Dienstag, 27.05.2014

Lieber prügeln als nachdenken

Wenn man die wertvollste Marke der Welt ist, dann hat man zumindest eins erreicht: Praktisch jeder kennt einen. Google gilt seit einigen Tagen ganz WDR: offiziell als wertvollste Marke der Welt. Sowas schmerzt natürlich all die anderen, die sich im kühlen Schatten des Siegers aufhalten müssen und eigentlich auch gerne auf dem Siegertreppchen stehen würden. Die unvermeidliche Folge: Neid. Den muss man hinnehmen, wer man erfolgreich ist - aber Prügel?

Nein, Prügel muss sich definitiv niemand gefallen lassen. Doch genau das passiert gerade: Google wird geprügelt wie ein Hund. Weil das Unternehmen zu mächtig wird und vielen damit Angst macht. Weil Google die besseren Ideen zu haben scheint und so das Unvermögen all jener deutlich deutlich wird, die nicht mithalten konnten oder können. Minderwertigkeitskomplexe können depressiv machen - aber auch WWW: aggressiv.

doepfner.png
Springer-Chef Döpfner attackiert Google frontal


Marktbeherrschende Stellung
Gleich mal vorweg geschickt: Wenn jemand seine marktbeherrschende Stellung ausnutzt, dann ist das nicht in Ordnung. Dann muss der Sache nachgegangen werden, dann müssen Spielregeln her, die fair sind. Google hat es in Europa geschafft, rund 90% aller Suchanfragen zu beantworten (in den USA ist der Anteil deutlich geringer, etwa 50%). Und das nicht, indem eine marktbeherrschende Stellung ausgenutzt wird (wie Microsoft damals mit dem Internet Explorer, der serienmäßig mit Windows ausgeliefert wurde).

Nein, die Leute nutzen Google vollkommen freiwillig - offensichtlich sind sie mit den Ergebnissen überwiegend zufrieden. Zufriedener jedenfalls als bei Yahoo, Bing oder Duckduckgo, auch wenn diese Suchmaschinen zweifellos ihre eigenen Stärken haben. Konkret vorgeworfen wird Google eigentlich nur eins: Häufig wären die ersten Suchtreffer Produkte oder Onlinedienste von Google, Wettbewerber würden benachteiligt. Diesem Vorwurf muss man nachgehen, denn wenn es stimmt, wäre das zu korrigieren. Darüber wird in der EU aber schon länger gestritten. Mir erschließt sich der Vorwurf nicht so direkt, denn wenn ich zum Beispiel "Flug Düsseldorf-München" oder "Digitalkamera" eingebe, sehe ich keine Google-Treffer. Aber wenn es stimmt, dann müsste Google das korrigieren. Nachvollziehbare Kritik.


Merkel will europäisches Google
Was aber nicht nachvollziehbar ist, sind die aktuellen Kommentare aus Politik und Wirtschaft, die Google vor allem deswegen angreifen, weil Google so groß ist. Springer-Chef Döpfner wirft WWW: Google regelrecht Mafiamethoden vor. Sogar von "Schutzgeld" ist die Rede. Bloss weil die eigenen Einträge nicht auf den ersten Rängen bei Google erscheinen, ist das noch kein Beweis, dass manipuliert wurde. Wenn gleich jedem geholfen wird, der am lautesten schreit, wäre das auch eine Wettbewerbsverzerrung - denn Döpfner kann eindeutig lauter schreien als zum Beispiel kleine Blogger.

Auch aus der Politik kommen merkwürdige Signale. Bundeswirtschaftsminister Gabriel wird die ARD: Macht der Internetkonzerne einschränken. Was auch immer das bedeuten soll. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel fordert lauthals europäische Konkurrenten zu Google und Apple. Tönt gut - aber wie soll das gehen? Eine Suchmaschine, die auf Befehl aus dem Kanzleramt entsteht und dann auch noch richtig gut ist, so etwas ist nicht vorstellbar. Dass es kaum nennenswerte Internetdienste aus Deutschland gibt, ist auch ein Versagen der Politik. Das Umfeld ist innovationsfeindlich.

Hiesige Unternehmen waren aber auch faul. Wenn man Google und Apple als moderne Medienkonzerne begreift, so hätten wohl am ehesten die großen Medienkonzerne die Möglichkeit, im Onlinegeschäft mitzumischen. Doch kein einziger Verlag, auch nicht Springer, ist mit guten Alternativen zu Google aufgefallen - nur immer wieder mit bissiger Kritik. Lieber prügeln als nachdenken, das scheint das Motto.

Wettbewerb ist für alle gut. Keine Frage. Aber das klappt nur, indem man gute Ideen fördert, auch hier bei uns - uns nicht die guten Ideen anderer kritisiert und eindämmt. Allerdings sollte Google seiner Verantwortung auch gerecht werden. Wer eine derart große Rolle spielt, der muss sich öffnen, der muss Einblicke gewähren, offen sein für Kritik und beweglich. Hier gibt es große Defizite, vor allem in Europa. Wer in Europa groß Kasse machen will, der sollte auch in Europa ankommen und die Kultur achten. Das gelingt Google viel zu oft nicht - wie den meisten amerikanischen Unternehmen.

Umgekehrt wird ein Schuh draus:
"Wer eine derart große Rolle spielt, der muss sich öffnen, der muss Einblicke gewähren, offen sein für Kritik und beweglich. "
Der Erfolg sagt Google ja das man so weiter machen kann und selbst die Regeln des Spiels bestimmen wird.
So das mit man ein wenig "1984" mässiges Marketing rechnen muss:"Google hat erkannt das viele User dieses oder jenes Datenschutz-feature wünschen und dieser Wunsch ist Google "Befehl"!"
Kein Wort das man sich an Gerichte und/oder Gesetze halten soll...oder muss?!
Aber vor das Verwirklichen von totaltollen Datenschutzbestimmungen hat man noch die hochbezahlte Rechtsabteilung zubeschäftigen,oder ;-) und im Zweifel hat der User selbst darauf zu achten seine informatielle Selbstbestimmung zuwahren...

Martin Däniken am 27.05.14 16:53

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Samstag, 24.05.2014

Ausgezeichnet: Die besten Videos im Web

Auf Youtube, Vimeo und Co. gibt es mittlerweile richtig gut gemachte Videos. Ausgedacht, gedreht und hergestellt von Leuten, die gerne Videos produzieren - für ihr Publikum. Manche davon sind zweifellos preisverdächtig. Und genau aus diesem Grund gibt es den WWW: Webvideopreis, der am 24.05.2014 zum vierten Mal in Düsseldorf verliehen wurde.

Die besten deutschsprachigen Webvideos. Jury und Publikum stimmen beim Webvideopreis gleichberechtigt ab, wer eine Trophäe einheimst. Berücksichtigt werden übrigens ausschließlich Videos, die exklusiv fürs Web hergestellt werden, also keine Sendungen aus dem Fernsehen, die auch im Web landen. Eins kann man auf jeden Fall sagen: Das Internet holt eine Menge Kreativität aus den Leuten raus - und spricht viele an. Manche Webvideo-Macher (Youtuber) haben hunderttausende von Fans, die alle Videos anschauen, die neu herauskommen.

webvideopreis.png
Webvidepreis: Preisverleihung in Düsseldorf

Ich habe mir die nominierten Videos mal angeschaut - und ein paar echte Perlen entdeckt. Zum Beispiel in der Kategorie "AAA": Ein Video von MasterJam, der in einem fünf Minuten langen Video seinen Freunden und Fans Dank sagen möchte - als Coverversion des Tote-Hosen-Songs "Freunde". Einfallsreiche Bildgestaltung, gute Kameraarbeit, exzellenter Schnitt - ein Webvideo auf Profiniveau, gefällt mir sehr gut.

Richtig klasse auch das Webvideo von maaniac über den Überwachungsstaat. Dieses Video ist in der Kategorie "Epic" nominiert, als eines der besten Videos des Jahres. Hier macht sich der Autor Gedanken über einen Staat, der alles mitbekommt und dadurch die Freiheit der Bürger erheblich einschränkt. Das alles ansprechend animiert und bebildert.

Nicht Breaking Bad, sondern Baking Bad - schlecht backen. Das ist das Motto eines Videos, das in der Kategorie "FAQ" nominiert ist. In dieser Kategorie landen Videos, die originell und einfallsreich Dinge erklären und einordnen - produziert von Rocket Beans TV. Aber Vorsicht: Hier muss man eine Menge Zeit mitbringen. Das Video ist über eine Stunde lang - kochen und backen braucht halt seine Zeit.

Immer wieder beeindruckend finde ich es, wenn Menschen zeigen, was sie können - und mit viel Leidenschaft an Projekten arbeiten. In der Kategorie "OMG" (Oh, My God) ist - völlig zu Recht - ein Video nominiert, in dem wir beobachten können, wir ein Künstler mit Airbrush ein fotorealistisches Bild herstellt. Beeindruckend.

Auch besonders peinliche Webvideos werden prämiert - so wie ein Video von Bündnis 90/Die Grünen zur Bundestagswahl 2013. Eine Art Persiflage auf Tierfilme im Fernsehen - und irgendwie ein Volltreffer in der Abteilung Fremdschämen. Deshalb nominiert in der Kategorie "Fail".

Auch der Werbespot der Polizei NRW ist in der Kategorie "Fail" nominiert. Die Polizei hat im vergangenen Jahr mit einem Rap im Web versucht, junge Menschen für die Arbeit bei der Polizei zu begeistern. Gesprächswertig war der Spot - aber ob er auch seinen Zweck erfüllt hat? Wohl kaum.

Update: Mittlerweile stehen die Gewinner fest. Neben den in der Szene bekannten Größen wie Rocket Beans TV, LeFloid oder Gronkh gabe es auch ein paar Überraschungssieger, etwa Kollegah. Der Rapper hat mit seinem Youtube-Kanal "Bosshaft TV" gleich in drei Kategorien gewonnen. Diese Entscheidung wird durchaus kritisiert, weil eigentlich Nachwuchstalente mit dem Preis geehrt und motiviert werden sollen, weniger etablierte Künstler. Von den von mir vorgestellten Videos hat nur ein einziges einen Preis erhalten: Das peinliche Rap-Video der Polizei NRW. Ich gratuliere!

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Freitag, 23.05.2014

Geteiltes Glück

100 Tage am Stück glücklich sein. Klingt irgendwie nicht besonders viel, wo das Jahr doch 365 Tage hat. Aber bin ich jeden Tag glücklich? Wenigstens ein bisschen? Ein Projekt im Internet will das erreichen. Und über 800.000 Leute machen schon mit.

Glücklich sein macht nicht nur Spaß, sondern angeblich auch kreativer, weniger erkältungsanfällig und stressresistenter. Außerdem ist Glück etwas, das sich vermehrt, indem man es WWW: teilt. Also ran ans Handy und das Tablet, denn Glück kann man instagramen, liken und retweeten.

100happydays; Rechte: WDR/Horn

Unter dem Hashtag #100happydays findet mnam im Netz unzählige Fotos von blauem Himmel, Yoga am Strand, Schokolade, Füße vor dem Fernseher und Hunde, die in die Linse bellen. Ich habe mich bisher nicht angeschlossen, aber das Projekt hat mich zumindest dazu gebracht mal zu überlegen, ob ich jeden Tag ein bisschen zufrieden und glücklich bin. Bei #100happydays sollen die Nutzer jeden Tag bewusst etwas tun, das sie glücklich macht: etwas Gutes essen, was schönes erleben. Es geht also nicht um große, materielle Dinge, sondern um Kleinigkeiten, Nettigkeiten und die Schönheiten des Alltags. Seit Ende 2013 gibt es das Projekt, ins Leben gerufen von Dmitry aus der Ukraine.

Er lebt in der Schweiz, ist 27, arbeitet bei einem Unternehmen für Bildungsreisen und möchte das Bewusstsein für Glück im Alltag schärfen. Denn eigentlich ist es ganz leicht glücklich zu sein und andere Leute glücklich zu machen. Mittlerweile machen weltweit über 800.000 Leute mit. So wie Daniele aus Köln. Sie ist 30 Jahre alt, kommt ursprünglich aus Brasilien und ist zur Zeit in München. Per Skype hat sie mir erzählt, dass sie seit 19 Tagen mitmacht und seitdem tatsächlich ein bisschen glücklicher ist. Sie zelebriert jeden Tag und freut sich am Ende der Woche, was sie alles glückliches erlebt hat. Und wenn die 100 Tage rum sind, will Daniele weiter machen.

Glückskekse; Rechte: WDR/Horn

Aber was ich Glück denn nun wirklich? Für mich ist Glück zum Beispiel eine schöne Laufrunde im Park, Sonne, Nougatschokolade, eine zufällige Begegnung mit einem spannenden Menschen. So wirklich verallgemeinern kann man das aber nicht. 2013 gab es eine ARD: ARD-Themenwoche rund um das Glück, mit zahlreichen Glücksexperten, Glückspilzen und Glückslehrern. Vom Mönch über den Junkie bis zum Profisportler hat eben jeder seine eigene Auffassung von Glück. Aber es gibt auch findierte Grundlagen. Und zwar aus dem recht jungen wissenschaftlichen Bereich der WWW: Glücksforschung. Mittlerweile gibt es sogar Glück als WWW: Unterrichtsfach. Schule kann also theoretisch auch glücklich machen. Und Glück kann Schule machen.

100happydays; Rechte: WDR/Horn/Dmitry

Ich habe heute einer Schülerin auf der Straße einfach so eine Sonnenblume geschenkt. Und der Blumenverkäuferin 20 Cent mehr gegeben als nötig. Das Ergebnis waren zwei leicht irritierte, aber strahlende Gesichter und ein ziemlich gutes Gefühl. Ich glaube, Glück ist für mich, wenn man andere glücklich macht. Am besten 365 Tage im Jahr.

Unsere Blogger Anita Horn und Dennis Horn sind weder verwandt noch verheiratet, aber umso besser vernetzt. Sie entdecken jede Woche digitale Perlen: spannende Webseiten, lustige Links und Angebote, die den Alltag bereichern - hier im Blog und jeden Donnerstag in der WWW: WDR5 LebensArt im Radio.

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