Dienstag, 09.06.2015

Bedienungsanleitung für Kinder?

In meinem Freundeskreis habe ich über 40 Babys und Kleinkinder, die weinen, brabbeln, krabbeln und motzen, lächen und beobachten. Wann ein Kind was lernen sollte, welche Vorsorgeuntersuchungen es braucht und welche Entwicklungsstufen es durchmacht - damit kenne ich mich nicht aus. Aber ich will die Freuden und Sorgen meiner Freundinnen verstehen und gucke dafür gerne mal in die ein oder andere App. So wie Sandra aus Köln. Sie hat vor sechs Monaten ihren Sohn Len zur Welt gebracht und nutzt neben dem Rat von Eltern und Freunden natürlich Bücher und auch gerne ihr Handy. Ob Kinder-Apps etwas bringen, haben wir gemeinsam mit ihrem Kinderarzt getestet - und sind zu einem klaren Ergebnis genommen.

App Baby und Essen; Rechte: Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft

Test-App No.1 heißt "WWW: Baby und Essen" und ist vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Sie ist gratis für iOs und Android zu haben. Mit ihr sollen Eltern nachsehen können, ab wann man welche Beikost geben kann, was man statt Fleisch nehmen kann und wie man die richtigen Mengen berechnet. Sandra mag die Aufmachung der App. Sie ist bedienerfreundlich - auch wenn man gerade ein Kind auf dem Arm hat. Aber am liebsten guckt sie zwischendurch rein, um sich etwas in ein neues Thema einzulesen und Rezeptideen zu sammeln. Die App basiert auf den bundesweit einheitlichen und wissenschaftlich fundierten Empfehlungen zur Säuglingsernährung und Ernährung der stillenden Mutter von Gesund ins Leben, heißt es auf der Homepage des Bundesministeriums.

App Ohje ich wachse; Rechte: Twise Victory BV

Trotzdem vergleicht Sandra die Infos gerne nochmal mit Büchern, fragt Freundinnen oder sucht im Internet nach Informationen. Am meisten vertraut sie aber ihrem Kinderarzt Doktor Eckhart Dierlich. Mit ihm will sie herausfinden, in welcher Entwicklungsphase Len gerade ist. Die App „Oje ich wachse" kann das angeblich einordnen. Sie basiert auf dem gleichnamigen Bestseller von einem holländischen Ärztepaar. Sandra hat dafür 1,50 Euro für ihr Android-Handy bezahlt. Für iOst kostet die App 1,99 Euro, für Windows Phones 1,29 Euro. Sobald man das Geburtsdatum des Kindes einstellt, bekommt man eine Tabelle mit der Wochenphase angezeigt - und ob ein Entwicklungssprung oder ein bestimmter Wachstumsschub bevorsteht. "Len ist jetzt 27 Wochen alt und kommt angeblich bald in eine schwierige Phase", liest Sandra vor. Doktor Dierlich muss schmunzeln. "Das ist so zuverlässig wie eine Wetter-App". Allgemein gesehen gibt es natürlich Phasen, in die eine Entwicklung unterteilt wird, aber wann was passiert, ist so individuell, dass sich Eltern mit einer App nicht verrückt machen sollten. "Gerade ist Len in der oralen Phase, nimmt den Schlüssel in den Mund und erkundet die Welt auf diese Art. Danach kommen neue Entwicklungsschritte, aber schwierige Phase würde ich das nicht nennen", sagt der Kinderarzt.

Zum Vergleich lädt Sandra auch die App "Elternsein" herunter. Die ist von der Uni Freiburg und erklärt mit Videos unter anderem die Babysprache, geht aber auch auf Klein-, Schulkinder und Jugendliche ein. "Ziemlich ambitioniert, so viele Infos in eine App zu packen", findet Doktor Dierlich. Sandra sind die Videos mit vier Minuten oft zu lang, um sie mit Kind in Ruhe zu gucken. Deshalb probiert sie lieber noch die vierte App namens "medikid."

App "medikid"; Rechte: Nase und Nase GbR

Sie wurde von zwei Kölner Ärzten entwickelt und dient unter anderem der Dokumentation von Impfungen, fasst Infos über Erkrankungen und Vorsorge zusammen und gefällt Doktor Dierlich ganz gut. Sandra mag die Übersichtlichkeit und wäre auch bereit 2,99 Euro dafür zu zahlen. Allerdings ist die App bisher nur für iPhones zu haben.

Es gibt also eine Fülle an Apps für Eltern. Gerade für unterwegs und zwischendurch sind sie durchaus praktisch, finden Sandra und Doktor Dierlich. Ich finde sie gut, um mit etwas Halbwissen aufzutrumpfen und wenigstens einen Hauch von Ahnung zu haben, was die vielen kleinen Wesen und deren Eltern so erleben. Aber am schönsten ist es weiterhin, sich mit Eltern und Freunden auszutauschen. Und bei akuten Fragen oder Problemen vertraut Sandra weiterhin auf ihr Gefühl und ihren Kinderarzt.

Unsere Blogger Anita Horn und Dennis Horn sind weder verwandt noch verheiratet, aber umso besser vernetzt. Sie entdecken jede Woche digitale Perlen: spannende Webseiten, lustige Links und Angebote, die den Alltag bereichern - hier im Blog und jeden Dienstag in der WWW: WDR5 LebensArt im Radio.

Da hilft nur vorsortieren. Eine ganz subjektive Empfehlung, die natürlich keinen Anspruch auf universelle Weisheit erhebt:
Medizinisches kann man mal durchschauen, Impfempfehlungen sind wichtig. Vieles kann auch der Kinderarzt beantworten.
Psychologisches gleich in die Tonne treten. Weil dadurch das Gerät kaputt ginge, gar nicht erst runterladen.

Man muss nicht das ganze Internet wissen lassen, wenn man ein Kind hat. Für die Werbung ist das eine neue Adresse mit Altersangabe. Ab da kann man weiterzählen, wann der Nachwuchs sich wohl für welche Themen interessiert, wann den Führerschein macht, eigenes Konto braucht, eigene Versicherung usw.

Es gibt auch noch ganz altmodische Bücher, die man bis zur Abschaffung des Bargelds anonym im Laden kaufen kann. Ich habe an sich nichts gegen eBooks. Aber solange man derart reglementiert wird, kaufe ich keine.

Schade, aber das Gebot der Datensparsamkeit würde mich von solchen Apps abhalten. Es gibt doch massenhaft normalen Lesestoff im Netz!

Bertram in Mainz am 9.06.15 12:21

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Dienstag, 09.06.2015

"Da kann ich Ihnen jetzt leider keine konkreten Beispiele nennen."

Tilo Jung polarisiert. Sein Grimme-prämiertes YouTube-Format WWW: "Jung & Naiv" ist WWW: auf vielen Ebenen kritikwürdig. Seine Kollegen in Berlin fühlen sich durch Ahnungslosigkeit WWW: regelmäßig auf die Palme gebracht. Und mit einem frauenfeindlichen Instagram-Posting zum Weltfrauentag hat er sich WWW: einen veritablen Shitstorm eingefangen. Mittlerweile aber lohnt sich wieder ein Blick auf "Jung & Naiv" - seit sich Jung darauf konzentriert, in der Bundespressekonferenz die Sprecher der Regierung und Ministerien zum Schwitzen zu bringen - WWW: wie hier beim Thema Vorratsdatenspeicherung.


Bei der Bundespressekonferenz zur geplanten Vorratsdatenspeicherung kann der Sprecher des Justizministeriums nicht beantworten, welche Gefahren sie denn abwehrt.

Highlight: die Frage danach, welche Gefahren durch die Vorratsdatenspeicherung denn bisher abgewehrt wurden. Antwort des Ministeriumssprechers: "Da kann ich Ihnen jetzt leider keine konkreten Beispiele nennen." Blog: Wie auch?

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Montag, 08.06.2015

Jetzt streamt auch Apple Musik

WWW: Apple Music - so heißt der neue Streamingdienst von Apple. Na, das kann man sich doch gut merken. Schlichte Namen haben halt Tradition bei der Apfel-Company. Jetzt ist klar, dass die Gerüchte im Vorfeld der WWW: Apple-Konferenz WWDC berechtigt waren. Apple verspricht vollmundig einen "revolutionären" Musik-Service. Das ist ein bisschen dick aufgetragen, schließlich ist Apple alles andere als der erste streamende Musikdienst der Welt. Allerdings hat Apple eine treue Fangemeinde. Die lassen sich schon überzeugen, den Musikdienst von Apple mal auszuprobieren.

Auf der World Wide Developers Conference werden tradtionell Neuheiten vorgestellt; Rechte: dpa/Picture Alliance
Auf der World Wide Developers Conference werden traditionell Neuheiten vorgestellt


Ende Juni geht's los
Was kann Apple Music? Natürlich aus einem schier endlos scheinenden Pool an Musiktiteln auswählen. Genaue Zahlen hat Apple nicht verraten, aber es sollen zig Millionen Titel sein. Man kann Playlisten erstellen und die von Freunden sehen (oder abspielen), man bekommt Musiktitel vorgeschlagen, die zum eigenen Geschmack passen. Das kennt man alles von bewährten Streamingportalen. Allerdings ist offensichtlich geplant, dass solche Vorschläge nicht nur von Algorithmen kommen, sondern dass auch Musikexperten passende Vorschläge machen (oder auf Konzerte hinweisen).

Ganz praktisch finde ich, dass man mit Apple Music sprechen kann. Apple-Nutzer können Siri zum Beispiel bitten, die Top 10 eines Genres zu spielen ("Play Top 10 Hiphop"), einen bestimmten Song abzuspielen ("Play: Don't Worry from Madcon") oder sogar ein Lied aus einem Kinofilm ("Play this song from Matrix") oder die Hits eines Jahres ("Play Top Songs from 1982"). Oder man kann bestimmte Titel oder Alben zu seiner Bibliothek hinzufügen ("Add the new Blur Album to my Library.") Und wenn einem etwas gut gefällt: "Play more songs like this").

Apple Music: Am 30. Juni geht's los; Rechte: Apple
Apple Music: Am 30. Juni geht's los


Apple als Spätzünder
Egal, ob bei iTunes gekaufte Musik, gerippte CDs oder Songs aus anderen Stores: Die gesamte Musik ist nun an einem Platz. Am 30. Juni soll es mit Apple Music losgehen (in 100 Ländern, darunter auch Deutschland). Voraussetzung: iOS 8.4 und ein neues iTunes auf dem Mac. Später soll Apple Music auch auf Android-Geräten funktionieren. Bei den Preisen langt Apple mal wieder mächtig zu. Die ersten drei Monate sind kostenlos. Danach fallen Kosten von 9,99 Dollar monatlich an. Das ist genauso teuer wie bei Spotify oder Deezer, allerdings gibt es auch eine Familienlizenz für 14,99. Das bedeutet: Mehrere Leute können gleichzeitig Musik streamen und unterschiedliche Titel hören. Praktisch!

Apple hat sich mit dem Thema Streaming sehr schwer getan. Als Apple 2003 den iTunes Music Store gestartet hat, wurde die Musikwelt regelrecht umgekempelt. Zum ersten Mal konnte man bequem und legal online auf unzählige Musiktitel zugreifen und Songs zu überschaubaren Kosten kaufen. Seitdem hat sich die Musikwelt allerdings weiter verändert. Heute geben Streamingdienste wie Spotify, last.fm oder Deezer den Ton an. Darauf hat Apple jahrelang keine Antwort gehabt. Apple Music ist nun die Antwort. Der Dienst macht - aus der Ferne betrachtet - einen ganz soliden Eindruck, aber "revolutionär" scheint dann doch übertrieben. Aber warten wir ab, welche Figur Apple Music in der Praxis macht.

Apple ist zwar selten günstig, aber...

"Danach fallen Kosten von 99,99 Dollar monatlich an."

... ist dann doch eine Übertreibung eurerseits ;)

Alex am 9.06.15 10:15

Apple ist zwar selten günstig, aber...

"Danach fallen Kosten von 99,99 Dollar monatlich an."

... ist dann doch eine Übertreibung eurerseits ;)

Alex am 9.06.15 10:16

"beiß nicht gleich in jedem Apple" Selber Musik machen macht enorm Spaß. Guter Ausgleich schont die Nerven. Besonders, wenn Ideen in Schubladen feststecken. Keine Kosten, kein Groll, kein Feindbild und man bewahrt Stil.

LiFe am 9.06.15 10:34

Ich bleib da lieber altmodisch und kaufe mir meine Musik auf Datenträger - dann gehört die nämlich danach mir. Rippen und auf meinem NAS im Haus bereitstellen kann ich das dann immer noch.
Mir ist komplett unverständlich wie man eine monatliche Gebühr für Musik bezahlen kann, die dann doch nur abgespeilt wird....

Sven am 9.06.15 10:35

Einfallreich und am kreativsten waren und sind immer noch "altmodische". Hoppla, nebenan übt jemand eifrig Klavier. Ich rufe "Fis!" :-)

LiFe am 9.06.15 12:02


Mir gefällt die ganze Richtung nicht. Man will uns unbedingt Abo-Modelle schmackhaft machen. Der Preis erscheint gar nicht mal so hoch. Aber auf ein paar Jahre gerechnet summiert sich das gewaltig. Zumal ja oft noch andere Abos zu bezahlen sind. So verkaufte man Unerfahrenen Kredite über die niedrige monatliche Rate bei langer Laufzeit. Kostet doch gar nicht viel?

Streaming-Abos sind etwas für Hardcore-User. Mein Streaming-Dienst heißt UKW-FM. Bald kommt wohl noch DAB/DAB+ dazu. Beim Fernsehen schaue ich DVB-T. HD+ brauche ich nicht. Vielleicht später mal TV über Satellit. Der Normal-User sollte sich unbedingt die normalen Alternativen anschauen! Für rund 120 Euro pro Jahr kann man auch viele CDs kaufen.

Ganz sicher wird man bei Streaming wieder User-Daten sammeln. Radio ist anonym. Fernsehen nur, wenn der Fernseher nicht allzu "smart" ist.

Bertram in Mainz am 9.06.15 14:34

Musik ist Lärm und ich kann nicht verstehen wie man für Lärm auch noch bezahlen soll.

Der Alte am 9.06.15 15:54

Gähn, noch ein Streaming-Dienst, der nix anders macht.

Jost Schwider am 9.06.15 17:12

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