann mit sonnenverbranntem, zerfurchtem Gesicht und ein Esel, beladen mit Netzen voller köstlicher Orangen. "Apfelsina", sagte der Mann. "Gute Apfelsina. Billig Apfelsina."
Aber mein Vater wollte keine Apfelsina. Der Mann machte aus "Billig Apfelsina" "Billig billig Apfelsina". Aber am Preis lag es nicht. Mein Vater wollte kein Netz Apfelsinen mit sich herumschleppen. Der Weg war mühselig genug und in der Stadt konnten wir uns schließlich alles kaufen, was wir wollten. "Hier Apfelsina billig, billig", sagte der Mann: "In City teuer." "Aber wir wollen nicht tragen", beharrte mein Vater. Da schaute er uns mit einem langen, abschätzigen Blick an, drehte sich weg und sagte laut: "Du Kapitalist!"
Das Kindheitserlebnis aus Tunesien hat sich mir tief in die Erinnerung gebrannt. Seither weiß ich, dass bei Fernreisen aus bescheidenen Lehrern schnell Kapitalisten und aus Händlern Bettler werden. Manchmal sind die Einheimischen auch gerissene Gauner, die uns übers Ohr hauen, oder exotische Zootiere, die wir gern fotografieren. Die Begegnung mit den Fremden in der Fremde ist nicht leicht. Selbst wenn man sie erwünscht, sind die Fremden oft anders als erhofft. So las ich vor einem Jahr im Gästebuch eines All-Inclusive-Hotels in der Türkei folgenden Eintrag: "Man kommt doch hier her, um die Einheimischen kennen zu lernen - und dann sind lauter Russen da!"
Ob der Eintrag auch so wütend ausgefallen wäre, wenn es - wie gewohnt - lauter Deutsche gewesen wären? Dass der Auslandsurlaub wirklich zum Abbau von Vorurteilen und zur Völkerverständigung beiträgt, mag jedenfalls bezweifelt werden. Wer also 1. kein Kapitalist ist und 2. wirklich fremde Einheimische kennen lernen möchte, dem empfehle ich als Reiseziel Balkonien. Dorthin kann man sich dann einige Nachbarn einladen, die in diesem Jahr auch nicht verreisen können, weil sie für den
Einbürgerungstest büffeln müssen. Häufig stammen diese Mitbürger, die echte Gastfreundschaft zu schätzen wissen, aus beliebten Urlaubsregionen. So kann man sich wunderbar ergänzen: Die Gäste erzählen vom Bosporus, von Dalmatien oder dem Zweistromland und bringen vielleicht auch etwas Leckeres von dort mit. Wir als Gastgeber stellen das Bier kalt und bringen ihnen bei, was man als geborener Deutscher quasi mit der Muttermilch aufsaugt: Was die Opposition im Bundestag eigentlich macht oder was Willy Brandt mit seinem Kniefall 1970 bezweckte.
Bei den 310 Auswahlfragen des Tests geht der Stoff für gemeinsame gemütliche Abende der Völkerverständigung so schnell nicht aus. Und wenn alle Deutschländer-Kandidaten später bestehen, gibt es gewiss noch eine rauschende Party. Statt Diaabend nach dem Urlaub. Der ist ja eh schon überholt. Apropos überholt: Unsere rheinische Lokalzeitung erklärte Brandts Kniefall damals damit, der Kanzler wolle dem Ostblock in den A... kriechen. Das ist laut Einbürgerungstest falsch. Aber ich hoffe, der sicher schon pensionierte Redakteur wird nicht noch nachträglich ausgebürgert.
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