Dienstag, 28.07.2015

Klick zum Abschied leise auf +1

Bevor wir dazu kommen, dass es mit Google+ so langsam zu Ende geht, möchte ich festhalten, dass es sich um ein großartiges soziales Netzwerk handelt. Ich kenne wenige Orte im Netz, an denen ich so viele gute Debatten geführt habe. Ich stoße bei Google+ noch immer auf viel interessantere Dinge als in meinem Facebook-Newsfeed. Und ich kann in meiner Filterblase auch absolut keine Geisterstadt entdecken.

Google+-App; Rechte: picture-alliance/HOCH ZWEI/Philipp Szyza
Verabschiedet sich Google+ allmählich aus der Riege der sozialen Netzwerke?

Aber die Einschläge häufen sich: Nutzer von YouTube brauchen bald keinen Google+-Account mehr, um Videos hochzuladen, eigene Kanäle zu erstellen oder Videos anderer Nutzer zu kommentieren. Seit März ist das schon offiziell bekannt; jetzt macht Google die Pläne konkret. In den kommenden Monaten soll der Zwang zum Google+-Login wegfallen, und das auch bei anderen Diensten. Für deren Nutzer ist das ein absolut guter Schritt, schließlich fühlte sich der Google+-Zwang eher wie eine Gängelung an. Das soziale Netzwerk selbst dürfte damit aber noch ein Stück unwichtiger werden.

Der WWW: offizielle Blogeintrag dazu klingt zwar anders. Er trägt den Titel "Alles an seinem richtigen Platz" - und Google verspricht darin eine "fokussiertere Google+-Experience", kündigt sogar neue Funktionen für das soziale Netzwerk an. Die sind aber oft so klein und unbedeutend, dass sie kaum der Rede wert sind.

Schon die vergangenen Monate haben gezeigt, wo es langgeht: Nach dem Weggang von Vic Gundotra stand das soziale Netzwerk fast ein Jahr lang ohne einen Chef da, der ein merkliches Interesse daran hat, es voranzubringen. Jetzt sitzt Bradley Horowitz im Chefsessel, der sich zum Antritt darüber freute, WWW: "die Google-Produkte 'Photos' und 'Streams' zu leiten" - und Google+ einfach nicht erwähnte. Er gliederte stattdessen die Funktionen "Photos" und "Hangouts" aus, machte sie zu eigenständigen Diensten und halbierte Gerüchten zufolge die Zahl der damals über 1.000 Google+-Mitarbeiter. Wenn man sich das so anschaut, gibt es dafür nur einen Begriff: ausweiden.

Vic Gundotra; Rechte: picture-alliance/dpa/Christoph Dernbach
Er galt als die letzte treibende Kraft hinter dem sozialen Netzwerk: Ex-Google-Manager Vic Gundotra hat vor fast anderthalb Jahren den Hut genommen.

Ganz ohne Google+-Zwang müsste man nun eigentlich auch die offiziellen Nutzerzahlen korrigieren. 2,2 Milliarden Nutzer hat Google+ angeblich - eine wesentlich höhere Zahl als bei Facebook, die natürlich vor allem aus Karteileichen besteht. Während meine Filterblase äußerst aktiv ist, sieht das in der Breite anders aus: WWW: Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass Google+ weltweit von nur vier bis sechs Millionen Menschen aktiv genutzt wird. Das ist kein großes soziales Netzwerk. Das ist ein Witz.

Als Nutzer bereite ich mich deshalb langsam auf den Abschied von Google+ vor. Die Manager des Unternehmens WWW: bestreiten ihn zwar, und der harte Kern der Google+-Fans wird dagegen auf die Barrikaden gehen. Google hat aber schon ganz andere Dienste eingestampft - unter anderem den Google Reader, der in seiner Nische ein großer Erfolg war. Die Frage ist für mich nicht, ob sich Google traut, bei seinem sozialen Netzwerk den Stecker zu ziehen - sondern nur wann.

Update (01.08.2015): Kollegen von Mobilegeeks.de haben mich bei Facebook zurecht darauf hingewiesen, dass die oben verlinkten Schätzungen zur Nutzerzahl von Google+ mit äußerster Vorsicht zu genießen und sind, unter anderem weil sie sich nur auf öffentliche Beiträge beziehen. Das ist wahr, und das hätte ich erwähnen sollen. An meiner Einschätzung ändert sich nichts, aber tief im einstelligen Millionenbereich dürfte sich die Nutzerzahl auch nicht befinden.

Trotzdem werde ich mich nicht bei Facebook anmelden. Bei Google+ war ich auch nicht aktiv.

Der Alte am 28.07.15 19:51

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Donnerstag, 16.07.2015

Egal, wie schnell der Internetanschluss ist - er ist zu langsam

Wie lange braucht ihr, um einen Song runterzuladen? In welcher Auflösung könnt ihr Videos gucken? Kurz gefragt: Wie schnell ist euer Internetanschluss? Die meisten sagen: Egal, wie schnell - er ist zu langsam. Was Breitband angeht, liegen wir in Deutschland mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 10,2 MBit/s nur auf Platz 26 weltweit. Für die WDR Servicezeit bin ich deshalb gerade in ganz Nordrhein-Westfalen unterwegs, WDR: um die Probleme zu dokumentieren, die das Nutzern und Unternehmen macht.

Statistik zum Breitbandausbau; Rechte: Statista
Mit durchschnittlich 10,2 MBit/s sind die Internetanschlüsse in Deutschland zu langsam für die Weltspitze - wir landen damit international auf Platz 26.

Beispiel eins: die Grafikerin aus Mönchengladbach. Brigitta Settels wohnt in Wanlo und arbeitet von zu Hause aus. Sie ist auf schnelles und stabiles Netz angewiesen, weil sie große Dateien an Druckereien verschicken muss. Trotzdem hat sie lange Zeit mit einem Anschluss gelebt, über den sie nur 1 MB pro Minute verschicken konnte. Für eine 200 MB große Druckdatei hieß das: mehr als drei Stunden warten. Settels war zum Teil so verzweifelt, dass sie nachts mit ihrem Auto durch die Straßen gefahren ist, auf der Suche nach einem ungeschützten WLAN, um darüber ihre Dateien zu verschicken. Mittlerweile ist Wanlo per Richtfunk ans Netz angeschlossen, was dem Ort einigermaßen verträgliche Geschwindigkeiten bringt.

Beispiel zwei: der Bauernhof im Münsterland. Familie Stumpf hat sich ihren Anschluss ans moderne Glasfasernetz in Olfen selbst organisiert. Eigentlich war nicht vorgesehen, dass ihr Bauernhof angeschlossen wird. Der Betreiber hat sich für ein paar Hundert Euro aber darauf eingelassen. Einzige Voraussetzung: Familie Stumpf musste 300 Meter von der Landstraße, an der gerade eine Glasfaserleitung für schnelles Internet verlegt wird, bis zu ihrem Bauernhof selbst buddeln.

Beispiel drei: das Gewerbegebiet in Wesel. Dort sitzt ein Unternehmen, das Kühltürme baut und dafür Baupläne verschicken muss, die zum Teil in den dreistelligen Megabyte-Bereich gehen. Das Unternehmen hat lange mehrere Leitungen mit 2 MBit/s gebündelt, was oft trotzdem nicht ausreichte. Für Videokonferenzen sind die Mitarbeiter zu befreundeten Unternehmen gegangen, um Dateien zu verschicken zum Teil zu sich selbst nach Hause - und zwar ins Wohngebiet auf der anderen Straßenseite, das mit schnellem Internet per Kabel versorgt ist. Mittlerweile hat auch dieses Unternehmen auf Richtfunktechnik umgestellt und ist einigermaßen zufrieden. Andere Unternehmen im Gewerbegebiet dagegen haben weiter Probleme und zahlen zum Teil viele Hundert Euro, um in einer angemessenen Geschwindigkeit ins Netz zu kommen.

Bagger auf Feld; Rechte: WDR/Dennis Horn
Familie Stumpf hat sich einen alten Bauernhof im Münsterland gekauft - und 300 Meter weit gebuddelt, um ans Glasfasernetz ihrer Stadt angeschlossen zu werden.

Beispiel vier: das 5-Sterne-Hotel in Bad Laasphe. Das Hotel hat viele internationale Gäste, die überhaupt kein Verständnis für eine schlechte Internetanbindung haben. Es gibt dort immer wieder Beschwerden, weil alles vorhanden ist, was ein Luxushotel so ausmacht - nur eben kein schnelles Internet, das im Ausland aber Standard ist.

Beispiel fünf: das Neubaugebiet in Wachtendonk. Dort haben uns Einwohner ihr Leid geplagt, die beim Bau noch die Hoffnung hatten, mit 16 MBit/s ins Netz gehen zu können - was übrigens oft schon in Familien mit nur einem Kind Engpässe mit sich bringt. Kurz vor dem Einzug erfuhren die Anwohner dann, dass sich kein Betreiber gefunden hat, der investieren wollte und deshalb nur die Telekom für die Grundversorgung mit 2 MBit/s aufkommt. Es ist das Jahr 2015, und selbst die Politik scheint noch achselzuckend hinzunehmen, dass Neubaugebiete nicht ordentlich angeschlossen werden. Im Viertel nebenan übrigens liegt Glasfaser fürs Kabelfernsehen. Das Angebot von Unitymedia für den Anschluss eines Hauses inklusive Tiefbauarbeiten: rund 12.000 Euro.

Wir haben jetzt vier Drehtage für unsere Reportage über den Breitbandausbau hinter uns und allein in dieser Zeit Geschichten erlebt, die mich verzweifeln lassen. Vermieter bekommen ihre Wohnungen nicht los, weil das Internet zu lahm ist. In Familien gibt es täglich Streit, wenn die Bandbreite sinkt. Unternehmen müssen fehleranfällig und teuer mit Stift und Papier arbeiten, weil sie nicht schnell genug ins Netz kommen. Anwohnern auf dem Land werden teure LTE-Verträge aufgeschwatzt - um dann festzustellen, dass es beim Telefonieren Aussetzer gibt und das Datenvolumen von 15 GB schon nach ein paar Tagen verbraucht ist. Videochats, Filme streamen, große Software-Updates runterladen - was heute völlig normal sein sollte, ist mit vielen Anschlüssen gar nicht möglich.

Ich weiß garnicht, warum alle Welt nach mehr Internet schreit.
Ist doch klar, wenn es mehr Geschwindigkeit gibt, wird noch mehr online gemacht.
Also passt es dann wieder nicht.
Hat schon mal Jemand ausgerechnet, wieviel Belastung die gigantischen Serverparks ausmachen? Wieviel Strom (und CO²) verbraucht wird?
Muss denn Jeder heute Alles im Internet machen, bis hin zum Kino-Film schauen?

Ich war gestern im neuen Terminator-Film - offline - so richtig im Kino.
Die Seitenhiebe Richtung Google und Facebook waren nicht zu übersehen.
Wir ahnen es kaum, aber wir sind kurz vor einem echten "Skynet" .....

Kai am 16.07.15 12:26

In der Grafik liegt D auf Platz 29 mit 8,8 Mbit/s. Im Text werden andere Werte verwendet (Platz 26 und 10,2 Mbit/s)?

Hinweis am 16.07.15 13:14

Und man hatte es eigentlich schon 1989 gewusst, dass es für ein Klicki-Bunti-Web niemals ausreichend Bandbreite für Alle geben wird. Irgendein kleiner Dritt-TV-Sender möchte immer noch mehr peinlich-gähnend langweiliges Programm streamen...

vaikl am 16.07.15 15:06

Es ist schon tragisch wie es um die Internetversorgung in Deutschland steht. Witzig finde ich aber die Kritiker des Internet welche das Internet nutzen.

Der Alte am 16.07.15 16:13

@Hinweis: Danke für selbigen. Wir haben ganz einfach versehentlich das Bild der alten Statistik von Ende 2014 eingebunden - statt der aktuellen.

Dennis Horn am 16.07.15 16:20

@Der Alte:
Es gibt ja auch noch eine Handvoll Menschen, welche einfach nur dienstlich Informationen aus dem Internet ziehen, die kurz und knapp sind.
Ich sprach in meinem Kommentar ja von denen, welche ganze Filme und Musikbibliotheken streamen und mit dem Sitznachbarn im Bus über whatsapp "kommunizieren". Das finde ich übertrieben und wenn man sich umschaut, haben die Leute kaum noch einen Blick für das Wesentliche.
Überall ist das Smartphone im Einsatz und oft sinnfrei.
Wie neulich im Kino, als meine Sitznachbarn während des Filmes permanent auf Facebook unterwegs waren.
Alleine das Displayleuchten störte gewaltig.
Muss das denn sein?

Kai am 17.07.15 12:18

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Montag, 13.07.2015

Hier könnt ihr einer Website dabei zugucken, wie sie sich selbst programmiert

Der Programmierer Jake Albough hat WWW: eine Website ins Netz gestellt, die sich Zeile für Zeile selbst aufbaut. Während der Code immer weiter wächst, ändert sich auch das Design der Seite.

CSS-Design; Rechte: Jake Albough
Ein Herz für CSS - die Sprache fürs Webdesign

Grundlage ist die "Designsprache" CSS, die im Hintergrund fast aller Websites für deren Gestaltung sorgt. Das nenne ich mal ganz große Nerdunterhaltung!

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