Die Deutschen sterben aus, das weiß jedes Kind. Aber während
Stephan Josef am Muttertag über die Widersprüche von Krippen- und Kindergeldpolitik nachsinnt, raffen sich andere auf zu handeln. Fritz Schramma zum Beispiel. Dem Kölner Oberbürgermeister ist nicht entgangen, dass genau zwischen Mutter- und Vatertag der etwas weniger bekannte, aber um so wichtigere "Internationale Tag der Familie" liegt. Und weil zum Mann das Bäumepflanzen gehört so wie zur Mutter die Blumen, hat er sich gesagt: "Und wenn Deutschland morgen ausstirbt, werde ich heute noch ein Papier-Maulbeerbäumchen pflanzen."
Er pflanzt sogar zwei in den Rheinpark, ein Pärchen nämlich, weil es den
Papier-Maulbeerbaum weiblich und männlich gibt. Frau und Herr Papier-Maulbeerbaum im Rheinpark sind so, wie das Presseamt der Stadt uns mitteilt, "ein dauerhaftes Zeichen für ein familien- und kinderfreundliches Köln." Nicht etwa, dass sich nun Papier-Maulbeerbäumin und Papier-Maulbeerbaum paaren und vermehren sollen, bis sie den Rheinpark zuwuchern. Vielmehr sollen die beiden Bäume - deren wunderschönen Namen ich mir ab jetzt verkneifen will - als sogenannte
Schnullerbäume dienen. Kleine Kölnerinnen und Kölner, die sich im Zuge ihrer kindlichen Reifung vom Nuckel trennen, können den an einen Ast der entsprechenden Bäume hängen. So werden diese Bäume allmählich immer bunter, treiben zu jeder Jahreszeit neue Blüten aus Kunststoff und gaumenfreundlichem Naturlatex und schieben, weil sie ja wachsen, diese ungewöhnliche Pracht immer höher in den rheinischen Himmel. Irgendwann, wenn Baby einmal groß ist und zum ersten Mal verliebt, kann er seine Eroberung an einem lauen romantischen Abend in den Rheinpark führen. Sie legen sich unter einen dieser Bäume, er deutet nach oben ins Geäst und zeigt ihr den immer noch knallroten Nuckel, da gleich neben den beiden gelben: "Das war mal meiner". Und dann nimmt er sie in den Arm und vielleicht ... So hat sich Schramma das wohl gedacht.
Ich fürchte nur, es wird so nicht laufen. Als mein Sohn sich von seinem Schnuller verabschieden sollte, hat er ihn an Heiligabend dem Christkind geschenkt. Aber am ersten Weihnachtstag wollte er ihn wieder zurück. Erst im Frühjahr war er reif für die Oster-Aktion "Schnuller gegen Schoko-Eier". Wahrscheinlich werden sich also künftig im Rheinpark herzzerreißende Szenen abspielen: Brüllende Blagen, endloses Gezeter, weil der Nachwuchs aus dem Kinderwagen nach den bunten Früchten greift. Mancher Nuckelsüchtige wird hier nämlich lieber ernten als reifen wollen. Und selbst nach einer gelungenen heroischen Tat ihres Sprösslings wird manche Mutter wochenlang den Park meiden müssen, um keinen Rückfall zu riskieren. "Toll", wird sie denken: "Schramma setzt ein Zeichen für Kinderfreundlichkeit, und ich kann nicht mehr in den Park!"
Audio: Schnullerbäume, die in den Himmel wachsen
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