Mittwoch, 07.05.2014

Sascha Lobo, der Tyrannosaurus Rex auf Speed

Es fühlt sich nach Gottesdienst an, wenn Sascha Lobo spricht. Auf der re:publica haben es seine Überraschungsvorträge zur Tradition gebracht. Zurecht: Es gibt wenige, die so gut auf den Punkt bringen, was in der Netzpolitik in Deutschland schief läuft und in welch unfassbarer Art und Weise der Überwachungsskandal abgebügelt wird.

Lobos Vortrag in diesem Jahr trug den Titel "Rede zur Lage der Nation". Eine Ansage, die mich zum Nachdenken gebracht hat - vor allem über Sascha Lobo selbst.


"Rede zur Lage der Nation" von Sascha Lobo

Wir müssen in die re:publica-Veranstaltung im Jahr 2013 zurück reisen, um zu verstehen, was mich an Lobos Rede stört: Sie ist eine Was-interessiert-mich-mein-Geschwätz-von-gestern-Rede. Die re:publica 13 war vor allem spannend, weil sie sich nach Aufbruch anfühlte. Dafür hatte WWW: Gunter Dueck mit seinem Frontalangriff gegen das Publikum gesorgt, dafür hatte die Einsicht gesorgt, wie klein Blog: die Schnittmenge zwischen Netzgemeinde und YouTube ist, dafür hat aber auch Sascha Lobo gesorgt.

"Wir haben verkannt, dass Netzpolitik zuvorderst Politik ist - und nur ganz wenig Netz. Wir müssen uns eine ärgerliche Frage stellen: Wie überzeugen wir Angela Merkel?" Diese Frage hat Sascha Lobo im vergangenen Jahr gestellt. Sie war ein Aufruf, im schlimmsten Fall zusammen mit der Kanzlerin Mehrheiten zu finden. Das waren realistische und angenehme Töne, und es war die Einsicht, dass reine Rechthaberei nicht weiterbringt.

Die re:publica in diesem Jahr nutzt Lobo für ein ordentliches Maß an Rechthaberei und für einen gut vorbereiteten Wutausbruch: zuerst in Richtung Publikum, dessen Eltern mehr Geld für den Vogelschutz ausgäben als die Teilnehmer der re:publica für die Rettung des digitalen Biotops. Was sich anfühlt, als würde mir der Pfarrer auf die Finger klopfen, weil ich gesündigt habe - und gleich darauf den Klingelbeutel für Spenden an die Digitale Gesellschaft rumgeben.

Sascha Lobo; Rechte: re:publica/Sandra Schink
Wer ist nun der Tyrannosaurus Rex auf Speed? Die Geheimdienste in ihrer Gefährdung für die Demokratie? Oder Sascha Lobo selbst auf der Bühne der re:publica?

Dann schließlich bekommt die Politik ihr Fett weg. Da heißt es: "Auf in den Kampf!" Da empfiehlt Lobo Real-life-DDoS-Attacken auf Bürgerbüros. Da fordert er einen "Marsch in die Institutionen", der natürlich "scheiße ist und sich schlimm anfühlt". Da empfiehlt er wirtschaftlichen Druck auf Netzgiganten wie Google und Facebook, weil nur Druck etwas bewege - gegen den Überwachungsskandal als "Tyrannosaurus Rex auf Speed". Dass er dann noch einschiebt, ohne die Politik gehe es nicht, wirkt da nur noch wie ein Alibi.

Ganz schlimm wird es, als Sascha Lobo fordert, "Begrifflichkeiten zu überdenken" und "Täter klar zu benennen". Aus Überwachern werden dann "Spähradikale" und "Anti-Demokraten", der Verweis darauf, alles diene der Sicherheit wird "Sicherheitsesoterik". So wütend auch mich der Überwachungsskandal macht: All das Rumgepoltere, all die Vorschriften, all das Für-die-Netzelite-oder-gegen-sie fühlt sich nicht gut an.

Lobos Rede bekommt viel Applaus, weil sie dem Publikum wohl aus der Seele spricht - einem Publikum, das seit Jahren gewohnt ist, sich selbst laufend zu bestätigen, wie recht es doch hat. Alf Frommer nennt das den WWW: "Kardinalfehler der Netzmenschen": "Sie denken selbst, sie wären immens wichtig für die Welt, nur denkt die Welt das nicht unbedingt. Aber keiner stellt die entscheidende Frage: Warum ist das so?"

Sascha Lobo; Rechte: re:publica/Sandra Schink
Begeht Sascha Lobo mit seiner Rede zur Lage der Nation den "Kardinalfehler der Netzmenschen"?

Wer sich nun wieder aufs Rechthaben, Wütendsein und Protestieren zurückzieht, schafft in Politik und Gesellschaft kein Verständnis für die Probleme, die es tatsächlich gibt. Ein Jahr nach dem großen Aufruf zu Kompromissen mit der Politik war die noch so brillante und gut vorbereitete Rede von Sascha Lobo für mich am Ende nur unglaubwürdig.

Eine Rede zur Lage der Nation hält in der Regel deren Präsident. Und wo Demokratie und Freiheit herrschen, werden Präsidenten von Zeit zu Zeit neu gewählt. Es wird Zeit.

Zitat:
"Da heißt es: "Auf in den Kampf!" Lobo empfiehlt Real-life-DDoS-Attacken auf Bürgerbüros, also einen "Marsch in die Institutionen", der natürlich "scheiße ist und sich schlimm anfühlt". Da empfiehlt er wirtschaftlichen Druck auf Netzgiganten wie Google und Facebook, weil nur Druck etwas bewege - gegen den Überwachungsskandal als "Tyrannosaurus Rex auf Speed". Dass er dann noch einschiebt, ohne die Politik gehe es nicht, wirkt da nur noch wie ein Alibi."

Sie haben diesen Aufruf leider falsch verstanden (zumindest diesen Teil). Der "Marsch in die Institutionen" bezieht sich natürlich auf das übernehmen politischer Ämter, bzw. das Einbringen in die Entscheidungsebenen. Politik selber machen also.

Die DDos-Attacken sollen auch nicht AUF die bürgerämter zielen, sondern dort vor Ort ausgeführt/demonstriert werden. Damit der Verwaltungsapparat/die Politik überhaupt versteht, was Sicherheit im netz bedeutet.
Beim nächsten mal vieleicht etwas besser zuhören :)

Farbfilm am 7.05.14 18:15


Warum soll man nach einem solchen Schnüffelskandal nicht mal richtig wütend werden? Ich wünsche mir, dass viel mehr Menschen über viel mehr solche Themen viel mehr wütend werden!
Und ich hoffe, dass diese Wut umgesetzt wird in ein wohl überlegtes Kreuzchen bei den kommenden Wahlen!

Bertram in Mainz am 7.05.14 23:37

Lobo kritisieren, schön und gut, kann man ja machen. Aber wo ist denn deine Lösung für das Problem? Warum doktorst du herum ohne selber bessere Lösungen anzusprechen?
Wie hättest du denn diese Rede gehalten? Und es war klar, dass es dieser Rede bedurfte!
Natürlich kann man das kritisieren aber wo ist deine Alternative?

Jason Daehler am 8.05.14 0:09

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Mittwoch, 07.05.2014

Wie offen ist das Land?

Frei verfügbare Daten und der Einsatz von Software mit frei zugänglichem und verwendbarem Quellcode (Open Source) in Rathäusern und Öffentlicher Verwaltung ist seit jeher ein Thema der Re:publica. Leuchtturmprojekte gibt es in vielen Bundesländern, doch wie "offen" sind die Länder wirklich? Das Projekt WWW: Digital Openness Index hat am Mittwoch (07.05.2014) auf der Re:publica erstmals die Ergebnisse eines deutschlandweiten Rankings vorgestellt. Das Projekt wurde von verschiedenen Stiftungen, die sich für Netzpolitik einsetzen, finanziert und wird von zwei Juniorprofessoren der FU Berlin wissenschaftlich begleitet.

Screenshot Digital Openness Index Der Openness Index vergleicht die "Offenheit" der Bundesländer. Je größer der Kreis, desto höher der Indexwert

Demnach liegt Berlin mit 4,8 von 10 möglichen Punkten ganz vorne, Hessen mit 0,8 Punkten auf dem letzten Platz. Nordrhein-Westfalen erreicht 1,9 Punkte und liegt auf Platz 10. Wobei die Forscher betonen, dass die Nachkommastellen des Index mit Vorsicht zu genießen seien, denn das Sammeln der Vergleichsdaten sei "verdammt viel Arbeit" und alles andere als leicht gewesen. Der Vergleich beruht auf der Auswertung eines umfangreichen Fragenkatalogs zu fünf Themengebieten:


  • Open Data: hier wurde beispielsweise die freie Bereitstellung von Daten, die in Rathäusern erhoben werden, abgefragt.

  • Open Source: bei diesem Themengebiet ging es um den Einsatz freier Software in Kommunen.

  • Open Infrastructure: beispielsweise die Bereitstellung von öffentlichen W-LAN-Hotspots.

  • Open Policy: werden die Ergebnisse öffentlich geförderter Kultur- oder Wissenschaftsprojekte auch der Öffentlichkeit frei zur Verfügung gestellt?

  • Open Education: werden Lehr- und Lernunterlagen frei veröffentlicht?

NRW liegt in allen Disziplinen im Mittelfeld, zwischen Platz 5 und 11. Besonders weit zurück liegt das Land beim Thema Open Source. Überdurchschnittlich gut bei Open Infrastructure, Policy und Education. Es gibt auch eine WWW: interaktive Auswertung der Daten. Aber Achtung: Die interaktive Seite ist nur in aktuellen Browser-Versionen zu sehen.

Besonders gut gefällt mir an dem Projekt, dass die Forscher den Index nun jedes Jahr erheben wollen. So lässt sich feststellen, ob es bei dem Thema in den Bundesländern eine Entwicklung gibt. Potential sei auf jeden Fall vorhanden, so gebe es etwa in Bayern ein eigenes gut auffindbares Open-Data-Portal. Das hätte eigentlich zu einer guten Bewertung führen können, wäre nicht der Inhalt zum Zeitpunkt der Datenerhebung eher enttäuschend gewesen. Nur rund 50 Datensätze waren in dem Portal verfügbar.

Die Auswertung der Fragebögen läuft unterdessen übrigens weiter, im Sommer soll der Digital-Openness-Index auch für einzelne Städte und Kommunen abrufbar sein.

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Mittwoch, 07.05.2014

Auf in den Kampf! - Tag eins der re:publica 14

Das Klassentreffen der Netzgemeinde war nie so politisch wie in diesem Jahr. Rund 6.000 Köpfe der digitalen Welt sind drei Tage lang auf der re:publica in Berlin zu Gast - und mehr Anlauf für das wichtigste Thema in diesem Jahr geht nicht: Wenige Wochen, nachdem die re:publica, die inzwischen größte Netzkonferenz Europas, im vergangenen Jahr zu Ende ging, kam der Überwachungsskandal ins Rollen und hat das Internet kaputt gemacht.

re:publica; Rechte: re:publica/Sandra Schink
Die STATION-Berlin direkt am Gleisdreieck ist auch in diesem Jahr Heimat für die Vollversammlung von Deutschlands Digitalszene

Viele Sessions in diesem Jahr widmen sich dem Widerstand, zum Beispiel der Frage: Wie bekommen wir den Überwachungsskandal endlich in die Köpfe der Leute? Der Medienwissenschaftler Friedemann Karig glaubt, WWW: dass wir neue Geschichten zum Wachrütteln brauchen. "1984" sei keine Schreckensvision, weil die Welt keine solche wie aus dem Roman von George Orwell sei. Der Satz Blog: "Ich habe ja nichts zu verbergen" sei urböse. Neue Argumente könnten sein: Daten sind heilig, weil sie Macht bedeuten. Oder: Überwachte sind weder freier noch sicherer, was Studien auch belegen.

Die Bürgerrechtler Jillian C. York und Jacob Appelbaum beschäftigen sich mit der technischen Seite: Wenn es möglich ist, verschlüsselt zu kommunizieren - warum tut es kaum jemand? Aus Sicht von York und Appelbaum liegt das vor allem daran, dass die Software dafür noch zu selten aus Nutzersicht programmiert wird: WWW: "Wir dürfen Menschen, die keine Technikfreaks sind, nicht ausschließen." Also: lernen von Apple, Google oder Microsoft, bei denen immer auch die User Experience eine Rolle spielt.

Anders ist der Ansatz der WWW: Yes Men, zwei Aktivisten, die durch Kommunikationshacks bekannt wurden. Sie haben die Website der Welthandelsorganisation gefälscht, sich als Mitarbeiter von Konzernen und Behörden auf Konferenzen ausgegeben und mit Ölriesen, Zeitungskonzernen und anderen angelegt. Auf der re:publica haben sie das WWW: Action Switchboard vorgestellt, eine Art Singlebörse für Aktivisten weltweit, um Protestaktionen auch online miteinander absprechen zu können.

Tanja und Johnny Haeusler mit Andreas Gebhardt; Rechte: re:publica/Sandra Schink
Die Organisatoren einer der spannendsten Veranstaltungen ums und fürs Netz: Tanja und Johnny Haeusler zusammen mit Andreas Gebhardt. Auf dem Foto fehlt Markus Beckedahl, der mit netzpolitik.org eins der wichtigsten deutschen Blogs betreibt

Sämtliche Sessions, in denen es um den Überwachungsskandal geht, kommen mit einer gehörigen Portion Wut daher. Dazu gehört auch die WWW: "Rede zur Lage der Nation" von Sascha Lobo, dem es in diesem Jahr vor allem darum ging, zum Kampf aufzurufen - vor allem gegen die Politiker, denen er Versäumnisse im Überwachungsskandal vorwirft. Diese Rede triefte dann aber dermaßen vor Wut gegen Politik, Netzgemeinde und sich selbst, dass sie später in Digitalistan noch einmal ausführlich Thema sein soll.

Was die re:publica ausmacht, sind auch immer die Themen abseits des Mainstreams. Meine Lieblingssession diesmal: Sprachpolizeiliche Ermittlungen mit Anatol Stefanowitsch über diskriminierende Sprache und Mittel und Wege dagegen. Vom Zigeunerschnitzel über das "N-Wort" bis zur nicht geschlechtergerechten Sprache - WWW: Stefanowitsch ging es vor allem um Fehlschlüsse der Sprachkonservativen: "Sprachliche Ausdrücke sind nicht, was ich damit meine, sondern immer das, was die Empfänger darunter verstehen." Die 30 Minuten fand ich extrem lehrreich.

Apropos Geschlechtergerechtigkeit: Warum gibt es eigentlich so viele bloggende Mütter - aber so wenige bloggende Väter? Trauen sich die Väter nicht hinter dem Ofen hervor oder hindert sie die Karriere daran? Selbst zu diesem Thema gab es WWW: eine eigene Session - aus der man mit vielen schönen Linktipps heraus geht.

David Hasselhoff; Rechte: re:publica/Sandra Schink
David Hasselhoff war da - und hat gesungen.

Und ja: Auch David Hasselhoff muss erwähnt werden. Ein Antivirenhersteller hat es geschafft, ihn als Werbegesicht mit zur re:publica zu bringen, unter dem Titel WWW: "I've Been Looking for Digital Freedom". Der Auftritt war zwar fürchterlich orchestriert und erwartbar werblich. David Hasselhoff und der Verlust der Privatsphäre passen aber erstaunlich gut zusammen - das hat mich überrascht.

Wer nicht auf der re:publica sein kann, dem empfehle ich übrigens WWW: den großartigen YouTube-Kanal der Veranstaltung: Eine ganze Reihe der Sessions geht dort noch am selben Tag als Video online - wie ein kleiner Bildungsurlaub von zu Hause aus.

Vielen Dank für die Aufnahme meiner Session in diese Liste. Ich war überrascht, wie viele es sich anhörten... Weiter so...

Sven am 8.05.14 8:36

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