Samstag, 21.03.2015

Plaudern mit Sirius

Da wir immer mehr Mobilgeräte benutzen und die Eingabe langer Texte auf den Miniklaviaturen von Smartphones und Tablets alles andere als komfortabel ist, haben Spracheingabesysteme derzeit Hochkonjunktur. Apple schickt Siri nach vorne, Microsoft sein Cortana und Google bietet Google Now. Alle drei Systeme stecken noch in den Kinderschuhen, doch die drei Großen der Branche sind fest entschlossen, Systeme zu entwickeln, die alles verstehen, auf Fragen antworten und auf eine gewisse Weise sogar mitdenken.

Spracheingabe wird immer wichtiger - vor allem auf Mobilgeräten; Rechte: dpa/Picture Alliance
Spracheingabe wird immer wichtiger - vor allem auf Mobilgeräten


Sprachsystem ohne Leidenschaft fürs Datensammeln
Das Problem: Hinter Siri steckt Apple, hinter Cortana steckt Microsoft und hinter Now steckt Google. Drei Megakonzerne, die nicht unbedingt dafür bekannt sind, uns in erster Linie einen Gefallen tun zu wollen. Sie sammeln unentwegt und im großen Stil Daten. Je mehr, desto besser. Doch bislang gab es keine ernsthafte Alternative zu den Sprachassistenten von Apple, Google und Microsoft. Doch jetzt ist WWW: Sirius gestartet. Ein OpenSource-Projekt, das sich anschickt, den Sprachsystemen der Platzhirsche Paroli zu bieten.

In diesem Video kann man sehen, dass das sogar schon ganz gut funktioniert - unter Linux. Das System versteht die Anfragen in englischer Sprache recht zuverlässig und beantwortet sie auch, etwa die Frage, in welcher Stadt das Empire State Building steht. Das ist auch die eigentliche Herausforderung: Nicht nur die Frage akustisch zu verstehen, sondern auch die Semantik, also den Sinn. "Was ist das da für ein Turm neben mir?" Diese Frage kann man nur verstehen (und richtig beantworten), wenn man weiß, wo der Fragende gerade steht und welchen Turm er womöglich gerade anschaut. Digitale Assistenten müssen so etwas wissen, um die passenden Antworten zu finden.


Demo: Sirius versteht schon eine ganze Menge


Gemeinschaftsprojekt als OpenSource
Sirius ist kein kommerzielles Produkt, sondern OpenSource, entwickelt am Clarity Lab der Universität von Michigan. Noch ist Sirius ein kleines Licht und wird unter Ubuntu entwickelt und getestet, allerdings lässt sich Sirius durchaus auch auf anderen Linux-Distributionen installieren. Ziel ist natürlich, Sirius in möglichst vielen Linux-Distributionen zu integrieren und auch auf Mobilgeräten verfügbar zu machen.

Sirius kann Sprache und Texte erkennen und sogar mit Bilderm umgehen, allerdings bislang nur vergleichsweise rudimentär. Mit den bereits entwickelten Fähigkeiten von Siri, Now und Cortana kann Sirius noch nicht mithalten. Aber das könnte sich ändern, wenn nun viele bei dem OpenSource-Projekt mitmachen. Vor allem die Wissensbasis muss sich verbreitern, denn bislang greift Sirius nur auf Wikipedia zurück. Aber das ist ein Anfang. Ein vielversprechender Anfang sogar, wie ich finde.

Ein Sprachassistent, der uns durch unseren Alltag begleitet? Technisch faszinierend, aus Datenschutzgründen extrem gefährlich! Da gibt es wirklich nur eine gute Lösung: ein Open-Source-Projekt! Hoffentlich ist man schnell genug. Schade, wenn es wie bei Linux käme. Man ist inzwischen den kommerziellen Betriebssystemen ebenbürtig. Aber der Vorsprung der Marktanteile von Microsoft und Apple wird nicht aufgeholt.

Vielleicht geben die diversen Daten-Skandale dem Käufer die dringend notwendige Sensibilität für den Datenschutz. Bei Linux gibt es das Problem, dass andere Betriebssysteme beim Kauf schon fertig installiert sind. Meistens hat man keine Lust zum Wechseln. Bei der Suchmaschine kann man immerhin eine andere aufrufen. Wie wird das bei den Sprachassistenten sein? Es wird nicht der beste gewinnen. Es wird der gewinnen, der im Geschäft auf den Geräten vorinstalliert sein wird!

Bertram in Mainz am 21.03.15 20:10

...ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass diese Assistenten - auch langfristig - besonders nützlich sind. Der Artikel oben erinnert mich an Eliza, aber Eliza war auch nicht nützlich. Ich denke, dass man heute noch dieselbe Diskussion wie früher fortsetzen kann, insofern Semantik mit Algorithmen nicht beizukommen ist.

mugrat am 21.03.15 22:17

...ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass diese Assistenten - auch langfristig - besonders nützlich sind. Der Artikel oben erinnert mich an Eliza, aber Eliza war auch nicht nützlich. Ich denke, dass man heute noch dieselbe Diskussion wie früher fortsetzen kann, insofern Semantik mit Algorithmen nicht beizukommen ist.

mugrat am 21.03.15 22:18

Langfristig sollen Arbeitsstellen verdrängt werden, denke ich.

LiFe am 22.03.15 11:31

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Freitag, 20.03.2015

Wer entdeckt den Heiligen Gral der Verschlüsselung?

Die wichtigste Lehre aus dem Überwachungsskandal lautet: Wer seine Privatsphäre behalten möchte, muss lernen, seine Kommunikation zu verschlüsseln. Doch kaum jemand setzt das auch um, trotz WWW: Cryptopartys, WWW: Büchern wie "Spurlos & Verschlüsselt" oder WWW: verbreiteter WWW: Software - die bisherigen Lösungen sind zu einfach kompliziert und die Masse zu träge, um den Punkt zu erreichen, an dem sich endlich etwas ändert.

Cryptoparty; Rechte: picture-alliance/dpa/Daniel Reinhardt
Nach dem Überwachungsskandal haben Cryptopartys wie diese in Berlin Zulauf bekommen - aber noch immer kommuniziert die breite Masse unverschlüsselt.

Ich bin deshalb dankbar um jeden Versuch, die Leute zur Verschlüsselung zu bringen. Deshalb finde ich die Idee des Fraunhofer-Instituts für sichere Informationstechnologie spannend, die in dieser Woche auf der CeBIT vorgestellt wurde: ein Programm, das automatisch dafür sorgt, dass alle anderen Programme die eigene Kommunikation verschlüsseln. Eine gute Idee - nur der Titel ist schrecklich: "Volksverschlüsselung".

Die Technik dahinter: Das Programm erzeugt kryptografische Schlüssel für eine sichere Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Die privaten Schlüssel bleiben dabei auf dem eigenen Rechner. Die öffentlichen Schlüssel werden bei der zentralen Infrastruktur im Netz hinterlegt; das Verfahren läuft über einen "Hochsicherheitsserver" am Fraunhofer SIT. Die Authentifizierung dafür läuft über das Postident-Verfahren, per Micropayment oder über den Elektronischen Personalausweis, den aber nur wenige online nutzen.

Nachdem die Schlüssel erzeugt sind, scannt das Programm, welche Software installiert ist - und richtet diese dann automatisch für die verschlüsselte Kommunikation ein. Dabei setzt die Volksverschlüsselung auf den S/MIME-Standard. Bisher werden nur die E-Mail-Programme Outlook und Thunderbird sowie die Browser Internet Explorer und Firefox unterstützt. Weitere Programme sollen folgen.

Volksverschlüsselung; Rechte: Fraunhofer SIT
Die Volksverschlüsselung führt automatisch durch die Einrichtung von Zertifikaten und Schlüsseln - im E-Mail-Programm oder Browser selbst ist man im Anschluss allerdings wieder auf sich allein gestellt.

Noch ist die Volksverschlüsselung nur ein Prototyp für Windows; offiziell soll das Programm im Sommer erscheinen. Geplant sind auch Versionen für OS X und Linux sowie für Smartphones unter Android und iOS. Eine gute Idee, denn unbedarfte Nutzer müssen sich so nicht mehr stundenlang mit der Technik von Verschlüsselungssystemen beschäftigen. Dass sie bisher einknicken, sobald sie Abkürzungen und Begriffe wie "GnuPG", "S/MIME" oder auch nur "Plug-in" hören, kann ich nachvollziehen.

Doch so gut die Idee, so vorsichtig bin ich bei der Frage, ob die Volksverschlüsselung das Volk auch erreicht und wir hier den "MP3-Moment der Kryptografie" erleben, den Heiligen Gral der Verschlüsselung. Denn neue Dienste erreichen in der Regel nur die Masse, wenn sie ein Problem lösen - und nach wie vor sehen die meisten Nutzer die Überwachung nicht als Problem. Mal abgesehen davon, dass eine gute Idee nicht reicht. Es braucht auch gutes Marketing, und das fängt beim Namen des Programms an.

Auch aus technischer Sicht bestehen noch ein paar Herausforderungen: Es braucht mehr, als dieses Programm zu installieren und einzurichten. E-Mails müssen danach zum Teil noch immer bewusst verschlüsselt werden. Auch das Hin und Her zwischen großem Rechner, Smartphone und Tablet, zwischen Zuhause, unterwegs und Büro und der dafür nötige Austausch der Schlüssel zwischen den Geräten ist noch nicht gelöst.

Tablet; Rechte: picture-alliance/dpa/Ole Spata
Wann beginnt die breite Masse damit, ihre Kommunikation zu verschlüsseln? Reicht ein zusätzliches Programm wie die Volksverschlüsselung? Oder muss die Funktion wie in diesem Tablet direkt in Betriebssystem und Apps eingebaut sein?

Trotzdem: Die Idee des Fraunhofer SIT ist ein wichtiger Schritt, vor allem, weil es in Zukunft auch eine Open-Source-Variante der Volksverschlüsselung geben soll. Je mehr diese Idee vorangetrieben wird und je größer die Zahl der Nutzer, die dadurch gegen alle Widerstände doch zur Verschlüsselung kommen, desto besser.

So,so-ist also open source und wird auf backdoors validiert von wem?Zudem-angesichts von "Lighteater"zwar eine nette Idee die nur eben nichts nutzt.

Aha am 24.03.15 16:48

In Zeiten, wo transatlantische Geheimdienste alles an Verschlüsselung knacken, alle elektronische Kommuniktaion mitschneiden, auch diese hier, dabei Völkerrecht missachten und politisch Verantwortliche in Deutschland bzw. Europa diese auch noch hofieren, ist die Beschjäftung mit dem Thema Verschlüsselung bemitleidenswert hoffnungslos. Den heiligen Gral gibt es nicht (mehr) oder, wenn man so will, liegt außerhalb dieses Systems. Die 80er lassen grüßen.

Thomas am 24.03.15 18:46

@Aha: Dinge wie Lighteater führen bei Vorhandensein eh alles ad absurdum, klar. Aber irgendwo muss man ja einmal beginnen. Die Open-Source-Version ist noch in Planung; zur Validierung gab es noch keine Infos.

@Thomas: Das eine ordentliche Verschlüsselung geknackt werden kann, ist meines Wissens bisher nicht belegt - auch wenn die Geheimdienste daran selbstverständlich arbeiten.

Dennis Horn am 19.04.15 23:53

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Donnerstag, 19.03.2015

Smarte Kuhglocken und ultraschneller Mobilfunk

200 Euro teure smarte Socken, Scrollen per Augenbewegung, ein Hilfssystem für Menschen mit Behinderung im öffentlichen Nahverkehr: Kollege Jörg Schieb hat am Montag schon Blog: ein paar seiner Messehighlights zusammengetragen. Und ich stimme ihm zu: Es sind die Ideen am Rand, abseits des Trubels, die immer wieder interessant sind.

Plastikkühe; Rechte: WDR/Dennis Horn
Smarte Technik steckt auf der CeBIT auch in der Kuhglocke.

Dazu gehört vor allem smarte Technik, die in immer mehr Gegenstände einzieht. Die Telekom präsentiert zum Beispiel ein smartes Fahrrad, das seine Einzelteile erfasst, analysiert und bei Verschleiß nachbestellt. Sensoren merken außerdem, wenn das Fahrrad geklaut wird, und versorgen seine Fahrer mit vielen weiteren Informationen. Ähnlich funktionieren auch die smarten Skier, die am Stand von IBM zu sehen sind.

Sogar smarte Kuhglocken gibt es hier zu sehen - unter dem Stichwort "Farming 4.0". Wer einmal einen großen Milchbauernbetrieb von innen gesehen hat, weiß, dass schon heute mit Sensoren gearbeitet wird, um die Kühe im Blick zu halten. Die smarte (und entsprechend lautlose) Glocke macht es einfach, die eigenen Kühe wiederzufinden - einfache, unauffällige Technik, in den Messehallen aber ein großer Blickfang.

Großartig außerdem: der IO Hawk, sozusagen ein Segway ohne Lenkstange. Der IO Hawk besteht ebenfalls aus zwei Rädern mit einer Standfläche dazwischen. Lehnt man sich nach vorne, beginnt er zu fahren. Das klingt extrem wackelig, doch auf der CeBIT rasen immer wieder IO-Hawk-Fahrer an den Besuchern vorbei - in einer so großen Geschwindigkeit, dass man es kaum schafft, sie schnell nach einem Foto zu fragen.

IO Hawk; Rechte: picture-alliance/dpa/Ole Spata
Unterwegs auf dem IO Hawk: Der über 1.000 Euro teure fahrbare Untersatz für die Füße ist flink und passt im Gegensatz zum großen Segway auch in den Rucksack.

Aber auch klassische Technik begeistert immer wieder. Vier imposante Roboterarme zum Beispiel, die skurrile Formen aus Schaumstoffblöcken schneiden. Der Großrechner z13 von IBM mit 10 TB Arbeitsspeicher, durch den dicke Kühlungsschläuche führen, um die Technik im Griff zu halten. Und der Versuchsaufbau des neuen Mobilfunkstandards 5G bei Vodafone, der erstmals außerhalb des Labors Geschwindigkeiten von über 10 GBit/s erreicht. Zum Vergleich: LTE/4G kommt auf maximal 300 MBit/s.

Nicht jedes Stück Technik von der CeBIT wird es irgendwann auch zu kaufen geben. Auf die Frage, warum die ein oder andere Idee es auf die Messe geschafft hat, können viele Aussteller nur die Antwort geben: "Weil wir's können." Aber genau das macht eine solche Messe so interessant: die vielen verrückten Ideen, die es nicht unbedingt zur Marktreife schaffen, aber trotzdem zeigen, was heute alles möglich ist.

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