Als ich fünf Jahre alt war, durfte ich zuschauen, wie mein Vater beim Lehrerfußball mitwirkte. Nach dem Spiel um einen Kommentar gebeten, sagte ich: "Der Papa hat den Ball nie. Und wenn er ihn hat, dann schießt er nicht." Meine Mutter hielt den Spruch sogleich im Sprösslings-Tagebuch fest. Ich bin dennoch kein Sportreporter geworden. Vielleicht, weil ich in Sachen Sportlichkeit stark auf meinen Vater komme. Vielleicht aber auch, weil ich solche öffentliche Bloßstellungen nicht zum Beruf machen wollte.
Vor Kurzem belehrte mich eine Kollegin, dass "Public Viewing" wieder mal so ein typisches Schein-Englisch ist. Der Ausdruck, hierzulande für öffentliches Sport-Übertragungs-Gucken gebraucht, meint im Original nämlich eine öffentliche Zurschaustellung und wird insbesondere bei der Aufbahrung von Toten benutzt. Wenn man so etwas am lebenden Subjekt praktiziert, heißt es Fußballübertragung. Da werden dann (meist) Männer vorgeführt, wie sie mit großen Gesten lügen (was die Zeitlupe nachweist), sich anscheinend vor Schmerzen winden, wie sie falsche und richtige Tränen vergießen, wie sie auf den Rasen rotzen und wie ihnen das Blut aus dem Kopf läuft. Oder wie sie einfach nur ganz schlecht schießen. Wir stehen davor und regen uns auf, beschimpfen sie, lachen sie aus. So was muss es schon in der Steinzeit gegeben haben, als Reinigungsritual.
Aber Reinigung ist heute nicht mehr möglich, denn vom live gesendeten Schmutz bleibt immer etwas hängen, für ewig. Nehmen wir zum Beispiel Zinédine Zidane: Wenn der mal 80 wird und im Kreis seiner Lieben feiert, präsentieren die bestimmt so einen Video-Rückblick, in dem dann alle sehen können, wie ihm die Sicherung durchbrennt und er den Materazzi umstößt. Die erwachsenen Enkel schlagen sich auf die Schenkel. Wer sich public-viewen lässt, muss wissen, was er tut: Er lässt sich vorführen.
Fußball ist wie das Leben, sagt man, und deshalb so reizvoll. Vielleicht bin ich also kein Sportreporter geworden, weil ich immer noch damit hadere, dass es so geht im Leben: Die Fouler kommen durch, die Helden jubeln auf Kosten der Geschlagenen. Die Häme zerreißt jeden, der mal einen schlechten Tag hat, und der Fußballgott tut, was Einstein ihm eigentlich untersagt hat: Er würfelt.
Immerhin gehe ich mit meinem Jüngsten zum Fußball: Väter-Kinder-Kicken im Park. Neulich fragte mich mein Sohn: "Die Kinder gewinnen immer. Wie machen wir das eigentlich?" Mir kamen fast die Tränen. Im Kindergarten weiß man weder, wie Fußball wirklich geht, noch, wie das Leben spielt. Und damit das noch eine Weile so bleibt, werden die Kleinen fürsorglich betrogen. Aber irgendwann kommt dann das Public Viewing und reißt den Schleier kindlicher Illusionen vom Gesicht der Wirklichkeit. Das nennt man Erwachsen-Werden. Public Viewing ist also ein Initiationsritus. Wer ihn aushält, ist groß. Deshalb betrinkt man sich auch dabei. Danach hat man die Reife, Vater zu werden, also einer von denen, die ihre Kinder dabei zuschauen lassen, wie sie den Ball nie haben. Und wenn sie ihn haben, dann schießen sie nicht.
Audio: Fußball ist unser Leben
Das moderne Leben - als Podcast.
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