Montag, 06.05.2013
Die junge digitale Avantgarde zu Gast
Youtube hat es auf die re:publica geschafft. Und das wundert eigentlich nicht, schließlich ist Youtube nach Google längst die
zweitgrößte Suchmaschine der Welt. Also Google auf Platz eins und zwei. Und es gibt noch ganz andere Zahlen, mehr als eine Milliarde User-Besuche in nur einem Monat,
vermeldete Youtube im März. Natürlich ist Youtube nicht einfach nur eine (Video-)Suchmaschine, sondern auch ein soziales Netzwerk. Vielleicht ist das Faszinierende, dass dies alles so vielen „älteren Internetusern" bislang größtenteils verborgen geblieben ist. Zwei Sessions widmen sich am ersten Tag der re:publica also dieser Videoplattform, auf der es seit ein paar Jahren „Youtube-Partner" gibt, die an Youtubes Werbeeinnahmen mitverdienen, indem sie ihre Videos „zur Monetarisierung" anmelden.
Youtube-Partner können sich auch in Netzwerken organisieren, die fungieren dann wie eine Plattform in der Plattform. Es etabliert sich eine Infrastruktur, ein „Ökosystem mit Start-ups und Investoren", wie
Hannes Jakobsen das nennt. Am re:publica-Montag sitzt der deutsche Youtube-Partner-Manager neben einigen Youtube-Stars auf der Couch neben
Johnny Haeusler. Der wundert sich dann doch etwas, wie Jakobsen über etwas redet, das wie der blanke Kommerz klingt, aber natürlich nicht so gemeint ist. „Als wir vor sieben Jahren als Bloggerkonferenz gestartet sind, haben wir in einem Panel vier Stunden darüber diskutiert, ob es okay ist, auf seinem Blog Bannerwerbung zu schalten", sagt der re:publica-Mitbegründer, Blogger, Musiker und Autor, „ist schon ne andere Nummer, Youtube ..." Er fragt
LeFloid (612.397 Abonnenten) , ob so ein Netzwerk - der Fokus auf mehr Einnahmen durch mehr Klicks - einen nicht in der künstlerischen Freiheit einengt. „Nein, das hat mich nie eingeengt, höchstens diese prüden amerikanischen Comunity-Richtlinien ... Keine Nippel, dafür aber Gewalt und Blut!", sagt LeFloid. Und es geht um die Neider, die sich gern auch im Kommentar-Thread melden. „Die wollen jede Woche zur festgelegten Zeit ein neues Video, am besten noch aufwendig nachbearbeitet, aber dass man damit Geld verdient, wollen sie nicht. Erst beschweren sie sich, dass man Bannerwerbung schaltet. Wenn dann alle Banner haben, ärgern sie sich über Prerolls und dann nochmal, wenn du in einem Netzwerk bist." Aber irgendwann hätten die User sich auch daran gewöhnt.
Also bei den Gamern wäre das ja ganz anders, hakt
Simon W. (89.304 Abonnenten) ein. „Die beglückwünschen einen, wenn man es in ein Netzwerk geschafft hat." Er selbst hat Ende 2012 einfach mit einem Kumpel gezockt und ein Video davon hochgeladen. Weiter ging es nach der Premiere ebenfalls mit Let's plays von Mincraft-Videos. (Simon W: „Minecraft! Ich meine, Youtube quillt doch schon über vor Minecraft-Videos.") Für ihren re:publica-Auftritt haben alle drei kurze Mini-Porträts von sich zusammengeschnitten. Simon hat seine tags zuvor schon der Community gezeigt, um Meinungen einzuholen. ("Würde mich wirklich über eure Meinung freuen :) Das Video darf nur ca. 1 Minute lang sein ^^ war sehr schwer so ein kurzes Video zu machen.")
Er wohnt noch zuhause und bräuchte das „Taschengeld" von Youtube eigentlich garnicht, LeFloid finanziert sich damit das Studium mit, sagt er. Auch Amy Herzstark, oder auch
Diamond of Tears, freut sich über den Zuverdienst durchs Vloggen, immerhin dauere es ja auch mal fünf Stunden so ein Video zu produzieren und nachzubearbeiten. „Mutter, Mode und Vegie" ist ihr Claim (27.610 Abnonennten). „Ich bin für die Kinder auch ein bisschen Psychologe. Weil ich offen über meine Probleme spreche, wenden sie sich an mich." Ein Video sei nunmal viel persönlicher, bringe emotional so viel mehr rüber als ein Blogeintrag, schwärmt sie. „Aber wenn ich zu einem Thema gerade auch kein Video machen kann oder möchte, dann schreibe ich es auch in mein Blog."
Alle drei Youtuber auf der Couch (links Moderator Johnny Haeusler, daneben Simon W., Amy Herzstark, LeFloid) sind in Netzwerken organisiert und damit auch sehr zufrieden. „Die nehmen einem auch mal so juristische Sachen ab, wenn es zum Beispiel um Urheberrechtssachen geht", erklärt LeFloid, der bei
Mediakraft unter Vertrag steht. Mediakraft-Mitgründer, der Kölner Christoph Krachten, sitzt mit Hannes Jakobsen auf der anderen Seite der Couch und verkörpert die Business-Seite. Netzwerke wie Mediakraft handeln außerdem Lizenzvereinbarungen mit Softwarefirmen aus, nur so könnten die Let's play-Youtuber überhaupt ihre Videos sicher produzieren. Um das Wie und das „Drumherum" ging es in der
vorangegangen Session vom Mittag.
Bertram Gugel berichtet von diesem Youtube-(Schatten-)Universum (aus der Sicht von „Erwachsenen") und
Markus Hündgen ist aus Düsseldorf per Videochat zugeschaltet und sichtet Fragen, die ihn zum Thema via Twitter erreichen. Im Verlauf geht es um Produktionskosten, die von Amateuren zu Profis von 150 Euro bis hin zu 64.000 Euro pro Sendeminute strecken. Es geht um erfolgreiche Formate und wie die ganz schnell kopiert und gepostet werden.
„Wie ist es denn mit der Schnittstelle zwischen sogenannter Internetgemeinde und Youtube-Community - gibt's die?", fragt ein User via Twitter. Dass User
Sascha Lobo bei Twitter folgen und gleichzeitig
Y-Titty abonniert haben, kann sich weder Bertram Gugel noch Markus Hündgen vorstellen. „Die thematischen Schnittstellen sind größer als man denkt", sagt Markus dann. „Den Anti-Acta-Protest haben vor allem Youtuber angeschoben." Und natürlich wäre es wünschenswert, wenn beide scheinbar getrennten Interessengruppen - Typ Netzaktivist versus Comedyfan in der extremsten Form - weiter zusammenwachsen, weil man ja voneinander dokumentieren könne. „Wer früher heute digitale Avantgarde sein wollte, hat gebloggt, heute muss er einen Youtube- Kanal haben". Avantgarde ist ein großes Wort, finde ich, und bin sehr gespannt, ob es in den nächsten Jahren auch avantgardistische Youtube-Formate gibt, die auch bei "den Älteren" einschlagen.
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Samstag, 04.05.2013
Wieder online - nach einem Jahr ohne Internet
Etwas Lesestoff fürs Wochenende gefällig? Den Netzkritikern und allen anderen unter euch möchte ich einen fantastischen Text aus dem US-Magazin "The Verge" empfehlen:
"I'm still here: back online after a year without the internet". Der New Yorker Autor Paul Miller hat diesen Selbstversuch gestartet.
Paul Miller hat ein Jahr ohne Internet gelebt - und sein Selbstversuch kippte ins Negative.
"I was wrong. One year ago I left the internet. I thought it was making me unproductive. I thought it lacked meaning. I thought it was 'corrupting my soul.' It's a been a year now since I 'surfed the web' or 'checked my email' or 'liked' anything with a figurative rather than literal thumbs up. I've managed to stay disconnected, just like I planned. I'm internet free."
Die Geschichte an sich ist nicht neu: Es gab viele dieser Experimente, einige Autoren haben ganze Bücher darüber geschrieben. Was dabei rauskam, war oft gleich: Wer offline geht, fühlt sich in den ersten Wochen wie ein Süchtiger auf Entzug - und wird danach zum entspanntesten Menschen der Welt. Paul Miller ging es nicht so: Sein Selbstversuch kippte ins Negative. Und zeigt, wie überlebenswichtig das Netz heute ist.
"Und zeigt, wie überlebenswichtig das Netz heute ist." Gewagt, gewagt, Herr Horn. Überlebenswichtig ist das Netz heute (zum Glück) noch lange nicht.
Julian am 4.05.13 11:41
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Freitag, 03.05.2013
Linklounge 13/18: Tanzende Atome und schockierende Bilder
Wenn die Meteorologen nicht lügen, kommen Grill-Enthusiasten in den kommenden Tagen auf ihre Kosten. Gut, dass die aktuelle Linklounge ein "Wie zerlege ich ein Huhn ohne Gemetzel"-Video bereithält. Aber auch alle Fleisch-Verächter können zufrieden sein: Der winzige Stop-Motion-Clip, die moderne Erzählkunst im Internet und die Facebook-Analysen sind zu 100% vegan.
Insa Moog
Unter dem "kleinsten Film der Welt" kann man sich so einiges vorstellen, wohl kaum aber einen Stop-Motion-Clip, in dem man einzelne Atome umherhüpfen sieht. Genau die aber bewegen sich in diesem von
IBM-Wissenschaftlern produzierten Clip:
Vielleicht keine Filmkunst, aber doch recht faszinierend. Ein
Making of wird natürlich mitgeliefert.
Die erste
smarte Brille hat Google entwickelt, das dürfte kaum jemandem entgangen sein. Und auch nicht, dass einige
ausgesuchte Tester sich mit "Glass" auch schon öffentlich gezeigt haben. Ein wenig nervt die viele Theorie und die Praxis einiger weniger fast schon. Wie dieser besondere Nasenaufsatz bedient wird, zeigt immerhin der folgende Film konkreter - ich stelle mir dabei automatisch wieder
so etwas vor.
Stefan Domke
Sehr häufig empfehle ich in unserer Linklounge Fotostrecken. Meistens, weil sie mich aufgrund der darin enthaltenen schönen Portraits oder Natur- und Landschaftsaufnahmen begeistern. In dieser Woche lege ich Euch hingegen Fotografien ans Herz, die weder schön sind, noch begeistern:
Portraits von Frauen aus Pakistan, deren Gesichter durch Säure-Attacken verätzt und entstellt wurden.
Sehr häufig sind Männer die Täter gewesen. Zum Beispiel, weil ihr Annäherungsversuch oder Heiratsantrag vom späteren Opfer zurückgewiesen wurde. Vor allem in Pakistan und Bangladesh soll die Zahl solcher Attacken in den vergangenen Jahren stark angestiegen sein. Die britische Organisation
asti kümmert sich darum, die Opfer medizinisch und psychologisch zu betreuen. Die Fotografin dieser ebenso schockierenden wie aufrüttelnden Bilder ist übrigens
Izabella Damavlys.
Dennis Horn
Auch in dieser Woche ein großes Thema:
die Netzneutralität. Seit die Telekom
angekündigt hat, die Geschwindigkeit zu drosseln, wenn ihre Nutzer ein bestimmtes Volumen pro Monat erreichen, bekommt das Thema endlich
ordentlich Aufmerksamkeit. Fakt ist: Wir können uns schon heute nicht frei im Internet bewegen. Unser Zugang ist beschränkt, selbst in einem Staat, der keine Onlinezensur kennt. Die Kollegen von DRadio Wissen haben mit ihrem
Thementag "Das beschränkte Netz" in dieser Woche einen ausführlichen Einblick in den Zustand der Netzneutralität in Deutschland gegeben. Sehr hörenswert!
Außerdem hat mich in dieser Woche
"Out in the Great Alone" gefesselt, eine weitere Geschichte, erzählt im Stil der berühmten
"Snow-Fall"-Story der New York Times. Endlich entstehen im Netz Erzählformen, wie sie nur dort möglich sind. Großartig!
David Ohrndorf
Neuer Monat bedeutet auch immer: neue Statistiken. Ich gucke mir gerne die Seiten von
Socialbakers an. Die führen eine ganze Reihe interessanter Facebook-Statistiken. Natürlich nicht mit offiziellen Zahlen - nein, nein, so transparent ist das Soziale Netzwerk nicht. Sie analysieren die Reichweiten-Angaben, die Werbekunden angezeigt werden, wenn sie ein Banner auf Facebook schalten wollen. Demnach hat Deutschland im April 90.000 aktive Facebook-Nutzer verloren. Auch interessant, besonders mit Blick auf die anstehenden Bundestagswahlen: Barack Obama hat bei uns mehr Facebook-Fans (760.000), als jeder Deutsche Politiker. Und der Politiker mit den meisten Likes hat gar keine politischen Ämter mehr, es ist Karl Theodor zu Guttenberg (240.000).
Nach den Zahlen die Entspannung: Ein schönes Zeitraffer-Video zeigt den Winter in Montreal. Großklicken und in HD angucken, lohnt sich.
Jörg Schieb
Die
Electronic Frontier Foundation kümmert sich in den USA bereits seit 1990 um solche wichtigen Dinge wie Datenschutz und Bürgerrechte im Internet. Jetzt hat die EFF einen Bericht rausgegeben, wie einzelne Unternehmen mit Benutzerdaten umgehen. Gut abgeschnitten haben dabei Google, Twitter, Linkedin in Dropbox. Tadel bekommen Apple, Yahoo und MySpace. Den kompletten, wirklich
interessanten Report gibt es hier.
Manchmal sind Youtube-Videos eine richtige Segnung. Etwa wenn man wissen
will, wie man komplizierte Sachen in der Küche macht - zum Beispiel ein
komplettes Huhn ausnimmt und schneidet. Die New York Times zeigt, wie es
geht. Sieht doch gar nicht so schwierig aus:
Der Fotodienst Instagram bringt in der neuen Version 3.5 das Fotos-von-Dir-Feature. Im Grunde ein alter Hut: Man kann jetzt die Namen von Personen taggen, die auf einem Bild zu sehen sind. Kennt man von Facebook und Co., soll jetzt aber auch in Instagram direkt möglich sein. Anders als in anderen Netzwerken kann aber nur der Fotograf selbst diese Markierung vornehmen, das macht es etwas überschaubarer und ist deshalb keine schlechte Idee.
Den "interessanten Report gibt es hier."...wer eine Woche Zeit hat. Jau. Aber schieb doch mal eine Seite in Landessprache rüber, ist WDR hier, keine Hymnensingen mit Reporterwracks beim Fußball.
Doll+Metscher am 5.05.13 1:49
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