Sonntag, 26.01.2014

Auch mal loslassen

Seit mehr als sieben Jahre erklären Doktor Gregor und Stephan Josef das moderne Leben. Ein eingespieltes Team. Doch ihr letztes Themenfindungsgespräch endet mit einer faustdicken Überraschung.

Stephan Josef: Hast du schon eine Idee für die Glosse am Sonntag?
Doktor Gregor: Bin ich denn dran mit Schreiben?
Stephan Josef: Nein, ich bin dran. Aber vielleicht hast du ja schon eine Themen-Idee, die ich dann weiterentwickeln kann!
Doktor Gregor: Lass mich überlegen - vielleicht was zum ARD: ADAC? Zu den gelben Bengeln?
Ein aufblasbares Spielzeugauto mit dem Schriftzug 'ADAC'; Rechte: dpa + War mal vorbildlich - ADAC SJ: Das Wortspiel habe ich schon mindestens zehn Mal gelesen. Aber ich könnte den ADAC als Aufhänger nehmen für ein größeres Thema - die allgegenwärtige Vertrauenskrise. Stichworte: Parteien. Kirche. Gewerkschaften. Sogar ARD: Stiftung Warentest. Und jetzt auch noch der ADAC!
DG: Wenn ich im ADAC wäre, würde ich jetzt austreten.
SJ: Aber du bist nicht im ADAC.
DG: Genau - hab´ ja kein Auto.
SJ: Aber du könntest aus der Kirche austreten.
DG: Wieso? Wir haben jetzt ARD: Franziskus, und WDR: Meisner geht. Das gibt mir Auftrieb.
SJ: Bis zum nächsten Prügel-, Missbrauchs- oder Finanzskandal.
DG: Ja, schlimm, keine Frage. Aber ist das nicht das Problem mit den ausufernden Vertrauenskrisen: Überall wo Menschen am Werk sind, passiert so ein Mist. Soll man deshalb nur noch in Zynismus machen?
SJ: Ist das nicht unser Job als Satiriker, als Glossisten?
DG: Nein, wir machen Lebensberatung, Service in Reinkultur, nur halt mit Augenzwinkern.
Dittsche; Rechte: WDR + Vorbild für Spaßmacher SJ: (ahmt WDR: Dittsche nach): Der reinste Service! Der reinste Service! Der reinste Service!
DG: Was hast du gegen Service?
SJ: Mich nervt die allgegenwärtige Ratgeberei. Fehlt nur noch, dass mir jemand erklärt, wie ich am besten auf dem Klo sitze.
DG: Richtig beschissen wirst du dich aber fühlen, wenn du rausbekommst, dass die entsprechenden Ratschläge von der Toilettenpapier-Industrie gesponsert werden. Oder dem Bundesverband der Proktologen.
Pinguin; Rechte: dpa + Vorbild bei Glätte SJ: Aber die Menschen lieben nun mal alles, was im Journalismus als Service daherkommt. Vielleicht konsumieren sie manches Ratgeber-Angebot auch einfach als Satire - etwa den Ratschlag einer Lokalzeitung: "Denken Sie beim Gehen auf glattem Untergrund an den Pinguin!"
DG: Und unsere Glosse?
SJ: Wäre damit quasi überflüssig.
DG: Dann lass uns damit aufhören.
SJ: Jetzt sofort?
DG: Jetzt sofort! Damit liefern wir auch noch einen letzten Ratschlag an unsere Leser. Nämlich dass es gut ist, auch mal loszulassen.
SJ: Und das nicht nur proktologisch ...

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Sonntag, 19.01.2014

Westfälische Eulen nach Athen!

Manche Misanthropen glauben, Schadenfreude sei die spontanste Regung, derer Menschen fähig sind. Sie verweisen dann auf den Erfolg dieser WWW: massenhaft durchs Netz kursierenden Videos, in denen Menschen sich auf die unterschiedlichste Weise - meist von Zweirädern, Skateboards oder Sprunggeräten aus - auf die Schnauze legen. Man findet sie unter Suchtiteln wie "Super Pannen" oder "Lustige Videos" oder gar "Die besten Unfälle". Und man kann gar nicht genug davon bekomme ...

Schleiereule; Rechte: dpa + Mitleid mit Tieren ... Doch ich halte dagegen: Würden wir so etwas in der Wirklichkeit sehen, wäre unsere spontane Reaktion Erschrecken und Mitleid. Das ist universal und menschlich. Nehmen wir etwaWDR: jene Frau aus Oer-Erkenschwick, die vor 14 Jahren eine verletzte Schleiereule fand und sie zu sich nach Hause nahm, pflegte und bis heute bei sich behielt. Oder nehmen wir die Mitarbeiter des Veterinäramtes von Oer-Erkenschwick, welche die Schleiereule nun aus dem Haus der Frau befreiten, weil sie dort nicht artgerecht gehalten wurde. Ich kann in diesem Fall nicht entscheiden, wessen Mitleid hier lobenswerter ist. Ich gebe allerdings zu, dass mich ein Detail der Geschichte eher die Partei des Veterinäramtes ergreifen lässt: Die Eulenhalterin gab ihrem Schützling den Namen "Mausili". Das verstößt gewiss gegen jedwede Tierrechtskonvention.

Christian Lindner; Rechte: dpa + ... oder auch mit Menschen ... Dass wir aus Mitleid auch fragwürdige Dinge tun, bestätigt gerade die Stärke dieser menschlichen Regung. So sind nach der Bundestagswahl allein in NRW WDR: mehr als 120 Menschen in die FDP eingetreten! Während ihr Vorsitzender Christian Lindner demnächst in Aachen den Orden "Wider den tierischen Ernst" erhält, hätten sich diese Parteibuch-Altruisten einen Orden "Wider jede Vernunft" verdient. Aber so ist der Mensch: Mitleid lässt ihn die eigenen Grenzen überschreiten.

Athen; Rechte: dpa + ... oder gar mit Städten! Mir jedenfalls geht Mausili nicht aus dem Kopf - und dem Herzen! Was wird nun aus der betagten Eulendame? Sie kann doch nicht im Büro des Kreisveterinärs herumsitzen. Während ich noch traurig darüber nachgrübelte, rief mich meine Tochter an. Sie plant mit ihrem Freund schon den Sommerurlaub. Sie wollen - nach Athen. "Im Hochsommer nach Athen", rief ich aus: "Weißt du, was das bedeutet: Drinnen Smog und Demonstranten, drum herum Waldbrände."
"Aber man kann diese von ihren eigenen Politikern, den Banken und der Troika gebeutelten Menschen doch jetzt nicht allein lassen!", sagte meine Tochter. "Also Mitleid", sagte ich. Ich hätte es mir denken können: Schließlich studiert sie Sozialpädagogik.

Griechische Euromünze; Rechte: dpa + Euro der Weisheit? Ich wollte ihr schon ins Gewissen reden und sie umstimmen, da kam mir ein anderer Gedanke: Sie sollten vor der Reise beim Veterinäramt in Oer-Erkenschwick vorbeifahren und Mausili mitnehmen. Was könnte schöner sein, als einmal im Leben eine Eule nach Athen zu tragen? Und wann hätte die Stadt des Sokrates ihr Wappentier, das Symbol der Weisheit, nötiger gebraucht als jetzt? Außerdem passt die westfälische Schleiereule wunderbar zur griechischen Politik. Mausili ist nämlich blind.

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Sonntag, 12.01.2014

Funky new year

Tannenbaum am Straßenrand; Rechte: dpa + Schneller Abschied Der Dreikönigstag war mein erster Arbeitstag im neuen Jahr. Auf dem morgendlichen Weg zur Bahnhaltestelle sah ich am Straßenrand viele Tannenbäume liegen. Sie erinnerten mich noch einmal an die vielen schönen freien Tage, die hinter mir lagen, inklusive leckerem Essen, netten Begegnungen, entspannendem Dauerfernsehen. Dass die Weihnachtszeit endgültig vorbei war, wurde mir dann in der Bahn erneut vor Augen geführt. Dort saß ein Karnevalist in voller Montur, offensichtlich ein Angehöriger der "Nippeser Bürgerwehr", auch bekannt als "Apfelsinen-Funken". Der ältere Mann in orange-weißem Outfit sah aus, als säße er schon die ganze Nacht in der Bahn, und genauso roch er auch.

Cafétisch mit Caffe Latte und Kuchen; Rechte: WDR + Früher Frühling Auf WDR: Karneval bin ich noch gar nicht eingestellt. Vielleicht liegt es daran, dass der WDR: Femen-Auftritt im Kölner Dom schon genug Karneval war. Oder es liegt daran, dass es bislang noch keinen Winter gab, sondern eher wechselweise Dauer-November oder Vorfrühling. Am Dreikönigstag habe ich das erste Mal in diesem Jahr draußen gesessen. "Die Sonne ist schon ganz schön stark, dabei haben wir erst Januar", sagte eine Kollegin und nippte an ihrem Caffè Latte. "Wie soll das erst im Sommer werden?", ergänzte dumpf mein Kollege Doktor Gregor, der an diesem Tag nicht gut drauf war. Vielleicht hatte er wieder bis tief in die Nacht an seinem wissenschaftlichen Werk zur Apokalypse gearbeitet. Oder seine Grabesstimmung lag daran, dass der Chef ihn für den Dienst an den Karnevalstagen eingeteilt hatte. Dabei ist Doktor Gregor - außerhalb des Dienstes - ein leidenschaftlicher Jeck, mindestens so leidenschaftlich, wie er das Weltende erforscht. Melancholisch schaute Doktor Gregor dem Funken nach, der am Straßencafé vorbeiging. Vielleicht war es derselbe, den ich in der Bahn gesehen hatte.

Plätzchenteller; Rechte: mauritius images + Späte Leckerei "Ich denke noch nicht an den Sommer", nahm ich den Gesprächsfaden wieder auf. "Ich habe mir stattdessen ein bisschen Weihnachtsstimmung bewahrt. Zuhause steht noch der Adventskranz auf dem Tisch. Und jede Menge Weihnachts-Gebäck." Doktor Gregor lächelte gequält und spielte an seinem Smartphone herum. Seit Kurzem hat er die App "Kölsche Funken rot-wieß". Und als Klingelton den Karnevals-Klassiker WWW: "Wenn et Trömmelsche jeht". Deshalb freue ich mich jetzt schon auf den Aschermittwoch, dann wird er - als guter Katholik - den Ton bestimmt austauschen.

Adventskranz; Rechte: WDR + Deko für Februar Erstmal freue ich mich aber auf die Weihnachtsfeier der Redaktion. Die findet traditionell im neuen Jahr statt, diesmal sogar erst Anfang Februar. Jeder soll etwas zu essen mitbringen. Ich habe an die Plätzchen gedacht, die noch von Weihnachten übrig geblieben sind. Und als stimmungsvolles Deko-Element werde ich mich dann - schweren Herzens - von meinem Adventskranz trennen. Doktor Gregor dagegen will kostümiert kommen. Hoffentlich nicht als Apfelsinen-Funken.

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Sonntag, 05.01.2014

Pofalla ist kein Beuteltier

Junges Parmakänguru; Rechte: dpa + Karl-Friedlich - wie süß! "Ist das süüüß", ruft mein Jüngster. Er hat in der kunterbunten Welt des Internets mal wieder ein neues Tier entdeckt: "Guck mal Papa, ein Parmakänguru."
"Unsinn", sage ich, ohne von meiner Zeitung aufzuschauen: "Parma liegt in Italien und ist bekannt für Schweine, aus denen sie dort Schinken machen, luftgetrocknet. Beuteltiere gibt es dort nicht."
"Aber im Tierpark Stöhren ziehen sie jetzt ein WDR: Parmakänguru mit dem Fläschchen auf. Es heißt Karl-Friedlich und ist sooo süüüß. Könnten wir nicht so ein kleines Känguru haben?"

Das Nervige an der kunterbunten Welt des Internets ist, dass es meinen Jüngsten andauernd auf neue Tierarten bringt, die er großziehen möchte. Dabei haben wir schon genug damit zu tun, ihm Blog: Hunde oder Katzen auszureden.
"Du willst auch jeden Tag ein anderes Schmusetier haben", sage ich: "Gestern einen Pudel, heute ein Parma, morgen einen Pofalla."
"Was ist denn ein Pofalla?", fragt mein Sohn.

Ronald Pofalla; Rechte: dpa + Ronald Pofalla - wie ... naja Ehrlich gesagt ist mir das Wort auch nur der Alliteration wegen eingefallen. Und weil ich gerade in der Zeitung die unglaubliche Meldung las, ARD: Ronald Pofalla wolle in den Vorstand der Deutschen Bahn wechseln. Das kann sich doch eigentlich nur ein Kabarettist ausgedacht haben. Ronald Pofalla, das Knuddeltier der Kanzlerin, der Karl-Friedlich der Union, war doch das beste politische Thema für Satiriker. Und die Bahn war ihr bestes Thema überhaupt. Eine Kreuzung von beidem ist schon kein Thema mehr für Satire, sondern selbst Satire. Bahnchef Mehdorn rettet den Flughafen Berlin und Ronald Pofalla rettet die Bahn. Wahrscheinlich wird er es dort genauso machen ARD: wie beim NSA-Skandal. Er wird einfach vor die Presse treten und alle Verspätungen für beendet erklären. Interessiert doch eh keinen, was da draußen in der Wirklichkeit passiert.

Bolek und Lolek, Comictitel; Rechte: WDR + Bolek und Lolek mit Äffchen - wie süß! "Ich will aber keinen Pofalla haben, sondern ein Parmakänguru", beharrt mein Sohn.
"So ist das eben im Leben", entgegne ich: "Man kann sich das oft nicht aussuchen. Man wählt rot-grün oder schwarz-gelb, aber man bekommt eine GroKo. Oder man wählt Steinbrück, bekommt aber den Gabriel. Oder man wünscht sich ein Beuteltier, bekommt aber einen Pofalla."
"Der Pofalla ist doch groß", sagt mein Sohn: "Sonst sagst du immer, große Tiere können wir nicht in der Wohnung halten."
"Der bekommt seinen Platz in der Diele", sage ich. "Direkt neben der Haustür. In feineren Häusern heißt das Lobby - und genau dahin gehört er ja jetzt."
"Dann könnte ich doch auch Lolek oder Bolek haben", sagt mein Sohn und verwirrt mich damit. Waren Lolek und Bolek nicht zwei Zeichentrickfiguren aus dem real existierenden Sozialismus, den nicht erst Ronald Pofalla längst für beendet erklärt hat? Aber mein Sohn hat sich nur im kunterbunten Tierreich des Internets weitergeklickt und gelesen, dass im Dortmunder Zoo derWDR: Löwenmann Lukas gestorben ist. Er war zwar nicht Lokomotiv-, aber immerhin Rudelführer. Und er hinterlässt zwei Söhne: Lolek und Bolek.
"Löwen gehen gar nicht, das weißt du auch", sage ich. "Außerdem würden die den Pofalla fressen. Und außerdem will ich endlich in Ruhe meine Zeitung lesen." Und damit erkläre ich die Haustierdebatte für beendet, ein für alle mal.
Audio: Audio: Pofalla ist kein Beuteltier

Bei uns in der Firma neben dem Getränkeautomaten steht tatsächlich eine Kiste mit der von einem Spaßvogel angebrachten Aufschrift "Hier nur Pofallas!" und jeder, wirklich jeder weiß trotzdem genau, was da reingehört. Eigentlich peinlich für unseren Staat, oder?

Herr Hartwig am 5.01.14 14:07

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Sonntag, 29.12.2013

Der Entschleunigungsbeschleuniger

Junge mit Boeller; Rechte: dpa + Vorsicht, nicht so schnell! "Wenn ich doch eine Zeitmaschine hätte", seufzt mein Jüngster. Jetzt musste er schon einen endlosen Advent lang Türchen öffnen, bis an Weihnachten endlich der neue Indianerbogen und einiges mehr unter dem Baum lagen. Und kaum ist das vorüber, geht wieder ein tagelanges Warten los, bis er endlich mit dem Vater "auf der Straße knallen" darf, ein paar Stunden nach Dinner for one. Uns Eltern bringt diese Sehnsucht nach Beschleunigung auf ganz andere Gedanken. "WDR: Schon wieder ein Jahr vorbei wie ..." sagt meine Liebste und macht eine Schnippbewegung mit Daumen und Zeigefinger. Wie die meisten Menschen in der zweiten Lebenshälfte hätten auch wir gern eine Zeitmaschine, aber die würde der unseres Sohnes gerade entgegenarbeiten.

Zerknülltes Papier um einen Bürostuhl; Rechte: dpa + Bitte schneller! Ich habe vor Kurzem gelesen, dass Psychologen unser Zeitempfinden untersucht haben. Nach ihrer Erkenntnis spulen sich die Jahre bei älteren Menschen deshalb so schnell ab, weil es so viel Gleichförmigkeit und Routine in ihrem Leben gibt. Und: Wer mehr erlebt, der empfindet die Zeit als reicher, deshalb vergeht sie nicht so schnell. Meine Frau findet, das sei Unsinn. "Es sind doch gerade die Stunden auf der Arbeit, die schier dahinschleichen. Im Urlaub dagegen ist immer schon die Hälfte herum, wenn wir gerade gut angekommen sind." Man müsste also eine Zeitmaschine konstruieren, die unsere Lebensgeschwindigkeit nach Bedarf reduziert oder beschleunigt. Abwechselnd könnten wir im Büro auf Zeitraffer und im Urlaub auf Slow Motion stellen. Mein Sohn klatscht plötzlich begeistert in die Hände: "Und wenn es ganz ganz schön ist, stellt man sie einfach ab und alles bleibt stehen."

Frau liegt am Strand; Rechte: dpa + Verweile doch, Du bist so schön! Unwillkürlich muss ich an Faust denken: " ... und zum Augenblicke sagen: Verweile doch, Du bist so schön!" Da mischt sich meine Tochter ein: "Und in welchem Augenblick würdet ihr die Stopptaste bedienen?" Die Achtzehnjährige liebt solche Psycho-Fragerunden. "Nicht vor Minderjährigen!", sage ich warnend, in der Hoffnung, das Spiel dadurch abzukürzen. Aber der Minderjährige hüpft schon vor uns herum und ruft: "Woran denkt ihr, woran denkt ihr?" "Ich weiß nicht, woran Papa wieder denkt", sagt meine Tochter und wirft mir einen vernichtenden Blick zu: "Ich denke an einen sonnigen Nachmittag am Strand, im warmen Sand, außerdem habe ich gerade Schokolade im Mund, die sich langsam auflöst, und über Kopfhörer singen Mumford and Sons." Meine Frau will sich nicht festlegen. Aber sie gesteht, bei unserer Schiffsreise durch die norwegischen Fjorde vergangenes Jahr hätte so eine Stopptaste sie manchmal in Versuchung führen können.

"Und Du?", fragt mein Sohn. Ich sitze in meiner Sofaecke und schaue aus den Augenwinkeln auf meine Frau. Dann lasse ich den Blick in die Runde schweifen, auf den geschmückten Weihnachtsbaum, auf meine Tochter, die im Sessel hockt und schon wieder an ihrem Smartphone spielt und auf meinen Sohn, der mir gegenüber am Tisch lehnt, den Bogen lässig über der Schulter. Und dann sage ich: "Jetzt".

Audio: Audio: Der Entschleunigungsbeschleuniger

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