Mittwoch, 26.02.2014

Was nervt

Liebes Internet,

wir kennen uns jetzt so lange, es sind fast 20 Jahre. Damals stecktest du nur in meinem Computer. Da habe ich mich an den Schreibtisch gesetzt, um ganze Nächte mit dir zu verbringen. Heute bist du überall. Entweder ich schlafe - oder ich bin online. Dafür sorgt das Smartphone. Ich gehöre auch zu den Menschen, die dieses Gerät fast dauernd in der Hand haben. Das ist okay. Dinge ändern sich. Ich möchte kein Kulturpessimist sein.

Dennis Horn; Rechte: WDR/Dennis Horn
So war es damals, in den 90ern, als wir uns kennengelernt haben, du mit deinem hässlichen Röhrenmonitor, ich mit meiner furchtbaren Teenagerakne.

Aber ein paar Dinge, liebes Internet, müssen die wirklich sein?

Muss es zum Beispiel sein, dass wir ständig Gespräche unterbrechen, die wir gerade führen, nur weil bei WhatsApp, Facebook oder per SMS irgendwer auf Antworten von uns wartet? Könnten wir nicht einfach allen Menschen die nötige Aufmerksamkeit widmen: erst dem Gespräch in echt, danach unseren Kontakten am Smartphone?

Muss es zum Beispiel sein, dass wir nur noch per Facebook gratulieren? Wie viel sind Geburtstagsglückwünsche noch wert, wenn wir sie nur aussprechen, weil Facebook uns jeden Tag konsequent daran erinnert? Da nehmen wir uns dann ein paar Sekunden Zeit, "Herzlichen Glückwunsch" zu posten, halbherzig, gedankenlos, und das war's.

Muss es zum Beispiel sein, Blog: dass einige Eltern ständig Fotos und Videos ihrer Kinder posten? Wie diese das Wohnzimmer kurz- und kleinschlagen, ihre ersten Gehversuche machen oder ausversehen gegen Glastüren scheppern? Da nehmen Eltern ihren Kindern die Möglichkeit, irgendwann selbst über ihre Privatsphäre im Netz zu bestimmen.

Muss es zum Beispiel sein, dass in der S-Bahn laut YouTube-Videos vom Smartphone abgespielt werden, ohne Kopfhörer, ohne dran zu denken, dass die anderen Mitreisenden HipHop von Bushido eher nicht mögen?

Muss es zum Beispiel sein, dass ich auf jeder Party, bei jedem Treffen mit Freunden, auf jeder Veranstaltung damit rechnen muss, fotografiert zu werden, ungefragt - um mich danach bei Facebook wiederzufinden, weil mich irgendwer auf einem Foto markiert?

Muss es zum Beispiel sein, dass sich Menschen immer häufiger verspäten? Weil man ja heute kurz schreiben kann, dass man es nicht pünktlich schafft - was früher nicht so einfach ging? Um sich dann zu rechtfertigen, man hätte ja die Nachrichten lesen können, um zu wissen, dass es eine Viertelstunde später wird?

Liebes Internet, so gut du bist, so sehr wünsche ich mir, dass all die Einwohner in Digitalistan für all die schönen neuen Dinge, die du uns jeden Tag bescherst, ein paar passende Umgangsformen finden. Und wenn wir dafür eine Kniggepedia brauchen.

Danke für die Aufmerksamkeit.

Dein
Dennis

P.S.: Einige Freunde bei WWW: Facebook und WWW: Google+ haben ein paar Zeilen zu diesem Brief beigesteuert, vor allem Andrea Husak und Kay Lüddecke. Danke!


Unsere Blogger Anita Horn und Dennis Horn sind weder verwandt noch verheiratet, aber umso besser vernetzt. Sie entdecken jede Woche digitale Perlen: spannende Webseiten, lustige Links und Angebote, die den Alltag bereichern - hier im Blog, jeden Donnerstag in der WWW: WDR 5 LebensArt im Radio und einmal im Monat in der WDR: Servicezeit im WDR Fernsehen.

Klasse Blogeintrag! Würde ich sofort unterschreiben :-)

Chris26 am 27.02.14 6:27

Muss es zum Beispiel sein, dass man so einen Blogeintrag verfasst? Die, die es betrifft, lesen bzw merken es eh nicht. Da könnte man genauso gut darauf warten, dass RTL oder BILD irgendwann ihren Dienst einstellen. Forget it! Get real! Wir sind "Millionen Lichter" (Christina Stürmer).

Dominik am 27.02.14 7:51

Lieber Dennis, sehr mutiger Text. Müssen wir nicht eigentlich das virtuelle Fähnchen in den Zeitgeistwind halten und all das als Kolleteralschaden hinnehmen? Müssen wir neue Regeln finden und zu denen gehört dann eben, dass der permanente Blick aufs Smartphone zum guten Benehmen gehört.
Aber nein. Du hast recht.
Ich war letzte Woche fein essen. Ich gebe zu, es war ein berufliches Essen. Immerhin in einem sehr feinen Restaurant (so fein war ich privat noch nie essen) und einzelne Menschen am Tisch beklagten die berufliche Überforderung und dass sie nicht mehr abschalten können. Als dann der Hauptgang kam, wurde das IPad nur zur Seite geschoben und andere am Tisch fotografierten das Essen und bestellten mittendrin ein Buch bei Amazon. Ich wollte gerade die Stimme heben und uns darauf aufmerksam machen, traute mich als Tischjüngste aber nicht.
Dein Text hat mich aber daran erinnert, dass ich es hätte tun sollen. Wer, wenn nicht wir. Denen dieses Benehmen immer nachgesagt wird. Danke.

Sabine am 27.02.14 8:49

Lieber Dennis,
so viel wurde in den letzten Jahren über Informationskompetenz gesprochen. Damals ging es darum alles zu nutzen. Heute sollte es darum gehen darüber nachzudenken was wir nutzen müssen um zu funktionieren (Job und so) und was uns über die Jahre aufgedrängt wurde (Facebook und so). Wird es nicht Zeit das Internet an ein paar Stellen wieder in den Monitor zu stecken. So wie früher. Das soll auch gar nicht pessimistisch klingen aber müssen wir alles immer in unserer Hosentasche haben? Die ständige Bestätigung, den digitalen sozialen Kontakt, die unzähligen Werbemails, Erinnerungen an Geburtstage und zwischendurch noch was Lustiges?
Nur leider braucht dann kein Mensch mehr ein S5, ein HTC One oder ein IPhone 5. Das was übrig bleibt verrichten auch andere Geräte. Aber wer will das schon...
Wir sollten uns nicht scheuen ein paar mehr Filter zwischen uns und der Unterhaltungsindustrie zu schalten. Für mich hat es sich sehr gelohnt - auch wegen der Kinder!
LG Marius

Marius am 27.02.14 10:07

Interessanter Artikel, allerdings frei nach dem Motto: "Don't hate the player, hate the game". Dabei müsste es in meinen Augen genau umgekehrt sein. Was kann das Internet dafür, dass wir "reale Gespräche" für die neue WhatsApp-Nachricht unterbrechen, dass wir nur noch per facebook zum Geburtstag gratulieren, dass wir uns verspäten? Nichts, wie ich finde. Das ist immer noch unsere eigene Doofheit.

Patrick am 27.02.14 10:45

@Patrick: Da hast du recht. Angesprochen sind eher die Nutzer, nicht das Internet an sich. "Liebes Internet" ist da möglicherweise ein bisschen missverständlich :). Es ist immer die Frage, wie wir als Nutzer mit den Dingen umgehen.

Dennis Horn am 27.02.14 11:04

Ja, die Nutzer sind doof - nicht das Medium, jeder sollte seine Verhaltensweisen überprüfen, weil es uns schon gar nicht mehr bewusst ist, wie reduziert und leer diese Art von Kommunikation ist.

Als vor ein paar Jahren diese FB - Welle zu uns rüberschwappte, hiess es in vielen Printmedien, man solle ja sehen, das man mitmache (bei den sogenannten 'sozialen Netzwerken') denn sonst wäre man bald in jeder Beziehung OUT!

Es scheint so, als ob die Masse das auch beherzigt hätte - in meinem Freundeskreis machen das einige Leute überhaupt nicht (aus Prinzip), was aber schließlich auch dumm ist, denn mit bestimmten Leuten, kommt man so gar nicht erst in Kontakt.

Ich plädiere für eine bewusste Nutzung, die natürlich dazu führt, das man sich auch mal wieder realer Kommunikation widmet, zum Beispiel dem persönlichen Gespräch. Ich bin einmal die Woche auf FB, und meistens denke ich:"Nix verpasst"!

Die massenhafte Verbreitung des Banalen ändert nichts an der Banalität!

Robert B. am 1.03.14 17:27

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Mittwoch, 26.02.2014

Kreditkarten absichern mit dem Smartphone

Auf dem WWW: Mobile World Congress in Barcelona werden nicht nur neue Smartphone-Modelle gezeigt wie das ARD: S5 von Samsung. Man kann auch einiges über neue Ideen erfahren. Eine ist: Mit dem Smartphone in der Tasche Kreditkartenzahlungen sicherer machen. Wie das? Im Grunde genommen ganz einfach: Indem man schaut, wo sich der Inhaber der Kreditkarte gerade befindet und überprüft, ob seine oder ihre Kreditkarte genau nur dort eingesetzt wird.

Mastercard ganz nah; Rechte: dpa/Picture Alliance
Mastercard will Smartphone als Sicherheitsmerkmal verwenden


Keine Kreditkartenzahlung ohne Smartphone
Konkret: Mastercard WWW: testet gerade ein neues Sicherheitsverfahren, zusammen mit dem Anbieter WWW: Syniverse. Es soll dabei erst mal nur um Zahlungen mit der eigenen Kreditkarte im Ausland gehen. Wird die irgendwo benutzt, etwa um ein paar Schuhe in einem Schuhgeschäft in Mailand zu bezahlen, überprüft ein Algorithmus die aktuelle Geolocation des Smartphones vom Kreditkarten-Inhaber. Gibt es Widersprüche, wird die Zahlung nicht genehmigt.

Die Idee ist erst mal überzeugend. Vorausgesetzt, man hat sein Smartphone immer mit dabei, ist es in der Tat so, dass der aktuelle Aufenthaltsort des Smartphones gewisse Rückschlüsse zulässt, ob die Kreditkarte von der Person genutzt wird, die sie nutzen soll - und nicht womöglich von einem Dieb, der sich die Kreditkarte unrechtmäßig besorgt hat oder sogar eine Kopie verwendet. Ist mein Smartphone gerade in Frankfurt, kann ich nicht in Hamburg ein Dinner bezahlen. Es sei denn, ich habe mein Smartphone liegen gelassen.

Mastercard und Smartphone; Rechte: Syniverse
Kreditkarte und Smartphone werden gekoppelt


Optional - und einige Abers
Die zusätzliche Sicherheitsfunktion ist erst mal als Opt-In gedacht. Also nur, wer es möchte, kann sie aktivieren für seine Kreditkarte. So hat - erst mal! - jeder die Wahl, ob er seinen Aufenthalt tracken möchte und ob er will, dass Zahlungen nur dann möglich sind, wenn das eigene Smartphone in der Nähe ist. Das hat die beschriebenen Vorteile, kann aber auch zu Problemen führen, etwa wenn das Smartphone im Hotel geblieben ist oder der Akku seinen Geist aufgibt.

Weiteres Problem: Laut einer aktuellen Studie verzichten 70% der ins Ausland reisenden Menschen darauf, im Ausland die Datenfunktion im Handy zu aktivieren - um Roaming-Kosten zu sparen. Dann kann die neue Sicherheitsfunktion aber auch nicht greifen, da Daten übertragen werden müssen, um den aktuellen Aufenthaltsort zu übermitteln. Darüber hinaus verrät Kooperationspartner Syniverse, was noch alles möglich ist: Etwa gezielte Werbung, weil ja der Aufenthaltsort der User bekannt ist. Scheint mir so, als ob es eher darum geht als um das Plus bei der Sicherheit.

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Montag, 24.02.2014

Nokia baut auf Android mit Kacheln

Auf dem WWW: Mobile World Congress in Barcelona hat Nokia für eine ordentliche Überraschung gesorgt. Nokia traut sich, neue Smartphones vorzustellen, die mit Android laufen. Das allein ist schon ein kleiner Coup, schließlich wurde Nokia vor einer Weile von Microsoft gekauft (gehört allerdings noch nicht offiziell zum Konzern aus Redmond). Da erwartet man, dass das Unternehmen Smartphones baut und verkauft, die mit Windows Phone laufen, aber doch nicht mit dem Betriebssystem der verhassten Konkurrenz.

Kachel-Optik auf Nokia-Handy mit Android; Rechte: Nokia
Ein Android-Smartphone mit Kachel-Optik


Nokia X Serie: Android ohne Android
Doch genau den Weg geht Nokia mit seiner X-Serie. Der Handyhersteller hat gleich drei neue Modelle vorgestellt, sie alle laufen mit Android - und sie alle liegen preislich unter 100 EUR. Das ist eine klare Kampfansage. Nun ist es nicht so, dass Nokia der erste Hersteller wäre, der die Preisgrenze von 100 EUR unterschreitet, aber allzu viele sind es bislang nicht gewesen - und einige auch nur Blog: mit Firefox OS drauf.

Außerdem hat Nokia einen Namen. Auch wenn die goldenen Zeiten vorbei sind und die Finnen längst nicht mehr der größte Handyhesteller der Welt ist, was schließlich mal der Fall war: Irgendwie traut man dem Unternehmen noch immer was zu. Die Blog: Lumia-Modelle aus dem vergangenen Jahr können sich durchaus sehen lassen. Als Billiganbieter sieht man Nokia daher nicht.

Was nach Illoyalität aussieht, ist ein strategisch geschickter Schachzug. Das Nokia X, X+ und XL mag zwar mit Android arbeiten, allerdings mit einem stark veränderten Android. Optisch wurde jede Menge verändert: Der Benutzer bekommt ein Kachel-Design präsentiert, das haargenau so aussieht wie auf Geräten mit Windows Phone 8. Man meint, ein Windows-Phone-Handy in den Händen zu halten, dabei handelt es sich um ein Android-Gerät.


Die neuen Nokia X Modelle


Optisch und inhaltlich alles anders
Aber nicht nur optisch ist alles anders. Auch sonst. So haben die Nokia-Entwickler alle Verbindungen zu Google gekappt. Statt Google ist Microsoft Bing als Suchmaschine integriert. Anstelle der Cloud-Dienste von Google werden die von Microsoft eingebunden. Statt Goole Mail gibt es outlook.com, auch Youtube und Hangout fehlen in dem wohl ungewöhnlichsten Android aller Zeiten. Auch ist die Chat-Software Skype vorinstalliert, die ebenfalls zum Microsoft-Konzern gehört.

Auch der Google Play Store steht nicht zur Verfügung, die Tankstelle für Apps. Stattdessen soll der Nokia Store die User mit angepassten Apps versorgen - oder es müssen alternative Portale wie Yandex genutzt werden. Nokia hat Android wirklich alle Flügel gestutzt. Zum einen bedient Nokia so die wachsenden Märkte für günstige Smartphones und zum anderen streut escGoogle Sand ins Getriebe. Denn wer ein Nokia-X benutzt, der steigt später vielleicht doch auf ein Windows Phone um. Und zu Hause oder im Büro benutzt man dann Windows. Noch gehört Nokia nicht zum Microsoft-Konzern. Gut möglich, dass Microsoft diese Strategie wieder ändert.

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