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BlogIm Urlaub, auf Wanderungen, erzähle ich meinem Jüngsten gern Heldengeschichten: von Troja, von Siegfried und dem Drachen oder von dem berühmten Apfelschuss. Das ist eine wirkungsvolle Methode, ihn ohne Klagen über eine längere Distanz zu lotsen. Und gleichzeitig legt es die Grundlage einer abendländischen Bildung.
Dachte ich. Aber dann war ich in der neu eröffneten Ausstellung
"Von der Sehnsucht nach Helden" in Hattingen. Auch das für die abendländische Bildung. Aber dort bin ich doch ganz schön ins Grübeln gekommen. Vermittle ich meinem Sohn nicht ein völlig klischeehaftes, veraltetes Heldenbild? Lauter starke, mutige Männer, die ihre Probleme mit Gewalt lösen! Weil in der Pädagogik nur die Praxis zählt, habe ich mir für die nächste Wanderung gleich eine neue, zeitgemäße Heldengeschichte ausgedacht. Die knüpft an die alten Sagenstoffe an. Aber sie interpretiert sie kritisch und aktuell um, und das geht so:
Es war einmal ein Land, das lebte in ständiger Angst vor einem großen, schrecklichen Ungeheuer. Die Einwohner hatten dieses Monster einst selbst groß gezogen, hatten es aufgepäppelt und gefüttert. Denn sie hofften, es würde sie, einmal groß und stark geworden, vor aller Unbill des Lebens schützen. Deshalb nannten sie das geheimnisvolle Wesen auch "Gesundheit". Aber dieses Gesundheitswesen wurde schließlich so stark und unbezähmbar, dass es alle Nahrungsreserven des Landes auffraß. Alle ihre Ernteerträge mussten die Einwohner ihm opfern, ihre fetten Rinder schlachten und ihm vorsetzen, und ständig lebten sie in der Furcht, es würde bald sein großes Freigehege verlassen und beginnen, die Menschen aufzufressen.
Schon mancher Ritter war mutig in den Kampf gezogen, um das Gesundheitswesen zu bezwingen. Der bajuwarische Ritter Horst hatte seine sämtlichen Lanzen am harten Panzer des Ungeheuers stumpf gestoßen und sich dann resigniert in seine Heimat zurückgezogen. Die tapfere Aachener Ritterin Ulla – denn es gibt, mein Sohn, durchaus nicht nur männliche Helden! – hatte jahrelang versucht, das Monster auf vegetarische Diät zu setzen. Aber die war am Ende nicht nur teurer geworden als die bisherige Kost. Das Wesen hatte in seiner Wut auch mit einem einzigen Fußtritt den Dienstwagen Ullas fortgeschleudert. Da musste auch sie gehen.
Nun aber hat der
Nachwuchsritter Rösler eine neue Taktik erfunden. Nicht das Gesundheitswesen ist schuld, sagt er, sondern alle, die es groß füttern. Also kämpft Rösler erst gar nicht gegen das Monster, sondern gegen seine Futterlieferanten, gegen die Verwalter der Futterkasse und gegen die Freigehegepächter. "Sie alle verdienen an unserem Untier, und das muss aufhören", sagt der Ritter. Dank dieser durchdachten Strategie hat unser Held nicht mehr nur einen Feind, sondern gleich Tausende. Die haben im Nu sein Rittergut umstellt und wenden die in diesem Land berühmteste Kriegslist an: Sie zerreden den Gegner. Sie sagen einfach: "Der hat keine Chance!" Und woran liegt das, mein Sohn? Wahrscheinlich hat man unserem Helden in seiner Kindheit die falsche Heldendevise eingeredet: "Viel Feind, viel Ehr." Oder er hat das falsche Heldenbuch gelesen. Wahrscheinlich das mit Rosinante und den Windmühlen.
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Als ich ganz jung war, trötete
Benjamin Blümchen noch nicht durchs Kinderzimmer. Auch die
Teletubbies bevölkerten nicht Fernsehschirm und frühkindliches Bewusstsein. Stattdessen bekam ich, um besser einzuschlafen, Märchen zu hören. Fasziniert war ich besonders von Rotkäppchen, allerdings weniger von dem naiven jungen Ding, das dem Märchen den Namen gibt. Interessanter fand ich in der Geschichte den Wolf und sein Schicksal. Das endet bekanntermaßen im Brunnen. Beschwert von Wackersteinen, die ihm ein herzloser Jäger in den Bauch genäht hat, muss der Isegrimm jämmerlich ersaufen.
Die Geschichte lässt viele Fragen offen. Warum hat der Wolf Rotkäppchen nicht bereits bei der ersten Begegnung gefressen? Warum die aufwändige Maskerade als Großmutter? Wie konnte Rotkäppchen im Bauch des Tieres überleben, und das gänzlich unzerkaut und unverdaut? Und warum erschießt der Jäger nicht einfach den Wolf, nachdem er das Rotkäppchen in einer Operation aus seinem Bauch befreit hat? Über solche Fragen sinnierend, glitt ich in unruhigen Schlaf, oft von Träumen begleitet, in denen der wilde Vierbeiner eine zentrale Rolle spielte.
Meine Kindheit verging, die Faszination durch den Wolf blieb. Im Lateinunterricht erfuhr ich, dass am Anfang des mächtigen römischen Reiches ein Wolf stand, genauer eine Wölfin. Hier lernte ich auch den Spruch "homo homini lupus", also dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei. Das ließ mich wieder neu über das Rotkäppchen-Märchen rätseln. Welche Beziehung hatte der Jäger zur Großmutter? Und wie war eigentlich das Verhältnis von Rotkäppchen zu seiner Mutter? Als ich einmal zu sehr ins Grübeln geriet, holte mich der Lateinlehrer mit der Aufforderung, den nächsten Abschnitt zu übersetzen, in die Wirklichkeit zurück. Ich schwöre, dass er dabei wölfisch gelächelt hat.
Verleidet wurde mir der Wolf dadurch nicht. Zahllose Dokumentarfilme mit dem hochbeinigen Raubtier habe ich mir angeschaut, dazu natürlich jede Menge fiktiver Stoffe, von
"Wolfsziegel" bis zum
"Werwolf von Washington", der eine hübsche Pointe hat. Als der amerikanische Präsident die Erklärung abgibt, dass man die Werwölfe endgültig besiegt habe, verwandelt er sich selbst in einen. Aber was sind schon Film und Fernsehen gegen der Wirklichkeit? Eine Haarprobe hat ans Licht gebracht, dass ein freilebender
Wolf in NRW unterwegs war oder sogar noch ist. Das hat - wirklich! - Frau Wolff vom Regionalforstamt Hochstift bekannt gegeben. Diese Nachricht verspricht ein neues Prickeln beim Waldspaziergang. Nun hoffe ich inständig, dass der flugs ernannte Wolfsbeauftragte des Landes ganze Arbeit leistet und sich gegen die Landwirte durchsetzt. Vor allem muss er dafür sorgen, dass sich Ingo Wolf nicht für den Wolf zuständig erklärt. Denn dem NRW-Sicherheitsminister werden starke Sympathien für die Jäger nachgesagt.
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Zum SeitenanfangAuf das moderne Leben hat mich die Schule unter anderem mit Latein- und Griechisch-Unterricht vorbereitet. Das haben meine Freunde, die lieber Französisch oder Italienisch lernten, oft belächelt. Das Lächeln dürfte ihnen allerdings in diesen Tagen vergehen. Denn nun zahlt es sich aus, dass ich mich jahrelang mit staubigen Texten und längst vergangenen Epochen beschäftigen musste. Wie schon ein weiser Mann wusste: Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Mit den alten Griechen und Römern lässt sich manches erklären, was Jahrtausende später hierzulande geschieht.
Außenminister Westerwelle hat das erkannt und vor
spätrömischen Zuständen im deutschen Sozialstaat gewarnt. Besser hätte er aber einige Jahrhunderte weiter zurückgeblickt und sich mit einer antiken Dreierkoalition beschäftigt: Das Bündnis von Crassus, Pompeius und Cäsar ist als
Triumvirat in die Geschichte eingegangen und wollte sich das römische Reich untertan machen. Crassus hatte das Geld, Pompeius die Soldaten und Cäsar den politischen Instinkt. Die Voraussetzungen dieser Koalition waren somit noch deutlich besser als die von Westerwelle, Seehofer und Merkel – und sie scheiterte trotzdem, am Eigensinn der Akteure.
Das Beispiel lehrt, sich seine Partner sehr genau anzuschauen, bevor man mit ihnen ein Bündnis eingeht. Diese simple Erkenntnis wird aber immer wieder vergessen. Die erste deutsche Neuauflage des Triumvirats mit Scharping, Lafontaine und Schröder, als
Troika in die Geschichte der Sozialdemokratie eingegangen, war zu Ende, kaum dass die entsprechenden Werbeplakate abgehängt waren. Und das aktuelle Berliner Bündnis wird dem staunenden Publikum als Liebeshochzeit verkauft, wo doch allzu offensichtlich ist, dass im Vergleich selbst die vorherige Zweckehe zwischen Union und SPD wie der reinste Honeymoon erscheint. Zwischen Angela, Guido und Horst dagegen
fliegen die Fetzen.
Vielleicht hilft in dieser Situation die Feindesliebe, zu der uns das Christentum auffordert. Vorbildlich praktiziert diese der Arbeitskreis Kölner Archivarinnen und Archivare (AKA). Er feiert diese Woche den Tag der Archive, und er tut das gemeinsam mit den Kölner Verkehrsbetrieben. Vorgestellt wird unter anderem eine neu gestaltete
"Archiv-Bahn", die "auch über den Tag der Archive hinaus auf die Vielfalt und den Wert der Kölner Archive in der Öffentlichkeit hinweisen wird". Dass im vergangenen Jahr das wichtigste Kölner Archiv in eine U-Bahn-Baugrube der KVB stürzte, wird in der Mitteilung nicht erwähnt. Hier wird eben nicht kleinlich nachgehakt und aufgerechnet wie in der Politik. Vielleicht liegt das ja daran, dass Menschen, die mit alten staubigen Texten umgehen, gelassener auf die Zeitläufte blicken. Es gibt eben nichts Neues unter der Sonne, und die Zerstörung von heute ist das Kulturgut von morgen.
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Nein, ich bin nicht zum
Männer-Kongress nach Düsseldorf gefahren. Obwohl mich das Thema sehr gereizt hat: "Neue Männer – muss das sein?" Einst sang Ina Deters: "Neue Männer braucht das Land." Sind die jetzt schon wieder out? "Muss das sein?" ist jedenfalls meine Standardformulierung, wenn meine Kinder irgend etwas vorhaben, das ich sehr sehr abwegig finde.
Ich bin nicht gefahren, weil ich keine Lust auf Depressionen habe. Und die hätte ich mir bei den angekündigten Vorträgen gewiss geholt: "Der kranke Mann", "Der verlassene Mann", "Der entwertete Mann", "Der vaterlose Mann" – alles im 45-Minuten-Takt. Muss das sein?
Trotzdem sind mir diese Formulierungen nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Denn zu jedem Titel fielen mir gleich passende Beispiele ein, ob ich wollte oder nicht. "Der kranke Mann" wurde früher einmal die Türkei genannt: "Der kranke Mann am Bosporus." Inzwischen ist diese Infektion wohl westwärts gewandert und die EU schlägt sich mit dem
kranken Mann an der Ägäis herum. Die Erfinder von Demokratie und Philosophie haben die Ökonomie offensichtlich sträflich vernachlässigt. Jetzt müssen sie sich wohl oder übel auf ihren großen Aristoteles besinnen. Nicht den Onassis. Sondern den, der in seiner "Nikomachische Ethik" schrieb: "Glück ist Selbstgenügsamkeit".
Wenn ich dagegen vom "verlassenen Mann" höre, sehe ich sofort
Sigmar Gabriel vor mir. Ein raumgreifendes Mannsbild – aber der Raum um ihn herum ist viel zu groß und leer: die Ruine der Volkspartei SPD. Die Wähler haben ihn verlassen. Jetzt tut er, was verlassene Männer gern tun: betrachtet wehleidig die eigenen Wunden und beschäftigt sich nur mit sich selbst und seinen besten Freunden.
Da geht es dem Gegner allerdings auch nicht besser.
Horst Seehofer stellt geradezu idealtypisch den "entwerteten Mann" dar. Die Krise der Partei hat ihn an deren Spitze und die Bayerns gebracht. Aber die Krise ist geblieben. Jetzt geht es Seehofer so wie einem Mann in einer Dreiecksbeziehung: Er muss ein irgendwie geregeltes Verhältnis zum Nebenbuhler finden. Der heißt
Westerwelle.
Womit wir beim "vaterlosen Mann" wären. Ich weiß zwar nichts von Guido Westerwelles Kindheit. Aber ein Erziehungsproblem ist mit Händen zu greifen: Der Mann hat schlechte Manieren. Er wurde zum Chefdiplomaten der Republik berufen, aber er profiliert sich, indem er kleine Leute beschimpft. Tragisch, wenn in einer solchen Situation eine Frau die Chefin ist. Da fehlt die starke Hand, die einmal deutlich die Grenzen aufzeigt. Und die kann auch der
kleine Bruder Pinkwart nicht ersetzen, der sich hilflos um Schadensbegrenzung bemüht.
Es wäre gut, wenn die Parteiführer als Männergruppe auf den politischen Aschermittwoch einen psychotherapeutischen Fastensonntag in Düsseldorf hätten folgen lassen. Aber sie sind, so wie ich, nicht zum Männerkongress gefahren. Dessen Titel war einfach zu soft. Neue Männer braucht das Land. Bestimmt. Dringend.
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Zum SeitenanfangIn diesen kalten Tagen wächst die Sehnsucht nach allem, was Herz und Glieder wärmt. Vor allem dem Rheinländer bietet der Kalender dazu gleich zwei Möglichkeiten: den Karneval und den Valentinstag. Im Karneval kann man und frau sich warm schunkeln, mit Hilfe von reichlich Alkohol für innere Wärme sorgen und durch zwanglose Annäherung ans andere oder - je nach Neigung - eigene Geschlecht für heiße Momente sorgen. Der Valentinstag dagegen ist sozusagen eine Aufwärmstube für Beziehungen, selbst erkaltete: Wichtige Zutaten sind hierfür Blumensträuße, liebevoll gedeckte Frühstückstafeln oder Überraschungsreisen, am besten in karnevalsfreie Regionen.
Denn das närrische Treiben ist von jeher eng mit dem hemmungslosen Flirt bis hin zum Fremdgehen verbunden, weshalb etwa Frank Plasberg das Thema Treue am Tag vor Weiberfastnacht
hart aber fair diskutieren ließ. Dabei ist das karnevalistische Leben bei näherem Hinsehen durchaus vielschichtig: Während die einen den
treuen Husaren besingen, fühlen sich andere eher der Weisheit verpflichtet, dass am Aschermittwoch alles vorbei ist: "Die Schwüre von Treue, sie brechen entzwei." In Köln warnt das Historienspiel von
"Jan und Griet" zum Karnevalsauftakt davor, sich berechnend der Liebe zu nähern. Das Spiel erinnert an den armen Bauernjungen "Jan von Werth". Jan verliebt sich in Griet und macht ihr einen Heiratsantrag, den sie ablehnt. Als Jan zum Reitergeneral aufsteigt und Jahre später Griet wiedertrifft, ist der Katzenjammer bei ihr natürlich groß.
Auf den ersten Blick netter ist die Legende vom
heiligen Valentin, angeblich Bischof im italienischen Terni, einem Städtchen nordöstlich von Rom, im dritten nachchristlichen Jahrhundert. Der fromme Mann soll Paare und Verliebte immer mal wieder mit Blumengeschenken aus seinem bischöflichen Garten überrascht haben, wofür ihm heute noch alle Floristen dankbar sind. Allerdings nahm Valentins Geschichte ein schlimme Ende: Weil er nicht nur Blumen verteilte, sondern auch zum Boykott des Kriegsdienstes aufgerufen haben soll, ließ ihn der römische Kaiser töten. Gottlob ist die Kriegsdienstverweigerung inzwischen ungefährlicher geworden, wie auch die Krieger, zumindest als Husaren im Karneval.
Gefährlich bleibt aber der Karneval für Paare, weil eben nicht nur treue Husaren Zugweg und Kneipen bevölkern. Mein Freund Heinz hat das Problem pragmatisch gelöst. Vor einigen Jahren hat er im Karneval seine jetzige Freundin kennen gelernt und kurz darauf seine Frau verlassen. Seither feiert er nicht mehr Karneval. Mit seiner neuen Freundin fährt er vorsichtshalber weg. Nur in diesem Jahr bleiben die beiden zuhause und verbringen den Valentinstag im Krefelder Zoo, um bei einer romantischen Führung, wie der Tiergarten verspricht, "schmusende Schneeleoparden" und "kuschelnde Kängurus" zu beobachten. Doch auch Karneval feiernde Paare können hoffen, dass ihre Beziehung nicht in Scherben endet. Köln hat nämlich ein
Glas- und Flaschenverbot in den Frohsinns-Zentren erlassen.
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Zum SeitenanfangDurch diesen endlosen Winter kann man sich allmählich nur noch mit Tagträumen retten. Ich stelle mir zum Beispiel gern die ersten Frühlingsausflüge mit der Familie vor. Kaum wird es warm, fahren wir zu einem nahen See und diskutieren die beliebte Streitfrage: Ruder- oder Tretboot? Ich persönlich mag das altertümliche, hölzerne Ruderboot und seine Ausstrahlung von Ruhe und Romantik. Nicht so mein Jüngster, der findet: "Da fährt man immer rückwärts."
In Wahrheit sitzt man natürlich nur mit dem Rücken zur Fahrtrichtung. Aber auf das Kind wirkt das, als würde man zurückrudern. Das ist so ähnlich wie bei
Andreas Pinkwart: Erst war er mit der gesamten FDP für Steuererleichterungen zugunsten der Hoteliers. Dann wollte er sie wieder zurücknehmen. Und jetzt hat er diese Rücknahmeforderung auch wieder zurückgenommen. Das ist viel Bewegung, ohne dass sich etwas bewegt. Aber vielleicht trainiert Pinkwart ja für die heiße Phase des NRW-Wahlkampfs. So wie die
Ruderer, die kürzlich in der Dortmunder Westfalenhalle auf dem Trockenen und auf der Stelle ruderten, um sich auf die neue Saison vorzubereiten. Da ist die Richtung dann auch völlig egal.
Aber eigentlich wollte ich ja von unserem Familienausflug träumen. Dass die Kinder meist das Tretboot vorziehen, ist verständlich: Denn das Lenkrad ist cooler als die Ruder. Außerdem können stets zwei gemeinsam für den Antrieb sorgen. Das wiederum sorgt aber oft für Streit: "Du trittst ja gar nicht mit!", schreit einer. Oder die Kinder werden sich über die Richtung nicht einig. Dann trampelt der Bruder das Boot vorwärts und die Schwester zurück. Im Ergebnis bewegen sich beide so wenig wie die erwähnten Trockenruderer. Also rufen sie nach einem Machtwort der Mama. Das Tretboot ist somit ein vollendetes Symbol für die regierende Koalition. Wenn meine Kinder dann auch noch im Streit beginnen, nicht mehr das Boot, sondern sich gegenseitig zu treten – und dabei ständig in Gefahr geraten, ins Wasser zu purzeln: Dann denke ich erst recht an
Berlin.
Hundert Tage rudern und treten sie dort jetzt schon, ohne ein Ziel zu erreichen. Ich dagegen weiß, dass meine Tagträume vom See in hundert Tagen gewiss Wirklichkeit sind. Einen Ort liebe ich dort übrigens noch deutlich mehr als Tretboot und Ruderboot: einen der Liegestühle am Ufer. Dort kann ich gelassen das Treiben auf dem Wasser verfolgen, aus der Distanz, und mir mit weisem Lächeln auf den Lippen das Bier von der Strandgaststätte schmecken lassen. Es ist dies eine Perspektive, aus der alle Mühen, sich über Wasser zu halten oder in diesem fremden Element voranzukommen, nicht mehr ganz so ernst erscheinen. Um die Perspektive des Beobachters einnehmen zu können, muss man allerdings zuvor etwas tun, was Politiker am meisten fürchten: zurücktreten.
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Zum SeitenanfangNach einem Spätdienst in der Redaktion würde ich gerne am folgenden Tag etwas länger schlafen. Meistens bleibt mein Wunsch aber unerfüllt. Das liegt daran, dass oft in aller Frühe der Müllmann Sturm klingelt und mich unsanft aus dem Schlaf holt. Montags holt er die Papiertonne aus dem Hof, dienstags die gelbe Tonne mit dem Grüne-Punkt-Müll und mittwochs die grauen Behälter mit dem Restmüll. Vielleicht träume ich deshalb manchmal, dass ich in einem Gerichtssaal sitze und eine Klage gegen die Abfallwirtschaftsbetriebe der Stadt Köln vorbringe. In dem wiederkehrenden Traum sitzen mir gegenüber auf der Anklagebank feixende Ratspolitiker in den Overalls der Stadtreinigung. Kurz bevor das Gericht sein Urteil sprechen kann, ist der Traum jedes Mal zu Ende. Weil der Müllmann klingelt.
Im Wachzustand bin ich natürlich dankbar dafür, dass der Müllmann zuverlässig die vollen Abfalltonnen des Mietshauses, in dem ich wohne, vom Hof auf die Straße bugsiert, sie dort in den Müllwagen entleert und sie wieder im Hof abstellt, aufnahmebereit für neuen Müll. Und natürlich bin ich auch ein glühender Verfechter der Mülltrennung, ein wenig hat die Ökologiebewegung schließlich auch mich bewegt. Gewissenhaft habe ich mich mit den Fragen beschäftigt, wohin der Grünschnitt unseres kümmerlichen Rasens gehört, wo Batterien zu entsorgen sind und in welche Tonne der Plastikmüll zu stopfen ist.
In unserem Haus hat die Mülltrennung leider für eine Störung des ansonsten harmonischen Miteinanders gesorgt. Manfred aus dem Erdgeschoss isst gerne und oft Döner, was selbst im Hausflur gut zu riechen ist. Seit Jahresbeginn quält er sich mit einer Diät – nach der Methode "FdH": Manni isst seinen täglichen Döner also nur zur Hälfte auf, der Rest landet im Biomüll. Das sorgte bei Silke aus dem Dachgeschoss vor kurzem für einen Schock, als sie den Deckel der Biotonne öffnete. Erst umhüllte sie eine Knoblauchwolke, und dann entdeckte Silke Mannis Döner-Hinterlassenschaften, neu belebt von fetten weißen Maden. "Fleisch gehört nicht in die Biotonne", kreischte Silke, deutlich hörbar bis in meine Wohnung im dritten Obergeschoss.
Axel aus dem ersten Stock ist Finanzbeamter, ein ruhiger Typ und ein Mann mit Prinzipien. Vor zwei Wochen wurde ich Zeuge, wie er fast ausflippte. Axel wollte einen gelben Sack mit seinen Plastikabfällen in die Gelbe Tonne stopfen. Die war aber schon voll, offensichtlich mit Kunststoff-Abfällen von Silke. "Kann denn keiner hier ordentlich seinen Müll entsorgen", zeterte Axel über den Hof. Er hatte entdeckt, dass Silkes Plastikmüll der grüne Punkt fehlte und nach der ortsüblichen Müll-Logik in die Restmüll-Tonne gehörte. Seither ist Silke eingeschnappt und hat aus Trotz damit begonnen, auch die Windeln ihres Kindes in die Gelbe Tonne zu stopfen.
Die angespannte Atmosphäre im Haus, da bin ich mir sicher, wird sich aber schon bald wieder entspannen. Manni wird seine Diät nicht mehr lange durchhalten und seine Döner wieder vollständig vertilgen. Silkes Kleiner wird aus den Windeln rauswachsen. Die
Abfallbranche plant, die Entsorgung von Plastikmüll ohne Grünen Punkt in der Gelben Tonne zuzulassen. Und ich werde mir Ohrenstöpsel kaufen. Aber wo entsorge ich die später bloß?
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Zum SeitenanfangIn der elften Klasse stand das erste Mal Philosophie auf meinem Stundenplan. Das traf sich gut, weil ich mich, durch die Pubertät bedingt, sowieso fortwährend mit grundlegenden, mitunter philosophischen Fragen beschäftigte: Wer bin ich? Warum bin ich anders als die Anderen? Was hat Hermann, das ich nicht habe? Warum interessiert sich Claudia für Hermann und nicht für mich? Hat das Leben trotz allem einen Sinn, und wenn ja, welchen?
Befriedigende Antworten bekam ich allerdings kaum, weder von mir selbst, von meinen Freunden noch im Philosophieunterricht. Dort war das beherrschende Thema Anthropologie, also der Mensch im Allgemeinen und Grundsätzlichen. Der ist noch unfertig, wenn er auf die Welt kommt, und sowieso ein "Mängelwesen", lernte ich. Eine nicht gerade aufbauende Erkenntnis, wenn man sich mit Selbstzweifeln herumschlägt. Tröstlich war allerdings, dass dieses Etikett nicht nur auf mich zutraf, sondern in gleicher Weise auf Hermann.
Zum Ausgleich seiner Mängel, so dozierte der Philosophielehrer, sei der Mensch auf andere Menschen angewiesen und habe zudem Werkzeuge und Maschinen erfunden. Der Keil war sozusagen die erste Applikation für unsere steinzeitlichen Vorfahren, die auf der Suche nach Beute durch den Wald streiften. Heutzutage laufen wir mit dem Smartphone durch die Gegend und lassen uns von ihm anzeigen, wo die nächste Dönerbude ist oder ob das Museum um die Ecke noch geöffnet hat. Mini-Programme, so genannte Apps, machen aus dem Mängel-Instrument Handy einen Tausendsassa. Mehr als 100.000 Apps wurden inzwischen allein für den Marktführer entwickelt.
Für Schüler gibt's eine Stundenplan-App, für Musikfreunde die "Pandora"-App, für Schützenbrüder die App
"Bullet Flight", das beim Zielen hilft. Weitere Apps sind angeblich in der Entwicklung, wenn nicht schon auf dem (Schwarz-)Markt: "Exit" soll Knastinsassen einen Einblick in die Dienstpläne der JVAs ermöglichen und Ausbruchspläne optimieren. "Watch" soll Politikern signalisieren, wenn ihre Reden mitgeschnitten werden. Doch das Verrückte am modernen Leben ist, dass es gleichzeitig immer einfacher und immer komplizierter wird. Es gibt inzwischen so viele kleine hilfreiche Programme, dass ich schon wieder den Überblick verloren habe. Aber vielleicht gibt es ja bald eine Apps-Überblick-App, und mit ihrer Hilfe werde ich voller Hoffnung nach der ultimativen App für mich suchen – der Glossen-App.
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Zum SeitenanfangDamals, als ich meinen ersten DSL-Anschluss bestellte, war Boris Becker richtig in. Nicht nur das: Er war schon drin. Weil ich mit Boris weder Sportlichkeit noch Sexappeal gemeinsam habe, wollte ich wenigstens den Anschluss mit ihm teilen. So wurde ich Kunde bei AOL und durfte so täglich eine Frauenstimme hören, von der ich wusste, dass sie auch Boris stets nah war. Sie sagte nur einen Satz: "Sie haben Post."
Dann kam eine Zeit, in der Boris nur noch bei Kerner und Becker in war. Statt "drin sein" war jetzt "raus und rein" angesagt: Monatlich wechselte man den DSL-Anbieter, weil es immer noch günstigere Tarife gab. Ein paar Mal machte ich das mit und bin also längst nicht mehr bei AOL. Trotzdem hat mich die Meldung irgendwie berührt:
Jetzt ist AOL raus, verlässt Deutschland. Boris hat das schon vor Jahren getan, aus dem selben Grund: um Geld zu sparen.
Da frage ich mich unwillkürlich, wie ich es in diesem teuren Land noch aushalten kann. Wenn solche Größen, an die man sich gewöhnt hat, einfach verschwinden, macht einen das irgendwie betroffen. Die Formulierung, nach der einen irgendetwas irgendwie betroffen macht (und sei es auch nur "ein Stück weit"), stammt aus der Zeit, als ich erwachsen wurde. Damals wurden
die Grünen gegründet. Sie hatten schnell Erfolg, weil damals vieles die Menschen total betroffen machte: das Waldsterben, die Wiederaufbereitungsanlage, die Nachrüstung. Später machte der Tod von Petra Kelly, der ersten grünen Heiligen, echt betroffen. Aber so musste sie nicht mehr erleben, wie die Grünen deutsche Kriegseinsätze durchwinkten, mit der Atomlobby windelweiche Ausstiegsverträge aushandelten und mit Gerhard Schröder um den schickeren Anzug konkurrierten. Das wiederum hat meine Freundin Elke so betroffen gemacht, dass sie (ein Gründungsmitglied!) aus der Partei austrat.
Während Firmen und Reiche ihrer Heimat leichthin den Rücken kehren, kehrt politischen Idealisten gern mal die Heimat den Rücken zu. Die Mitglieder bleiben auf ihrem Standpunkt, aber die Partei zieht davon. Davon können die Urgrünen ebenso ein Lied singen wie die Altsozis, aber einem Strauß-Fan wird es in der CSU auch nicht anders gehen. Während die Firmen Lohnkosten und die Reichen Steuern einsparen, sparen Parteien, wenn es um die Macht geht, bevorzugt an den Überzeugungen.
"Keine Fundi hat es so lange ausgehalten wie Du", tröste ich Elke, die eine ähnlich quälende Beziehungskrise mit ihrer Partei durchgemacht hat wie Wolfgang Clement mit der SPD – nur sozusagen umgekehrt. Sie wollte sogar schon mal auswandern, nach Österreich, weil man dort konsequent keinen Atomstrom hat. Dafür hatte man Haider. Norwegen fand sie auch sehr öko. Aber die Norweger killen Wale. Also blieb sie – und machte sich damit die Losung zu eigen, die Bewohner der
Kulturhauptstadts-Region gern für ihre Heimatverbundenheit angeben. Ich las sie kürzlich bei dem Revierliteraten Frank Goosen. Glaubt man ihm, dann kennt man im Pott den besten Grund dafür, warum wir unseren DSL-Anschluss, unsere Partei, den Hausarzt, die Hausbank und auch die Heimat eher ungern wechseln. Denn auch wenn er arbeitslos ist, die Zeche zu, die Kommune pleite, sagt der Ruhri: "Woanders is auch scheiße."
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Zum SeitenanfangSehr geehrte Frau van Dinther, liebe Landtagspräsidentin,
klar, ich weiß, dass ich nicht mehr zwischen 12 und 22 bin. Ich kann aber trotzdem nicht an mich halten und möchte mich an Ihrem
kreativen Schreibwettbewerb beteiligen. Beim Lesen Ihrer Ausschreibung habe ich mich gleich wieder jung gefühlt, wie damals in der Schule, als spannende, ansprechende Themen unsere Begeisterung für den "Besinnungsaufsatz" weckten. So auch bei dem von Ihnen ausgelobten Thema: "Die Wahl haben". "Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt", schreiben Sie, und das hat meine Fantasie sofort angeregt. "Lustig, ernst, dramatisch, ironisch, sachlich oder Science Fiction" dürfe es sein. Das allein kommt mir irgendwie schon wie eine Beschreibung der Landespolitik vor.
Lustig, ja launig hat Ministerpräsident Rüttgers dieses Wahljahr mit seiner
Neujahrsansprache eröffnet, in der er einen Satz sprach, von dem ich kaum loskomme: "Furcht verhindert Zukunft." Wie gern würde ich einen Lehrgang ähnlich dem im Märchen der Gebrüder Grimm absolvieren. Denn hätte ich das Fürchten gelernt, dann könnte ich die ganze unsichere, düstere Zukunft verhindern, vor der ich mich - nun ja: fürchte. Ich könnte die Zeit etwa Sonntag nachmittags um drei beim Tee anhalten, eine Stunde, zu der ich regelmäßig mit der Zukunft des Montagmorgens nichts zu tun haben möchte.
Aber im Ernst: Angesichts der Lage der kommunalen Finanzen kann man sich auch ohne Gebrüder Grimm gewaltig fürchten. Statt die Zukunft zu verhindern, möchte Rüttgers' Herausforderin
Hannelore Kraft aber lieber bei den Ossis sparen und die Kürzungen beim Soli den klammen Städten unseres Landes zugute kommen lassen. Das ist endlich mal ein Wahlversprechen, das sich nicht vor der Frage drückt, woher man das Geld für Wohltaten nehmen möchte!
Zu einem dramatischen Kampf gegen solche Gelüste ruft jetzt die neu gegründete
Westfalenpartei auf. Ihr Widerstand geht allerdings nicht gegen die Ossis, sondern gegen die Rheinländer. Die sichern sich in den Augen des Spitzenkandidaten Werner Szybalski stets die Rosenmontage der Landespolitik und überlassen den Westfalen die Aschermittwoche. Gut zwanzig Westfalen haben in einer Dortmunder Kneipe "Die Westfalen" gegründet. Der Wahlkampf der Partei hat allerdings mit dem Problem zu kämpfen, dass sich Sauerländer eher als Sauerländer fühlen denn als Westfalen, Siegerländer als Siegerländer und die im Ruhrgebiet als Ruhrgebietler.
Und damit bin ich beim kurzen ironischen Teil meines Besinnungsaufsatzes: Ich würde gern eine Partei "Die Hemden" gründen. Die könnte eine echte Sammlungsbewegung werden. Denn ob Ossis, Wessis, Rheinländer oder Westfalen - allen ist das Hemd stets näher als die Hose. Nur als jetzt das neue
Transparenzgesetz des Landes in Kraft trat, dass die Gehälter von Managern öffentlicher Institutionen einsehbar machen soll, erinnerten sich die betroffenen Sparkassen- und Stadtwerksvorstände plötzlich auch an ihre Hosen und wollten sie keinesfalls runter lassen.
Aber bleiben wir sachlich: "Wir sind Deutschlands größtes Exportland und wollen es bleiben", sagt der Ministerpräsident. Ich glaube, dass schaffen wir. Nichts deutet darauf hin, dass NRW kleiner werden könnte. Ein NRW so klein wie das Saarland, das ist doch reine Grusel-Science-Fiction! Und wenn die Westfalen sich abspalten sollten, annektieren die Rheinländer eben Rheinland-Pfalz - und gemeinsam mit denen schaffen sie den Aschermittwoch ganz ab.
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