Donnerstag, 16.01.2014

Orchester aus der Hosentasche

Etwas befremdlich finde ich es schon. Ich habe zehn Jahre Klavier gespielt. Das war etwas ganz besonderes, vor allem, weil ich zunächst kein eigenes Klavier zu Hause hatte. Dieses große schwarze Instrument, dieser Klang... Und jetzt ziehe ich das Klavier einfach aus meiner Hosentasche?

Manchen Musikern läuft beim Wort "Musik-Apps" vermutlich ein kalter Schauer über den Rücken. Sie nehmen wohl lieber eine echte Gitarre in die Hand oder hauen Schweiß überströmt mit den Sticks in ihre Schlagzeug-Trommeln. Aber einige Musiker zeigen auch, dass die Musik-Apps längst keine reine Zukunftsmusik mehr sind.

GuitarHero; Rechte: Horn/WDR

Die Band Gorillaz hat ihr Album "The Fall" zum Beispiel komplett auf dem iPad produziert und die benutzten App-Instrumente feinsäuberlich auf ihrer Homepage WWW: aufgelistet. Eine Art App-Band hat auch Comedian und Produzent Tony Mono auf die Beine gestellt und den "WWW: Check your Apps!"-Song ebenfalls komplett mit Handy und Tablet erstellt. Die zehn Apps von Alhemy bis Zap Guitar haben rund 15 Euro gekostet, wie er mir erzählt. Nach einer nicht ganz einfachen Produktion war das Meisterwerk dann aber fertig.

Die benutzten Apps kann sich jeder runterladen - von gratis bis teuer ist alles mit dabei. Ich taste mich langsam an das Thema ran und gebe im Play Store "Piano" ein. Es erscheinen über 200 Apps. Ich probiere eine kostenlose Variante aus und befinde sie für blechern und viel zu klein. Gerade mal eineinhalb Oktaven passen auf mein Handy-Display. Aber ich will nicht vorschnell urteilen und lade zwei Profimusiker ein, um ein paar Apps mit mir zu testen.

Artur und Christian; Rechte: WDR/Horn

Artur Tadevosyan und Christian Rotter aus Lüdenscheid leben in Köln. "Wir sind extra hergezogen. Hier spielt die Musik." Und zwar jederzeit und überall - und das geht nur mit Smartphone und Tablet. "Wenn ich mal eine Melodie im Ohr habe und was ausprobieren will, aber gerade im Zug sitze, sind Musik-Apps super", sagt Artur. Und Christian findet, "es ist zwar am Anfang gewöhnungsbedürftig, aber es macht Spaß und man kann schon einiges damit machen".

Zum Beispiel gibt es eine Flöte namems Ocarina für iPhones, für die man tatsächlich in den Lautsprecher pusten muss. Damit, einer Akkustikgitarre und einem einfachen Klavier machen wir uns ans Werk und bearbeiten einen instrumentalen Song von Artur mit unseren Apps. Spur für Spur spielen wir ein und legen die gespeicherten Fetzen dann mit einer Produktions-App übereinander. Sehr beliebt sind iMachine und zum Beispiel GarageBand, gratis bei iTunes zu haben. Und das Ergebnis kann sich hören lassen. Aus einem ruhigen Ein-Mann-Stück wurde so ein Smartphone-Orchester vom Profi. Wer mag, kann zusätzich digitale Drums einbauen und so ein tanzbares Meisterwerk basteln. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

Artus und Christian arbeiten übrigens - genau wie Tony Mono und die Gozillaz - am liebsten mit Apple. Sie und auch die meisten anderen Musiker, die sich in öffentlichen Foren austauschen, preisen die Apps für iOS regelrecht in den Himmel. Viele Apps für Android sind zwar günstiger und die Handys oder Tablets können dank USB-Anschluss zum Teil mit Mikrofonen und anderen Geräten verbunden werden. Allerdings gibt es weniger gute Apps und das System bringt leider die Betriebskrankheit der WWW: verzögerten Latenzzeit mit sich. Die Töne werden also gespielt, aber erst merklich später hörbar.

Icons; Rechte WDR/Horn

Das ist unangenehm und verwirrend. Selbst für mich als Hobbymusikerin. Wie sich übrigens Musik per Apps auf unsere Sinne auswirkt, das erforscht der ausgebildete Sänger und MusikpädagogeWWW: Matthias Krebs. Er hat auch das Smartphone-Orchester WWW: DigiEnsemble Berlin gegründet, das gerne mal live - nur ausgestattet mit ein paar iPad-Ständern, Kabeln und ein paar Apple-Geräten - für Projekte wie die "Operation Straßenmusik" auf öffentlichen Plätzen auftritt und die Zuschauer spontan begeistert. Den Takt können sich die experimentellen Künstler natürlich per Metronom-App vorgeben lassen. Und der Handy-Verstärker hilft, damit auch die letzte Reihe was hört.

Neben der blinkenden Werbung bei den Gratis-Android-Apps nervt mich übrigens ein bisschen, dass mein Handy nach einer ausgiebigen Klavierstunde voller Fingerabdrücke ist. Meine sonstige Nutzung scheint plötzlich harmlos dagegen. Deshalb versuche ich später vielleicht noch eine sensorgesteuerte Musik-App wie WWW: TableDrum. Schlagzeug spielen ohne das Handy zu berühren. Verrückt. Ich muss schon sagen, Musik machen auf Mobilgeräten hat so seine Vor- und Nachteile. Smartphones und Tablets sind zwar garantiert geduldiger als jeder Musiklehrer. Aber Vorsicht, irgendwann ist auch hier einfach mal die Batterie leer.

Unsere Blogger Anita Horn und Dennis Horn sind weder verwandt noch verheiratet, aber umso besser vernetzt. Sie entdecken jede Woche digitale Perlen: spannende Webseiten, lustige Links und Angebote, die den Alltag bereichern - hier im Blog und jeden Donnerstag in der WWW: WDR5 LebensArt im Radio.

Audio: LebensArt-Song, gespielt mit Musik-Apps.mp3

Ganz besonders toll finde ich hier die App Garage Band. Über ein iRig (~20€) kann man jede E-Gitarre oder E-Bass ans iPhone anschließen. In der App kann man dann Soundmagier spielen - es stehen viele (emulierte) Amps und Effektgeräte zur Verfügung, wovon sich bis zu 4 in Reihe schalten lassen.
Mein Favorit: Orange-Verstärker mit Effektgeräten (in der Reihenfolge): Vintage Drive - Phase Tripper - Hi-Drive Treble Boost

Der Gitarrensound der da rauskommt ist einfach nur geil und von der Qualität her richtig "amtlich"

TOMSKi am 16.01.14 10:26

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Mittwoch, 15.01.2014

Die OpenSource-Möbel kommen

Wer sagt eigentich, dass nur Software im OpenSource-Stil entwickelt werden kann? Mittlerweile gibt es auch OpenSource-Möbel - und die werden immer populärer. Gemeint ist natürlich das Design: Wie baue ich die Möbel selbst. Die Bauanleitungen werden von der Gemeinschaft kostenlos entwickelt und danach frei verteilt. Jeder kann die Möbel nachbauen. Insgesamt WWW: 20 OpenSource Möbel-Designs gibt es bereits - und es sollen mehr werden. Vom bequemen Sitzstuhl über die Sitzbank bis zum Regal ist so ziemlich alles dabei.

OpenSource-Möbel; Rechte: Larry Cotton
OpenSource-Möbel in der Praxis: Sieht gemütlich aus

Es scheinen mir mehr verspielte Designobjekte, weniger Gebrauchsmöbel zu sein.

Alltagsgegenstände sollten grundsätzlich auch als Open Source verfügbar sein. In Verbindung mit 3-D-Druckern wird es da ganz neue Möglichkeiten geben. Bei kleinen Gegenständen besonders. Wer nicht selbst drucken will, geht in den Druck-Shop. Oder er lässt das Objekt vervielfältigen, bei Open Source ganz legal.

Mein persönlicher Wunsch: Lehrmaterial möglichst komplett Open Source. Ich denke dabei nicht nur an Gedrucktes, sondern z.B. an Experimentierkästen. Die Open-Source-Gemeinde könnte die teuren Kästen durch freie Kästen überflüssig machen. Dazu noch Anleitungen, Schaltpläne und die 3-D-Druckvorlagen für die Aufbauten zum freien Download. Alle elektronischen und mechanischen Teile und ggf. Chemikalien wahlweise aus dem normalen Handel oder als preiswerter Bausatz.

(Zweiter Versuch, erster ging nicht.)

Bertram in Mainz am 17.01.14 21:25

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Mittwoch, 15.01.2014

VIP-Line für Luxus-Daten

Das Medium Internet muss gerade eine Menge Rückschläge einstecken. Das Ansehen schwindet erkennbar. Illusionen werden zerstört. Seit Monaten erfahren wir immer mehr Details darüber, wie sich die NSA das Internet einverleibt und mehr oder weniger die komplette Kontrolle darüber hat, zumindest in punkto Überwachung. Diskretion oder Privatsphäre? Bitte weiterträumen. Das waren zwar mal wichtige Eckpfeiler des Mediums Internet, doch die sind dank NSA nun äußerst marode, wenn überhaupt noch vorhanden. Eine Kränkung für die Aktivisten: Sascha Lobo weint in seinem WWW: FAZ-Beitrag dicke Krokodilstränen deswegen. Doch die Kränkung geht weiter.

Zwei Mäuse, eine mit Schnecke; Rechte: dpa/Picture Alliance
Die einen dürfen schneller als die anderen...


Netzneutralität ausgehebelt
Denn nun hat ein US-Gericht einen weiteren wichtigen Eckpfeiler eingerissen, nämlich den der WWW: Netzneutralität. Der amerikanische Netzanbieter Verizon wollte sich von der Aufsichtsbehörde WWW: FCC (Federal Communications Commission) nicht mehr vorschreiben lassen, wie Datenpakete transportiert werden sollen. Konkret: Verizon will bestimmte Datenpakete bevorzugt behandeln. Genau das erlaubt die Netzneutralität aber nicht: Alle Datenpakete sind gleich zu behandeln, egal von wem sie kommen, egal wohin sie gehen. Ein bisschen Sozialismus im Netz, sozusagen.

Das empfinden manche Provider Blog: als störend, etwa die Telekom. Auch Verizon. Das US-Unternehmen hat andere Pläne - und nun eben Recht bekommen. Zwar versichert das Unternehmen, das Urteil werde "mehr Raum für Innovation und mehr Wahlfreiheit" bringen, sich also nicht zum Nachteil des Kunden auswirken. Aber so ganz kann das wohl nicht stimmen. Denn wenn sich etwas ändert, dann ganz gewiss nicht zum Vorteil des kleinen Mannes. Unternehmen wollen Geld machen, also wird versucht, mehr Geld zu verdienen. Und wie? Indem die Daten schneller transportiert werden, die mehr Geld einbringen.


Logo erklärt Netzneutralität


Überholspur für VIP-Daten
Es dürfte also eine Art VIP-Line für Luxus-Daten kommen. Wer es sich leisten kann, der wird bevorzugt behandelt. Die Videodaten vom etablierten Portal landen schneller und damit zuverlässiger im Gerät des Kunden als die des kleinen Startups, das sich die Luxusbehandlung nicht leisten kann. Hier liegt das eigentliche Problem nicht darin, dass die E-Mail vielleicht mal ein paar Sekunden später eintrifft. Das wäre verschmerzbar. Außerdem könnten auch die Nutzer zur Kasse gebeten werden: Wer einzelne Dienste nutzen möchte oder sich einen gewissen Mindeststandard in Sachen Datentempo sichern will, muss extra zahlen.

Doch wie das mit Grundsätzen so ist: Werden sie erst einmal demontiert, kann man sie auch ganz abschaffen. Denn "ein bisschen Netzneutralität" kann es nicht geben. Entweder, es gibt die Netzneutralität, oder es gibt sie eben nicht. Die Amerikaner wollen sie wohl eher nicht. Vielleicht nur konsequent, denn ein Netz, dass komplett abgehört wird, das braucht auch nicht neutral zu sein. Ab jetzt können US-Provider selbst entscheiden, wie sie das handhaben wollen. Das Tempo des Datentransports ist damit der reinen Willkür ausgesetzt - und eben der Macht des Geldes. Leider WWW: demontiert auch die EU gerade die Netzneutralität. Keine guten Nachrichten fürs Netz derzeit.

Der Markt könnte es richten, wenn Kunden nur zu Providern gehen würden, die weiterhin Neutralität wahren. Aber das wird nicht passieren. Wenn zB. die Telekom einen VIP-Tarif 5€ billiger anbieten würde, wäre den Kunden Neutralität (so fern sie überhaupt etwas damit anfangen können) egal. Google, Facebook, oder Amazon würden weiterhin schnell funktionieren, der Rest interessiert den typischen DAU nicht, wie auch der Datenschutz oder die Spähaffäre.

Traurig am 15.01.14 14:32

Mal wieder ein bischen sinnfreier Rundumschlag.Mit dem linkenFuss aufgestanden?Klar,auch ich mag den Lobo nicht wirklich,aber Toene wie"Eine Kränkung für die Aktivisten: Sascha Lobo weint in seinem WWW: FAZ-Beitrag dicke Krokodilstränen deswegen."sind nicht nur ueberfluessig-sie sind auch dumm!Selbst wenn Lobo tatsaechlich als wohl einziger der Aktivisten(was soll das eigendlich sein in diesem Zusammenhang?)so naiv war und Echelon und NSA verschlafen hat-dies ist dem Thema nicht angemessen.Wir alle sind davon betroffen-auch wenn ein Herr Schieb dies als Jubelclown von Appel&Co. immer noch nicht begriffen hat.Begriffen hat Herr Schieb auch offensichtlich immer noch nicht den Unterschied zwischen einem UNTERNEHMEN und der BEVOELKERUNG eines Landes,denn anders kann man sich diesen kindischen Satz:"Die Amerikaner wollen sie wohl eher nicht."nicht erklaeren!Abgesehen davon-dies war ein Gericht im Bezirk Columbia(3 Richter)und NICHT der oberste Gerichtshof.Zudem-es gibt auch noch die EFF!

Robin am 16.01.14 12:05

Es gibt wirklich Leute die die Kreative/Regeln unterlaufende ;) Kraft des Internet unterschätzen und diese Leute wollen sich auskennen!Das ist doch das Kennzeichen des Netzes das Regeln neu definiert /ausgehebelt werden...

Martin gäniken am 16.01.14 14:53

Zur Erinnerung Herr Schieb-die EU-Kommisssion will die Netzneutralitaet aufheben!U.a.SPON Meldung vom 12. Sept. 2013!Wie ist das nun wollen die Deutschen,"die Europaer""die Netzneutraliatet nicht?!?Oder sind das vielmehr nur die von den Pressure groups der Lobby gekauften Politiker?Wie ist es mit VDS?Wie ist es mit INDECT?Wollen das "die Europaer"-obwohl dies alles hinter verschlossenen Tueren verhandelt wird,genau wie ACTA und das"Freihandelsabkommen"?Statt mal wieder billigstes USA bashing zu betreiben und sich ueber Menschen zu mokieren die sich gegen derartiges wehren-nicht doch besser unseren US Freunden von ACLU,EFF,Democrazy NOW! u.a.helfen bei ihrem Kampf gegen den Aufbau von Diktatur?DIE klagen gegen ihre Regierung und nehmen sie von allen Seiten unter Feuer!Was passiert denn hier in Europa?WO sind unsere Snowdens?Was koennen "die Amerikaner"fuer ein von gekauften Politikern schwammig formuliertes Gesetz-das es einer BEHOERDE(!)nicht ermoeglicht hat die Netzneutralitaet in ein

Zur Erinnerung am 17.01.14 7:34

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