Freitag, 28.08.2015

Wer will denn schon einen Glasfaseranschluss?

Wer Deutschland für ein fortschrittliches Hightechland hält, der täuscht sich gewaltig, Blog: zumindest was die Internetanschlüsse angeht. Der Breitbandausbau kommt nicht voran, die Anbieter wringen oft lieber ihre alten Kupferleitungen bis aufs Letzte aus, statt den einzig sinnvollen Weg zu gehen und Glasfaserkabel bis ins Haus zu verlegen. Die 50 Mbit/s, die Bundesregierung und Deutsche Telekom für 2018 versprechen, werden für viele Familien oder kleinen Unternehmen in drei Jahren schon wieder zu wenig sein.

Glasfaser; Rechte: picture-alliance/dpa/Peter Kneffel
Glasfaser ist deshalb zukunftssicher, weil die Geschwindigkeiten nach oben hin offen sind. Viele Anbieter stellen zurzeit bis zu 200 Mbit/s zur Verfügung. Doch dabei muss es nicht bleiben.

Ende Mai haben wir Zuschauer, Hörer und Nutzer des WDR Blog: zum Speedtest aufgerufen. Wir bekamen Hunderte Rückmeldungen meistens unzufriedener Nutzer. Ein paar der verzweifelten Geschichten Blog: habe ich hier in Digitalistan schon erzählt: von der Grafikerin, die auf der Suche nach einem freien WLAN-Zugang nachts um die Häuser fährt, von der Familie, die sich ihre Leitung selbst buddelt, oder vom 5-Sterne-Hotel, dessen internationale Gäste kein Verständnis für einen 2-Mbit/s-Anschluss haben.

Heute nun läuft um 18.20 Uhr im WDR Fernsehen meine WDR: Reportage "Wie schnell surft NRW?" über diese und andere Fälle - und die Frage, warum Politik und Unternehmen es in Deutschland nicht schaffen, ein zukunftssicheres Internet zu bauen. (Die Antwort: Für die Unternehmen ist es vor allem auf dem Land, aber erstaunlich oft auch in städtischen Gebieten, unrentabel. Und die Politik macht wachsweiche Vorgaben, erlaubt zum Beispiel auch teure und wegen ihrer Volumenbegrenzung oft nutzlose LTE-Zugänge.)

Dabei sind wir aber auch noch auf einen dritten Verweigerer gestoßen: die Kunden selbst. Wir waren in Mettmann unterwegs, einer Modellstadt der Deutschen Telekom. Dort wurden in den vergangenen Jahren 13.000 Haushalte per FTTH versorgt: Fibre to the home, Glasfaser direkt bis ins Haus. Zugeschlagen und Verträge abgeschlossen haben allerdings nur 1.000 Haushalte. Am Preis allein liegt es meiner Ansicht nach nicht: Die Glasfaserverträge schlagen mit höchstens 50 Euro im Monat zu Buche - dafür bietet die Telekom aber auch gleich 200 Mbit/s an, zurzeit mit die schnellste Geschwindigkeit.

Breitbandausbau in Nordrhein-Westfalen; Rechte: Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur
Gelb markiert sind die Orte, an denen mehr als 95 Prozent der Haushalte mit einer Geschwindigkeit von über 16 MBit/s ins Netz kommen. Von flächendeckend 50 Mbit/s, wie sie für 2018 versprochen sind, ist Nordrhein-Westfalen noch weit entfernt. *

Als wir in ein paar Wohngebiete in Mettmann gefahren sind, um mit den Kunden haben wir viele Argumente gegen die Glasfaserverträge gehört: fehlendes Vertrauen in die Telekom, vermeintlich zu viel Aufwand beim Wechsel, manchmal läuft aber auch einfach der Vertrag mit dem bisherigen Anbieter noch für eine ganze Weile. Erstaunlich oft kam aber auch dieses Argument: "Glasfaser? Ich wüsste nicht, wofür ich das brauche."

Es gibt auch andere Beispiele, darunter den Glasfaserausbau in Olfen in Münsterland, wo wirklich viele Kunden zugegriffen haben - die allerdings vorher manchmal froh sein konnten, überhaupt mit einer annehmbaren Geschwindigkeit ins Netz zu kommen.

Mich hat das ein bisschen ratlos zurückgelassen. Denn wir werden alle eines Tages merken, warum für selbst normale Haushalte 16 Mbit/s, 50 Mbit/s, irgendwann auch 100 Mbit/s nicht mehr ausreichen. Je mehr Geräte wir ins Netz schicken, je abhängiger unser Alltag davon wird, desto größer der Bandbreitenhunger. Deshalb halte ich es auch für ein Problem, beim Netzausbau allein auf die Wirtschaftlichkeit zu achten. Es geht um Zukunftsfähigkeit, und da scheinen mir alle Beteiligten, von der Politik über die Unternehmen bis zu den Kunden selbst, noch viel zu oft zu schlafen.

(* Hier die komplette Grafik zum Ranzoomen: WWW: der Breitbandatlas der Bundesregierung.)

Bei uns in der Stadt wurde schon öfter so etwas geplant und befragen durchgeführt. Kaum jemand wollte auch nur einen Pfennig mehr bezahlen als er für seine aktuelle 16Mbit Leitung bezahlt. Mehr brauchen die meisten aktuell einfach nicht. Selbst die 50MBits der Telekom sind hier afaik kaum nachgefragt.
Mir persönlich (Als Informatiker und Software Entwickler) würden 16Mbit auch auf längere Zeit ausreichen, würde die Upload Geschwindigkeit denn endlich mal steigen. Außer Videos fallen mir nur wenige Anwendungen ein, für die ein besonders dicker upload nötig wäre. Riesige Software (Spiele) lädt man doch vergleichweise selten. Eine signifikante steigerung des Uploads würden die Leute aber sofort spüren. Endlich würde die Dropbox nicht mehr so lange brauchen um die Photos vom Smartphone hochzuladen. Das versenden von Videos und hochaufgelösten Bildern via E-Mail o.Ä. würde endlich schneller gehen und auch websites wäre deutlich responsiver.
Breitbandausbau fängt beim Upload an!

HerrTaschenbier am 28.08.15 14:39

Ahh, ich hätte das Kommentar nochmals lesen sollen :-(. Ist ja grausam geworden!

Kleine Korrekturen:
"befragen " => Befragungen

"Außer Videos fallen mir nur wenige Anwendungen ein, für die ein besonders dicker upload nötig wäre. "
Hier meinte ich natürlich die Download-Geschwindigkeit

HerrTaschenbier am 28.08.15 14:45


Wir müssen aufpassen, dass man uns nicht etwas aufschwatzt, das wir so nicht brauchen. Sind die Datenströme für uns sinnvoll? Oder will nur die Wirtschaft verdienen? Mediathek-Abrufe gehen auch langsamer. Man muss ja nicht in Echtzeit gucken. Wer braucht Video-Streaming? Diese Streaming-Dienste setzen sich ins gemachte Nest, nämlich ins subventionierte Netz. Man macht dabei keine ehrliche Gesamtbilanz von Aufwand und Nutzen.

Glasfaser bis zum Endanwender, das sollte man dort machen, wo man sowieso buddelt. Legt man die Leitung nachträglich, muss man den Aufwand, die Belästigung, die Verkehrsbehinderung, den Lärm, den Energieaufwand mit berücksichtigen. Das macht man aber nicht. Statt dessen heißt es immer nur: "wir brauchen ..., wir brauchen ..." Riesige Datenströme werden das "Internet der Dinge" und das "Smart Home" produzieren. Da wird sich erst recht die Frage nach einer vollständigen ehrlichen Gesamtbilanz stellen. Mehr noch: ob wir das überhaupt wollen!

Bertram in Mainz am 28.08.15 23:33

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Donnerstag, 27.08.2015

Lust auf eine Runde ISIS-Karaoke?

Darf man sich über Terroristen lustig machen? Die Frage ist so alt wie die Kunstform selbst: Was darf Satire? Worüber darf gelacht werden - und welche Themen sind tabu? Der Twitter-Account WWW: @isis_karaoke lotet die Grenzen ein Stück weiter aus: Fotos aus der Propaganda des sogenannten "Islamischen Staats" - gemixt mit Songtexten.

"Dropping songs, not bombs", steht in der Kurzbiografie des Accounts. Hinter ihm steckt ein 32-Jähriger, WWW: der sich Jimmy nennt und den gewalttätigen Terroristen, die in ihrem selbsternannten Kalifat Musik aller Art verboten haben, ein aus meiner Sicht gelungenes Stück Satire entgegensetzt.

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Mittwoch, 26.08.2015

Endlich: ein Katzenschnurrgenerator!

Danke, Internet! Endlich lieferst du uns Katzencontent auch zum Hören, und zwar in Form des Katzenschnurrgenerators. Schließlich wissen wir alle, dass schnurrende Katzen für ähnlich viel Entspannung sorgen wie Lagerfeuer oder Regenwetter - und schließlich gibt es auch dafür Blog: eigene Geräuschgeneratoren im Netz.

Furry Friend; Rechte: Stéphane Pigeon
"Furry Friend" stammt vom belgischen Audioexperten Stéphane Pigeon.

So perfekt wie mit dem Katzenschnurrgenerator WWW: "Furry Friend" haben echte Katzen noch nie geschnurrt - als Frauchen und Herrchen haben wir aber natürlich sonst auch nicht die Möglichkeit, Bässe, Mitten und Höhen zu verstellen, um das perfekte Schnurren zu formen. "Furry Friend" gibt es übrigens auch WWW: als Teil der Soundapp "myNoise".

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