Die wichtigste Phase meiner Erziehung fand vor dem legendären Jahr 1968 statt. Als Kind trug ich den Sommer über eine kurze Lederhose, und wenn ich hinfiel und mir ein Knie aufschlug, mahnte meine Oma: "Jungen weinen nicht." Also schluckte ich die Tränen runter, auch als das Pflaster erst aufs Knie kam und Tage danach von meinem Vater mit einem kräftigen Ruck wieder entfernt wurde.
"Weinen ist wichtig und wertvoll", war etliche Jahre später die neue Losung. "Du musst Deine weiblichen Anteile besser integrieren", verlangte meine Freundin Claudia und meldete uns beide in einer Selbsterfahrungsgruppe an. Da blieb auch bei mir kein Auge trocken, und ich war wieder auf der Höhe der Zeit. In meinem Bekanntenkreis sind ebenfalls deutliche Fortschritte sichtbar. Mein Freund Wolfgang erzählte mir kürzlich, dass er bei einem Film über "unmenschliche Tierhaltung" in Tränen ausgebrochen sei. Seinen emotionalen Ausnahmezustand habe er erst im Steakhaus wieder in den Griff bekommen.
Inzwischen schaffen es selbst echte Kerle wie
Ottmar Hitzfeld oder Uli Hoeneß, ihren Tränen freien Lauf zu lassen. Flennen beim Fußball: eine gute Übung für den Alltag. Mein Freund Karl hat es geschafft, seine Geliebte mit einer gefühligen SMS zu überraschen: "Mit Tränen in den Augen denke ich gerade an Dich. Der FC ist aufgestiegen." Ganz anders mein Kumpel Heiner: Er hat seine Frau verlassen, ohne eine Träne zu vergießen. In Windeseile hat er seine Siebensachen gepackt und ist aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen, und mit ihm der prächtige Gummibaum. Monate später überrascht er seine Ex mit dem Bekenntnis: "Als ich gesehen habe, dass der Gummibaum braune Blätter bekommt, sind mir die Tränen gekommen."
Doch es ist zum Heulen: All das reicht vielen Frauen nicht. Sie reden von Krokodilstränen, machen sich über weinende Fußballer lustig und schütteln mit dem Kopf, wenn wir mit Tränen in den Augen vom Lackschaden am neuen Wagen erzählen. Die Frauen selbst, so scheint es, nehmen sich wieder meine Oma zum Vorbild, die höchst selten ein Tränchen verdrückte. Oder hat jemand Angela Merkel einmal weinen gesehen? Ihr
Amtsvorgänger dagegen hatte öfters feuchte Augen, vor allem auf SPD-Parteitagen. Die Treffen der Sozis werden regelmäßig zu Feuchtgebieten, wenn die Bergmannskapelle "Glück auf, der Steiger kommt" intoniert.
Damit Frauen das Weinen wieder lernen, müssen Sie aber nicht in die SPD eintreten. Es helfen auch traditionelle Rezepte wie Kino, Kinder und Küche. Ein Liebesfilm wirkt wahre Wunder, auch ein Besuch auf der Säuglingsstation im Krankenhaus. Wirklich garantiert sind weibliche Tränen aber nur in der Küche - beim Zwiebelschneiden.
Männer sollen weinen. Was ist daran schlimm. Sind doch auch nur Menschen.
Ich, als Frau kann nicht mehr weinen. Schön wär´s, wenn ich´s wieder könnte.
Denn Weinen und auch Lachen befreit die Seele!! Mein Mann lernt es gerade, zwar schwer - aber immerhin.
Liebe Grüsse -Chrissy-
Christiane Westhoff am 27.05.08 12:49
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Zum SeitenanfangKaum rollt die erste Hitzewelle über das Land, gehen die Menschen ganz anders aus sich heraus. Das habe ich in der vergangenen sonnigen Woche am Kölner Hauptbahnhof festgestellt. Mein Zug hatte Verspätung, so konnte ich mich in Ruhe auf das konzentrieren, was wildfremde Leute einander am Gleis zu sagen haben.
Die Botschaft des jungen blonden Mannes war so kurz wie eindeutig: "Sex". Aber die gleichaltrige Frau reagierte eher abweisend, als sie an ihm vorüber ging: "Boys come, boys go", war ihre ernüchternde Antwort. Etwas abseits standen zwei andere Herren, die es verklausulierter versuchten. "I would like to be your friend", meinte der eine. (Es überwog an diesem Tag auf dem Bahnhof eindeutig das Englische. Wir sind eben eine internationale Stadt.) Der andere versuchte es mit einem geradezu raffinierten Argument: "Trust me, I'm a doctor". Aber auch das verfing nicht. Die attraktive Rothaarige, der er sich genähert hatte, konterte eindeutig - und auf Deutsch: "Heute ist nicht mein Tag." Das musste auch der sportliche Enddreißiger auf sich wirken lassen, der den Spruch mit dem Doktor griffig auf ein Wort verkürzt hatte: "Sanitäter". Vielleicht hätte er mehr Chancen bei der vollbusigen Dame im engen T-Shirt gehabt, die ihre auffällige Erscheinung öffentlich mit den Worten kommentierte: "No Silicon needed". Aber an ihr ging er in weiter Entfernung vorbei.
Später, als ich dann endlich in den Zug steigen konnte, wurde ich noch Zeuge eines Wortwechsels, der weniger erotisch aufgeladen war, aber doch geheimnisvoll blieb. Im engen Gang drängten zwei Jugendliche aneinander vorbei. Der eine: "Ich will Rente!" Der andere: "And one".
So haben Sie die Leute am Bahnhof noch nie reden gehört? Auch ich habe sie nicht gehört, sondern gelesen. Es war eine stumme Unterhaltung, geführt nicht mit dem Mund, sondern mit den T-Shirts. Seit die nicht mehr nur mit Markennamen und Comics bedruckt sind, füllt sich die Welt, sobald es warm wird, mit Parolen und Bekenntnissen. Wir ziehen nicht nur die Jacken aus, wie kehren gleich unser Innerstes nach außen, unsere heimlichen Wünsche vom Sex bis zur Rente. Die Menschen hasten stumm aneinander vorbei, aber sie haben doch etwas zu sagen. Manchmal sogar Dinge, die sie nie sagen würden.
Friedrich Schiller erhoffte einst vom Götterfunken Freude, dass er zusammenführe, "was die Mode streng geteilt". Im modernen Leben ist es gerade die Mode, durch die wir im freudlosen Alltag Kontakt suchen. Früher trug man das Herz auf der Zunge, heute - anatomisch viel näher liegend - auf der Brust. Allerdings sind die meisten Hemdensprüche nicht individuell, sondern von der Stange. Konfektionsware - ganz so wie die meisten Lippenbekenntnisse auch.
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"Was willst Du mal werden?" Die Frage wurde mir im zarten Alter von fünf Jahren das erste Mal gestellt, und ich antwortete ohne langes Nachdenken: "Zoodirektor". Das hatte damit zu tun, dass ich keine Sendung von
Bernard Grzimek verpasste. Ich war fasziniert von seinen Geschichten über wilde Tiere in Afrika und von den "possierlichen Gesellen", die er sich mit ins Fernsehstudio brachte. Meine Eltern hielten die Stunden des Frankfurter Zoodirektors wohl für pädagogisch wertvoll, so dass ich an diesen Abenden ausnahmsweise länger fernsehen durfte.
Mit der Zeit änderte sich die Betonung in der Fragestellung. Als ich mein Studium der Germanistik und Politikwissenschaft aufnahm, schmuggelte sich ein scharf intoniertes "denn" in die Frage: "Was willst Du denn mal werden?", hakte mein Patenonkel nach, wenn wir uns auf Familienfesten trafen. "Lehrer werden kannst Du ja mit einem Magisterabschluss nicht." Ich nuschelte "Lektor" oder "Irgendwas mit Medien", worauf mein Onkel stets den Kopf schüttelte und sein Hast-Du-Dir-das-auch-gut-überlegt-Gesicht aufsetzte.
Nun gehört die Berufswahl bekanntermaßen zu den schwierigen Entscheidungen im Leben, erst recht heute. Das Fernsehen bietet kaum noch Orientierung, seit das
"heitere Beruferaten" eingestellt wurde. Derzeit konzentrieren sich die Berufswünsche der Jugendlichen auf Grafik-Design, Event-Management oder Börsenhandel. Auch die Berufe des Automechanikers oder der Friseuse sind gefragt, falls es zum Superstar nicht reichen sollte.
Metzger will dagegen kaum einer werden, wie die zuständige Innung beklagt - obwohl der Beruf doch sehr kreativ sei und man als Metzger auch nicht mehr selber schlachten müsse. Vielleicht würde es schon helfen, das miefige Image des Lehrlings in der Wurstküche durch seine Aufwertung zum Food-Designer zu vertreiben.
Noch unbeliebter sind wohl die Knöllchen-Verteiler. Politessen haben es meist mit miesepetrigen Menschen zu tun, die empört den Strafzettel von der Windschutzscheibe klauben. Hier könnte eine Änderung der Straßenverkehrsordnung helfen, die sich das pädagogische Prinzip der positiven Verstärkung zunutze macht. Warum sollten sie nicht Bonuspunkte an die vergeben, die einen gültigen Parkschein haben? Und wenn man mit diesen Bonuspunkten Minuspunkte in Flensburg ausgleichen könnte, würde die Beliebtheit der Politessen sprunghaft ansteigen.
Ein wirklich schwieriger Fall ist der Berufspolitiker. Seine Beliebtheit rangiert bei Umfragen regelmäßig und deutlich im Minus. Abschaffen lässt er sich aber ebenso wenig wie der Metzger oder die Politesse. Alle Versuche, den Politikerberuf attraktiver zu machen, scheitern bislang: Weder ein klares Bekenntnis zur Männlichkeit wie der
Bart bei Beck noch die Betonung der Weiblichkeit wie das
Dekolleté bei Merkel bringen das Berufsbild nach vorn. Vielleicht schafft es ja die
Diätenerhöhung, die jetzt beschlossen wurde.
Audio: Schlechte Zeiten für Metzger
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Zum SeitenanfangDieser Tage kramte ich mal wieder in meiner alten Plattensammlung. Zugegeben: zum Aussortieren. Denn obwohl ich noch einen Plattenspieler besitze, nutze ich die nostalgische Technik doch immer weniger. Da fiel mir auch die Erfolgs-LP von Herbert Grönemeyer in die Hände: "4630 Bochum". Ich erinnere mich noch, dass ich den Refrain des Titelsongs damals nie richtig verstanden habe. Ich dachte immer, Grönemeyer sänge dort "Afrikaaa - Bochum." Der Text auf der Plattenhülle lautet aber: "Glück auf - Bochum." Dieses "Afrikaaa" kommt zu stande, weil Grönemeyer (bis heute) stets so einen gurgelnden, knödelnden A-Laut aus der Kehle würgt, sobald er sich beim Singen dem Refrain nähert.
Für mich hatte dieser Verhörer damals aber irgendwie Sinn. Ich bin im Rheinland aufgewachsen, und Bochum lag ganz weit weg. Der Ruhrpott war eine andere Welt, arm, hart, dunkel - ein schwarzer Kontinent sozusagen. Während meiner Schulzeit haben wir einmal einen Klassenausflug dahin gemacht, um diese fremde Welt kennen zu lernen. Der Höhepunkt war - neben einer Currywurstbude - das Opelwerk. Gigantisch und laut. Unser Chemielehrer raunte uns in einer Fließbandhalle zu, wir sollten uns anstrengen und das Abi schaffen, damit wir nicht mal so eine Arbeit machen müssten. Seit diesem pädagogischen Motivationsversuch war Bochum für mich das, wo man hinkommt, wenn man auf der Schule versagt.
Was ich später von Bochum in den Nachrichten hörte, war nicht gerade dazu angetan, diese Vorurteile abzubauen. Stets ging es um Arbeitslosigkeit, Zechenschließungen, abwandernde Firmen. Auch für das Opelwerk, das einst der Förderung meines schulischen Fleißes diente, schien vor einiger Zeit schon Schicht zu sein. Aber nun, in den letzten Wochen, lauten die Schlagzeilen plötzlich ganz anders: General Motors will in sein Bochumer Opelwerk
650 Millionen Euro investieren. Angeblich zeigt auch Nokia Reue und steuert demnächst 30 Millionen für eine Stiftung
"Growth for Bochum" bei. Das klingt nach blühender Landschaft. Und dann zieht auch noch
Blackberry in die Grönemeyer-Stadt, eine Firma, die ein herausragendes Symbol des modernen Lebens produziert, ein Spielzeug für Erfolgsmenschen. Also tatsächlich nur noch "Glück auf" und nichts mehr mit "Afrikaaa"?
Wie immer, wenn der Turbokapitalismus Dampf ablässt, sollte man vorsichtig sein. Schließlich ist auch Nokia einst begeistert begrüßt worden als Speerspitze des Strukturwandels. Aber dann waren die Subventionen verschwunden wie die Entwicklungshilfe in Afrika und Nokia gleich mit. Es gibt in Bochum, in der Innenstadt, ein Viertel, das man uns damals auf dem Klassenausflug vorenthalten hat. Das nennt sich
"Bermuda-Dreieck", angeblich deshalb, weil dort schon mancher abends abgetaucht ist, ohne jemals wieder aufzutauchen.
Audio: Afrikaaa - Glück auf!
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