Sonntag, 15.06.2014

Present Shock: Wenn alles jetzt passiert

Gerade lese ich ein Buch, das ich wirklich intelligent finde: WWW: Present Shock. Darin beschäftigt sich der New Yorker Medientheoretiker Douglas Rushkoff (dem wir Begriffe wie "Digital Native" oder "Virales Marketing" zu verdanken haben) auf unterhaltsame Weise mit dem zunehmenden Tempo, in dem Informationen heute auf uns einprasseln - und fragt sich, wie uns das verändert beziehungsweise bereits verändert hat. "Wenn alles jetzt passiert" lautet die Unterzeile seines Buchs.

Rushkoff spricht in diesem Zusammenhang von einem Gegenwarts-Schock und meint damit: In nahezu allen Lebensbereichen gibt es eine Fixierung auf das Jetzt. Die digitalen Medien seien daran nicht (alleine) schuld, aber sie beschleunigten diesen Effekt noch. Wir twittern, posten, mailen - und allzu oft geht es nur darum, was wir gerade tun. Wir teilen allen anderen mit, wo wir gerade sind, was wir essen oder was wir uns anschauen. Und im nächsten Moment ist es auch schon wieder vergessen. Oder halt: Es ist noch gespeichert, aber nicht mehr wichtig, denn es trommeln ja längst bereits wieder neue Status-Updates ein. Was zu kurz kommt: Warum machen wir das - oder wohin führt es?



Wir haben den Augenblick verloren
Wir haben den Augenblick verloren, meint Rushkoff. Anstatt einen Moment zu genießen, machen wir Aufnahmen mit dem Smartphone und stellen die Bilder online - und Menschen in aller Welt sehen sich diese Bilder womöglich direkt an, anstatt sich wiederum mit ihrer Realität zu beschäftigen. Nur ein Beispiel, das aber für einen radikalen Umbruch steht, für eine ganz neue Definition von Raum und Zeit. In jedem Moment passiert so viel, meinen wir, weil wir mit Informationen überschüttet werden.

Wer - wie ich - gerne twittert und auch regelmäßig auf Facebook präsent ist, der kommt beim Lesen ins Grübeln: Richten wir mit dieser Fixiertheit auf uns und das Jetzt womöglich einen größeren Schaden an als nur unsere Zeit zu verplempern? Genau das befürchtet Rushkoff. Er begründet seine Befürchtungen ausführlich. Sein Buch ist in fünf Abschnitte unterteilt. In jedem beschäftigt sich Rushkoff mit einem charakteristischen Merkmal des Gegenwartsschocks. "Narrativer Kollaps" stellt die Frage, wie sich Geschichten erzählen lassen sollen, wenn wir nicht mehr gewohnt sind, einem linearen Handlungsstrang zu folgen - wozu das Internet in der Tat geradezu einlädt. Die Folgen könnten erheblich sein.


Rushkoff bei TED


Digitale Medien verstärken einen Trend
Interessant auch das, was Rushkoff "Digiphrenie" nennt: Die digitalen Medien geben uns die Möglichkeit, mit Leichtigkeit an mehreren Orten gleichzeitig präsent zu sein. Alles versinkt im Hier und Jetzt. Wir können mailen, chatten, skypen, wir können Fotos posten und Videos von Freunden anschauen, wir können Liveticker im Web verfolgen und dabei im Zug sitzen. Alle anderen, die wiederum uns dabei verfolgen, haben keinen blassen Schimmer, wie es uns gerade tatsächlich geht. Die digitalen Medien machen es möglich: Wir können jederzeit überall sein. Niemand prüft den Gehalt der Informationen im Netz. Twitter-Nachrichten bilden alles ab, ob Banalität oder wichtiges Ereignis. Es gibt keine Filter.

Der Medienwissenschaftler Rushkoff untersucht in seinem Buch "Present Shock" die Folgen der Echtzeit und wie wir Menschen darauf reagieren. Und das oft genug mit einem Augenzwinkern: "Ältere Twitternachrichten zu lesen ist so, als würde man die ganze Nacht aufbleiben, um die Börsenkurse von gestern zu studieren." Ist was dran, auch wenn das nicht generell zutrifft. Ein lesenswertes Buch, geistreiche Gedanken, anschauliche Beispiele, unterhaltsam zu lesen. Rushkoff regt zum Innehalten und Nachdenken an, ohne die Entwicklungen an sich zu verteufeln - und das lohnt sich.

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Mittwoch, 11.06.2014

Streetview aus dem All

Google befindet sich gerade auf Blog: Einkaufstour, baut Blog: selbstfahrende Autos und drängt in Blog: immer mehr Märkte ein. Jetzt hat der Medienkonzern, den viele immer noch unterschätzend als "Suchmaschine" bezeichnen, einen kleinen Anbieter für Aufnahmen aus dem All gekauft. Rund 500 Millionen Dollar bezahlt Google für das hoch-spezialisierte Unternehmen WWW: Skybox. In Zeiten von Instagram, Whatsapp, Beats und Co. eher eine kleine Summe. Doch Google hat damit eine Menge vor.

Hochaufgelöste Aufnahmen aus dem All; Rechte: Skybox
Skybox analysiert Fotos und Videos aus dem All

Detailreiche HD-Aufnahmen
Skybox ist auf die Analyse von Aufnahmen aus dem All spezialisiert. Das Unternehmen macht HD-Aufnahmen, sowohl Fotos wie bis zu 90 Sekunden lange Videos und stellt diese Aufnahmen Auftraggebern gegen entsprechende Bezahlung zur Verfügung. Die Auflösung ist wirklich enorm: Mühelos lassen sich Details erkennen. Die Aufnahmen lassen sich innerhalb kürzester Zeit erstellen. Skybox verspricht, auf diese Weise zum Beispiel die Auslastung eines Hafens oder die Bewegungen auf einem Flughafen zu analysieren - oder den Schädlingsbefall in der Landwirtschaft beobachten zu können. Ehrenvolle Einsatzgebiete.

Natürlich lässt sich mit den Aufnahmen aber auch wunderbar spionieren. Behörden und Geheimdienste brauchen solche Aufnahmen nicht, aber Unternehmen können auf diese Weise andere Unternehmen ausspionieren - oder sogar komplette Länder. Denn gegen Beobachtungen aus dem All kann man sich schwer wehren. Man kann noch so hohe Zäune aufstellen und Fotografieren-Verboten-Schilder aufstellen: Wer HD-Aufnahmen aus dem All machen kann, der sieht einfach mehr - und wird noch nicht einmal bemerkt, wenn er Fotos macht.


Skybox: HD-Videos aus dem All


Google wird seine Onlinekarten aufwerten
Das Ziel von Google ist klar: Google will seine Onlinedienste wie Google Earth und Google Maps aufwerten. Mit Skybox kann Google blitzschnell auf aktuelle Ereignisse reagieren und Aufnahmen aus dem All machen, um das eigene Bildmaterial zu aktualisieren. So lassen sich nach Naturkatastrophen innerhalb von wenigen Stunden neue Aufnahmen machen - und ins Netz stellen. Das kann durchaus sinnvoll und nützlich sein, etwa für Helfer vor Ort. Die hohe Bildauflösung bietet eine Menge Möglichkeiten. Aber selbstverständlich werden Google reichlich Möglichkeiten einfallen, wie sich das auch wirtschaftlich verwerten lässt.

Die Zeiten, in denen die Satellitenaufnahmen von Google Earth/Maps mehrere Jahre alt sind, dürften damit schon bald der Vergangenheit angehören. Google wird überall dort, wo es relevant ist, Updates machen können. Mit technisch brillanten Aufnahmen - eine Art Streetview aus dem All. Das wird vielen Datenschützern sicher nicht gefallen und eine neue Diskussion in Gang setzen. Gut möglich, dass Google in Deutschland aus dem All fotografierte Autos oder Rasenmäher verpixeln muss, damit der Nachbar nicht weiss, was vor der Garage steht oder über die Wiese rollt. Nutzen werden wir Deutschen den Onlinedienst aber garantiert.

Man sollte vielleicht noch erwähnen, dass dieses Unternehmen bisher gerade mal einen (von geplanten 24) Satelliten im Orbit hat und vor dem Aufkauf durch Google unmittelbar vor dem Ende stand. Das ist schon vielen Unternehmen aus diesem Bereich trotz (oder gerade wegen) grandioser Pläne so gegangen. Satelliten sind eine extrem teure Angelegenheit mit langen Planungs- und Entwicklungsphasen, wo sehr viel schief gehen kann und wenn einem dann vorher das Geld ausgeht, bevor man welches verdient oder der Markt sich ein ganz klein wenig anders entwickelt als man dachte, ist der Ofen ganz schnell aus.

Davon abgesehen: Klar will Google gerne selber Bilder machen können anstatt sie von anderen kaufen zu müssen, die dann die Hand aufhalten können, weil irgendwoher muß Google die Bilder ja kriegen.

joh am 12.06.14 11:39

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Dienstag, 10.06.2014

Günstig - aber gut?

Ich hatte lange gedacht: lieber mehr zahlen und dafür "was Gutes" haben. Egal ob Kleidung, Kosmetik oder Kulinarisches. Dabei kann ich für weniger Geld oft identische Produkte bekommen, weil sie vom selben Hersteller kommen und lediglich anders heißen. Das wollte ich genauer wissen.

Wenn ich Geld sparen wollte, habe ich bisher einen Discounter angesteuert und die dortigen "Kopien" meiner Lieblingsprodukte gekauft. Um dann häufig festzustellen, dass ich gleichzeitig an der Qualität spare. Um das zu vermeiden, musste halt doch das Portemonnaie dran glauben. Dachte ich. Bis die App "Markendetektive" in mein Leben trat. Für 0,89 Euro (Apple und Android) habe ich sie mir runtergeladen und direkt im Supermarkt meines Vertrauens ausprobiert.
Ich habe alles mit dem integrierten Barcode-Scanner abgescannt, was mir in die Finger kam, bevor es im Einkaufskorb gelandet ist - oder auch nicht. Die Blicke der Supermarktmitarbeiter und der anderen Kunden straften mich mit Skepsis. Was macht die da bloß? Ich habe schon extra Ton und Blitz ausgestellt, um nicht allzu sehr aufzufallen. Und dann folgten meine ungläubigen Blicke. Meinen Lieblingstee gibt es vom selben Hersteller unter einem anderen Namen in einem anderen Supermarkt für ein Drittel weniger. Bei meinem Verbrauch eine Menge Kohle.

Tee; Rechte: WDR/Horn

Dann finde ich raus, dass hinter einem günstigen Milchreis die Marke mit dem Weekend-Feeling und hinter einem Billig-O-Saft der Produzent steckt, der seinen Orangen laut einer uralt-Werbung aus den 80er Jahren einen Extra-Monat Sonne gönnt. Jetzt bin ich angefixt und steuere das Süßigkeitenregal an. Meine 200-Gramm-Packung Joghurt-Weingummis für 0,99 Euro wird sofort erkannt: Es gibt die Früchtchen für den gleichen Preis in doppelter Menge im Supermarkt 500 Meter weiter. Und zwar nicht nur mit ähnlichen Zutaten, sondern exakt den selben. Denn sie stammen von der Tochterfirma meiner Markenfirma. Ein Geschmackstest beider Sorten zeigt mir: null Unterschied. Außer im Preis. Und auch meine Kekse mit Schokoladenseite gibt es doppelt. Das Original mit Markennamen kostet 1,49 Euro, das Pendant nur 0,69 Euro. Und auch hier: Herstellung in der gleichen Fabrik mit den selben Inhaltsstoffen.

Markendetektiv; Rechte: WDR/Horn/Schneider

Warum tun Hersteller so etwas, frage ich mich - und die Frau, die sich damit auskennt. WWW: Martina Schneider aus Arnsberg ist Lebensmitteltechnologin und Food-Journalistin und hat den Markenvergleich in ihrem Buch "Welche Marke steckt dahinter" schriftlich festgehalten. Schon vor zehn Jahren erschien die erste Auflage. Für die Neuauflage 2013 testete sie rund 300 Produkte und sagt, dass es mittlerweile fast eine Ausnahme ist, wenn Markenhersteller nicht auch ein No-Name-Produkt verkaufen. Grund sei der Discounter-Boom. Den Markenherstellern bleibe nicht viel anderes übrig, um Absatz zu machen. Auf Grundlage ihrer Erkenntnisse ist die App Markendetektive entwickelt worden.

Handyscanner; Rechte: WDR/Horn

Die Welt der Marken: Wenn ich mehr wissen möchte, kann ich auf der Internetseite WWW: Wer-zu-Wem nachlesen, wer hinter welchen No-Name-Produkten steckt, welche Marke zu wem gehört und mir das Firmenprofil genau ansehen - wie viele Mitarbeiter, Firmensitz, Stammkapital. Und ich kann in einem Quiz testen, wie gut ich über deutsche Marken bescheid weiß. Wo wird zum Beispiel meine Marken-Waschmaschine produziert und stammt diese kleine italienische Nougatkugel zum Kaffee aus Italien oder Hessen? Auch zu Internetfirmen, Hotelketten und Hochschulen kann man Nachforschungen anstellen, wer zu wem gehört.

Ich habe also noch viel zu tun, denn alle Produkte konnte ich noch nicht zuordnen. Ich fühle mich zwar ein bisschen verloren mit dieser schier endlosen Produktvielfalt. Wer gehört denn nun zu wem? Aber immerhin weiß ich eine Sache sicher: Meine Schokolade, die gehört zu mir. Am liebsten von allen Marken auf einmal.

Unsere Blogger Anita Horn und Dennis Horn sind weder verwandt noch verheiratet, aber umso besser vernetzt. Sie entdecken jede Woche digitale Perlen: spannende Webseiten, lustige Links und Angebote, die den Alltag bereichern - hier im Blog und jeden Donnerstag in der WWW: WDR5 LebensArt im Radio.

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