Ich bin mit Tieren groß geworden. Wir hatten Katzen zu Hause, Vögel und weiße Mäuse. Das hört sich idyllisch an. In Wahrheit weiß ich aber gerade deshalb um das prekäre Verhältnis von Mensch und Tier in der modernen Zivilisation. Nehmen wir zum Beispiel Koko, den Wellensittich: Der war so zahm, dass er hin und wieder einige Runden im Wohnzimmer drehen durfte. Der Käfig blieb dann offen, und wenn er müde wurde, flog Koko wieder heim. Eines Tages stand ich am geöffneten Küchenfenster und schlug eine Tischdecke aus. Plötzlich sah ich ein grünes Etwas über meinem Kopf, das schnell in der verschneiten Winterlandschaft verschwand. Das war ein berückend schöner Anblick, aber es war wohl auch Kokos Ende. Ich hatte nicht darauf geachtet, dass der Käfig noch offen war.
Auch für die weißen Mäuse bedeutete Freiheit den Tod. Wir Kinder ließen sie immer wieder versehentlich aus dem Käfig. Und wir hatten ja Katzen. Aber auch die waren ihres Lebens nicht sicher. Es gab in unserer Straße nämlich einen Nachbarn, der im Garten Gift auslegte. Er war ein Singvogelfreund, der glaubte, unsere Katzen würden einen Vernichtungsfeldzug gegen Amsel, Drossel, Fink und Star führen. Deshalb führte er einen gegen unsere Katzen. Weil sich Katzen schlecht erziehen lassen, kam manche von ihren Ausflügen nicht zurück.
Wenn man das Fernsehprogramm und die Gehsteige zum Maßstab nimmt, so lieben wir Tiere: Das eine ist voller Zoosendungen, der andere voller Hundescheiße. Aber unter der Oberfläche von Knut- und Flocke-Begeisterung wabert Unheimliches:
Im Kreis Düren sterben Greifvögel an Giftködern. Die Polizei vermutet Jäger als Täter, welche lästige Konkurrenten aus dem Weg räumen möchten.
Im Ruhrgebiet köpft ein Unbekannter Kaninchen und Hühner, stiehlt die Köpfe und das Blut. Satanistische Rituale? Das fragt sich auch die Polizei.
Durch das Münsterland zog sich jetzt ebenfalls eine Blutspur. Allerdings nur, weil ein Lkw 1.000 Liter Tierblut verloren hatte. Da hätte sich der Satanist leichter bedienen können.
Der Mensch kam als Jäger zur Welt, und dieses Erbe scheint insbesondere der Mann nur schwer los zu werden. Jäger sind Heger, sagen die modernen Jäger. Aber damit ist auch klar, dass Heger Jäger sind. Weil sich jedoch nur wenige ein Jagdrevier leisten können und kaum einer im Schlachthof arbeiten möchte, wissen wir oft nicht, wohin mit unseren dunklen Trieben. Dabei gibt es einen Ausweg: den wirtschaftlichen Erfolg. Nachdem die Männer Mammut und Säbelzahntiger ausgerottet hatten, erfanden sie den Raubtierkapitalismus. Seither ist das Symbol der Männlichkeit nicht mehr die Keule, sondern die Krawatte. Den engen Zusammenhang hat kürzlich wieder
eine Studie der altehrwürdigen Universität zu Cambridge nachgewiesen. Danach sind Männer mit einem hohen männlichen Hormonspiegel an der Börse erfolgreicher. Testosteron stärkt offensichtlich den Killerinstinkt im Kursdschungel. Daraus ergibt sich, dass die tierischen Probleme zwischen Dortmund und Düren durch eine Bildungsoffensive zu lösen sind: Katzen-, Kaninchen- und Habichtmörder sollten ebenso wie Kampfhundfans und Luftgewehrfreaks gezielt auf BWL und VWL umgeschult werden. Ich schlage eine Kampagne vor: "Ganze Kerle jagen den Dax". Damit wäre der Konjunktur und dem Tierschutz geholfen.
Dieser Artikel hat alte Erinnerungen in mir wach gerufen, an die ich schon lange nicht mehr gedacht habe: Wir hatten auch einen Wellensittich namens Koko - gleich drei hintereinander: Der eine ist auch weggeflogen - auf nimmer Wiedersehen - der zweite ist im Putzeimer gelandet, konnte aber noch gerettet werden, der dritte ist fast verhungert, weil meine Mutter beim Saubermachen des Futternapfes die dafür bestimmte Abdeckung falschrum draufgesetzt hat, was zur Folge hatte, dass die für Koko Nr. 2 bestimmten Körner für ihn unerreichbar blieben. Aber irgendwann - ich weiß nicht mehr wie - hat eines der fünf Familienmitglieder gemerkt, was los war, und so konnte Koko doch noch das Leben gerettet werden. Koko Nr. 3 war sehr depressiv - er hat sich ständig die Federn ausgezupft, das war nachher so schlimm, dass es für ihn das beste war, ihn mittels Schuss aus einem Luftgewehr einzuschläfern.
Danach gab es keinen Koko mehr - dafür aber zwei Ziegen namens Astor und Pollux. Die Ausführngen über diese zwei Geschöpfe würden aber hier alles sprengen....
Brigitte am 22.04.08 11:19
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