Donnerstag, 10.07.2014

Bist Du auch schon berühmt?

Früher hatte der gut bestückte Bildungshaushalt ein 20-bändiges Lexikon im Wohnzimmer stehen. Wenn man mal etwas wissen wollte, konnte man dort alles nachschlagen. Solche gedruckten Enzyklopädien gibt es bekanntlich nicht mehr. Die Welt dreht sich einfach zu schnell - und außerdem gibt es Wikipedia. Aber nicht nur die Art und Weise des Nachschlagens hat sich durch Wikipedia verändert, sondern auch die Beurteilung, was eigentlich wichtig ist - und was nicht. Relevant ist, was man in Wikipedia findet - und als vermeintlich wichtig darf gelten, über wen es einen Eintrag in Wikipedia gibt.

wikipedianamen.png


Community entscheidet, wer erwähnenswert ist
Heute schaffen es auch WWW: Soap-Sternchen oder WWW: IT-Promis ins kollektive Wissen - oder WWW: Blogger. Die Kriterien, wer in Wikipedia auftaucht und wer nicht, sind nicht objektiv. Einer muss den ersten Eintrag einstellen - und dann muss die Wikipedia Community der Meinung sein, dass es die Person wert ist, im Onlinelexikon aufgeführt zu werden. Das führt allerdings zu einer regelrechten Explosion der "wichtigen Leute".

In dieser WWW: interaktiven Grafik kann man gut sehen, wie viele Menschen es ins Wikipedia-Lexikon geschafft haben. Die Grafik stellt die Zahl der Geburten und die Zahl der Nennungen von Personen mit diesem Geburtsjahr in Relation. Und siehe da: Richtig häufig erwähnt werden erst Menschen, die ab dem 18. Jahrhundert geboren wurden. Die letzten 50 Geburtsjahre sind besonders gut vertreten.

Wikipedia sorgt für schnelle Prominenz; Rechte: Schieb
Wikipedia sorgt für schnelle Prominenz


Wahrnehmung verändert sich
Die Grafik ist mehr als eine Spielerei. Sie zeigt, wie sich Wahrnehmung und Wertschätzung verändern. Früher musste wirklich viel passieren, damit man in einem Lexikon landet - heute geht das schneller. Viel schneller. Doch obwohl in Wikipedia theoretisch auch jeder Künstler oder auch nur besonders Begabte aus dem 17., 18. oder 19. Jahrhundert erwähnt werden könnte, ist das nicht so. Denn diese Talente von einst sind vergessen. Das Internet verändert das kollektive Gedächtnis. Jetzt kann theoretisch jeder im Lexikon landen - die Schwelle liegt deutlich niedriger.

Naja, im Internet ist mehr Platz als in 20 Bänden und wenn irgendjemand genug Interesse an irgendwem aus dem 18ten Jahrhundert hat, wird er irgendwann einen Eintrag haben.

So oder so: Wikipedia ist VIEL ausführlicher als ein Lexikon. Klar fehlen Dinge, aber in Lexika fehlen viel mehr, wenn auch andere Dinge. Wikipedia gehört eigentlich in das Weltkulturerbe aufgenommen. Es ist mehr wert als der Rest des Internets zusammengenommen. Wenn irgendwann die Zivilisation kollabiert, werden die mit einer Wikipedia-Kopie die Könige sein.

joh am 11.07.14 3:01

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Donnerstag, 10.07.2014

Russisches Fernsehen fällt auf Postillon rein

Mit Ironie ist das so eine Sache: Sie kann erheitern - oder verwirren. Ein schmaler Grat, auf dem man da wandert. Die Onlinepublikation WWW: Der Postillon ist ein schönes Beispiel. Ich bin ein riesiger Fan vom Postillon. Hier werden aktuelle Nachrichten aufs Korn genommen - und so erzählt, dass sie beinahe wahr sein könnten. Leicht übertrieben, manchmal auch heftig übertrieben, aber immer spielt der Postillon mit den üblichen Worthülsen und Verhaltensmustern. Deshalb muss man manchmal zwei Mal lesen, bis man kapiert hat, dass alles nur Spaß ist. Einer meiner Lieblings-Posts im Postillon: WWW: Bundesregierung übt dezente Kritik an US-Nuklearschlag gegen Deutschland.

Witzig? Jein. Natürlich übertrieben - oder vielleicht auch nicht? Denn in der NSA-Affäre verhält sich die Bundesregierung genau so. Motto: Egal was passiert, nur nicht meckern. Doch weil Ironie ein gefährliches, da Missverständnisse hervorrufendes Mittel ist, setzt man im Journalismus nur vergleichsweise selten Ironie ein. Außer in Glossen oder Kommentaren - und dann steht es auch fett darüber. Damit niemand erschrickt oder das Geschrieben, Gesprochene oder Gesendete für bare Münze nimmt.

Schwierig wird es, wenn Sprachbarrieren dazu kommen. Das russische Fernsehen hat jetzt eine Meldung vom Postillon für WWW: bare Münze genommen - und gesendet. Es ging um den haushohen Sie 7:1 gegen Brasilien. Angeblich hat das einen deutschen Wirt pleite gemacht - weil er für WWW: jedes deutsche Tor einen Schnaps versprochen hat.

postillon_ru.png
Russisches Fernsehen fällt auf Postillon herein

Liebe Kollegen aus Russland: Nicht traurig sein. So etwas ist auch schon deutschen Journalisten passiert, etwa einem WWW: Radiosender aus Nürnberg. Das Satiremagazin führt uns Journalisten immer wieder an der Nase herum, teilweise, indem einfach das WWW: Publikationsdatum gefälscht wird.

... und was ist aus dem Bäcker geworden, der für jedes dt. Tor ein Gratis-Brötchen versprochen hatte ... Die Meldung kam von der AKS!

Schwadralla am 10.07.14 17:46

Ich liebe den Postillon. Aber noch viel lustiger sind die Leute, die die Artikel für wahr halten.

Frank am 10.07.14 18:16

Hallo Herr Schieb! Der "Postillon" ist eine SATIREseite. Ironie ist etwas ganz anderes.
Die russischen Medien können halt mit Satire nicht umgehen. Wozu auch?
Das lernen sie erst, wenn sie den lupenreinen Demokraten los sind!

joergus am 11.07.14 18:09

Naja, es gibt aber auch in Deutschland viele Leute, die den Postillon ernst nehmen. Ein schönes Beispiel ist der Artikel "Jugendlicher nach Cannabis-Konsum eingeschlafen". Nach Veröffentlichung dieses Artikels kamen haufenweise Kommentare, dass Cannabis gar nicht so schlimm sei und man das nicht aufspielen solle, sogar der TV-Sender VIVA, zugegeben nicht gerade journalistisch gut, berichtete von diesem Artikel im Videotext, als ob er wahr wäre.

Bob Ross am 11.07.14 22:30

Ironie und Sarkasmus sind eben Mittel, die die Realität ertragen helfen und sie - manchmal - leichter machen.
Und gelegentlich tauchen Meldungen, bei denen man sich fragt, ob derjenige, auf den sie zurückgehen, nicht von allen guten Geistern verlassen sind.

Wenn z.B. ein britischer Beamter einer Verbraucherschutzbehörde 'Drachenwurst aus Wales' mit der Begrüund verbietet, der Verbraucher würde davon ausgehen, dass in dieser Wurst Drachenfleisch verarbeitet sei, oder Kardinal Antonelli verkündet die UNESCO wolle bis 2030 50% aller Jugendlichen schwul machen, dann schreit das nach einer Antwort.

Auch im Fantasybereich macht das sehr viel Spaß, etwa wenn der Drache Smaug als harmloser Bundesbanker geoutet wird oder der Grund für Peter Pans platonische Beziehung zu Glöckchen bekannt wird.

Diese Satire hat eine lange Tradition, so ist auch schon einmal die DDR auf den fiktiven Diplomaten Dräcker reingefallen, der in der Antarktis eine Eisscholle als deutsche Kolonie in Besitz nahm.

Hagen Ulrich am 12.07.14 7:58

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Dienstag, 08.07.2014

Kartoffelsalat für 33.000 Dollar

Crowdfunding ist im Augenblick total angesagt. Wer eine Idee hat und für die Umsetzung Geld braucht, der wendet sich heute nicht an Banken, sondern an die interessierte Allgemeinheit - die Crowd. Auf diese Weise wird heute bequem alles Mögliche finanziert, ob Konzerte, Events, Möbel, Hardware oder Software. Selbst ein WWW: Kartoffelsalat soll jetzt per Crowdfunding finanziert werden. Das Ziel der Finanzierung ist nicht sonderlich hoch gesteckt: 10 Dollar: Mehr Geld wollen die "Köche" des Kartoffelsalats nicht zusammenbekommen.

Doch die Idee ist eingeschlagen wie eine Bombe. Die Macher des Projekts haben bereits über 33.000 Dollar eingespielt - und haben noch etliche Tage Zeit, weitere Unterstützer zu finden. Viel Geld werden die Investoren nicht machen können. Aber sie können einmal sagen: Wir waren dabei - wir haben den teuersten Kartoffelsalat der Menschheitsgeschichte mitfinanziert. Da bereits über 3.000 Leute mitmachen, müsste das schon ein sehr großer Salat werden, damit alle satt werden.

Crowdfunding-Projekt Kartoffelsalat; Rechte: Kickarter
Crowdfunding-Projekt Kartoffelsalat

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