Der Tabubruch gehört zum modernen Leben wie die Hundekacke zum Gehsteig. Schließlich ist die Moderne geradezu aus Tabubrüchen entstanden: Die bürgerlichen Aufklärer brachen die Regeln von Adel und Kirchen. Als dann alle gut bürgerlich waren, mussten wieder neue Tabubrüche her, lange Haare und freie Liebe. Auf Dauer frisst das moderne Leben so allerdings seine Tabus auf, und es wird immer schwieriger mit den Tabubrüchen. Nackte Schauspieler, die sich ausschließlich in sexuellen Kraftausdrücken unterhalten, retten heute kein schlecht subventioniertes Theater mehr.
Wie schwer die Suche nach echten Tabus mittlerweile ist, dokumentiert derzeit eine Zeitungswerbung, die angeblich harte Wahrheiten plakatiert. Darunter fällt dann etwa, dass die Mutter schlecht kocht oder der Sohn schwul ist. Peinlich langweilig, wo doch jeder weiß, dass nicht Mutter, sondern der Bofrostmann kocht und dass schwule Bürgermeister es mit "Und das ist gut so"-Sprüchen in die O-Ton-Charts von WDR 2 bringen.
Wer wirklich Ärger provozieren will, dem hilft manchmal nur noch die Rolle rückwärts: sozusagen der Nostalgie-Tabubruch. In Zeiten, in denen man für eine Kneipe mit "gut bürgerlicher" Küche in die Eifel reisen muss, kann man zum Beispiel den Gästen Bratenschnitten mit Leipziger Allerlei statt Avokadoherzen und Sushi servieren - und fällt garantiert als "verdammt schräg" auf. Oder man sagt konsequent "Nietenhosen" zu "Jeans" oder "WDR 1" statt "Eins Live", denn das "geht gar nicht", wie meine 16-jährige Tochter sagen würde. Diese Taktik der Revival-Provokation ist jetzt sogar schon beim SPD-Vorsitzenden angekommen. Um mal so richtig auf die Kacke zu hauen, hat er gleich bis ins 19. Jahrhundert zurückgegriffen und von einem "
Unterschicht-Problem" in Deutschland gesprochen. Und siehe da: Es funktioniert! Wie Kurt Beck auf diesen grandiosen Schachzug gekommen ist, weiß niemand so recht. Angeblich hat er das böse Wort aus einer Studie seiner Friedrich-Ebert-Stiftung, in der dieser Ausdruck gar nicht vorkommt. Die Wege, auf denen der Groschen fällt, wenn er sehr langsam fällt, sind eben unergründlich.
Da zerrt einer mitten in der Postmoderne Großvaters Soziologielehrbuch aus dem Antiquariat und hält es den Neoliberalen als Spiegel vor. Und alle halten das für die ultimative Ungeheuerlichkeit. Wer hätte das gedacht? Nun: die, welche es angeht! "Unterschicht sagt man nicht", das weiß man in der Unterschicht sehr gut. Dort verwendet man ausweichend gegenseitige Selbstbezeichnungen wie "Proll" oder "Asi" oder besonders liebevoll: "Vollasi". Die SPD, selbst erschrocken über das böse Wort "Unterschicht", möchte es lieber durch "Prekariat" ersetzen. Darin steckt nun allerdings gleich ein doppeltes Problem: Erstens verstehen die Gemeinten das nicht, denn sie haben ja bekanntlich ein "Bildungsproblem". Und zweitens meint der Begriff eigentlich ganz andere, nämlich Überqualifizierte ohne Chancen auf feste Jobs. Aber so genau will man es in der Tabubruchzone gar nicht wissen. Hauptsache schnell einen Stein ins Wasser werfen und noch schneller aus dem Wellenbereich zurückrudern.
Die CDU in Gestalt von Herrn Kauder weiß dagegen ganz genau, warum man das böse Wort nicht sagen soll: Es stigmatisiere die Betroffenen. Das ist wohl noch raffinierter als eine Art Anti-Revival-Tabubruch zu deuten, hat doch die CDU früher mit solchen Stigmatisierungen derer "ganz unten" gern Wahlkampf gemacht, indem sie dort Arbeitsunwillige oder Scheinasylanten oder Schläfer in sozialen Hängematten entdeckte. In Wahrheit stigmatisiert das böse Wort natürlich nicht die Betroffenen, sondern diejenigen, für die
soziale Verhältnisse im Land tatsächlich ein Tabu sind. Schon vor vielen Jahren behauptete Wolfgang Schäuble in bestechender Logik, es gebe in Deutschland keine Armut, weil wir ja die Sozialhilfe haben. Seit Helmut Schelsky 1953 die "nivellierte Mittelstandsgesellschaft" ausrief, sind Schichten ungefähr so verpönt wie Leipziger Allerlei mit Braten. Oder wie Schichtkäse. Haben Sie schon mal bemerkt, dass man den nirgends mehr kriegen kann? Schichtkäse ist Quark, der nicht glattgerührt wird. Da liegen dann Magerquark und Doppelrahmstufe in einer Packung direkt übereinander. Aber das will wohl keiner mehr haben, sondern nur noch den nivellierten Mittelstandskäse. Da fällt mir ein Spruch von Goethe ein: "Getretener Quark wird breit, nicht stark." Das war bestimmt ein Tabubruch - damals.
Audio: Schichtkäse
Das moderne Leben - jetzt auch als Podcast.
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