Dienstag, 01.07.2014

Anonym bewerten, anonym bleiben

Wir bewerten ständig. Alles. Unbewusst. Wie schmeckt uns das Brötchen? Wie freundlich ist die Verkäuferin? Wie gefällt mir das Wetter? Wie fährt eigentlich der Typ im Auto nebenan? Was wir denken, bleibt jedoch in der Regel ein wohl gehütetes Geheimnis. Unausgesprochen. Bestenfalls Freunde und Familie bekommen schon mal mit, was wir denken. Das hat sich durchs Internet verändert: Hier kann jeder erfahren, was wir denken. Viele der privaten Beurteilungen werden öffentlich - in Bewertungsportalen. Plötzlich wird jeder zum Buchkritiker. Zum Musikkritiker. Hotelbewerter. Selbst Ärzte lassen sich heute öffentlich beurteilen.

Bewertungsportale; Rechte: dpa/Picture Alliance
Jeder kann im Netz Ärzte bewerten


BGH schützt die Anonymität
Es liegt in der Natur der Sache, dass Beurteilungen von Privatleuten nicht zwingend professionellen Kriterien entsprechen. Sie sind subjektiv - und damit nicht unbedingt fair. Manchmal entsprechen sie nicht mal den Tatsachen. Ein Arzt aus Schwäbisch-Gmünd hatte deshalb gegen das Bewertungsportal Sanego auf Herausgabe der Daten eines Nutzers geklagt, der auf dem Portal falsche Behauptungen veröffentlicht hat (Wartezeit: drei Stunden, Patientenakten würden in Wäschekörben aufbewahrt). Doch der BGH hat jetzt festgestellt: Auf zivilrechtlichem Weg (es sollte um Schadenersatz gehen) besteht kein Anspruch auf Aufheben der Anonymität.

Ein starkes Stück: Der Arzt erfährt nicht, welcher Patient ihn angeschwärzt hat - obwohl die Behauptungen im Netz unzutreffend waren. Das Bewertungsportal Sanego hatte sich auf WWW: Paragraph 13 des Telemediengesetzes (TMG) berufen. Das Gesetz sieht vor, dass Anbieter von Bewertungsportalen und Diskussionsforen ihre Nutzer wirkungsvoll schützen und eine anonyme Nutzung oder unter Pseudonym ermöglichen müssen. Was soll man sagen: Gesetz ist Gesetz, der BGH hat also vollkommen konsequent entschieden.

Bewertungsportal Sanego; Rechte: WDR/Sanego
Bewertungsportal Sanego: Hier müssen sich Ärzte Bewertungen gefallen lassen


BGH schützt die Anonymität
Wenn Patienten befürchten müssen, nicht anonym zu bleiben, dann machen Bewertungsportale keinen Sinn - argumentieren die Richter. Das ist sicher richtig. Welcher Patient würde das Risiko eingehen, sich kritisch über seinen Arzt zu äußern, wenn sein Schicksal in dessen Händen liegt? Wohl kaum jemand. Ich muss zugeben, dass ich zwiegespalten bin, was Bewertungsportale anbelangt. Zum einen lassen sie sich kinderleicht manipulieren, zum anderen können sie aufschlussreich sein. Es gibt keine objektiven Kriterien - und manchmal ist gerade die subjektive Beurteilung interessant. Jeder bewertet, wie er will. Subjektiv. Nach eigenen Kriterien. Und oft genug wird einfach nur Dampf abgelassen.

Die möglichen Folgen interessieren viele nicht. Und das alles sogar ohne jemals Verantwortung übernehmen zu müssen, wie das aktuelle Urteil zeigt. Das ist problematisch, da sich jeder hinter dem Privileg der Anonymität verstecken kann. Da gehen mit dem ein oder anderen schon mal die Pferde durch - und das ist eigentlich unzumutbar. Auf der anderen Seite ist Anonymität oft auch sehr wichtig. Bedauerlich, dass manche dieses Privileg schamlos missbrauchen. Man kennt das auch aus Internetforen und Kommentarspalten.


Anonymität ist wichtig, aber Missbrauch übel. Es wäre ein Leichtes, dem Kritisierten im Portal eine Stellungnahme/Richtigstellung zu ermöglichen und somit eine Art "Neutralisierung" zu erreichen. Sowas gibt es gelegentlich ja schon.

Fritz am 1.07.14 11:19

Zum einen gibt es ja die Möglichkeit, auf strafrechtlichem Wege des Verleumders habhaft zu werden, zum anderen wäre die "Stellungnahme"-Funktion wahrscheinlich dann eine Funktion, die nur zu bezahlten Schreiberlingen führen würde :)

Twister (Bettina Hammer) am 1.07.14 11:50

Guten Tag, Herr Schlieb,
vielen Dank für Ihre ausgewogene Stellungnahme.
Ich finde dieses Urteil nicht in Ordnung, weil es Denunzianten begünstigt, ja ermutigt.
Auch ich bin (als Arzt) schon Opfer solcher "Bewertungen" geworden.
In einem Fall behauptete ein Patient, ich hätte mir eine "verdreckte Wunde nicht einmal angesehen und dann ohne Desinfektion von einer Mitarbeiterin (hätte) verbinden lassen".
Ein Weiterer hat mich vor versammeltem Wartezimmer wüst beschimpft, ich hätte eine Lipom ein Jahr zuvor übersehen und somit nicht entfernt, obwohl dies ein jahr vorher überhaupt noch nicht vorhanden war.
Da er seine "Bewertung meiner miserablen Arbeit" laut und vernehmlich verkündet hatte, konnte ich beim Bewertungsportal die Löschung seiner Behauptungen erreichen, seine "Benotung" wurde jedoch nicht gelöscht.
Das Recht auf Äußerung der freien Meinung muss da enden, wo objektiv falsche Aussagen gemacht werden!

Wolfgang Mehlen am 1.07.14 20:19


An der Anonymität im Netz sollten wir nicht rühren! Die Nebenwirkungen wären gravierend, der Nutzen gering. Ausnahmen mag es bei Volksverhetzung oder wirklich schweren Straftaten geben. Das ist dann eine Ausnahme mit richterlicher Anordnung.

Wenn keine anonyme Kritik mehr möglich ist, kann jede finanzstarke Organisation jede Kritik aus dem Netz klagen. Man muss die Prozesse am Ende gar nicht mal gewinnen. Allein die Aussicht auf jahrelange Prozesse wird die meisten Kritiker verstummen lassen. Eine seriöse Firma wird mit dem Kritiker Kontakt aufnehmen und die Sache klären. Das geht auch jetzt. Gerade die Unseriösen werden Kritik wegklagen.

Man könnte keine zweifelhafte Organisation kritisieren, keinen Arbeitgeber, keinen Kaffeefahrtenverkäufer, keine Bank, nicht mal ein schlechtes Produkt. Außerdem würde es bald anonyme Bewertungsportale im Ausland geben, die für hiesige Rechtsprechung unerreichbar sind. Die wird der Verleumder gerne nutzen, der normale Kritiker lieber nicht.

Bertram in Mainz am 2.07.14 17:48

@Wolfgang Mehlen-das Urteil nicht verstanden?es ist damit nicht ausgeschlossen auf Strafrechtlichem Wege seine Interessen durchzusetzen.Abgesehen davon-was sie da schildern mit ihrem Patienten-dafuer gibt es die Polizei und die ist rasch da wenn man 110 anruft!Das das Portal seinen Kommentar geloescht hat,haben sie ja erreicht-das die Bewertung( eine 4 oder schlechter?)stehen blieb ist doch voellig klar,denn das ist eine subjective Bewertung und eben kein Kommentar der eunter Umstaenden gerichtlich ueberprueft werden kann.Wenn ich der Meinung bin ihre Arbeit entsprcht nach meinem dafuerhalten nur einer Zeugnisnote von 4 ist dies eben nicht Gerichtlich ueberpruefbar-da damit eben keinerlei Beleidigungen oder Unwahre Tatsachenbehauptungen einhergehen.Das sie sich dadurch "auf den Schlips getreten fuehlen"ist fuer ein gericht kein Masstab.Kleiner Tip:derartiege Bewertungsportale interessieren nur Patienten an denen ihnen sicher nicht gelegen ist-und schlechte Aerzte.. ;)

Ach je am 9.07.14 10:10

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Montag, 30.06.2014

Dieses Posting wird Dein Leben verändern

"Unglaublich: Du wirst Deinen eigenen Augen nicht trauen". "Unfassbar, dass ein Mensch so etwas überlebt." "Dieses Bild wirst Du nie wieder vergessen." Es sind Überschriften wie diese, die ausschließlich niedere Instinkte ansprechen, garantiert keinen Inhalt haben - doch leider unglaublich gut funktionieren. Es gibt mittlerweile diverse "Portale" wie Buzzfeed oder Heftig, die auf diese Weise in den Social Media Dumme suchen, die willig genug sind, solche Headlines anzuklicken. "Click Bait" wird das genannt: eine neue Seuche im Netz.

Dummheit stirbt leider nicht aus. Da hilft nur Aufkärung - zumindest ein bisschen. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Jedenfalls habe ich ein WWW: Video entdeckt, das ganz wunderbar das Phänomen Click Bait erklärt: Unterhaltsam, bissig - und leider wahr. Unbedingt anschauen. Und danach bitte nie wieder auf einen Clickbait-Trick reinfallen.

Und richtig übel wird es dann, wenn das beim blauen f passiert - und anschließend automatisch(!) ein Newsfeed generiert wird, dass man selbst diesen Link empfiehlt(!)... So dass die eigenen Freunde da auch noch draufklicken.

Melbournian am 1.07.14 10:17

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Montag, 30.06.2014

Wie Facebook uns bevormundet

Es ist eines der großen Themen derzeit: Facebook hat den ARD: Newsfeed von 690.000 Usern manipuliert - für eine Woche. Die Empörung im vorliegenden Fall will mir aber nicht so ganz einleuchten. Rechtlich ist Facebook auf der sicheren Seite, denn solche A/B-Tests sind laut allgemeinen Geschäftsbedingungen ausdrücklich gestattet. Solche Tests müssen auch möglich sein, anders ließe sich ein Dienst wie Facebook nämlich auch nicht optimieren. Eindrucksvoll jedenfalls, dass sich die Empörung laola-mäßig im Web und in den Medien verbreitet. Die Facebook-Studie wird dadurch ironischerweise bestätigt: Ja, wir lassen uns von den Stimmungen anderer anstecken. Empören jedenfalls macht gemeinsam mehr Spaß.

Schatten vor Facebook-Logo; Rechte: dpa/Picture Alliance
Facebook entscheidet was wir sehen


Wie Facebook mit dem Edgerank filtert
Doch die Aufregung in diesem speziellen Fall wirkt auf mich arg übertrieben. Denn Facebook filtert grundsätzlich unsere Newsfeeds - und das schon seit Jahren. Allerdings ist das nur den wenigsten klar. Doch wohl jeder hat schon mal erlebt, dass nicht jedes Posting von Freunden durchkommt. Warum hast Du denn nicht auf meine Einladung auf Facebook reagiert? Na, weil ich sie gar nicht gelesen habe. Nicht alles, was Freunde oder Bekannte auf Facebook posten, landet auch verlässlich im eigenen Newsfeed. Facebook entscheidet, was für jeden einzelnen User interessant ist und was nicht.

Facebook hat einen hoch-komplexen Algorithmus entwickelt. Der so genannte WWW: Edgerank legt für jeden einzelnen von uns individuell fest, was relevant ist und was nicht, was wir zu sehen bekommen und was verborgen bleibt. Es gibt mehrere Dutzend verschiedener Faktoren, die in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen. Reagiere ich nie auf die Beiträge eines Kollegen, dann werden seine Beiträge irgendwann aus dem Newsfeed gekickt. Wir sehen also NIE alles, was wir eigentlich sehen wollen. Facebook entscheidet eigenmächtig. Wir haben keinerlei Möglichkeit, darauf Einfluss zu nehmen.


So funktioniert der Edgerank


Manipuliert wird überall
Den Edgerank gibt es schon lange, nur weiß kaum einer so richtig davon - und deswegen regt sich auch niemand darüber auf. Facebook verkauft den Usern den Edgerank gerne als nützliches Werkzeug, damit mehr Ordnung und Übersicht in den eigenen Newsfeed kommt. Das ist sehr fürsorglich von Facebook und ganz sicher nett gemeint - aber warum gibt es wohl keine Möglichkeit, diese ungewöhnliche Art der Bevormundung abzuschalten? Richtig: Weil es wirtschaftliche Interessen gibt.

Facebook bietet die Möglichkeit, für die Vorzugsbehandlung eines Postings zu bezahlen. Blättert man nur genug auf den Tisch, spielen Relevanzkriterien plötzlich keine Rolle mehr, dann erscheint ein Posting bei allen. Davon machen Firmen und Werbeagenturen Gebrauch, die ein vitales Interesse daran haben, mit einem Posting möglichst viele Menschen zu erreichen - in kurzer Zeit. Der Edgerank erhöht den Leidensdruck dieser Leute und bietet einen Ausweg aus dem Nicht-Gesehen-Werden. Und je mehr Menschen ein Posting zu sehen bekommen und je weniger sie ansonsten zu sehen bekommen, desto höher sind die Klickraten und damit die Erträge.

Vielleicht sollte man sich darüber beschweren - das erscheint mir sinnvoller. Nicht, dass es den Edgerank gibt und dass Facebook Geld verdienen will - das geht in Ordnung. Aber dass es keine Möglichkeiten gibt, diesen Edgerank und damit die Bevormundung von Ober-Papa Mark Zuckerberg abzuschalten.

Ich bin zwar überhaupt kein Facebook-Fan (und benutze es gar nicht), aber ich kann durchaus nachvollziehen, wie Facebook dazu kommt. Alles anzuzeigen, ist bei der Flut an Zeug von allen Seiten völlig sinnlos und Geld dafür zu nehmen, dass irgendwas garantiert durchkommt, ist eine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Die Benutzung selbst kostet ja nichts. Einem geschenkten Gaul und so weiter...

Und ja, ALLE Medien filtern. Das ist kein Bug, das ist ein Feature. Auch der WDR berichtet nicht über alles, das wäre ja auch unmöglich. Ob man sich von einem so undurchsichtigen Laden wie Facebook abhängig machen möchte (wenn man es denn tut), ist natürlich eine ganz andere Frage, aber: Man muß es ja nicht und wer es tut, bezahlt nichts dafür. Wer sich darüber aufregt, was Facebook macht, soll es halt einfach nicht benutzen. Das ist ja weder Pflicht noch eine öffentliche Dienstleistung. Mir geht diese künstliche Aufregung auf die Nerven.

joh am 30.06.14 19:33


So harmlos sehe ich den Vorfall nicht. Man nimmt uns die Kontrolle über Daten und Datenflüsse in kleinen Portionen weg. Jeder einzelne Vorfall scheint nicht so schlimm. Aber in der Summe entsteht eine schleichende Bevormundung. Ab wann soll man protestieren? Wo doch jedes Häppchen so unbedeutend klein ist? Ich bin froh, dass endlich überhaupt mal protestiert wird!

Jede Bevormundung ist nämlich die Basis für weitere Bevormundung. Man testet immer auch aus, wie weit man gehen kann. Ein marktbeherrschendes Unternehmen ist kein kleiner Verein, der sich seine eigenen schrulligen Regeln geben darf. Insofern ist der Protest nicht nur berechtigt, sondern sogar notwendig. Meine dringende Bitte an die Fachjournalisten: Bevormundung jeder Art anprangern, nicht entschuldigen! Wer sonst sollte den Trend bremsen?

Bertram in Mainz am 30.06.14 22:06

Ach je Bertram-wer "bevormundet"dich denn-wenn DU selber fuer lau deine Daten einem Unternehmen ueberlaesst,dessen Geschaeftsmodell es ist mit diesen Daten die dicke Kohle zu machen?
Keiner zwingt dich dazu!Reg dich lieber ueber unsere Regierung(en)auf-die uns alle bespitzeln und manipulieren!Okay,eigendlich sind unsere Regierungen ja nur die Handlanger ihrer Geldgeber(welche wir nicht sind)-aber zumindest steht es ja eigendlich in unseren Verfassungen,das wir die Buerger des Landes durch die Regierungen "repraesentiert"werden,was faktisch aber schon lange nicht mehr der Fall ist.Bei Protesten aber gegen die 5 eyes-da habe ich dich aber auf der Strasse,wie so viele andere,vermisst!
Warum?

robin am 1.07.14 7:48

Man kann doch Facebook so einstellen dass man gar nicht zu sehen bekommt was Andere schreiben. Einfach den Haken bei den Leuten die man in der Liste hat bei abonnieren weg machen und es wird nicht mehr angezeigt.

Lilly am 1.07.14 9:17

Diese selbstverliebten Exhibitionisten, die nichts wichtigeres zu tun haben, als sich in Facebook auf den Präsentierteller zu legen, können mir nicht im geringsten leid tun. Wer so bescheuert ist, aus Wichtigtuerei seine intimsten Daten Preis zu geben, der hat kein Mitgefühl verdient. Aber Hauptsache: "up to date" sein............:-(

spacedrummer am 1.07.14 12:24

Ich bin ein Facebook Verweigerer. Und das ist auch gut so.

Dieter am 1.07.14 14:51

Genau wie joh und robin finde ich die Aufregung übertrieben. Wer nimmt denn hier wem Kontrolle über Daten weg? Facebook doch nicht. Jeder Nutzer stellt seine Daten selbst ins Netz. Die "Bevormundung" ist nicht größer oder relevanter als bei jeder Tageszeitung. Da entscheidet nämlich auch eine Redaktion anhand geografischer Nutzerdaten, was bei euch in den Lokalteil kommt... :-)

Es hat zwar nichts mit FB zu tun, aber beim Punkt "Regierung wird von Industrie" kontrolliert möchte ich robin doch widersprechen. Dann gäbe es viel weniger Datenschutz, Arbeitnehmerrechte, Arbeitsschutz, Umweltschutz oder die halbe Million straf- oder kostenbewehrte Vorschriften, die die Industrie nerven.

Sven Kalbitzer am 1.07.14 15:07

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