Mobil und flexibel, so sollen wir alle sein. Das predigen uns täglich die Politiker und Wirtschaftsbosse. Sie machen uns auch vor, wie das geht: Wer gestern noch
Vorstandschef war, lässt sich morgen in den Aufsichtsrat wählen. Wer eben noch die Energiekonzerne kontrollierte, wird plötzlich Chef eines Kohle-Konzerns. Oder
wer jahrelang nur dem Wohl des deutschen Volkes verpflichtet war, entdeckt nach seiner Amtszeit die Einträglichkeit russischer Rohstoffe.
Job-Hopping gehört, wie häufiger Beziehungs- und Wohnungswechsel, zum modernen Leben. Die altmodische Sehnsucht nach einer stabilen Beziehung und beständiger Gemeinschaft lässt sich dennoch nicht ausrotten. Deshalb begeistert Marianne Rosenberg viele Menschen immer noch und immer wieder mit ihrem Song "Er gehört zu mir wie mein Name an der Tür". Und deshalb verbringen viele Deutsche einen Großteil ihrer Freizeit in einem Verein, dem sie lebenslang verbunden bleiben: Kaninchen züchten, Sport treiben, Briefmarken sammeln - das ist im Verein am schönsten.
Auch wenn das moderne Leben uns alle zu Einzelkämpfern macht, brauchen wir doch das Wir-Gefühl. So wird es auch bei
Wolfgang Clement sein. Der ist seit 1970 Mitglied der SPD, und das will er auch bleiben. Damit beweist er eine rührende Treue gegenüber seinem Verein, der an galoppierendem Mitgliederschwund leidet. Doch anstatt sich zu freuen, wollten einige Genossen dem ehemaligen NRW-Ministerpräsidenten und Superminister den Stuhl vor die Tür setzen, weil er seine Parteifreundin Andrea Ypsilanti schofelig behandelt habe. Doch nun, so das Urteil des Schiedsgerichts, bleibt es bei einer Rüge für Clement.
Diese Rüge ist so etwas wie eine Kopfnote in Clements Parteizeugnis: "Solidarität ungenügend". Dabei haben sich die
Sozialdemokraten bislang vehement gegen die Vergabe von Kopfnoten gewehrt. Und wehren will sich auch Clement - gegen die Rüge, in der nächsten Instanz. Dabei könnte er es sich und den Genossen doch einfacher machen, einfach ein bisschen flexibler und mobiler sein und - "den Oswald machen".
Oswald Metzger hat es nämlich vorgemacht, wie man über die Jahre gleitend von der SPD zu den Grünen und schließlich zur CDU wechseln kann.
Wolfgang Clement wird das nicht tun, denn er gehört zur alten Garde der NRW-Sozis, die vom politischen Gegner als Beton-Fraktion verspottet wurde. Clement wird weiter für sich und seine Position in der SPD kämpfen, abends zur Entspannung ein wenig Marianne Rosenberg hören - aber vielleicht auch in der Biographie von
Eugen Drewermann blättern. Der Theologe, der sich fast sein ganzes Berufsleben lang an der katholischen Kirche abarbeitete, machte sich zum 65. Geburtstag ein ganz besonderes Geschenk: Er trat aus der Kirche aus.
Audio: Im Verein ist es am schönsten
Das moderne Leben - als Podcast.
Zu Wolfgang Clement:
Ohne seine Bemerkungen zu Andrea Ypsilanti hätte die SPD die Wahlen gewonnen!
Leider fehlt ihm selbst der Anstand, die Konsequenz aus seiner Haltung zu ziehen und die SPD zu verlassen
Oliver Ecker am 27.04.08 18:30
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