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BlogDurch diesen endlosen Winter kann man sich allmählich nur noch mit Tagträumen retten. Ich stelle mir zum Beispiel gern die ersten Frühlingsausflüge mit der Familie vor. Kaum wird es warm, fahren wir zu einem nahen See und diskutieren die beliebte Streitfrage: Ruder- oder Tretboot? Ich persönlich mag das altertümliche, hölzerne Ruderboot und seine Ausstrahlung von Ruhe und Romantik. Nicht so mein Jüngster, der findet: "Da fährt man immer rückwärts."
In Wahrheit sitzt man natürlich nur mit dem Rücken zur Fahrtrichtung. Aber auf das Kind wirkt das, als würde man zurückrudern. Das ist so ähnlich wie bei
Andreas Pinkwart: Erst war er mit der gesamten FDP für Steuererleichterungen zugunsten der Hoteliers. Dann wollte er sie wieder zurücknehmen. Und jetzt hat er diese Rücknahmeforderung auch wieder zurückgenommen. Das ist viel Bewegung, ohne dass sich etwas bewegt. Aber vielleicht trainiert Pinkwart ja für die heiße Phase des NRW-Wahlkampfs. So wie die
Ruderer, die kürzlich in der Dortmunder Westfalenhalle auf dem Trockenen und auf der Stelle ruderten, um sich auf die neue Saison vorzubereiten. Da ist die Richtung dann auch völlig egal.
Aber eigentlich wollte ich ja von unserem Familienausflug träumen. Dass die Kinder meist das Tretboot vorziehen, ist verständlich: Denn das Lenkrad ist cooler als die Ruder. Außerdem können stets zwei gemeinsam für den Antrieb sorgen. Das wiederum sorgt aber oft für Streit: "Du trittst ja gar nicht mit!", schreit einer. Oder die Kinder werden sich über die Richtung nicht einig. Dann trampelt der Bruder das Boot vorwärts und die Schwester zurück. Im Ergebnis bewegen sich beide so wenig wie die erwähnten Trockenruderer. Also rufen sie nach einem Machtwort der Mama. Das Tretboot ist somit ein vollendetes Symbol für die regierende Koalition. Wenn meine Kinder dann auch noch im Streit beginnen, nicht mehr das Boot, sondern sich gegenseitig zu treten – und dabei ständig in Gefahr geraten, ins Wasser zu purzeln: Dann denke ich erst recht an
Berlin.
Hundert Tage rudern und treten sie dort jetzt schon, ohne ein Ziel zu erreichen. Ich dagegen weiß, dass meine Tagträume vom See in hundert Tagen gewiss Wirklichkeit sind. Einen Ort liebe ich dort übrigens noch deutlich mehr als Tretboot und Ruderboot: einen der Liegestühle am Ufer. Dort kann ich gelassen das Treiben auf dem Wasser verfolgen, aus der Distanz, und mir mit weisem Lächeln auf den Lippen das Bier von der Strandgaststätte schmecken lassen. Es ist dies eine Perspektive, aus der alle Mühen, sich über Wasser zu halten oder in diesem fremden Element voranzukommen, nicht mehr ganz so ernst erscheinen. Um die Perspektive des Beobachters einnehmen zu können, muss man allerdings zuvor etwas tun, was Politiker am meisten fürchten: zurücktreten.
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Zum SeitenanfangNach einem Spätdienst in der Redaktion würde ich gerne am folgenden Tag etwas länger schlafen. Meistens bleibt mein Wunsch aber unerfüllt. Das liegt daran, dass oft in aller Frühe der Müllmann Sturm klingelt und mich unsanft aus dem Schlaf holt. Montags holt er die Papiertonne aus dem Hof, dienstags die gelbe Tonne mit dem Grüne-Punkt-Müll und mittwochs die grauen Behälter mit dem Restmüll. Vielleicht träume ich deshalb manchmal, dass ich in einem Gerichtssaal sitze und eine Klage gegen die Abfallwirtschaftsbetriebe der Stadt Köln vorbringe. In dem wiederkehrenden Traum sitzen mir gegenüber auf der Anklagebank feixende Ratspolitiker in den Overalls der Stadtreinigung. Kurz bevor das Gericht sein Urteil sprechen kann, ist der Traum jedes Mal zu Ende. Weil der Müllmann klingelt.
Im Wachzustand bin ich natürlich dankbar dafür, dass der Müllmann zuverlässig die vollen Abfalltonnen des Mietshauses, in dem ich wohne, vom Hof auf die Straße bugsiert, sie dort in den Müllwagen entleert und sie wieder im Hof abstellt, aufnahmebereit für neuen Müll. Und natürlich bin ich auch ein glühender Verfechter der Mülltrennung, ein wenig hat die Ökologiebewegung schließlich auch mich bewegt. Gewissenhaft habe ich mich mit den Fragen beschäftigt, wohin der Grünschnitt unseres kümmerlichen Rasens gehört, wo Batterien zu entsorgen sind und in welche Tonne der Plastikmüll zu stopfen ist.
In unserem Haus hat die Mülltrennung leider für eine Störung des ansonsten harmonischen Miteinanders gesorgt. Manfred aus dem Erdgeschoss isst gerne und oft Döner, was selbst im Hausflur gut zu riechen ist. Seit Jahresbeginn quält er sich mit einer Diät – nach der Methode "FdH": Manni isst seinen täglichen Döner also nur zur Hälfte auf, der Rest landet im Biomüll. Das sorgte bei Silke aus dem Dachgeschoss vor kurzem für einen Schock, als sie den Deckel der Biotonne öffnete. Erst umhüllte sie eine Knoblauchwolke, und dann entdeckte Silke Mannis Döner-Hinterlassenschaften, neu belebt von fetten weißen Maden. "Fleisch gehört nicht in die Biotonne", kreischte Silke, deutlich hörbar bis in meine Wohnung im dritten Obergeschoss.
Axel aus dem ersten Stock ist Finanzbeamter, ein ruhiger Typ und ein Mann mit Prinzipien. Vor zwei Wochen wurde ich Zeuge, wie er fast ausflippte. Axel wollte einen gelben Sack mit seinen Plastikabfällen in die Gelbe Tonne stopfen. Die war aber schon voll, offensichtlich mit Kunststoff-Abfällen von Silke. "Kann denn keiner hier ordentlich seinen Müll entsorgen", zeterte Axel über den Hof. Er hatte entdeckt, dass Silkes Plastikmüll der grüne Punkt fehlte und nach der ortsüblichen Müll-Logik in die Restmüll-Tonne gehörte. Seither ist Silke eingeschnappt und hat aus Trotz damit begonnen, auch die Windeln ihres Kindes in die Gelbe Tonne zu stopfen.
Die angespannte Atmosphäre im Haus, da bin ich mir sicher, wird sich aber schon bald wieder entspannen. Manni wird seine Diät nicht mehr lange durchhalten und seine Döner wieder vollständig vertilgen. Silkes Kleiner wird aus den Windeln rauswachsen. Die
Abfallbranche plant, die Entsorgung von Plastikmüll ohne Grünen Punkt in der Gelben Tonne zuzulassen. Und ich werde mir Ohrenstöpsel kaufen. Aber wo entsorge ich die später bloß?
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Zum SeitenanfangIn der elften Klasse stand das erste Mal Philosophie auf meinem Stundenplan. Das traf sich gut, weil ich mich, durch die Pubertät bedingt, sowieso fortwährend mit grundlegenden, mitunter philosophischen Fragen beschäftigte: Wer bin ich? Warum bin ich anders als die Anderen? Was hat Hermann, das ich nicht habe? Warum interessiert sich Claudia für Hermann und nicht für mich? Hat das Leben trotz allem einen Sinn, und wenn ja, welchen?
Befriedigende Antworten bekam ich allerdings kaum, weder von mir selbst, von meinen Freunden noch im Philosophieunterricht. Dort war das beherrschende Thema Anthropologie, also der Mensch im Allgemeinen und Grundsätzlichen. Der ist noch unfertig, wenn er auf die Welt kommt, und sowieso ein "Mängelwesen", lernte ich. Eine nicht gerade aufbauende Erkenntnis, wenn man sich mit Selbstzweifeln herumschlägt. Tröstlich war allerdings, dass dieses Etikett nicht nur auf mich zutraf, sondern in gleicher Weise auf Hermann.
Zum Ausgleich seiner Mängel, so dozierte der Philosophielehrer, sei der Mensch auf andere Menschen angewiesen und habe zudem Werkzeuge und Maschinen erfunden. Der Keil war sozusagen die erste Applikation für unsere steinzeitlichen Vorfahren, die auf der Suche nach Beute durch den Wald streiften. Heutzutage laufen wir mit dem Smartphone durch die Gegend und lassen uns von ihm anzeigen, wo die nächste Dönerbude ist oder ob das Museum um die Ecke noch geöffnet hat. Mini-Programme, so genannte Apps, machen aus dem Mängel-Instrument Handy einen Tausendsassa. Mehr als 100.000 Apps wurden inzwischen allein für den Marktführer entwickelt.
Für Schüler gibt's eine Stundenplan-App, für Musikfreunde die "Pandora"-App, für Schützenbrüder die App
"Bullet Flight", das beim Zielen hilft. Weitere Apps sind angeblich in der Entwicklung, wenn nicht schon auf dem (Schwarz-)Markt: "Exit" soll Knastinsassen einen Einblick in die Dienstpläne der JVAs ermöglichen und Ausbruchspläne optimieren. "Watch" soll Politikern signalisieren, wenn ihre Reden mitgeschnitten werden. Doch das Verrückte am modernen Leben ist, dass es gleichzeitig immer einfacher und immer komplizierter wird. Es gibt inzwischen so viele kleine hilfreiche Programme, dass ich schon wieder den Überblick verloren habe. Aber vielleicht gibt es ja bald eine Apps-Überblick-App, und mit ihrer Hilfe werde ich voller Hoffnung nach der ultimativen App für mich suchen – der Glossen-App.
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Zum SeitenanfangDamals, als ich meinen ersten DSL-Anschluss bestellte, war Boris Becker richtig in. Nicht nur das: Er war schon drin. Weil ich mit Boris weder Sportlichkeit noch Sexappeal gemeinsam habe, wollte ich wenigstens den Anschluss mit ihm teilen. So wurde ich Kunde bei AOL und durfte so täglich eine Frauenstimme hören, von der ich wusste, dass sie auch Boris stets nah war. Sie sagte nur einen Satz: "Sie haben Post."
Dann kam eine Zeit, in der Boris nur noch bei Kerner und Becker in war. Statt "drin sein" war jetzt "raus und rein" angesagt: Monatlich wechselte man den DSL-Anbieter, weil es immer noch günstigere Tarife gab. Ein paar Mal machte ich das mit und bin also längst nicht mehr bei AOL. Trotzdem hat mich die Meldung irgendwie berührt:
Jetzt ist AOL raus, verlässt Deutschland. Boris hat das schon vor Jahren getan, aus dem selben Grund: um Geld zu sparen.
Da frage ich mich unwillkürlich, wie ich es in diesem teuren Land noch aushalten kann. Wenn solche Größen, an die man sich gewöhnt hat, einfach verschwinden, macht einen das irgendwie betroffen. Die Formulierung, nach der einen irgendetwas irgendwie betroffen macht (und sei es auch nur "ein Stück weit"), stammt aus der Zeit, als ich erwachsen wurde. Damals wurden
die Grünen gegründet. Sie hatten schnell Erfolg, weil damals vieles die Menschen total betroffen machte: das Waldsterben, die Wiederaufbereitungsanlage, die Nachrüstung. Später machte der Tod von Petra Kelly, der ersten grünen Heiligen, echt betroffen. Aber so musste sie nicht mehr erleben, wie die Grünen deutsche Kriegseinsätze durchwinkten, mit der Atomlobby windelweiche Ausstiegsverträge aushandelten und mit Gerhard Schröder um den schickeren Anzug konkurrierten. Das wiederum hat meine Freundin Elke so betroffen gemacht, dass sie (ein Gründungsmitglied!) aus der Partei austrat.
Während Firmen und Reiche ihrer Heimat leichthin den Rücken kehren, kehrt politischen Idealisten gern mal die Heimat den Rücken zu. Die Mitglieder bleiben auf ihrem Standpunkt, aber die Partei zieht davon. Davon können die Urgrünen ebenso ein Lied singen wie die Altsozis, aber einem Strauß-Fan wird es in der CSU auch nicht anders gehen. Während die Firmen Lohnkosten und die Reichen Steuern einsparen, sparen Parteien, wenn es um die Macht geht, bevorzugt an den Überzeugungen.
"Keine Fundi hat es so lange ausgehalten wie Du", tröste ich Elke, die eine ähnlich quälende Beziehungskrise mit ihrer Partei durchgemacht hat wie Wolfgang Clement mit der SPD – nur sozusagen umgekehrt. Sie wollte sogar schon mal auswandern, nach Österreich, weil man dort konsequent keinen Atomstrom hat. Dafür hatte man Haider. Norwegen fand sie auch sehr öko. Aber die Norweger killen Wale. Also blieb sie – und machte sich damit die Losung zu eigen, die Bewohner der
Kulturhauptstadts-Region gern für ihre Heimatverbundenheit angeben. Ich las sie kürzlich bei dem Revierliteraten Frank Goosen. Glaubt man ihm, dann kennt man im Pott den besten Grund dafür, warum wir unseren DSL-Anschluss, unsere Partei, den Hausarzt, die Hausbank und auch die Heimat eher ungern wechseln. Denn auch wenn er arbeitslos ist, die Zeche zu, die Kommune pleite, sagt der Ruhri: "Woanders is auch scheiße."
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Zum SeitenanfangSehr geehrte Frau van Dinther, liebe Landtagspräsidentin,
klar, ich weiß, dass ich nicht mehr zwischen 12 und 22 bin. Ich kann aber trotzdem nicht an mich halten und möchte mich an Ihrem
kreativen Schreibwettbewerb beteiligen. Beim Lesen Ihrer Ausschreibung habe ich mich gleich wieder jung gefühlt, wie damals in der Schule, als spannende, ansprechende Themen unsere Begeisterung für den "Besinnungsaufsatz" weckten. So auch bei dem von Ihnen ausgelobten Thema: "Die Wahl haben". "Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt", schreiben Sie, und das hat meine Fantasie sofort angeregt. "Lustig, ernst, dramatisch, ironisch, sachlich oder Science Fiction" dürfe es sein. Das allein kommt mir irgendwie schon wie eine Beschreibung der Landespolitik vor.
Lustig, ja launig hat Ministerpräsident Rüttgers dieses Wahljahr mit seiner
Neujahrsansprache eröffnet, in der er einen Satz sprach, von dem ich kaum loskomme: "Furcht verhindert Zukunft." Wie gern würde ich einen Lehrgang ähnlich dem im Märchen der Gebrüder Grimm absolvieren. Denn hätte ich das Fürchten gelernt, dann könnte ich die ganze unsichere, düstere Zukunft verhindern, vor der ich mich - nun ja: fürchte. Ich könnte die Zeit etwa Sonntag nachmittags um drei beim Tee anhalten, eine Stunde, zu der ich regelmäßig mit der Zukunft des Montagmorgens nichts zu tun haben möchte.
Aber im Ernst: Angesichts der Lage der kommunalen Finanzen kann man sich auch ohne Gebrüder Grimm gewaltig fürchten. Statt die Zukunft zu verhindern, möchte Rüttgers' Herausforderin
Hannelore Kraft aber lieber bei den Ossis sparen und die Kürzungen beim Soli den klammen Städten unseres Landes zugute kommen lassen. Das ist endlich mal ein Wahlversprechen, das sich nicht vor der Frage drückt, woher man das Geld für Wohltaten nehmen möchte!
Zu einem dramatischen Kampf gegen solche Gelüste ruft jetzt die neu gegründete
Westfalenpartei auf. Ihr Widerstand geht allerdings nicht gegen die Ossis, sondern gegen die Rheinländer. Die sichern sich in den Augen des Spitzenkandidaten Werner Szybalski stets die Rosenmontage der Landespolitik und überlassen den Westfalen die Aschermittwoche. Gut zwanzig Westfalen haben in einer Dortmunder Kneipe "Die Westfalen" gegründet. Der Wahlkampf der Partei hat allerdings mit dem Problem zu kämpfen, dass sich Sauerländer eher als Sauerländer fühlen denn als Westfalen, Siegerländer als Siegerländer und die im Ruhrgebiet als Ruhrgebietler.
Und damit bin ich beim kurzen ironischen Teil meines Besinnungsaufsatzes: Ich würde gern eine Partei "Die Hemden" gründen. Die könnte eine echte Sammlungsbewegung werden. Denn ob Ossis, Wessis, Rheinländer oder Westfalen - allen ist das Hemd stets näher als die Hose. Nur als jetzt das neue
Transparenzgesetz des Landes in Kraft trat, dass die Gehälter von Managern öffentlicher Institutionen einsehbar machen soll, erinnerten sich die betroffenen Sparkassen- und Stadtwerksvorstände plötzlich auch an ihre Hosen und wollten sie keinesfalls runter lassen.
Aber bleiben wir sachlich: "Wir sind Deutschlands größtes Exportland und wollen es bleiben", sagt der Ministerpräsident. Ich glaube, dass schaffen wir. Nichts deutet darauf hin, dass NRW kleiner werden könnte. Ein NRW so klein wie das Saarland, das ist doch reine Grusel-Science-Fiction! Und wenn die Westfalen sich abspalten sollten, annektieren die Rheinländer eben Rheinland-Pfalz - und gemeinsam mit denen schaffen sie den Aschermittwoch ganz ab.
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Zum Seitenanfang"Jedem Anfang wohnt ein Zauberer inne", behauptete einmal mein früherer Chef. Das hat bei meinen literarisch gebildeten Kollegen damals für Heiterkeit gesorgt. Denn offensichtlich wollte unser Chef den guten alten Hermann Hesse zitieren, hatte aber aus dem richtigen "Zauber" einen falschen "Zauberer" gemacht. Auch ich hatte damals meinen Spaß, denn was gibt es Amüsanteres als Fehler von Vorgesetzten? Inzwischen schwant mir jedoch, dass in dem verhunzten Zitat eine tiefere Wahrheit verborgen liegt. Denn mancher Anfang, den ich seither erlebt habe, war alles andere als zauberhaft, eher so, als hätte ein Zauberlehrling daran herumgestümpert - oder gar eine missgünstige Hexe, so eine mit behaarter Warze.
Gerade zum Jahreswechsel versuchen wir uns gerne selbst als Zauberer, tüfteln bis zuletzt an einem gelungenen Rutsch in den neuen Zeitabschnitt. Deshalb gehört die Frage "Was machst Du denn so an Silvester?" zu den Klassikern im Dezember. Auf die Frage gibt es in der Regel nur ausweichende Antworten. Moni etwa konnte sich vorstellen, mit ihrer Freundin Britta tanzen zu gehen. Allerdings nur, wenn Paul nicht auf die Idee käme, sie zu einem trauten Silvester zu zweit einzuladen. "Ich kann Silvester aber auch gut alleine zuhause verbringen", erklärte sie mir selbstbewusst. Gerald wollte es diesmal ruhiger angehen lassen, entweder nur mit seiner Freundin oder im "allerengsten Kreis" den Jahreswechsel erleben. Es sei denn, irgendwo gebe es noch eine "Knallerparty". Ich selbst war ebenfalls lange unentschlossen. Nach einer großen Party war mir diesmal nicht zumute, nach einer besinnlichen Runde mit meinen ältesten Freunden auch nicht. Alleine wollte ich aber auf keinen Fall sein, wegfahren auch nicht. Eine gemeinsame Feier mit Doktor Gregor kam nicht in Frage, schließlich wollte ich mir den Zauber des neuen Jahres nicht von jemandem trüben lassen, der sich - in seiner Freizeit! - mit dem Weltende beschäftigt und auch noch angekündigt hatte, besonders eindrucksvolle Raketen zu zünden.
Schließlich fand ich mich Silvester wieder in einer Runde mit meiner alten Freundin Regina, meiner älteren Schwester samt Mann und meiner noch älteren Großtante. Nach Mitternacht stieß Doktor Gregor dazu, zum Glück hatte er seine Raketen und sein Pulver schon unverletzt verschossen. Es war eine nette Feier, wir aßen Kartoffelsalat und Würstchen, gossen Blei – und tranken jede Menge Sekt. Wie ich nach Hause kam, weiß ich nicht mehr genau. Es war wohl ein Taxi im Spiel.
Am Neujahrsmittag wachte ich auf. Mein Kopf war schwer. Ich versuchte mich zu erinnern, welche guten Vorsätze ich für das Jahr 2010 gefasst hatte. Es fiel mir nicht mehr ein. Ich wusste nicht einmal mehr, ob ich mir etwas vorgenommen hatte. Vorsätze, so dachte ich, werden sowieso überschätzt. Ich stolperte ins Bad, durch meinen Kopf schwirrte das Zauber-Gedicht des guten alten Hermann Hesse. Über die Toilette gebeugt fiel mir wieder die letzte Zeile ein: "Wohlan denn, Magen, nimm Abschied und gesunde!" Und schon war auch mein vergessener Vorsatz für 2010 wieder da: Loslassen.
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Zum SeitenanfangVor einigen Jahren haben wir Urlaub auf einem Öko-Bergbauernhof in Österreich gemacht. Meine Freundin Elke hatte uns den Ferienhof empfohlen. Es war wirklich erholsam dort, viel Ruhe und gesundes Essen und Tiere zum Anfassen für die Kinder. Für die Erwachsenen interessant waren vor allem die Miturlauber, echte Persönlichkeiten aus den unterschiedlichsten Richtungen ökologischer bis esoterischer Überzeugungen. Ich fühlte mich wie auf einer Party von Elke. Da gab es zum Beispiel ein älteres Ehepaar, das – der kleinen Pensionsszimmer wegen – stets im Aufenthaltsraum seine Matten ausbreitete und Yoga übte. Die beiden aßen streng vegan. Und als sie im Gespräch herausgefunden hatten, dass ich mich in der Theologie auskenne, bekam ich eines Tages die Frage gestellt: "Aber Jesus hat doch nicht wirklich das Osterlamm gegessen, oder??“
Ich begriff erst nicht, worum es ging. Die beiden verbanden Buddhismus und Christentum auf kreative Weise und konnten sich nicht damit abfinden, dass der Sohn Gottes Fleisch gegessen haben könnte. Leider musste ich antworten, dass Jesus wohl wie ein Jude seiner Zeit eben Lamm zum Paschafest gegessen habe. Was Jesus zu Weihnachten gegessen hat, weiß ich auch als Theologe nicht. Es war ja sein Geburtstag, und was wir - mehr als 2000 Jahre später - daraus machen würden, ahnte er wohl nicht. Bei uns gab es diesmal zu Weihnachten Pute, und zwar Bio-Pute. Elke kennt da einen Bauern, bei dem man sie kaufen kann. Eine ehemals glückliche Pute lässt sich mit leichterem Gewissen essen als eine vielleicht schon
bei lebendigem Leib gerupfte Gans. Und selbst eine Bio-Kuh ist zwar glücklich gewesen, hat aber Zeit ihres Lebens klimaschädlich gefurzt.
Aber trotz ökologisch korrekter Pute fielen mir an den Festtagen wieder die veganen Joga-Senioren aus Österreich ein. Schuld daran war eine Meldung von dem kürzlich in Münster gegründeten
Institut für Theologische Zoologie. Unter der Schirmherrschaft der Schimpansenforscherin Jane Goodall soll dort den Tieren in der Theologie mehr Gerechtigkeit widerfahren als bisher. So erklärte der Gründer Rainer Hagencord, dass auch Tiere in den Himmel kommen würden. Das hat mich sehr beunruhigt.
Die Aussicht, wem man im Himmel alles wieder begegnen könnte, fand ich schon immer - sagen wir mal: zwiespältig. Die Aussicht, lauter auferweckten Wesen zu begegnen, die man im irdischen Leben einmal gegessen hat, ist allerdings neu. In der traditionellen Theologie mussten damit nur gläubige Kannibalen rechnen. Wenn Herr Hagencord jedoch Recht hat, bin ich nur froh, dass ich kein Niederländer bin. Denn dort, im
Land der Kamelmilch, werden zur Zeit 36.000 Ziegen getötet, um die Ausbreitung der
Ziegengrippe zu verhindern. Ich möchte nicht irgendwann im Jüngsten Gericht 36.000 gehörnten Nebenklägern gegenüber sitzen. Da reichen mir schon die unseren Gehweg vollscheißenden Köter, die ich in Gedanken regelmäßig mit völlig ewigkeitsuntauglichen Flüchen belege. Vor ihren Haltern dagegen habe ich keine Angst. Die kommen bestimmt nicht in den Himmel.
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Zum Seitenanfang"Rosa" war rosafarben, wunderbar rund und hatte lustige Äuglein. Ich liebte Rosa und fütterte sie regelmäßig mit Groschen und 50-Pfennig-Stücken, die ich von Tanten und Onkeln zugesteckt bekam. Das Sparschwein wurde dadurch immer schwerer und verheißungsvoller. Würde das gesparte Geld reichen, um eine neue Lokomotive für meine Modelleisenbahn zu kaufen? Gespannt fieberte ich dem Tag entgegen, an dem das Schwein voll war und reif fürs Schlachten. Das geschah mit einem Hammer und war doppelt enttäuschend: Rosa war unwiederbringlich zerstört, und das Geld, das sie freigab, reichte nicht für die ersehnte Lok.
Ähnliche Erfahrungen machen regelmäßig unsere Politiker. Bei jedem Regierungswechsel schaut der neue Finanzminister erwartungsvoll in die Staats-Kasse, reibt sich erst verwundert die Augen und bricht dann in Tränen aus. Denn immer ist in der Staatsschatulle weniger drin als benötigt. Lokomotiven könnte man von dem vorhandenen Geld zwar reichlich kaufen, sogar echte Große. Aber die Politiker wollen lieber anderes Spielzeug, einen
Riesen-Transporter für die Bundeswehr etwa. Außerdem müssen ja auch die Geschenke, die man den Wählern versprochen hat, finanziert werden.
Als ich Rosa in Scherben schlug, saß die Bundesregierung noch in Bonn, der Finanzminister hieß
Franz Josef Strauß und der Bundeshaushalt wies einen Überschuss aus. Seitdem ist viel passiert: Die Bundesregierung sitzt inzwischen in Berlin und auf einem Berg von Schulden. Allein im kommenden Jahr sollen
rund 100 Milliarden dazukommen. Denn die schwarz-gelbe Koalition will erst einmal kräftig Schulden machen, um dann kräftig auf die Schuldenbremse zu treten. Es muss also erst schlimmer werden, bevor es besser werden kann. Das erinnert mich ein wenig an Homöopathie, allerdings ist die Dosis der Neuverschuldung alles andere als homöopathisch.
Ich habe einen anderen finanzpolitischen Kurs eingeschlagen als Waigel, Eichel und Co. Mein erster Neuwagen beispielsweise war ein Lada Samara. Der war zwar nicht so schick wie die Golf-Modelle meiner Freunde, aber deutlich preiswerter. Außerdem ließ sich seine Anschaffung als Unterstützung von Gorbatschow, Glasnost und Perestroika verkaufen, schließlich wurde das Auto in Russland produziert. Mein nächster Wagen wird vielleicht ein Automatik-Modell. Dabei muss ich natürlich aufpassen. Denn wer von Selber-Schalten auf Automatik umsteigt, tritt gern schon mal gleichzeitig auf Gas und Bremse. Das scheint zwar politisch angesagt, produziert nach meiner Erfahrung jedoch vor allem eins - viel Qualm.
Rosa, Schäuble und der Schuldenberg
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Wer sich an den Adventssonntagen in eine Kirche verirrt, wird feststellen, dass dort weniger der Nikolaus eine Rolle spielt und schon gar nicht der Weihnachtsmann, wohl aber ein Mann namens Johannes der Täufer. Das ist dieser sittenstrenge Prophet, der einen Kamelhaarmantel trug und sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährte, denn sein Arbeitsplatz lag in der judäischen Wüste. "Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet seine Straßen", rief er laut Bibel seinem Publikum zu. Und damit soll er Jesus, den kommenden Messias angekündigt haben.
Johannes blieb allerdings der sprichwörtliche Rufer in der Wüste. Weil seine Moralpredigten auch mit dem Herrscherhaus des Herodes ins Gericht gingen, landete sein Kopf auf einem königlichen Silbertablett. Spät, spät scheint seine Aufforderung, dem Herrn in der Wüste einen Weg zu bahnen, nun doch noch gehört worden zu sein. Und zwar im Düsseldorfer Umweltministerium. Und so begab es sich, dass
Umweltminister Eckard Uhlenberg sich in den Tagen des Advents 2009 nach Lehavim in der Wüste Negev begab. Dort weihte er feierlich die "Nordrhein-Westfalen-Allee" ein. Das ist eine einhundert Meter lange, von Bäumen gesäumte Straße. Sie soll "schattige Bereiche zur Erholung für die Anwohner und Besucher schaffen", sprach der Minister. Und er sah, dass es gut war - und reiste wieder ab.
Eine schöne Geste - und doch bleiben Fragen zurück. Nicht nur die, wie Israelis wohl das Wort "Nordrhein-Westfalen-Allee" aussprechen. Sondern theologisch gewichtiger die, ob Herr Uhlenberg die Aufforderung des Propheten Johannes richtig ausgelegt hat. Hatte der wirklich an eine Baumreihe in der Wüste gedacht, die der Herr bequem durchschreiten kann, wenn er kommt? War das nicht eher moralisch gemeint? Der wörtliche Umgang mit der Bibel ist bekanntlich nicht immer richtig.
Während der Minister die Wüste bepflanzte, ging es in Düsseldorf hoch her:
Hendrik Wüst, Generalsekretär von Uhlenbergs CDU, steht wegen doppelt kassierter Krankenkassenzuschüsse unter Druck. Uhlenbergs Kollegin Roswitha Müller-Piepenkötter
wegen wüster Verhältnisse in den hiesigen Gefängnissen. Und Kollegin Christa Thoben, weil sie ausgerechnet während der Weltklimakonferenz einen
Klimaschutzparagraphen für NRW-Kohlekraftwerke streichen will. Die Landesregierung holpert und stolpert. Und alle warten darauf, wer als erster in die Wüste geschickt wird. Vielleicht war das ja Uhlenbergs geheimer Auftrag: Nicht für den Herrn, aber für seinen Herrn Rüttgers eine Allee in der Wüste zu bauen, auf dass geschasste Landesgrößen auf angemessenem Wege ihren Bestimmungsort erreichen können. So dass es demnächst in der Staatskanzlei kein schlimmeres Gerücht geben wird als: "Der ist reif für Lehavim!"
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Trotz Lichterketten an meinem Nachbarhaus und Glühwein-Genuss auf dem Weihnachtsmarkt will bislang keine Adventsstimmung bei mir aufkommen. Vielleicht liegt es am Wetter. Denn die zehn Grad plus passen einfach nicht in mein romantisches Bild dieser Zeit. Vielleicht ist es aber auch die Aussicht auf den
Klima-Gipfel in Kopenhagen. Der scheint schon gescheitert, bevor er begonnen hat. Dabei wäre eine wirksame Einigung, den weltweiten Temperaturanstieg zu bremsen, enorm wichtig. Nicht nur für meine Adventsstimmung, sondern um den Weltuntergang abzuwenden.
In Sachen Weltuntergang ist mein Blog-Kollege
Doktor Gregor ein Experte. Er schreibt ein wissenschaftliches Buch über die Apokalypse, das demnächst erscheint. Darin geht es vor allem um die Weltuntergangs-Vorstellungen in der Bibel. Außerdem hat er ein Buch über modernere Endzeit-Visionen in der Mache. Das wird sich dann auch mit den Phänomenen beschäftigen, die uns Tag für Tag beschäftigen und aktuell die Adventsstimmung verderben: Dürren und Starkregen, schmelzendes Eis und Versteppung, Wasser- und Hungersnöte, ergebnislose Konferenzen und vergebliche Verhandlungen.
Mit Blick auf den Kopenhagener Gipfel versorgen uns die Medien mit vielen Ratschlägen, wie wir uns weniger klimaschädlich verhalten können. Heizung runterdrehen, weniger Auto fahren und weniger Fleisch essen, auf Fernreisen verzichten - das wäre mal ein Anfang. Ein Experte empfiehlt, statt
Treppen zu steigen den Aufzug zu nehmen, weil das weniger CO2 freisetze. Das Argument werde ich mir merken und einsetzen, wenn meine Freundin Regina mal wieder rummosert, ich würde mich zu wenig bewegen. Leider wohne ich ohne Aufzug; werde mal ernsthaft mit meiner Vermieterin über ihre ökologische Verantwortung reden müssen - bei einem Gläschen
Champagner. Der ist nämlich klimaverträglicher als Sprudel.
Auf die Klimakonferenz in Kopenhagen werde ich mich mit einem Besuch in Bonn einstimmen. Nicht, weil dort schon seit langem ein
Treibhaus-Klima herrscht, sondern weil hier der weltweit größte Dino ausgestellt wird. Der ist natürlich lange tot und nur noch als Skelett zu sehen. Die Geschichte der Dinosaurier mahnt uns, die großen Kerle mit dem kleinen Hirn sind ja wahrscheinlich wegen eines Klimawandels von der Erde verschwunden. Allerdings waren sie an dem, im Gegensatz zu uns Menschen, nicht selbst schuld. Sogar der Klimawandel war früher, also zu Dinos Zeiten, irgendwie besser. Er kam so natürlich daher, mit Meteoriten oder Eruptionen auf der Sonne.
Wir sind dagegen schuldig geworden am Klima und müssen uns nun um
furzende Kühe, Wasserspartasten und Wärmedämmung kümmern. Denn am Ende aller Tage wird abgerechnet - bestimmt auch ökologisch. Ich glaube, dass beim Jüngsten Gericht ein Vertreter des BUND oder von Greenpeace dabeisitzt, wie Gottvater mit einem langen Bart, nur weniger gepflegt. Und ich ahne schon, was er mich fragen wird: "Bist du auch immer Aufzug gefahren?"
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