Das moderne Leben hält manche Prüfung bereit - auch und gerade für die Kleinsten. Im Kindergarten müssen sie neuerdings ihre
Sprachkenntnisse unter Beweis stellen. Schon viel länger gibt es allerdings den wahren Härtetest, den Muttertag. "Stephan Josef, hast Du das Gedicht auswendig gelernt?", nervte mich mein Vater schon Tage vorher; der Ehrentag seiner Frau und meiner Mutter sollte schließlich reibungslos über die Bühne gehen. Das tat er dann allerdings in den seltensten Fällen. Mal hatte ich einen Texthänger beim Gedichtvortrag, mal war das Frühstücksei zu hart, mal war der selbstgestrickte Schal meiner Schwester noch nicht fertig. Beim rituellen Abwasch nach dem Frühstück, am Muttertag in der Regie von uns Kindern, ging häufig wertvolles Porzellan zu Bruch, und spätestens dann flossen die ersten Tränen, mal bei unsrer Mutter, mal bei uns Kindern. In dieser Situation konnte weder Heintje mit seinem schluchzend gesungenen "Mama" noch der halb verkohlte Rinderbraten - auch das Mittagessen wurde von uns Kindern zubereitet - Trost spenden.
Zum Glück gab es meine Oma, die beruhigend auf alle Beteiligten einwirkte und zum mutternachmittäglichen Kaffeetrinken einen leckeren Kuchen auf den Tisch zauberte, was prompt den Familienfrieden wieder herstellte. Das könnte der Bundesregierung als Modell dienen. Kuchen statt Krippen - das wäre nicht nur eine höchst effektive Maßnahme, sondern auch noch äußerst preiswert und dem Koalitionsfrieden dienlich. Die
Krippenbaupläne funktionieren ja nur, so habe ich es verstanden, wenn der Staat gleichzeitig beim Kindergeld spart. Er setzt also darauf, dass weniger Kinder geboren werden. Der Ausbau der Kleinkindbetreuung soll aber dafür sorgen, dass Frauen wieder mehr Kinder bekommen. Irgendwie gibt es da ein logisches Problem.
Staatliche Kuchengutscheine für Mütter würden den Widerspruch auflösen. Damit könnte Vater Staat auch noch gleich das heimische Bäckerhandwerk stärken, indem er ausländische Backwaren wie Donuts ausschließt. Die Männer dürften natürlich nicht leer ausgehen, das gebietet die Geschlechtergerechtigkeit. Für die zünftige Feier des Vatertags könnten Trinkgutscheine eingeführt werden, die nur am Ehrentag der Väter gültig sind und mit dem Maigehalt oder dem Arbeitslosengeld im Wonnemonat ausgegeben werden. "Essen und trinken hält Leib und Seele zusammen", sagte meine Großmutter oft und gerne. Was sie nicht ahnte: Kuchen- und Trinkgutscheine können auch die Familie und die Staatsfinanzen zusammenhalten. Allerdings ist darauf zu achten, dass die Kuchen nicht zu kalorienreich sind. Denn
dicke Kinder haben wir schon genug, da reicht ein Blick in die Krippen, von denen es viel zu wenige gibt.
Audio: Friede, Freude, Kuchen
Das moderne Leben - jetzt auch als Podcast.
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