Mittwoch, 07.05.2014

Auf in den Kampf! - Tag eins der re:publica 14

Das Klassentreffen der Netzgemeinde war nie so politisch wie in diesem Jahr. Rund 6.000 Köpfe der digitalen Welt sind drei Tage lang auf der re:publica in Berlin zu Gast - und mehr Anlauf für das wichtigste Thema in diesem Jahr geht nicht: Wenige Wochen, nachdem die re:publica, die inzwischen größte Netzkonferenz Europas, im vergangenen Jahr zu Ende ging, kam der Überwachungsskandal ins Rollen und hat das Internet kaputt gemacht.

re:publica; Rechte: re:publica/Sandra Schink
Die STATION-Berlin direkt am Gleisdreieck ist auch in diesem Jahr Heimat für die Vollversammlung von Deutschlands Digitalszene

Viele Sessions in diesem Jahr widmen sich dem Widerstand, zum Beispiel der Frage: Wie bekommen wir den Überwachungsskandal endlich in die Köpfe der Leute? Der Medienwissenschaftler Friedemann Karig glaubt, WWW: dass wir neue Geschichten zum Wachrütteln brauchen. "1984" sei keine Schreckensvision, weil die Welt keine solche wie aus dem Roman von George Orwell sei. Der Satz Blog: "Ich habe ja nichts zu verbergen" sei urböse. Neue Argumente könnten sein: Daten sind heilig, weil sie Macht bedeuten. Oder: Überwachte sind weder freier noch sicherer, was Studien auch belegen.

Die Bürgerrechtler Jillian C. York und Jacob Appelbaum beschäftigen sich mit der technischen Seite: Wenn es möglich ist, verschlüsselt zu kommunizieren - warum tut es kaum jemand? Aus Sicht von York und Appelbaum liegt das vor allem daran, dass die Software dafür noch zu selten aus Nutzersicht programmiert wird: WWW: "Wir dürfen Menschen, die keine Technikfreaks sind, nicht ausschließen." Also: lernen von Apple, Google oder Microsoft, bei denen immer auch die User Experience eine Rolle spielt.

Anders ist der Ansatz der WWW: Yes Men, zwei Aktivisten, die durch Kommunikationshacks bekannt wurden. Sie haben die Website der Welthandelsorganisation gefälscht, sich als Mitarbeiter von Konzernen und Behörden auf Konferenzen ausgegeben und mit Ölriesen, Zeitungskonzernen und anderen angelegt. Auf der re:publica haben sie das WWW: Action Switchboard vorgestellt, eine Art Singlebörse für Aktivisten weltweit, um Protestaktionen auch online miteinander absprechen zu können.

Tanja und Johnny Haeusler mit Andreas Gebhardt; Rechte: re:publica/Sandra Schink
Die Organisatoren einer der spannendsten Veranstaltungen ums und fürs Netz: Tanja und Johnny Haeusler zusammen mit Andreas Gebhardt. Auf dem Foto fehlt Markus Beckedahl, der mit netzpolitik.org eins der wichtigsten deutschen Blogs betreibt

Sämtliche Sessions, in denen es um den Überwachungsskandal geht, kommen mit einer gehörigen Portion Wut daher. Dazu gehört auch die WWW: "Rede zur Lage der Nation" von Sascha Lobo, dem es in diesem Jahr vor allem darum ging, zum Kampf aufzurufen - vor allem gegen die Politiker, denen er Versäumnisse im Überwachungsskandal vorwirft. Diese Rede triefte dann aber dermaßen vor Wut gegen Politik, Netzgemeinde und sich selbst, dass sie später in Digitalistan noch einmal ausführlich Thema sein soll.

Was die re:publica ausmacht, sind auch immer die Themen abseits des Mainstreams. Meine Lieblingssession diesmal: Sprachpolizeiliche Ermittlungen mit Anatol Stefanowitsch über diskriminierende Sprache und Mittel und Wege dagegen. Vom Zigeunerschnitzel über das "N-Wort" bis zur nicht geschlechtergerechten Sprache - WWW: Stefanowitsch ging es vor allem um Fehlschlüsse der Sprachkonservativen: "Sprachliche Ausdrücke sind nicht, was ich damit meine, sondern immer das, was die Empfänger darunter verstehen." Die 30 Minuten fand ich extrem lehrreich.

Apropos Geschlechtergerechtigkeit: Warum gibt es eigentlich so viele bloggende Mütter - aber so wenige bloggende Väter? Trauen sich die Väter nicht hinter dem Ofen hervor oder hindert sie die Karriere daran? Selbst zu diesem Thema gab es WWW: eine eigene Session - aus der man mit vielen schönen Linktipps heraus geht.

David Hasselhoff; Rechte: re:publica/Sandra Schink
David Hasselhoff war da - und hat gesungen.

Und ja: Auch David Hasselhoff muss erwähnt werden. Ein Antivirenhersteller hat es geschafft, ihn als Werbegesicht mit zur re:publica zu bringen, unter dem Titel WWW: "I've Been Looking for Digital Freedom". Der Auftritt war zwar fürchterlich orchestriert und erwartbar werblich. David Hasselhoff und der Verlust der Privatsphäre passen aber erstaunlich gut zusammen - das hat mich überrascht.

Wer nicht auf der re:publica sein kann, dem empfehle ich übrigens WWW: den großartigen YouTube-Kanal der Veranstaltung: Eine ganze Reihe der Sessions geht dort noch am selben Tag als Video online - wie ein kleiner Bildungsurlaub von zu Hause aus.

Vielen Dank für die Aufnahme meiner Session in diese Liste. Ich war überrascht, wie viele es sich anhörten... Weiter so...

Sven am 8.05.14 8:36

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Mittwoch, 07.05.2014

Was ist die re:publica?

Das meist-diskutierte Thema im deutschen Twitter-Kosmos, der wichtigste Kongress zur Zukunft des Netzes, ein Treffen von Hochstaplern, die ihr Geld mit „irgendwas mit Internet" verdienen. Es gibt recht viele verschiedene Ideen davon was die re:publica, die gerade in Berlin stattfindet, eigentlich ist.

Ich habe einige Besucher der re:publica zufällig ausgewählt und sie gebeten mir in der Länge eines Vine-Videos (also 6 Sekunden) zu erklären, was für Sie die re:publica ist. Vielleicht kann man sich so einer Definition des Kongresses nähern.

Sophie
re:publica-Praktikantin


Jakob
WWW: @Jakob_SH


Anonym


Jen
WWW: @schnuppe


David
WWW: @davidfromkassel


Teresa Sickert
Reporterin
WWW: @cluychaz

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Dienstag, 06.05.2014

Ein Tag im Smartcar

Die Welt wird zurzeit smart. Das Smartphone wird zu unserem ständigen Begleiter, das Smarthome WDR: haben wir mit der Servicezeit schon besucht, und selbst das Auto wird jetzt zum Smartcar - mit Internetanschluss und voller kleiner Computertricks.

Die ganze Entwicklung finde ich extrem spannend: Die Technik befreit uns von lästigen Aufgaben, gerade im Auto kann das für ein ordentliches Plus an Sicherheit sorgen. Das zeigt allein, wie viel weniger mich mein Smartphone ablenkt, seit es sich automatisch per Bluetooth im Bordcomputer einklinkt, wenn ich mich ins Auto setze und es starte.

Das vernetzte Auto nimmt gerade an Fahrt auf. Vor allem Google und Apple drängen darauf, zum Betriebssystem fürs Auto zu werden und mit ihren Apps die Bordcomputer zu stürmen. Die Betriebssysteme sollen in den kommenden Monaten in Autos von Volvo, Mercedes-Benz, BMW, Ford, Opel, Peugeot und anderen wandern. Allen gemeinsam: ein Touchscreen von der Größe eines Tablet-Computers in der Mittelkonsole.


CarPlay ist das Betriebssystem von Apple, über das sich viele der Apps aufrufen lassen, die auch unter iOS laufen - hier im Hands-on von Engadget in einem Ferrari.

Ein Fortschritt dabei ist vor allem die Sprachsteuerung. Für die Servicezeit und WDR 5 konnte ich in Bergisch Gladbach einen Audi testen und darin E-Mails diktieren, Beiträge meiner Freunde bei Facebook durchgehen oder mir die Nachrichten vorlesen lassen. Für die Steuerung musste ich aber immer wieder an einen großen Knopf zwischen den Vordersitzen greifen - und war heilfroh, in dieser Zeit keinen Unfall gebaut zu haben. Erst mit einer ordentlichen Sprachsteuerung ganz ohne Knöpfe wäre das gelöst.

Ford dagegen arbeitet in einem Forschungswerk in Aachen weniger an der Unterhaltung im Auto - und mehr am Thema Sicherheit. Als ich mit einem der Entwickler unterwegs bin, machen wir zum Beispiel einen Bremstest: Nicht wir bremsen, sondern ein Fahrer drei, vier Autos vor uns. Davon bekommen wir gar nichts mit. Aber das System spuckt sofort einen Alarm aus - und kann so bei dichtem Verkehr Unfälle verhindern. Genauso, als ein Auto recht weit vor uns plötzlich mit einer Panne am Straßenrand liegen bleibt.

Noch spannender wird es, wenn Autos auch mit ihrer Umwelt kommunizieren: Die Entwickler in Aachen haben Ampeln an Kreuzungen so ausgestattet, dass ich Hunderte Meter vorher sehen, kann, ob sie rot zeigt, wenn ich ankomme - und an der Ampel dann, wie viele Sekunden es bis zur nächsten Grünphase sind. Das verschafft selbst mir als ungeduldigem Fahrer ordentlich Ruhe - und abgesehen davon fühle ich mich tatsächlich sicherer.

Tatsächlich: Ich fühle mich sicherer, traue mich aber nicht, mich komplett aufs Auto zu verlassen. Doch die Zeit wird kommen. Die Entwickler in Aachen glauben, dass wir uns auf dem Weg zum selbstfahrenden Auto befinden. Sie arbeiten zum Beispiel gerade an einem Stauassistenten, der das Fahren übernimmt, wenn es mal nur langsam voran geht. Selbst Google arbeitet zum Beispiel am selbstfahrenden Auto - und hat damit mittlerweile 700.000 Kilometer im Stadtverkehr von Mountain View gemeistert.


Das selbstfahrende Auto von Google kommt mit Baustellen, Fußgängern, Radfahrern und Bahnübergängen zurecht.

Google spricht vom offiziellen Start seines Autos noch 2018. Auch andere Hersteller sehen eine Marktreife noch in diesem Jahrzehnt. Da bin ich persönlich noch skeptisch, weil ich glaube, dass uns da auch noch viele, viele Diskussionen in Sachen Datenschutz, Privatsphäre und Sicherheit erwarten werden. Aber ob der Weg vom Smartcar über das vernetzte bis zum selbstfahrenden Auto noch zu verhindern ist?


Unsere Blogger Anita Horn und Dennis Horn sind weder verwandt noch verheiratet, aber umso besser vernetzt. Sie entdecken jede Woche digitale Perlen: spannende Webseiten, lustige Links und Angebote, die den Alltag bereichern - hier im Blog, jeden Dienstag in der WWW: WDR 5 LebensArt im Radio und einmal im Monat in der WDR: Servicezeit im WDR Fernsehen.

Wollen Sie wirklich alle diese Assistenz-Systeme im Auto? Prognostizieren Sie einmal in Servicezeit, wie lange die Systeme funktionieren werden und wann eine evtl. Reparatur z.B. einen Spurassistenten den Zeitwert des ganzen Autos übersteigen wird? Schon nach 5 oder 6 Jahren? Schon heute sind Steuermodule wegen Softwareprobleme nicht mehr lange haltbar oder zu Wahnwitzpreisen instandzusetzen

wilfried am 6.05.14 18:41

Hatten letztes Jahr im Urlaub einen Mietwagen mit allem möglichen Schnickschnack; und das Ding hat uns wahnsinnig gemacht. Seitdem kümmer' ich mich sehr um meinen Golf II, und hoffe, dass er mir die nächsten 25 Jahre noch treu zur Seite steht.

greeny am 6.05.14 23:03

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