Freitag, 05.09.2014

An die Twitterelite: Heult nicht rum!

Mein Kopfschüttler der Woche gehört Twitter und der Angst vieler Nutzer um ihre Timeline. Seit ein paar Wochen hält Twitter seine treuesten Nutzer in Atem, weil der Dienst ganz offensichtlich mit Algorithmen experimentiert - WDR: so wie wir das von Facebook kennen, wo ein Algorithmus bestimmt, was die Nutzer auf ihrer Startseite sehen. So sollen sie weniger Inhalte verpassen, die für sie wichtig sein könnten.

Dick Costolo; Rechte: Flickr/Joi Ito (CC BY 2.0)
Twitter-Chef Dick Costolo befindet sich auf einer Gratwanderung: Er muss Twitter vereinfachen, so dass Normalnutzer mit dem Dienst zurechtkommen - ohne die treue Twitterelite zu verstoßen, die den Dienst groß gemacht hat und am Leben hält.

Bisher gab es in der Timeline nur Tweets von Accounts zu sehen, denen man folgt, und zwar in chronologischer Reihenfolge, plus deren Retweets, plus Werbung. WWW: Nun schleust Twitter auch Tweets fremder Accounts ein - ohne dass man das abstellen könnte: "Wir wählen jeden Tweet anhand vieler Faktoren einschließlich der Beliebtheit und der Interaktion von Personen in deinem Netzwerk damit aus. Unser Ziel besteht darin, deine Timeline auf der Startseite noch bedeutungsvoller und interessant zu gestalten."

WWW: Laut dem Magazin TechCrunch wird es das nicht gewesen sein. WWW: Auch das Wall Street Journal berichtet, dass die Timeline noch stärker von einem Algorithmus beeinflusst werden soll. Das wäre ein beachtlicher Schritt: Twitter würde damit nach sieben Jahren am Markt seinen Kern ändern - weg von einer Art persönlich zusammenstellbaren Nachrichtenticker hin zum sozialen Netzwerk, wie wir es von Facebook kennen.

Und was macht die Twitterelite? Sie übt den Aufschrei. WWW: Wirft Twitter vor, seine Nutzer zu entmündigen. WWW: Vermutet, das sei das Aus für "unerwartete Inhalte". WWW: Ruft schon jetzt den Abschied von der chronologischen Timeline aus. WWW: Sagt voraus, dass das, was wir "Twitter" nennen, bald nicht mehr existieren wird. WWW: Geht auf die Barrikaden und kündigt an, jeden Account, der ungewollt in fremde Timelines geschleust wird, zu blocken.

Twitter; Rechte: Twitter
Als man Links noch von Hand gekürzt und Tweets zum Teil noch per SMS gepostet hat: kein Algorithmus, dafür extrem fehleranfällig und für Normalnutzer unbedienbar.

Dass Twitter oft heiß läuft, ist nicht neu - erst recht, wenn es um die eigene Filterblase geht. Dabei läuft hier auf so vielen Ebenen so viel schief, dass es fast weh tut.

Erstens sprechen wir über Experimente. Natürlich führt ein Unternehmen wie Twitter solche Experimente durch - ganz einfach, um herauszufinden, wie es die Nutzer besser bei der Stange halten kann, sowohl die neuen Nutzer als auch die Twitterelite. Es steckt allerdings im Wesen eines Experiments, dass wir den Ausgang noch gar nicht kennen.

Zweitens deutet nichts darauf hin, dass Twitter uns Tweets vorenthalten möchte, so wie es beim Facebook-Algorithmus geschieht, der gnadenlos Inhalte filtert. Twitter dagegen experimentiert (bisher) nur mit zusätzlichen Tweets. Das halte ich für eine gute Idee: Dadurch stoße ich vielleicht wieder öfter auf neue interessante Inhalte. WWW: Oder wie Daniel Fiene schreibt: "Was ist schlimm daran, wenn es mehr Wissen gibt, als es die eigene Filterblase zulässt? Manchmal macht mir das Kleinbürgertum der Netzgemeinde Angst."

Drittens meckern vor allem die treuen Powernutzer der ersten Stunde. Die Links noch mit Hand gekürzt, Tweets noch per SMS abgesetzt und schon getwittert haben, WWW: bevor US-Airways-Flug 1549 zur Notwasserung angesetzt hat - der gefühlte Durchbruch des Dienstes in Deutschland. Twitter aber hat nicht nur diese Powernutzer im Blick, sondern eine komplette Nutzerschaft, die noch immer ihre Probleme mit @nutzernamen und #hashtags hat und die sich reihenweise anmeldet, dann aber ihre Accounts verwaisen lässt, weil der Dienst ihr zu kompliziert ist. Manchmal gehört es eben dazu, unpopuläre Entscheidungen gegen einen großen Teil der eigenen Nutzerschaft zu treffen.

Weltkarte; Rechte: Flickr/Eric Fischer (CC BY 2.0)
Schon diese Aufnahme von 2011 zeigt, wie stark Twitter die Welt miteinander vernetzt.

Für Twitter wie für Facebook gilt: Soziale Netzwerke richten sich nach dem Verhalten der Masse. Sie beobachten uns genau. Und wenn Änderungen an zentralen Funktionen eben dafür sorgen, dass die Nutzer länger online bleiben und sich stärker einbinden, ist den Netzwerken der Aufschrei der Filterblase herzlich egal. Die poltert einmal laut rum, beschwört schon den Untergang - WWW: und bleibt am Ende doch dabei, so wie wir es von Facebook, WhatsApp und allen anderen kennen, die ja auch fleißig weiter wachsen.

Dass bald mein liebster Nachrichtenticker verloren gehen könnte, bereitet auch mir Bauchschmerzen. Aber wer sagt denn, dass uns die Selbstbestimmung genommen wird - und dass Twitter uns keine Option gibt, auf Wunsch doch eine chronologische Timeline zu sehen? Die Chefetage von Twitter zumindest versucht, zu beruhigen. WWW: Geschäftsführer Anthony Noto zum Beispiel sagt: "Nutzer werden nicht eines Tages aufwachen und eine Timeline auffinden, die komplett durch einen Algorithmus geordnet wurde."

Und wenn doch, dann tut's auch der gute, alte Feedreader. Also heult nicht rum!

Fehlt noch ein Argument: man kann Listen mit Gruppen von Accounts erstellen (z.B. nach Themen sortiert), in denen nur deren Tweets angezeigt werden. Allerdings ist die Anzahl der Accounts pro Liste auf 500 beschränkt.

acepoint am 5.09.14 10:38

Ein entscheidender Punkt unterscheidet (noch) Twitter von Facebook:
Der Wert war bisher, dass es zum größten Teil aus Nutzern bestand, die intelligent genug waren, mit "@" und "#" umzugehen. Wenn das Ziel ist, Twitter für Menschen zu öffnen, die das nicht verstehen, verliert Twitter ganz einfach den Reiz des Besonderen. Belanglosigkeiten kann man sich auch auf Facebook ansehen...

Sebastian am 5.09.14 10:43

*gruntz* Wenn endlich Sachen wie der WDR nicht mehr existieren, dann bitte aber auch nicht rumheulen. Ihr existiert nur noch so rosig, weil ihr die Leute ZWINGT euch zu bezahlen.

Twitter war so wie er jetzt ist eine sehr gute Mischung aus Feedreader und Social Features. Was sie jetzt machen, sollte es sich durchsetzten, wird Twitter zerstören. Es ist dann einfach nicht mehr Twitter. Nur noch der Name.

Das euch das gefällt, versteht sich.

dasparadoxon am 5.09.14 11:19

Ständig irgendeinen Scheiß in die Welt absondern, ist eh für den Arsch!

PK am 5.09.14 13:47

Also klärt mich mal auf:

Dass das # 'irgendetwas' mit Haschtag zu tun hat, ist bei mir angekommen - aber das @ ... - sieht irgendwie nach Ohrfeige für den Vorblogger aus!

Egal, dieser Blog hat sowieso kein Niveau mehr!

Schwadralla am 5.09.14 16:54

Wer Twitter, Facebook, WhatsApp und Co. nutzt, hat doch sowieso einen Schatten. Wenn die Leute ausgeforscht, ausgenutzt, ausgehorcht und ausverkauft werden, finde ich das nur richtig. Immer her mit den Daten.

Birger am 12.09.14 16:57

Was bei dem Überwachungsfan Dennis Horn bezüglich der Wanze namens Handy nicht erscheint, schreibe ich hier:

Wer sich eine Wanze anschafft, sollte deren Möglichkeiten kennen. Vom Besitzer ausgeschaltet, von Externen eingeschaltet ohne jeden Mucks. Sekündlich wird der gesamte Speicher abgerufen, Adressbuch, Bilder, alles. Eingeschaltet als Wanze zum Abhören der Wohnung, Fotos werden gemacht, die nicht im Speicher landen, stille SMS zur Ortung. Danach mit der Wanze ab ins Auto, dann geht es weiter mit GPS, ebenfalls ein feines Überwachungsmittel. Mittlerweile möchten die Überwacher mittels Wanze gerne den Herd und die Kaffeemaschine im trauten Heim einschalten können. Was machen die Fans? Sie finden das klasse. Das zum Thema IQ. Zur Ehrenrettung sei gesagt, daß sich auch noch kluge Menschen in Deutschland befinden. Die Warner, die Rufer im Wald des Mainstreams. Mein Mitleid mit den Wanzen-Fans tendiert gegen Null. Es ekelt einen an, wie saudumm die User sind.

Birger am 14.09.14 16:41

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Donnerstag, 04.09.2014

Jetzt macht Amazon auch noch Fernsehen

Wer Amazon nur als Onlineshop kennt, wird definitiv umdenken müssen. Das Unternehmen will zum Medienkonzern werden - und hat dafür jetzt einen weiteren Meilenstein gesetzt. Amazon startet in Deutschland und Großbritannien mit FireTV, einem Online-Dienst, den man am Fernseher im Wohnzimmer nutzt. Dazu schließt man eine kleine schwarze Kiste an sein Fernsehgerät an, eine Settop-Box, die mit dem Internet verbunden wird. Alle Inhalte kommen aus dem Netz. Die Box kostet in Deutschland 99 EUR, alle Amazon-Prime-Kunden (die viele Filme und Serien im Blog: Rahmen ihres Abos kostenlos schauen können), zahlen sogar nur die Hälfte.

Benutzeroberfläche von Amazon FirreTV; Rechte: Amazon
FireTV: Fernsehen on Demand von Amazon


Amazon im Wohnzimmer
Seit April gibt es FireTV in den USA und ist dort auch durchaus ein Erfolg. Jetzt will Amazon auch im deutschen Markt mitmischen. Um es allerdings klar zu sagen: Amazon ist spät dran, betritt keineswegs Neuland. Apple TV zum Beispiel funktioniert ganz ähnlich und gibt es bereits seit Jahren. Hier hat die Settop-Box zwischenzeitlich 129 EUR gekostet. Mittlerweile gibt es die schwarze Box aber wieder für 99 EUR, teilweise sogar mit iTunes-Gutschein. Konkurrenz belebt also erkennbar das Geschäft. Allerdings muss man bei Apple für jeden Film und jede Serienfolge extra bezahlen, während Amazon mit Instant Prime Video auch eine Flatrate anbietet: Alle Filme und Serien im Paket lassen sich ohne weitere Kosten anschauen, ähnlich wie bei Watchever.

Blog: Chromecast ist günstiger, was die Hardware anbelangt: Der TV-Stick von Google kostet gerade mal 35 EUR in der Anschaffung und ist ziemlich klein (aber bitte nicht täuschen lassen: Der Stick braucht trotzdem eine externe Stromversorgung, die sieht man nur nie auf den Pressefotos). Mit Chromecast kann man nicht nur Youtube-Videos abrufen, sondern auch Filme, die man im Google Play Store ausleiht. Ein Aboangebot bietet Google für Chromecast nicht an, allerdings kann man die Inhalte von Maxdome und Watchever auf Chromecast streamen. Mit FireTV lassen sich aber auch die Mediatheken von ARD und ZDF nutzen.

chromecast.jpg
Chromecast: Wie einen USB-Stick auf die HDMI-Buchse stecken - fertig


Der Markt kommt in Bewegung
Qual der Wahl also für alle, die gerne Filme und Serien streamen. Durch den Markteintritt von Amazon wird die Auswahl größer. Die Wettbewerber werden das zu spüren bekommen, denn Amazon ist mühelos in der Lage, sein FireTV aggressiv zu vermarkten. Und wer sich erst mal so eine Hardware zulegt, der versorgt sich natürlich auch in erster Linie bei diesem Anbieter mit Inhalten. Deshalb werden Apple, Google und Amazon nun versuchen, ihre Geräte möglichst günstig an den Mann und an die Frau zu bringen.

Allerdings sollte niemand seine Entscheidung übereilen. Es empfiehlt sich, erst einmal zu schauen, welche Filme und Serien angeboten werden - und bei wem. Denn inhaltlich unterscheiden sich die Angebote sehr wohl. Und mit Blog: Netflix startet nun auch der US-Marktführer in Deutschland.

Hoffentlich ist der user dann nicht bei KDG oder einem dieser anderen "Drosselcom"-Unternehmen.Ansonsten ist es mit dem Spass bald vorbei.

Aufgepasst am 5.09.14 13:20

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Donnerstag, 04.09.2014

Ganz Instagram auf einen Blick

Eins meiner Lieblingstools, wenn irgendwo in der Welt etwas passiert oder wenigstens etwas Spannendes im Fernsehen läuft, ist WWW: TweetDeck: die perfekte Software, um ganz Twitter im Blick zu halten - und sich den Weg durch den Hashtag-Dschungel zu bahnen. Ein ganz ähnliches Tool gibt es jetzt auch für Instagram. Es heißt WWW: picdeck.

picdeck; Rechte: WDR/Dennis Horn
Dieser Blick auf die Benutzeroberfläche von picdeck zeigt von links nach rechts: die Timeline, die eigenen Fotos und die Suchen nach den Hashtags #selfie und #ootd.

Mit picdeck könnt ihr euch bestimmte Nutzer oder Hashtags in beliebig viele Spalten legen und es darüber euren Bedürfnissen anpassen. Das erreicht zwar noch lange nicht den Funktionsumfang von TweetDeck: Die Spalten lassen sich zum Beispiel nicht ewig nach unten scrollen und auch nicht nach bestimmten Inhalten filtern. Für den Anfang ist es aber trotzdem großartig - und im Gegensatz zur offiziellen Website die erste ordentliche Möglichkeit, auch am Desktop ganz Instagram im Blick zu halten.

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