Dienstag, 05.05.2015

re:publica 2015: Es geht ums Geschäft

Es sind auch die kleinen Dinge, die den Wandel der re:publica deutlich machen: Google hat 2015 hier einen eigenen Stand. Das ist thematisch natürlich nicht überraschend, wohl aber mit Blick auf die vergangenen Jahre interessant, in denen das Unternehmen der größten Internetkonferenz Deutschlands fern blieb. Die Veranstalter freut das so sehr, dass der Google-Stand bei der Eröffnungsveranstaltung eigens erwähnt wird. Bedeutet das, dass die re:publica jetzt erwachsen geworden ist?

Früher gerne mal als "Bloggertreffen" bezeichnet ist die neunte re:publica auch eine Businesskonferenz. Start-ups mit den verschiedensten Geschäftsideen versuchen Kontakte zu knüpfen, Anbieter von Bezahlsystemen für Blogger präsentieren sich und viele große Unternehmen sind als Sponsoren dabei oder zeigen ihre Produkte.

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Große Frage auf der re:publica: Wie können Blogs finanziert werden?

IBM wertet Tweets aus

Das führt bisweilen zu kuriosen Situationen: Während Markus Beckedahl am Morgen noch vehement für Privatsphäre und den Schutz vor Massenüberwachung eintritt, preist ein Vertreter von IBM zwei Stunden später die Vorteile der neuen Eigenentwicklung an: Mit dieser Cloudlösung sollen vorhandene Daten einfacher miteinander kombiniert werden können und so für Unternehmen "wertvoller" werden. Außerdem gebe es durch eine neue Kooperation mit Twitter auch die Möglichkeit zu analysieren, was die Kunden über die Produkte eines Unternehmens posten würden. Toll, für Menschen, die sich für die Analyse sozialer Medien interessieren. Datenschützer bekommen bei solchen Datenkraken aber Bauchschmerzen.

Netflix-Gründer Reed Hastings räumt am Dienstagnachmittag auf der großen Bühne auch ein, dass die Möglichkeiten von "Big Data" manchmal "frightening" (beängstigend) seien. Netflix setze aber auf die Auswertung von Nutzerdaten, um das Filmangebot an die Wünsche der Kunden anzupassen. Das schöne am Internet sei eben, dass alles personalisierbar sei.

Schleichwerbung

Bei der Session "Schleichwerbung - Geld vs. Recht und Moral" geht es dann eher ums kleinere Business, aber doch auch ums Business. Rechtsanwalt Thomas Schwenke erklärt den Besuchern, wie sie Hinweise auf Sponsoren oder kostenlos erhaltene Produkte in ihrem Blog so formulieren, dass sie rechtlich nicht angreifbar, aber eben auch nicht zu auffällig sind. Zu deutliche Hinweise schreckten Leser ab, die nicht glauben würden, "dass man unabhängig schreiben kann, wenn man von einem Unternehmen Geld dafür bekommen hat." Der launige Vortrag gefällt den Besuchern im überfüllten Saal. Über das Thema Moral wird am Ende leider nicht mehr gesprochen.

"Transformation" ist schon immer eines der Themen der re:publica. Meist geht es darum, wie die Gesellschaft sich durch das Netz verändert, aber auch die re:publica selbst wandelt sich. In Zeiten, in denen "Geld verdienen im Internet" schon länger keine Zukunftsvision mehr ist, scheint das ein logischer Schritt zu sein.

Ja, es geht ums Geschäft. Das verwundert nicht. Aber es wundert mich, dass das so viele Menschen so toll finden. Alle diese digitalen "Heinzelmännchen" sind nicht unsere Heinzelmännchen. Sie sind nicht um unser Wohl besorgt, sondern sie wollen im Auftrag der Anbieter aggressiv verkaufen! Die "Personalisierung" der Angebote geschieht aus der Sicht der Anbieter, wird nicht von uns programmiert. Das Ziel ist nicht, uns zufriedenzustellen. Das Ziel ist, unser Geld auf die Konten der Anbieter zu bekommen!

Das ist zwar nicht neu. Jeder Supermarkt, jedes Kaufhaus funktioniert im Prinzip genauso. Aber Werbung ist trickreicher und aggressiver geworden. Vor einigen Jahrzehnten hat man die Tricks der Werbung noch thematisiert. Heute gilt die Regel: Wer reinfällt, ist selbst schuld. Verbrauchersendungen waren bissiger. Heute erklärt man den Leuten nur, wo sie bei Verträgen aufpassen müssen. Bin ich der Letzte, den das Abgreifen von Daten und aggressive Werbung stört?

Bertram in Mainz am 6.05.15 12:33

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Dienstag, 05.05.2015

#Fashiontech

Mode- und Netzwelt? Die platten Klischees schreien: passt nicht! Die Realität allerdings sagt (wie ja zum Glück so oft bei Klischees): Halt die Klappe!

Die WWW: Kooperation zwischen den großen High-Fashion-Messen PREMIUM und SEEK und der Digitalkonferenz re:publica gibt es schon seit Januar. Da hat sie im Rahmen der Berliner Fashionweek stattgefunden - die Netzmenschen waren also zu Gast in der Modewelt.

Anita Tillmann sagt: Mode und Digitalisierung gehören zusammen!

Für PREMIUM-Chefin Anita Tillmann ist die Kooperation aus Modemacher-Sicht ziemlich selbstverständlich: "Wir folgen Trends in der Gesellschaft. Und Digitalisierung ist gerade ein Riesenthema, das uns alle beschäftigt. Also auch die Modeindustrie." Außerdem hat die Digitalisierung natürlich auch in der Modewelt ziemlich viel verändert.

Bei der Subkonferenz im Rahmen der re:publica treten 38 Speaker aus den Bereichen Industrie, Wissenschaft und Mode auf und reden zum Beispiel über Wearables, digitales Marketing und den Verkauf von Mode oder auch innovative Produktionsmöglichkeiten.

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Die Ziele der Zusammenarbeit zwischen Mode- und Netzwelt

Und neben dem Stage-Programm am ersten re:publica-Tag gibt es auch ein "Lab" mit Workshops, Talks und Ausstellungen. Es werden zum Beispiel Jacken mit eingebauten LEDs vorgestellt, in Apps designte Shirts oder Schmuck mit Solarelementen. Kurz: Es geht darum, was Kleidungsstücke uns bringen können. Uns wärmen, uns sichtbarer machen, unsere Gesundheit überwachen - "Smart Fashion" ist das Stichwort.

TrafoPop.jpg Oh Gott! Typisches Marketing-Blabla: Modemacher treffen Tech-Firmen und machen zusammen Geld. Klar. Auch darum geht es. Das ist ein Riesenmarkt für beide Welten. Aber es geht eben auch darum, darüber zu reden, wie die Digitalisierung die Modewelt und damit auch einen wichtigen Teil unsere Gesellschaft und Kultur beeinflusst. Darum, Themen und mögliche Entwicklungen in den Blick zu nehmen, die eben nicht total naheliegend sind, wenn es um "typische Netzthemen" geht.

Was macht die Digitalisierung der Modewelt zum Beispiel mit unserem Frauenbild? Ist die Angst, von den eigenen Klamotten überwacht zu werden, berechtigt - werden wir eventuell bald sogar alle irgendwann zu Cyborgs? Und ist das vielleicht sogar gut? Ein großer Markt mit vielen Möglichkeiten und natürlich auch Gefahren. Aber nicht drüber reden, macht es ja nicht besser - wer die Welt nicht versteht, hat Angst!

Vor diesen Überwachungsklamotten sollten wir tatsächlich Angst haben. Ebenso vor diversen anderen Überwachungen. Nicht die Funktion an sich ist schlecht. Es ist diese unselige Mode, alle Daten per Internet in die Cloud zu schaufeln. Warum eigentlich? Für Anbieter der Geräte ist das zusätzlicher Aufwand. Also will man mit den Daten etwas machen. Was wohl? Man will letztlich Geschäfte machen, und zwar mit unseren Daten!

Das sollten die Fachjournalisten wachsamer sein. Geräte, die keinen anonymen Gebrauch mit lokaler Datenauswertung gestatten, sollten in Tests und Besprechungen rigoros abgewertet werden!

Noch ist die Datenweitergabe weitgehend freiwillig. Wenn sie erst mal akzeptiert ist, wird sich das ändern. Abgreifen von Daten gehört dann zu den Standardfunktionen, die man allenfalls umständlich deaktivieren kann. Oder man suggeriert uns, die Datenweitergabe sei ein wertvoller "Mehrwertdienst".

Bertram in Mainz am 5.05.15 23:49

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Dienstag, 05.05.2015

re:publica: Wo ist der Optimismus hin?

Was ich an der WWW: republica so schätze: Es sind viele Leute vor Ort, die ehrliche Leidenschaft für Netzthemen mitbringen. Um so überraschter war ich heute über das Opening der hervorragend organisierten Konferenz: re:publica-Mitbegründer Markus Beckedahl schien ehrlich bedrückt, weil sich einige Themen auf der re:publica ständig wiederholen: Massenüberwachung, Vorratsdatenspeicherung, Netzneutralität - dieses Jahr wieder ein Thema. So wie in den letzten Jahren.

Der aktuelle BND-Skandal lässt das Thema Massenüberwachung in einem noch dramatischeren Licht erscheinen als bisher dank NSA sowieso schon. Besonders aufklärungswillig scheint die Bundesregierung nicht zu sein. Und als wäre das noch nicht genug, will die Große Koalition die Vorratsdatenspeicherung zurück. Zu allem Überfluss ist auch die Netzneutralität gefährdet, eine Art Gral der Netzgemeinde, obwohl sich die Blog: amerikanische FCC und auch Blog: das EU-Parlament eindeutig dafür ausgesprochen haben. Der Politik scheint nichts heilig.

Republica: Treffpunkt der Netzgemeinde; Rechte: WDR/Schieb
Die republica: Treffpunkt für die Netzgemeinde


Match verloren? Dann wird es wiederholt
Kein Wunder, dass sich Beckedahl wie ein Murmeltier fühlt. Immer wieder dieselbe Debatte. Immer wieder dieselben Argumente. Und irgendwie wird es - aus Sicht der Netzaktivisten - auch schlimmer statt besser. Beispiel Vorratsdatenspeicherung: Obwohl zwei Verfassungsgerichte (das deutsche und das der EU) die Vorratsdatenspeicherung gekippt haben, soll sie jetzt doch wieder kommen. Sie Blog: heißt nur anders - und die Spielregeln wurden variiert. Es sollen wieder alle Bürger anlasslos und vollständig überwacht werden. Politiker, die auf der re:publica erklären, warum das denn sinnvoll sein soll (und rechtsstaatlich), sucht man hier allerdings vergeblich. Die re:publica wäre eigentlich ein guter Ort für diese Diskussion. Aber so führt man sie in Berlin ohne den Gegner.

Wenn selbst nach dem Paukenschlag Edward Snowdens kein Richtungswechsel erfolgt - wie soll es dann überhaupt klappen? Das scheint sich Beckedahl gefragt zu haben, als er seine (kurze) Eröffnungsrede gehalten hat. Beckedahl wirkte verzweifelt - aber noch nicht resigniert. Er fordert ein "Ende der Massenüberwachung". Nur: Wie? Sein Frust ist verständlich.


Vorratsdatenspeicherung ist wie Gucklöcher in der Wand


Netzgemeinde war lange zu optimistisch
Und noch einer scheint seinen Optimusmus verloren zu haben: Ethan Zuckerman. Er ist Leiter des Centre for Civic Media der US-Eliteuniversität MIT und beobachtet das Netz schon lange. Zuckerman gesteht auf der re:publica öffentlich: Die Netzgemeinde war lange Zeit viel zu optimistisch, was die "Power" des Internets betrifft. Vor 20 Jahren hätten er und seine Freunde noch geglaubt, Internet könne Politik und Gesellschaft verändern. Ein Ort ohne Zensur, mit geteilter Macht, Verschlüsselung für jeden. Heute wissen wir: Es ist ganz anders gekommen. "Wir haben eine Menge dämlichen Scheiß geglaubt", resümiert Zuckerman.

Die re:publica ist ein guter Stimmungsmesser dafür, was sich die Netzgemeinde noch zutraut. Einfacher scheint es nicht zu werden, das Internet zu einem Ort zu machen, wie ihn sich die meisten Besucher wünschen. Am Ausgang des Konferenzgeländes steht ein gelber Container, der auf den Punkt bringt, wie sich die meisten Internetnutzer heute fühlen (sollten). Im Container sind ein paar Löcher. Schaut man rein, sieht man eine Wohnung: Badezimmer, Wohnzimmer, Toilette, belebt von vier Schauspielern. Man beobachtet sie. Egal was sie machen. So wie die Vorratsdatenspeicherung uns beobachtet. Die NSA. Der BND. Und wir merken nicht mal, wenn jemand durch die Gucklöcher schaut. Es gibt wahrlich wenig Grund für Optimismus.

Für Optimismus gibt es keinen Grund. Gerade hat Frankreich ein weitgehendes Überwachungsgesetz beschlossen. Der Trend geht weltweit in Richtung Überwachung. Wenn der Zeitgeist es will, wird auch uns kein Grundgesetz, kein Verfassungsgericht schützen. Mich wundert, dass so viele Menschen das auch noch toll finden.

Das bedeutet nicht, dass man den Kampf aufgeben sollte. Auch wenn sich die "Krankheit" nicht aufhalten lässt, versucht man doch, sie zu verzögern.

Bertram in Mainz am 5.05.15 20:24

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