Gibt es im Osten tatsächlich mehr Rechtsextreme? Werde ich komisch angeschaut oder behandelt werden, wenn ich durch die Fußgängerzone laufe? Ich gebe zu, dass ich mir vor meiner Tour zumindest ein paar Gedanken gemacht habe. Die macht man sich zwangsläufig, wenn Freunde und Kollegen, die normalerweise nicht im Verdacht stehen, sensibel oder über-vorsichtig zu sein, einen bitten: "Du passt aber auf."
Fakt ist, dass die Wahlergebnisse in Dessau-Roßlau einen nicht aufschrecken lassen: Bei der letzten Europawahl im Juni gab es
knapp über 2 Prozent für DVU und REP. Fakt ist auch, man sieht im Stadtbild kaum Ausländer. Auf dem Weg aus dem Parkhaus beschließen wir, die Zeit zu messen: Wie lange kann man durch die Innenstadt laufen, ohne auf einen Menschen mit offensichtlichem Ausländer-Background zu treffen? Ganz ehrlich: über eine halbe Stunde lang! Nur 2,16 Prozent der Einwohner von Dessau-Roßlau sind Menschen ausländischer Herkunft. Die ersten Asiatinnen treffe ich kochend in der Einkaufspassage. Was bei uns im Rheinland die Döner-Buden sind, sind hier die Asia-Treffs. Das hat etwas mit der DDR-Vergangenheit zu tun. Es waren nicht die Italiener, Griechen oder eben Perser wie ich oder besser gesagt meine Eltern, die ihr Land verlassen haben, sondern Menschen aus Vietnam, Angola oder Mosambik.
Dennoch, dass ich komisch angesprochen oder angesehen werde, das ist hier in Dessau nicht der Fall. Ich fühle mich nur deshalb etwas unwohl, weil es mich irritiert, wie deutsch diese Stadt ist. Unwohl fühlt sich Mario auch. Wir treffen ihn gemeinsam mit Steffen und Marco in einem alternativen Jugendzentrum in Dessau. Das Gebäude gleicht einem Sicherheitstrakt. Kameras der Polizei nehmen draußen am Eingang das Gelände ins Visier. Die Scheibe der Eingangstür wird mittlerweile von einer Holzplatte gesichert, weil die Scheibe zuvor zu oft eingeschlagen worden war.
Im Gebäude fühle ich mich an meine Zeit im AStA, also im Studentenparlament, erinnert. Wir könnten uns in jedem westdeutschen Antifa-Büro Deutschlands aufhalten - es würde genau so aussehen. Was wir zu hören bekommen, klingt allerdings anders.
"Die Wahrscheinlichkeit, in Sachsen-Anhalt Opfer einer rassistischen Tat zu werden, ist zehn Mal höher als in NRW", sagt uns Steffen. Natürlich erinnern auch wir uns an die ganz großen Fälle: 2000 wurde im Stadtpark von Dessau Alberto Adriano aus Mosambik vn Neonazis so schwer zusammen geschlagen, dass er wenige Tage später starb. Der Asylbewerber Oury Jalloh verbrannte 2005 unter mysteriösen Umständen in einer Zelle des Polizeireviers Dessau. Und erst letzten Sommer töteten zwei Männer vor dem Bahnhof von Dessau einen auf der Parkbank schlafenden Behinderten offenbar, weil sie "den Asozialen" vernichten wollten.
Damit sich so etwas nicht wiederholt, engagieren sich Steffen, Mario und Marco in zwei unterschiedlichen Projekten, die auch die Bundesregierung fördert. Ihr Ziel sei es, eine Politik des Hinschauens zu etablieren, ihr Traum eine Zivilgesellschaft. "Das Problem ist, vielen Bürgern ist es einfach egal - das liegt an der Demokratieverdrossenheit. Und an der autoritären Erziehung in 40 Jahren DDR."
Engagiert und eindrucksvoll erzählen sie uns über eine Stunde lang von ihren Eindrücken, von Beispielen, von Opfern, die nicht einmal ein Guthabenkonto einrichten können, weil ihnen die Bank das verwehrt. Was bei mir allerdings hängen bleibt ist ein Satz, den Mario ganz zum Schluss eher beiläufig sagt, als Jan wissen möchte, ob die drei selbst denn keine Angst hätten: "Die Nazis wissen, wo ich wohne, wo mein Auto steht. Wenn ich vor dem Fernseher sitze, hänge ich immer mit einem halben Ohr am offenen Fenster, was dort passiert." Es wäre schließlich nicht das erste Mal, dass sein Auto beschädigt werden würde.
Jan und ich ziehen weiter. Er muss sich im übrigen keine Sorgen machen, versichern uns die Drei: "Du gehörst keiner potenziellen Opfergruppe an." Er sei weder homosexuell, noch Punker, noch Schwarzer oder ein Mensch mit Migrationshintergrund. "Ist das jetzt ein Kompliment?" fragt er und lacht.
Jans Beitrag: Wie rechts ist der Osten? [1LIVE | 16.07.2009 | früh morgens]
Hallo zusammen,
ich find es gut, dass Ihr Euch die Mühe macht, den Osten unseres Landes zu erkunden. Ich komme selbst von dort und lebe seit mittlerweile 6 Jahren hier in NRW.
Mir fällt es auch immer wieder auf, wenn ich nach Hause fahre, dass es dort kaum Menschen mit Migrationshintergrund gibt (zumindest, kaum welche, denen man es direkt ansehen könnte auf Grund der Hautfarbe). Man spürt auch oft, dass unsere Verwandtschaft, wenn sie denn mal hier zu Besuch ist, ein gewisses Unbehagen hat, wenn sie hier auf so viele Menschen der vorher genannten Gruppe treffen, und dass obwohl sie definitiv nichts mit rechtem Gedankengut am Hut haben. Ich glaube es liegt einfach nur daran, dass man im Osten halt keine Möglichkeit hat, sich daran zu gewöhnen, mit anders aussehenden Menschen zusammen zu leben (sind ja kaum welche da :-)). Aus meiner Sicht ein Teufelskreis, denn ich kann verstehen, dass man als "Ausländer" nicht unbedingt freiwillig in eine Region zieht, in der es zu solchen Übergriffen kommt.
Übrigens stimmt es nicht ganz, dass Jan sich keine Sorgen machen muss, bloß weil er zu keiner offensichtlichen Zielgruppe gehört. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass das den Nazis unter Umständen völlig egal ist. Ich kann mich noch an eine Nacht erinnern in der ich mit Freunden (wir waren insgesamt 8) durch mine Heimatstadt Halberstadt gelaufen sind, und urplötzlich von einer "Kinderglatze" mit einer Pistole bedroht wurden. Zum Glück kam nach kurzer Zeit ein älterer Nazi und hat dem Kleinen sein "Spielzeug" weggenommen und ihn zurecht gewiesen. Das hätte aber auch ganz anders ausgehen können.
Ein wirklich geeignetes Mittel gegen diese braune Brut fällt mir leider nicht ein. Klar kann man ständig Demonstrationen usw. veranstalten, ich glaube aber, dass die Menschen die dort leben schon genug sensibilisiert sind, jedoch machtlos daneben stehen, weil teilweise sogar die Rückendeckung seitens der Polizei fehlt.
Das wiederum kann ich auch verstehen, als Polizist (event. sogar mit Familie) hat man wahrscheinlich selbst Angst bzw. läßt sich einschüchtern.
Mich macht es auf jeden Fall immer wieder sehr traurig, wenn ich meine "Heimat" zwar im Fernsehen sehe, aber meist nur mit negativen Schlagzeilen (ich erinnere nur an die Theatergruppe, die von Nazis in Halberstadt zusammengeschlagen wurde).
Mattes am 16.07.09 10:11
Hallo Ihr beiden!
ich verfolge jetzt schon seit Montag eure Berichte. Sehr cool! Freu mich schon auf das nächste Mal, wenn sich Jan meldet!
Tina
Tina am 16.07.09 11:04
Ich finde nicht das es im Osten sonderlich mehr Rechte gibt. Ich wohne in Sachsen und in dem Ort wo ich wohne sind die Rechten eher eine Minderheit.
Klar kann es sein das in Dessau viele Rechte sind aber es gibt in Westdeutschland bestimmt auch solche Orte wo einige rechts sind.
bernd am 16.07.09 11:31
Hallo zusammen,
finde Eure Berichte gut. Komme ursprünglich aus der Nähe von Dessau, lebe aber seit 11 Jahren in NRW.
Vor 17 Jahren wurde ich auch von einer großen Gruppe rechts denkender Jugendlicher angegriffen und krankenhausreif geschlagen. Ist eine schlimme Erfahrung für mich als damals 14 Jährige gewesen. (davor hörte man nur von Übergriffen auf Menschen mit Migrationshintergrund, was ich persönlich auch stark verurteile).
Als ich das erlebt hatte fragte ich mich schon wieso ich? (kein Migr.hintergrund)
Hilfe gab es kaum. Taxifahrer weigerten sich per Funk Hilfe bzw. nen Krankenwagen zu holen aus Angst als nächstes dran zu sein.
Zur Gerichtsverhandlung (die ich trotz der Drohung man würde mich und meine Fam. killen, durchzog) stellte sich heraus das die Mädchen !! und Jungs einfach mal nur lange Weile hatten und ich halt mal am falschen Ort war.
Das Problem ist einfach, dass die Jugend gerade im Osten in den ländlichen Gebieten kaum Beschäftigung in der Freizeit haben und auch arbeitsmäßig da echt der Hund begraben ist. Schon haben gewisse Parteien leichtes Spiel bei der Überzeugung.
Silke am 16.07.09 11:36
Ich denke auch, dass hier oftmals der "Osten" mit verschiedenen Region, wahrscheinlich vor allem mit ländlichen, in Sachsen-Anhalt, gleichgesetzt wird (und Sachsen-Anhalt ist mit nicht einmal 2,5Mio Einwohnern insgesamt ziemlich ländlich).
Wenn dann im Beitrag bejaht wird, dass die Ostdeutschen allgemein Nazis sind, oder es dort besonders viele gibt, kann ich mir vorstellen, dass es genug andere Regionen gibt, die sich da zurecht sehr angegriffen fühlen werden.
Cloud am 16.07.09 11:52
Ich verfolge auch interessiert eure Berichte, da mein Freund ein Ossi ist und in Meck Pomm Wohnt. Er hofft bald eine Stelle in UN oder DO zu finden um bei mir zu sein und mehr Geld zu verdienen. Außerdem brauche ich mir dann keine Sorgen mehr um ihn zu machen. Es wäre nicht das erste mal, dass er und seine Kumpels von rechten provoziert und nach der „Rangelei“ angezeigt werden. Wie Mattes schon erwähnte muss man nicht einer bestimmten Richtung angehören um in einen Streit verwickelt zu werden. Es stimmt auch das viele Bürger Stress lieber aus dem Weg gehen und es beispielsweise einfach ertragen, wenn am Strand eines Baggersees Rechte Musik aus einem Ghettoblaster einer Gruppe junger Leute zu hören ist. Im Osten sind die Rechten mehr in der Öffentlichkeit als hier, dort fehlen halt die Alis die ihre 40 Brüder anrufen und mal aufräumen.;-)
Jasmin am 16.07.09 12:47
Hier wäre jetzt mal eine Statistik ratsam, wieviele rechtsradikale Übergriffe es täglich in NRW gibt... Aber die werden gern unter den Tisch gekehrt, weil man bei Übergriffen in den neuen Bundesländern wieder schön den erhobenen Zeigefinger heben kann...
Marius am 16.07.09 14:09
Das soll natürlich nicht heißen das Gewalt eine Lösung ist. Es ist gute Polizeiarbeit und Kriminalarbeit gefragt. In der näheren Vergangenheit ist doch eine Gruppe/ein Verein aufgeflogen und verboten worden. Die Politik und Polizei muss denen das organisieren von fragwürdigen Zusammenkünften und öffentlichen Auftritten schwerer machen. Was sicher keine leichte Aufgabe ist.
Jasmin am 16.07.09 14:50
Hallo liebes Einslive-Team,
Endlich wird einmal deutlich wie Rechts es teilweise noch im Osten ist :(
Ich komme aus Mülheim ,bin aber des Fußballs wegen seit ca. einem Jahr in Neubrandenburg auf einem Sportinternat und ich muss sagen,mir ist der Rechtsradikalismus hier sehr oft begegnet.
Es gibt sogar teilweise in meiner Klasse-und ich bin auf einem Gymnasium- sehr rechtslastige und menschenverachtende Sprüche,zwar nicht gegen jemanden bestimmten ,aber eben gegen bestimmte Volksgruppen wie etwa Juden,Afrikaner oder Türken.
Und noch viel erschreckender finde ich die Toleranz gegenüber solchem Gedankengut.So eine Einstellung wie das 14-jährige Mädchen in eurem Bericht hatte ,haben auch hier viele junge Menschen.Einfach diese Gleichgültigkeit,wie kann man nur so blind durch die Welt gehen???
Ich habe auch schon einige Dinge erlebt.Da ich am gleichen Tag wie Adolf Hitler Geburtstag habe,wurde ich doch tatsächlich von einem Mitschüler gefragt,ob mich das stolz machen würde.Hallo,gehts noch??
..
Ich habe griechische Verwandte,sehe aber nicht sehr südländisch aus,dennoch werde ich komisch angeguckt wenn ich in meinem Charisteas-Trikot durch die Stadt laufe.
Auch von den Lehrern fehlt hier die nötige Konsequenz und im Geschichtsunterricht wird das auch nicht so behandelt,dass man erschrocken ist über die Taten der Nationalsozialisten.
Übrigens habe ich euren Bericht heute in einem Geschäft gehört,in dem komischerweise Einslive läuft (vllt weil die hier nur uncoole Sender haben ;) ) .
Und was soll ich sagen,es hat keinen interessiert.Es wurde über den Rechtsradikalismus im Osten und die Gleichgültigkeit gegenüber diesem berichtet und jeder hat seine Arbeit weitergemacht und keiner hat genauer hingehört.
Soviel zum Thema !!!!!
Ich kann jedenfalls nur sagen,ich bin froh,dass ich im Pott geboren wurde und ich bin hauptsächlich des Fußballs wegen hier,aber ich versuche zumindest in meinem Umfeld dafür zu sorgen,dass hier keiner Nazi-Parolen verbreitet.
Dennoch muss ich sagen,ich hier nicht später eine Familie gründen wollen!!!
Liebe Grüße
ps:Übrigen hat die NPD in mehreren kleinen Orten bei der diesjährigen Kommunalwahl überf 10% erreicht !!!!!
Meret (17) aus Neubrandenburg/Mülheim am 16.07.09 16:58
Hallo liebes 1LIVE - Team,
als einer der treuesten 1LIVE Hörer im Ostsektor im Dessauer-Kabelnetz habe ich mich sehr gefreut, dass Ihr meiner Heimatstadt die Aufwartung macht, jedoch war der Bericht eher erschütternd, weil hier nur Vorurteile bedient wurden ohne journalistisch in die tiefe zu gehen.
Dessau hat die größte Diche von Weltkulturerbestätten zu bieten, die jährlich tausende internationaler Gäste anziehen.
Also ein wenig positivere Berichte wären schon nicht schlecht, denn es lebt sich wirklich gut in Dessau.
Und wenn Ihr ein Interview in einem AJZ im Westen führt (Linkes alternatives Jugendzentrum) wird es sein, dass man dort auch Angst vor rechtsradikalen verspürt.
Andreas K. am 16.07.09 17:32
Hallo!
ich bin ein mensch mit offensichtlichen Migrationshintergrund nämlich meine dunkle Hautfarbe. und leider stehe ich vor der entscheidung einen studienplatz in rostock aufgrund der rechten szene nicht anzunehmen, obwohl er meinen vorstellungen entspricht. Ich würde mich sehr freuen ein feedback zu erhalten. Bin ich übervorsichtig oder vernünftig? Es ist wirklich traurig in einem aufgeklärten Land wie Deutschalnd es ist vor solch einer Entscheidung stehen zu müssen.
no name am 17.07.09 9:35
Hallo allerseits,
meine erste persönliche Begegnung mit einem Nazi war ein Klassenkamerad in der 5. Klasse eines Stink-Normalen-West-Gymnasiums und das war Anfang der 70er in Niedersachsen. Und bei Besuchen in der "alten" Heimat habe ich dann auch Einiges über die Borussen-Front in Dortmund gelernt.
Seit 10 Jahren lebe ich in Thüringen - natürlich gibt's die Rechten hier auch. Aber ich halte es für viel zu kurz gegriffen, daraus ein Ost-Problem machen zu wollen. Woher stammen denn die Kameraden Heise & Co? Wessis, die nach der "Wende" rübergemacht haben und erfolgreich "missionieren". Und wer hat den rechte Ideologie und Fremdenfeindlichkeit in die Mitte der Gesellschaft hereingetragen? "Das Boot ist voll" ist kein Slogan der Glatzen.
Ich habe die Wahlergebnisse in der alten Heimat in den letzten Jahren nicht mehr im Detail verfolgt - aber es gab mind. in Dortmund Gegenden, wo die Rechten genauso hohe Anteile erreicht haben, wie in einigen Ostgebieten. Ich halte Dortmund übrigens für eher typisch und nicht für die letzte Ecke des Ruhrgebiets.
Gruß Martin
Martin am 17.07.09 18:15
Hey
also ich selbst komme ursprünglich aus Dessau und bin vor einem Jahr nach NRW gezogen. Ich habe sehr gern dort gelebt, denn wenn man nicht in diesen (rechten)Kreisen verkehrt oder sich in irgendeiner Weise gegen rechts engagiert dann kommt man kaum mit Rechten in Kontakt und bemerkt diese soviel proklamierte Ausländerfeindlichkeit gar nicht.
Karolin am 18.07.09 22:36
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