Wunderbare Stadthäuser, wohin wir blicken. Dazwischen breite Alleen - auch am Morgen nach dem sentimentalen ersten Abend im Osten bleibe ich dabei: Leipzig ist beeindruckend schön. Wie hoch hier wohl die Mieten sind, frage ich mich - zumal ich die Angewohnheit habe, in fremden Städten (übrigens auch in Urlaubsregionen, in die ich niemals ziehen würde) nach dem Preis von Wohnungen zu schauen, um mir einen Augenblick lang vorzustellen, wie es wäre, hier zu leben. Ganz abwegig erscheint mir die Vorstellung hier in Leipzig jedenfalls nicht.
Eine Wohnung zu finden, dürfte hier relativ einfach sein. Überall hängen Schilder, die auf leeren Wohnraum hindeuten. Leipzig, die "Boomtown" des Ostens, hat schließlich ein Problem: Über 40.000 Wohnungen stehen hier leer. Ein Kontrast aus (Gewerbe-)Neubaten, massenhafter Sanierung - vor allem der Jugendstilhauser - und Verfall prägt die Stadt. Interessant dabei finden wir die vollkommen neue Nutzung manch alter Gebäude. Ein Beispiel hierfür ist die Spinnerei Plagwitz.
Vor ein paar Wochen erst war Bundeskanzlerin Angela Merkel hier, um die Feierleichkeiten zum 125. Geburtstag einzuläuten. So alt ist dieses Gelände, wo einst die Leipziger Baumwollspinnerei, die europaweit größte Fabrik ihrer Art, stand. Statt der Fabrikarbeiter von einst treffen wir hier auf Künstler, Mitarbeiter von Werbeagenturen und Galeristen. Eine von ihnen ist Arne Linde.
Mitte der 90er kam die Wuppertalerin zum Studieren nach Leipzig. "Ich wollte einfach mal etwas anderes sehen", erinnert sie sich zurück und bereut gar nichts. Die Studienbedingungen waren super: "Wir saßen mit zehn Leuten im Seminar." Außerdem war es hier ursprünglicher. "Als Westkind wusste ich zum Beispiel nicht, dass man mit Kohle heizen kann - ich dachte bis dahin, Zentralheizung wäre Menschenrecht."
Mittlerweile hat Arne Linde mit ASPN auf dem Gelände der Spinnerei eine eigene kleine Galerie. Während im Nebengebäude eine der typischen Holzfiguren von Stephan Balkenhol mitten im Raum steht, werden bei ihr gerade Fotos eines Berliner Künstlers aufgehangen. Ein paar Häuser weiter - ebenfalls auf dem Gelände - hat auch Neo Rauch sein Atelier. Obwohl er als einer der zeitgenössischen deutschen Künstler gefeiert wird, ist er seiner Geburtsstadt Leipzig treu geblieben. "Oft kommen hier Touristen rein, die erfahren haben, dass er sein Atelier hier hat und fragen, wo genau das Gebäude steht", erzählt die 32-Jährige, die ihn kennt und als umgänglichen Künstler schätzt.
Als Düsseldorferin fühle ich mich hier wohl. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass die ganzen talentierten Studenten der Kunstakademie Düsseldorf auch gerne in einem solch großzügigen Umfeld kreativ werden würden. Ich erinnere mich an eine Begegnung auf einer Vernissage: Jochen, Mitte 20, faszinierender Maler, erzählte stolz, er habe gerade für ein paar Monate im Rahmen eines Stipendiums ein Atelier zur Verfügung gestellt bekommen. Ein Loch, müsste man mit ostdeutschem Blick feststellen. Es kommt offenbar immer auf den Blickwinkel an.
Boa, ey, Schiwa, DU LÜGST WIE GEDRUCKT! Das ist alles so gar nicht passiert! Entweder Du liest auf www.boehmermann.de wie es wirklich war, oder ich blogge hier ab morgen mit und DANN KANNSTE WAS ERLEBEN!
Krasse Frau, einfach nur. Krasse Frau!
Jens Böhnermann am 14.07.09 23:34
Hallo, ich bin gestern aus dem Sektor (Werl) in die Zone (Vogelsang an der
Oder) gezogen (Endführt worden). Solltet Ihr in den nächsten Tagen in die
Nähe von Eisenhüttenstadt kommen, könntet Ihr beim Kisten tragen mit
anpacken. Es wird Muckefuck (Kaffe ähnlicher Sudaufguss - Malzkaffe) geben.
Hunger wird durch Strammehaltung ersetzt.
Euer treuer Höhrer
Holger
Holger am 15.07.09 8:54
Hallo, ich nochmal: Mietpreise sind auch innerhalb der Stadt recht unterschiedlich. Ich bezahle für meine knapp 70qm große ALtbauwohnung, saniert, drei Zimmer, Balkon, erste Etage in Schleußig, einem Kinderwagen-Öko-Bezirk (Pberg Leipzigs, sagen manche) 390 Euro warm. Für eine vergleichbare WOhnung im Osten der Stadt zahlt ein entfernt Bekannter 160 Euro. In Gohlis ("Wem's zu wohl is, der zieh nach Gohlis") oder im Waldplatzviertel wären sicher 500 Euro drin für Vergleichbares.
Eine alternative Hausnutzung, die vor allem wirklich mittellosen Vereinen und Künstlern zugute kommt, ist das Prinzip des Wächterhauses des Vereins HausHalten. Unter der Regie des Vereins sanieren die Mieter alte Häuser von innen heraus und nutzen ("bewachen") die Häuser, damit sie nicht dem Verfall zum Opfer, äh, fallen. Gibt es auch in Halle und in Görlitz, soweit ich weiß. Und ist hier Quell für Kreativität!
Viele Grüße,
Dominik
Dominik am 15.07.09 12:53
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Leipzig, 8:36 Uhr, zumindest wettertechnisch trübe Aussichten. Doch die Nacht war extrem erholsam, der Fernseher liefert mir übers Digitalradio 1LIVE - was will man mehr?
Nebenan, im Zimmer 143, hat sich Jan Böhmermann noch einmal für eine Dreiviertelstunde hingelegt. Sei ihm gegönnt, denn während ich hier das Onliner-Dasein im Tiefschlaf genossen habe, hat er sich heute früh rausgeschlagen, Leipziger nach dem Feiern getroffen (ist hier eben nicht anders als am Düsseldorfer Hauptbahnhof morgens früh gegen 6 - für alle Nicht-Düsseldorfer oder Umland-Techno-Pilger: Hier befindet sich mit dem Rheingold der Afterhourschuppen) und schon die ersten drei Radiogespräche mit Tobi Schäfer und Andreas Bursche hinter sich gebracht. Wir sind ja nicht zum Spaß hier ;-)
Ich plane derweil den ersten Tag. Um 10 Uhr steht der erste Termin bevor. Um 14 Uhr haben wir ein Date mit einem der Spreadshirt-Gründer. Kriegen wir es zwischendurch noch hin, euren Tipps zu folgen? Denn davon gibt's einige.
Ja, die Interviews habe ich gehört und
ich hätte mehr von euch erwartet, als eine unsensible Anspielung auf Vorurteile und Stereotypen (wie "...diese hier versaufen wohl nicht unser Geld", oder "sprechen kein Hochdeutsch...schrecklicher Dialekt".) Habt ihr nichts Neues aus dem Osten?
Julia Richter am 14.07.09 9:13
Julia,
klar geht es hier um das Aufräumen von Vorureilen allerdings ist auch der Humor nicht ganz weg zu denken. Jan Böhmermann ist Comedian und das ganze soll auch unterhalten.
Hier im Blog erfährst du Seriöses von Schiwa
Jan Preuß am 15.07.09 15:30
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