Freitag, 01.03.2013
Oh je, das LSR kommt also
Jetzt ist es also doch passiert: Heute hat der Bundestag mit einfacher Mehrheit das heftig umstrittene Leistungsschutzrecht (LSR) abgenickt. Das Gesetz sieht vor, dass Verlage künftig Geld dafür verlangen können, wenn Suchmaschinen oder andere Onlinedienste aus Artikeln zitieren. Zwar wurde der Gesetzestext leicht abgeschwächt: Anfangs sollte jede Form von Zitat lizenzpflichtig werden, jetzt sind "kurze Textausschnitte" erlaubt. Dennoch: Nicht nur Netzaktivisten und Internet-Wirtschaft sind entsetzt - ich bin es auch. Denn das
Leistungsschutzrecht ist so überflüssig wie ein Kropf. Schlimmer: Es ist kontraproduktiv und schädlich.
Das "Lex Google" genannte Leistungsschutzrecht betrifft vor allem Suchmaschinen
"Lex Google" ist eigentlich ein "Lex Springer"
Viele bezeichnen das Leistungsschutzrecht als "Lex Google". Dabei sollte besser vom "Lex Springer" die Rede sein, denn es sind die großen Verleger, allen voran Springer, die es nicht so recht verkraften, dass ein US-Unternehmen wie Google mit einem äußerst populären Dienst (Suchmaschine) Milliarden verdient, während sie sich äußerst schwer tun, online relevante Umsätze zu machen. Der Neid ist verständlich, die Schlussfolgerung - eben dann dem erfolgreichen Unternehmen in die Tasche greifen zu wollen - ist es ganz sicher nicht.
Was mir jedoch gar nicht gefällt, ist die gezielte Fehlinformation in so vielen Artikeln in Zeitungen, Zeitschriften und Onlinediensten. Man kann schon von einer regelrechten Kampagne sprechen. Allzu oft werden die Leser für dumm verkauft. Es wird der Eindruck erweckt, Google könnte sich frei im Angebot der Verlage bedienen, würde komplette Artikel in die Suchmaschine stellen und zur Lektüre anbieten - und das unentgeltlich.
Google präsentiert zum Suchbegriff passende Artikel - auf einer werbefrei gehaltenen Seite
Google liefert den Verlagen interessierte Leser
Wäre dem tatsächlich so, wäre die Empörung zweifellos verständlich. Aber dem ist eben nicht so. Google (stellvertretend für alle Suchmaschinen der Erde genannt) geht ganz anders vor: Google bietet dem Suchenden nach Eingabe des Suchbegriffs generell nur eine Headline und einen kurzen Anriss des Artikels an, eine Zusammenfassung, "Snippet" genannt. Länger als 160 Zeichen ist das nie. Die Verlage wollten, dass Google dafür bezahlen muss, grundsätzlich.
Die nun vom Bundestag verabschiedete Fassung des Leistungsschutzrecht sieht vor, dass zumindest kurze Textpassagen weiterhin kostenlos präsentiert werden dürfen. So gesehen ändert sich nichts - zumindest für Google und andere Suchmaschinen. Doch weil das Gesetz schwammig formuliert ist - so wird zum Beispiel nicht erklärt, was "kurze Textpassagen" sein sollen - entsteht eine völlig unnötige Verunsicherung vor allem kleinerer Anbieter, etwa Blogger oder Startups, die nun immer damit rechnen müssen, Schwierigkeiten mit Verlagen zu bekommen. Zudem: Längere Textpassagen sind sowieso durch das Urheberrecht geschützt. Das Leistungsschutzrecht ist daher überflüssig.
In Suchmaschinen reichen kurze Textanrisse: Wer mehr lesen will, klickt - und landet auf den Webseiten der Verleger. Suchmaschinen wie Google schicken den Verlagen also unentgeltlich eifrige und interessierte Leser auf die Webseiten. Die Suchergebnisseiten im News-Bereich von Google sind sogar werbefrei. Der häufig gehörte und auch in vielen Artikeln erhobene Vorwurf, Google würde mit News-Produkten anderer direkt Geld verdienen, ist doppelt absurd. Wer so etwas behauptet, verzerrt die Wirklichkeit - und zwar aufs Unerträglichste.
Ärgerlich: Leser werden gezielt desinformiert
Doch Tatsachen verschweigen die eifrig kommentierende Kollegen in der Print-Zunft leider allzu häufig. Dem Medien-Journalisten Stefan Niggemeier ist das auch aufgefallen - und aufgestoßen.
Lügen fürs Leistungsschutzrecht, so fasst Stefan Niggemeier die übliche Praxis im Blätterwald zusammen. Niggemeier dokumentiert gleich mehrere Fälle besonders dreister Realitätsverdrehung in FAZ, Handelsblatt, Focus und anderen angesehenen Blättern.
Da steht im Handelsblatt, das Leistungsschutzrecht beseitige die "Kostenfreiheit für die Nutzung von Presseerzeugnissen". Doch das ist grundfalsch, denn die Artikel selbst bleiben kostenfrei im Netz. Und wenn gemeint ist, Google hätte sich vorher kostenfrei bei Verlagsinhalten bedient: Das stimmt nicht, denn komplette Artikel zu kopieren, das ist sowieso nicht erlaubt - dazu gibt es das Urheberrecht. Im Focus wird behauptet, Google würde Texte kostenlos an die User verteilen. Auch das ist falsch. Google informiert die Menschen, wo sie interessante Artikel finden. Ich finde: Das ist eine beträchtliche Leistung.
Wer für das Gesetz gestimmt hat, der hat wohl zu viele solcher Artikel gelesen - und nicht gemerkt, dass er an der Nase herumgeführt wird. Tragisch.
"Einzelne Wörter oder kleinste Textausschnitte" können laut der aktuellen Fassung aber künftig weiterhin lizenzfrei genutzt werden.
Ich hatte schon Angst, für 'einzelne Wörter' demnächst Lizenzen erwerben zu müssen.
Wolf
Wolf am 1.03.13 20:59
Dieser Kommentar spricht mir so richtig aus der Seele! Mich nervt diese dämliche völlig unbegründete Stimmungsmache gegen Google ebenfalls ganz gewaltig. Ohne Google hätte ich meine Lieblingsbücher, -Zeitungsabo ebenfalls darunter!- niemals gefunden und die entsprechenden Verlage Geld verdient! Ich hoffe, daß diese rasch merken wie sehr sie sich mit dieser Entscheidung selbst schaden. Hervorragender, sehr informativer Beitrag! Danke Jörg!
Wolfgang am 2.03.13 6:12
Ich hoffe, Google nimmt ALLE deutschen Verlagserzeugnisse ab dem Moment, in dem das LSR gültig wird aus dem Index.
Die ganze Welt lacht doch über Deutschland aufgrund solcher Gesetze. Und bei uns kann eine Firma wie Google nicht entstehen, dafür aber dutzende neue Jambas & Zalandos. Das sagt doch eine Menge aus ...
MrReset am 2.03.13 8:30
Wenn ich eine Zeitung online finde und sie will Geld von mir fürs lesen, nehme ich das Thema, frage die Suchmaschine und bekomme links zu Beteiligten, örtliche Publikationen, Polizei etc. Beispiel Pferdefleisch würde zwischen meiner Suche und dem Wort keine Zeitung stehen sondern direkt das Ministerium. Kann ich auf der Zeitungsseite ohne Bezahlung bleiben lese ich meist den Artikel und andere interessante Sachen mehr. Insofern kann sich die Zeitungsklicke auch abschaffen.
Norbert am 2.03.13 14:09
Die Zeitungsverleger unterliegen - nach vielen anderen Irrtümern gleicher Art - der Fehlvorstellung, sie könnten ihren sinkenden Auflagen und Einnahmen auf diese Weise aufhelfen. Ich denke, dass es nicht nur Springer und Burda sind, die da den Zug der Zeit verschlafen haben. Es geht wohl auch um die Lokalzeitungskonglomerate, insbesondere solche wie die WAZ-Gruppe, die ihre eigenen Internetportale bis zur Unlesbarkeit "optimiert", mit Werbung zugezimmert und aus Kostengründen von relevanten Inhalten befreit haben und denen allmählich die Kunden ganz abwandern. Erschütternd fimde ich, welche naive Hoffnung alternde Vorstände und Chefredakteure in ein solches zum Scheitern verurteiltes Modell setzen. Denn sie werden nichts gewinnen.
S. Schmidt am 2.03.13 18:36
Wo bleibt eigentlich die Piratenpartei? Ständig gibt es Themen, die in ihr Themenspektrum passen. Bei ACTA haben die Proteste ein bisschen gewirkt. Es geht also. Piraten, Aufwachen!
Bertram in Mainz am 2.03.13 21:16
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Freitag, 01.03.2013
LinkLounge 13/09
Vorsicht: Wer zu viel isst, legt schnell ein paar Pfunde zu. Wie es aussieht, wenn Tiere übergewichtig wären, zeigt ein wunderbarer Animationsfilm, den Insa ausgegraben hat. Und wie komisch man selber aussieht, wenn man sein Essen mit dem Handy fotografiert - was heute ja absolut in ist, Motto: "Seht mal, was ich gerade speise!" -, das zeigt ein tumblr-Blog, den Dennis mag. Ansonsten haben wir diese Woche noch trockene, aber wichtige Themen wie die Gema, lustige Videos von musizierenden Babys und ein Video, das zu mehr Programmier-Unterricht an Schulen aufruft. Wenn das keine schöne Mischung ist! Viel Spaß beim Nachsurfen.
Die
Gema will ihr Tarifsystem vereinfachen, elf Tarife gibt es bislang für Musikveranstalter, zwei soll es in der Zukunft geben. Statt einer umfangreichen Reform tritt 2013 nun nach einer
Einigung zwischen Gema und der Bundesvereinigung der Musikveranstalter e.V. (BVMV) Ende 2012 nun aber vorerst nur eine Übergangslösung in Kraft, der eine schrittweise Erhöhung der Tarife folgen soll.
Bisher zahlen Clubbesitzer, die DJs auch kopierte Dateien von Laptops abspielen lassen, einen Pauschalzuschlag von 30 Prozent auf die regulären Gema-Gebühren ("Laptopzuschlag"). Ab dem 1. April wird diese Regelung durch die Reform des Vervielfältigungstarifs VR-Ö abgelöst: Nun soll statt des Clubs der DJ selbst 13 Cent Lizenzgebühren zahlen - für jeden kopierten Titel, oder genauer: für die "Werke [die] er zum Zwecke der öffentlichen Wiedergabe (unabhängig vom Zeitpunkt der tatsächlichen Nutzung) vervielfältigt hat", wie es in einem
FAQ zum Thema auf der Facebook-Seite der Gema steht.
Die Unklarheit ist weiter groß, und einen Monat vorab wird viel diskutiert, unter anderem über dieses Interview des Magazins
de:bug mit der Gema: "Welche DJs müssen wofür Gema zahlen?".
Zur Erholung nun ein paar hübsche, übergewichtige Wildtiere. Neben einigen
schreienden Ziegen definitiv mein Lieblingstiervideo der Woche (für zeitweise eingespielte Werbung ist der WDR nicht verantwortlich).
Schule bereitet aufs Leben vor, heißt es. Aber stimmt das auch wirklich? Da können schon durchaus schon mal Zweifel aufkommen. Zum Beispiel lernen die Schüler nichts bis kaum etwas über Computer und Internet. Warum wird die "Superpower" Programmierung in 90% der Schulen nicht unterrichtet? Diese Frage stellt ein wirklich gut gemachtes
Video, in dem Promis wie Bill Gates und Mark Zuckerberg auftauchen, aber auch viele Startup-Gründer. Und sie alle sagen: Programmieren lernen macht Spaß, öffnet die Augen und sorgt für hervorragende Berufschancen. Stimmt!
Die amerikanische Kaffeehauskette Starbucks probiert gerne moderne Dinge aus, etwa Bezahlsysteme wie
Square Wallet. Eine App, die derzeit allerdings nur in amerikanischen App-Stores zu haben ist. In den USA reicht es, sein Smartphone eingeschaltet zu haben: Der Kassierer erkennt einen anhand eines Fotos und man bezahlt, indem man seinen Namen sagt. Jetzt können Starbucks-Kunden beim Kaffeeschlürfen auch in der Onlineausgabe New York Times schmökern:
Bis zu 15 Artikel stehen im lokalen WLAN der Cafés zur kostenlosen Lektüre bereit - erst mal nur in den USA.
David Ohrndorf
Nordkorea hat jetzt das Internet für Ausländer eingeschaltet, genauer: Wer ins Land kommt, darf nun auch das mobile Internet eines lokalen Netzbetreiber nutzen. Das lässt die Zahl der Fotos und Tweets aus dem Land ordentlich ansteigen. Empfehlenswert sind beispielsweise die Posts von zwei Journalisten von Associated Press. Im
Instagram-Feed von David Guttenfelder, einem AP-Fotografen, gibt es viele aktuelle Fotos und seine Kollegin
Jean H. Lee twittert zeitweise aus Pjöngjang. Und falls die Stimmung wegen der teilweise etwas bedrückenden Bilder von Guttenfelder jetzt gesunken ist, hier der Stimmungsaufheller der Woche: ein musizierendes Baby.
Die Reihe lustiger tumblr-Blogs wird vermutlich niemals abreißen - tatsächlich kommen immer mehr tolle Ideen dazu. Mein aktueller Liebling:
"Pictures of Hipsters Taking Pictures of Food". Erinnert mich daran, mich in Zukunft etwas unauffälliger zu platzieren, wenn ich mein Essen fotografiere.
Spannend finde ich auch, was die beiden Journalisten Martin Giesler und Konrad Weber gerade anschieben das
Social Media Watchblog: Wie ist es um Unternehmen und Parteien bestellt, die Social Media nutzen? Welche Fans sind echt, welche gekauft? Wo muss man näher hinsehen, in Zeiten, in denen mit unseren Daten Milliarden gemacht werden? Ich bin gespannt auf die Ergebnisse.
Und zum Schluss: keine Sorge, wenn ihr aus Routine mal einen Brief falsch adressiert. Die Kollegen vom MDR bekommen sogar Post, wenn nur eine E-Mail-Adresse draufsteht. Läuft.
Kein Witz: Der Postbote brachte den Radio-Kollegen heute einen Brief mit E-Mail-Adresse ins Landesfunkhaus.
twitter.com/martinhoffmann...
— Martin Hoffmann (@martinhoffmann)
27. Februar 2013
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Donnerstag, 28.02.2013
Der hyperlokale Hype ist beendet
In der Merowinger Straße hat es gebrannt. Die Feuerwehr konnte zehn Menschen retten. In der Alteburger Straße ist an einem Restaurant der Knöterich entfernt worden, eine Kletterpflanze, unter der man im Sommer immer schön sitzen konnte. Und in der "Lichtung" gibt es heute Abend ein Jazz-Pop-Konzert. Das sind Dinge, die euch vermutlich nicht vom Hocker reißen - ganz einfach, weil ihr am falschen Ort wohnt.
"Meine Südstadt" ist eine Website, die sich ausschließlich um den Kölner Süden kümmert. "Hyperlokaler Journalismus" nennt sich das.
"
Meine Südstadt" zeigt, wohin die Reise gehen könnte, wenn die traditionellen Lokalzeitungen eines Tages vielleicht aussterben: Politik, Kultur, Familien, Umwelt, Verkehr - Dirk Gebhardt, Tamara Soliz und Andreas Moll haben sich auf die Fahnen geschrieben, die Menschen im Süden von Köln zusammenzubringen und den Themen ein Forum zu geben, die sonst auf der Straße diskutiert werden und den großen und etablierten Medien vom WDR bis zum Kölner Stadt-Anzeiger zu kleinteilig sind.
Solche hyperlokalen Projekte wie "Meine Südstadt" haben in den vergangenen Jahren tatsächlich für viel Furore gesorgt: Hardy Prothmann hat vor vier Jahren mit dem
Heddesheim-Blog die
"Wiedergeburt des Lokaljournalismus" ausgerufen, mit den
Prenzlauer Berg Nachrichten gibt es seit 2010 auch in Berlin ein Portal für nur ein einziges Viertel, und die
Tegernseer Stimme hat vor anderthalb Jahren als erstes hyperlokales Projekt
mehr als 10.000 Euro Umsatz in einem Monat gemacht.
Der Geschäftsführer zahlt sich selbst kein Gehalt aus
All diese Projekte haben Jahre des Hypes hinter sich. Was ja kein Wunder ist: Sie waren vielleicht auch ein bisschen Hoffnungsträger. Es gibt immerhin unzählige Journalisten in Deutschland, die sich fragen, wie sie in Zukunft überleben sollen, weil vor allem in Printredaktionen eine Hiobsbotschaft die nächste jagt.
Wie es aber so ist mit dem Hype: Irgendwann geht er zu Ende. Katharina Riehl hat für
jetzt.de gerade erst aufgeschrieben, wie schwer sich die Prenzlauer Berg Nachrichten in Berlin tun: Da hat sich der Geschäftsführer im vergangenen Jahr zum Beispiel selbst kein Gehalt ausgezahlt. Da gibt es Probleme, die Geschäfte im Viertel zu überreden, Online- statt Printwerbung zu schalten. Da zeigt sich genauso wie bei den Verlagen auch: Guter Lokaljournalismus ist aufwendig und teuer.
Die Leser sind da, die Werbekunden nicht
Als ich für WDR 5 die Macher von "Meine Südstadt" besucht habe, hatte ich das Gefühl, dass auch sie langen Atem brauchen. Andreas Moll hat mir erzählt: "Wir haben uns am Anfang gesagt, wir geben uns drei Jahre. Jetzt haben wir auf fünf Jahre verlängert." Das klingt nicht gerade nach einem Modell, das direkt zündet.
Auch Moll schiebt es auf die Werbekunden: Es sei einfach nicht das Bewusstsein dafür da, dass man auch online im lokalen Raum erfolgreich werben könne. Dafür, die dicken Fische unter den Werbekunden an Land zu ziehen, geht im Moment viel Arbeit drauf - und gleichzeitig sind die Macher von "Meine Südstadt" sehr zuversichtlich, das zu schaffen. Das hat mich beeindruckt: Da saßen Menschen vor mir, die den Hype nicht ganz teilen - aber gleichzeitig glauben, dass dem hyperlokalen Journalismus die Zukunft gehört. Nur eben langsam. In kleinen Schritten. Und möglichst realistisch.
Die Leser und Nutzer sind auf jeden Fall da. Ich habe einige von ihnen besucht. Jan Krauthäuser zum Beispiel, der in der Kölner Südstadt wohnt, bei dem das wöchentliche Werbeblatt gar nicht erst ankommt und dem Stadt-Anzeiger und Rundschau nicht lokal genug sind: "Ich finde toll, wie nah 'Meine Südstadt' oft an politischen Entwicklungen ist - und tatsächlich eine erstaunliche Qualität hat. Dafür, dass es so ein Lokalmedium ist, schreiben wirklich gute Journalisten dafür, und es ist quasi kein Schrott drin."
Es gibt Bedarf an einer neuen Form von Lokalzeitung. Sie ersetzt das Wochenblatt, die Pinnwand im Supermarkt, den Plausch auf der Straße - auch die Macher der Prenzlauer Berg Nachrichten
sagen: "So etwas wie uns wird es irgendwann flächendeckend geben." Jetzt, wo der Hype vorbei ist, zeigt sich nur, was für ein steiniger Weg das ist.
Unsere Blogger Anita Horn und Dennis Horn sind weder verwandt noch verheiratet, aber umso besser vernetzt. Sie entdecken jede Woche digitale Perlen: spannende Webseiten, lustige Links und Angebote, die den Alltag bereichern - hier im Blog und jeden Donnerstag in der
WDR 5 LebensArt im Radio.
Gleichzeitig meldet der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW), dass der Online-Werbemarkt in Deutschland 2012 die 6 Milliarden Euro Grenze überschritten hat, wie aus einer Erhebung der Bruttowerbeinvestitionen durch den Online-Vermarkterkreis (OVK) im BVDW hervorgeht. Das Internet vergrößere damit seinen Vorsprung gegenüber dem Printmarkt im dritten Jahr in Folge. Für 2013 soll es sogar noch weiter gehen. Im Lokalen scheint das nicht anzukommen. Warum entkoppelt sich das so stark?
Lars Gräßer am 28.02.13 13:00
Guten Tag!
Danke für die freundliche Erwähnung.
Leider ist Ihre Analyse nur bedingt richtig. Nicht zutreffend ist die Aussage, es hätte einen "Hype" gegeben. Zutreffend ist: Es wurde viel von einem Hype berichtet - häufig ohne allzu tiefgehende Recherche. Tatsächlich steht der Hype noch aus.
Tatsache ist: Die von Ihnen genannten Blog-Beispiele, also TegernseerStimme.de, Prenzlauerberg-Nachrichten.de, MeineSuedstadt.de und mein Heddesheimblog.de sind positive Beispiele, wo es in Zukunft hingegehen wird.
Tatsache ist ebenfalls: Es ist ein mühsamer Weg - auch, weil es nicht einfach ist, die lokalen Werbekunden zu überzeugen. Und das hat vielfältige Ursachen.
Ursache Nummer 1: Die Kunden sind häufig durch hohe Werbepreise der Printmedien frustriert und verschreckt.
siehe Fortsetzung
Hardy Prothmann am 28.02.13 13:01
Teil 2
Ursache Nummer 2: Die Printmedien haben seit 2000 die Rubrikenmärkte verloren (Auto, Immo, Jobs, Kleinanzeigen), weil sie nicht bereit waren, online zu denken. Um weitere Anzeigen nicht zu verlieren, haben sie aktiv den Online-Markt beschädigt, indem sie Online-Anzeigen verschenkt haben, wenn Print gebucht wurde. Lernerfolg für den Kunden: Online ist nichts wert.
Ursache Nummer 3: Lokale Geschäfte haben mit großen wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen - da wird sehr genau auf's Geld geachtet. Shopping-Center bekommt man nicht als Werbekunden.
Ursache Nummer 4: Es gibt in der digitalen Wirtschaft immer noch die Abrechnung über hohe Klickzahlen - das funktioniert im Lokalen nicht.
Zur Entwicklung der Lokalblogs: Das ist ein Pioniergeschäft. Mit vielen Hürden, die es zu überwinden gilt.
siehe Fortsetzung
Hardy Prothmann am 28.02.13 13:06
Teil 3
Eine wesentliche Hürde ist die Finanzierung - alle genannten Blogs sind ohne Anschubsfinanzierung gestartet. Selbstverständlich braucht es da viel Idealismus und die Bereitschaft zur "Selbstausbeutung" - dies als "Mangel" anzuführen, ist leider eine falsche Sicht. Diese neue Generation von Unternehmerjournalisten investiert Arbeitszeit als Kapital.
Vor Ort sind die Werbemärkte meist vollständig monopolisiert - es erfordert viel Geduld, die Kunden von neuen Angeboten zu überzeugen. Dem steht entgegen, dass Journalisten wie ich anfangs überhaupt keine Ahnung haben, wie man einen Vertrieb aufbaut. Zudem gibt es die klassisch gelernte Verkaufshemmung - denn Redaktion und Anzeigen sollen ja getrennt sein. Das lässt sich aber anfangs personell nicht trennen. Dass es kein Problem ist, redaktionelle Inhalte von werblichen zu trennen, kann man bei mir immer wieder erkennen - wir berichten auch zu Kunden kritisch.
siehe Fortsetzung
Hardy Prothmann am 28.02.13 13:29
Teil 4
Die klassischen Medienmärkte sind ausdifferenziert und zeigen als Entwicklung entweder Abwicklung oder Konzentration. Als letzte Neugründung auf dem Zeitungsmarkt ist 1979, also vor 34 Jahren, die taz entstanden. Nach der Privatisierung der AV-Medien Mitte der 80-er Jahre gab es eine Vielzahl neuer Sender, von denen nur ein Teil übrig geblieben ist. Seit Mitte der 90-er Jahre gibt es hier ebenfalls keine wesentlichen Veränderungen mehr.
Die letzte große Entwicklungswelle waren überwiegend Ableger bekannter Medienmarken wie Spiegel Online, Bild.de usw. Spiegel Online brauchte trotz vorhandener Strukturen und einem starken Verlag im Rücken fast 15 Jahre, um rentabel zu werden.
Woher kommt der Anspruch an kleine, lokale Projekte, dass diese innerhalb von drei Jahre wirtschaftlich durch die Decke gehen könnten?
siehe Fortsetzung
Hardy Prothmann am 28.02.13 13:35
Teil 5
Die Kernprobleme lokaler Neugründungen haben wir bei http://istlokal.de zusammengefasst: Inhalt (Journalismus), Technik, Vermarktung und Organisation (Recht).
Die vier genannten Projekte sind alle ohne "Wurzeln" gegründet worden, also neu entstanden. Alle Anbieter mussten sich lokal vor Ort erst bekannt machen und die Örtlichkeiten selbst kennen lernen. Gleichzeitig entwickelt man den Journalismus weiter und macht ihn moderner, teils multimedialer.
Alle Gründer sind plötzlich Redaktioinsleiter, Technikchefs, Vertriebsleiter, Personalleiter, Controller, Einkäufer usw. Alle diese Funktionen alleine oder mit kleinen Mannschaften zu stemmen, ist eine enorme Herausforderung, aber eine, die man erfolgreich umsetzen kann.
Mein Beispiel: Ich habe alleine angefangen, jetzt arbeiten zehn Mitarbeiter mit - alle bezahlt und zwar besser als bei anderen lokalen Medien.
Im April stelle ich eine Volontärin an.
siehe Fortsetzung
Hardy Prothmann am 28.02.13 13:39
Teil 6
Es gibt zur Zeit rund drei Dutzend ernstzunehmende lokale Projekte, die alle in den vergangenen drei bis fünf Jahren entstanden sind. Alle von Ihnen genannten Beispiele sind miteinander vernetzt - wir bilden einen Verband lokaler Internetmedien aus, auch das eine Herausforderung.
Wir bei istlokal.de rechnen ab diesem Jahr mit einer Vielzahl von weiteren Angeboten - denn der Druck steigt durch Entlassungen bei Printmedien oder Einstellungsstopps bei ARD und ZDF.
Das Problem: Der klassische freie Journalist ist gewohnt, vorhandene Medien gegen Honorar zu bedienen. Unternehmerisches Denken ist hier noch nicht verbreitet oder durch Gewöhnung nur schwer zu entwickeln.
Große Chancen haben Angebote, die sehr strukturiert vorgehen und vorhandene Netzwerke nutzen. Beispiele sind die Istlokal-Partner Nadr.de und Weiterstadtnetz.de. Die beiden Kollegen haben sich an das Netzwerk Istlokal angeschlossen und innerhalb kurzer Zeit eine hohe Relevanz erarbeitet.
siehe Fortsetzung
Hardy Prothmann am 28.02.13 13:45
Teil 6
Arnd Waidelich (NADR.de) ist mit seinen 60 Jahren ein erfahrener Journalist und ein Ausnahmebeispiel, er ist neugierig, experimentierfreudig und hat ein hervorragendes Angebot geschaffen - allerdings ist er auch klassisch geprägt und die Vermarktung muss er noch lernen.
Julian Heck (Weiterstadtnetz.de) ist 22 Jahre alt, zeigt enormes Engagement und hat bei der Vermarktung erste Erfolge.
Ich habe zunächst das Produkt entwickelt, ähnlich wie Arnd. Erst durch die Zusammenarbeit mit Peter Posztos (TegernseerStimme.de) ist die wirtschaftliche Entwicklung bei mir entscheidend vorangekommen.
Wir setzen beide mehr auf feste Werbepartner, die Jahresverträge mit uns schließen, als auf Einzelanzeigen. Dadurch ergeben sich kalkulierbare Budgets, mit denen wir Honorare und andere Kosten planen können. Die Tegernseer Stimme hat im vergangenen Monat einen Volontär angestellt.
siehe Fortsetzung
Hardy Prothmann am 28.02.13 13:53
Teil 7
Wir tauschen Verträge aus, unsere Erfahrungen bei der Vermarktung, wir tauschen Inhalte und schaffen damit eine bislang unbekannte Organisationsstruktur - eine vernetzte.
Entwicklungszeiträume von drei bis fünf Jahren für Neugründungen sollten ähnlich wie in der klassischen Wirtschaft eingeplant werden.
In den ersten ein bis zwei Jahren müssen Leser/innen und Kunden sich erstmal an das neue Angebot gewöhnen - dann folgt eine Experimentierphase, dann die Konsolidierung.
Eine Garantie für den Erfolg gibt es natürlich nicht - aber die Chancen sind gut und umso besser, je mehr Zeitungen ihre Angebote zusammenkürzen oder einstellen.
Schöne Grüße
Hardy Prothmann
Hardy Prothmann am 28.02.13 14:01
Ich kann Hardy Prothmann nur zustimmen.
Begonnen haben wir im Dez. 2010 mit 438 Zugriffen. Ein Jahr später waren es im selben Monat über 40.000. Mit über 3300 likes bei Facebook sind wir vor dem Mitbewerber Rheinische Post (Solinger Morgenpost), die sich irgendwo bei 450 likes wiederfinden. Und, wir machen nur lokales, sind also kein bundesweit agierendes Blog. Dass zeigt m.E. wo die Reise hingeht.
Natürlich ist das alles harte Arbeit, aber reich wollten wir damit auch nicht werden. Vielmehr orientieren wir uns an den von Hardy Prothmann veranschlagten 5 Jahren, die wir bei Existenzneugründungen für realistisch halten.
Gruß
Carsten Stoffel, Solinger Bote
Carsten Stoffel am 28.02.13 16:37
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