Mittwoch, 06.03.2013

Hübsche Roboter, virtuelle Supermärkte und zu viel Stress - ein kleiner Cebit-Rundgang

... und dann sind da noch die etwas kuriosen Fundstücke. Die Dinge, auf die man bei einem kleinen Rundgang über die Cebit in Hannover stößt, die möglicherweise niemand wirklich braucht, aber die dem Technikfreund an sich viel Spaß bereiten.

Roboterdame AILA; Rechte: WDR/Horn
Das mobile Robotersystem AILA: 1,70 Meter groß und gebaut für den Einsatz auf der Internationalen Raumstation ISS. Hinter AILA sitzen die Programmierer, die sie gerade auf ihren nächsten Einsatz vorbereiten.

Wenn ich vorstellen darf: AILA. Eine Humanoide, wie wir Menschen Roboter nennen. Eine Schönheit, und vielleicht hätte ich einen Drink spendiert. Aber AILA wirkt etwas unterkühlt. Dafür ist ihr Fingerspitzengefühl umso besser. Auf der Cebit vor zwei Jahren konnte sie Gegenstände heben. Jetzt haben ihr das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) und die Uni Bremen eine Feinmotorik eingebaut, mit der sie auf die Umgebung reagieren und wie ein Mensch alle möglichen Hebel umlegen kann.

Dieses Können hat AILA sogar einen ordentlichen Job eingebracht: Sie soll in zwei Jahren zur Internationalen Raumstation ISS fliegen und Astronauten ersetzen, zum Beispiel bei gefährlichen Einsätzen. Dafür arbeiten die Forscher noch an AILAs Lernfähigkeiten: Sie soll bald per Motion Tracking menschliche Bewegungen angucken, abspeichern und nachahmen können. Wenn sie jetzt noch sprechen könnte: beängstigend.

Virtuelles Einkaufsregal; Rechte: WDR/Horn
Dieses Einkaufsregal ist nicht echt - es wird nur angezeigt. Dafür ist es immer gut gefüllt: Wer etwas daraus bestellen möchte, muss nur sein Smartphone zücken.

Verrückt: Das Start-up "Emmas Enkel" will dort, wo es voll ist, an Flughäfen, Bahnhöfen oder in Fußgängerzonen, Läden per Display eröffnen. Da steht man dann vor virtuellen Einkaufsregalen. Bestellt wird per Smartphone, geliefert nach Hause. Dabei kommt mir eine Frage in den Sinn, die ich mir nur selten stelle: Wofür zum Teufel brauche ich das? Was ich bei Tante Emma kaufe, möchte ich doch direkt haben, vor allem wenn mich der Hunger plagt. Und gerade an Flughäfen oder in Bahnhöfen haben Supermärkte zu den unmöglichsten Zeiten geöffnet. Wofür virtuell, wenn ich es echt haben könnte?

Etwas praktischer, wenn es ums Einkaufen geht: der intelligente Einkaufswagen - das zweite große Experiment, mit dem das DFKI auf der Cebit ist und den man hier selbst Probe schieben kann. Das funktioniert auch wirklich gut: Der Einkaufswagen zieht sich die Einkaufsliste, die mein auch schon intelligenter Kühlschrank zu Hause erstellt hat und streicht die Produkte von der Liste, die in ihm landen. Er führt mich durch den Supermarkt, bezahlt wird am Ende per Smartphone. Nur schieben und meine Einkäufe aus dem Regal nehmen muss ich selbst. Nervig. Aber wohl nicht zu ändern.

Anti-Stress-App; Rechte: WDR/Horn
Die Anti-Stress-App: 20 Sekunden sprechen - und schon zeigt sie mir mein Stresslevel an und spuckt dazu passende Atemübungen und Entspannungsmusik aus.

Viel Spaß hatte ich heute außerdem mit einer neuen App: der Anti-Stress-App. Dafür spricht man 20 Sekunden lang ins Handy, die App rechnet dann kurz und erkennt, wie viel Stress man hat. Ich habe es heute mit dem WWW: 1LIVE-Zungenbrecher zur Cebit probiert: "Zehn zwitschernde Twitterer tweeten zitternd zwanzig zahme Zoten zur Cebit." Dreimal gesprochen, schon waren die 20 Sekunden rum, und das Ergebnis: Mein Stresslevel liegt bei 3. Die Skala geht von eins bis fünf. Da gibt es Optimierungsbedarf - aber für den Stress, den ich mir hier auf der Cebit gebe, finde ich das durchaus okay.

Für mich wirkt die Anti-Stress-App ein bisschen wie Spielerei. Laut der Telekom, die diese App Mitte April fürs iPhone veröffentlichen wird, ist die Technik dahinter aber schon Jahre im Einsatz. Bisher seien damit vor allem Call-Center-Mitarbeiter geschult worden, damit sie nicht gestresst reagieren, wenn Kunden anrufen, die sauer sind. Die App misst die Schwingungen in der Stimme - egal, welche Worte oder welche Sprache. Und das sei tatsächlich wissenschaftlich zuverlässig.

Wie krank ist eine Welt, wo Millionen von Menschen unter Arbeitslosigkeit leiden und andere sich von seelenlosen Robotern pflegen lassen sollen? Wo Fahrkartenautomaten den Fahrkartenschalter samt sozialen Kontakt ersetzen? Und wo Leute zu Millionen und Abermillionen von den Glotzen sitzen und auf Trivialsoaps starren, in denen sie nur das sehen, was sie auch sehen könnten, wenn sie den Arsch von der Couch heben würden und aus dem Fenster zu ihrem Nachbarn aus Fleisch und Blut herübersähen? Da spielen sich synchron die gleichen Geschichten ab. Nur, daß diese echt sind. Ist das überhaupt noch Fortschritt, wenn mein Kühlschrank für mich einkauft? Ich denke, nicht. Ich sehe es als gnadenlose Bevormundung und Degeneration unserer Psyche an. Ginge die Entwicklung so weiter, lebte der größte Teil der Menschheit in naher Zukunft als schmarotzende, bewegungsunfähige und absolut entbehrliche Made in einer Maschinenwelt. Die Zukunft der Menschheit hatte ich mir immer anders vorgestellt.

Gert am 7.03.13 9:19

@Gert
Es mag nicht jede Erfindung, die auf der Cebit vorgestellt wird, wirklich sinnvoll sein, aber vieles wird später als Grundlage für wirklich wichtige Dinge eingesetzt.
Man nehme die motorischen Fähigkeiten des Roboters. So ist eben der Forschergeist!

Ich stimme ihnen zum Teil zu. Viele Menschen können mit den neuen Errungschften, die unsere Leben "leichter" machen einfach nicht umgehen. Doch das heißt grundsätzlich nicht, dass sie schlecht sind. Der Mensch muss lernen diziplinierter mit seinen Möglichkeiten umzugehen. Manche Menschen können das, andere wiederrum nicht. Nur weil ich meinen Kühlschrank per Smartphone befüllen kann, heißt das nicht, dass ich das auch immer muss. Steht man jedoch unter Zeitdruck oder liegt krank zu Hause im Bett ist man dankbar für diese Möglicheit. Nicht die Errungenschaften sind das Problem, sondern der Mensch, der damit nicht umgehen kann!

Studiosus am 7.03.13 11:46

@ Studiosus, es gibt ja schon Gegenden, selbst im fast zugebauten D.land, da gibt es keine Post, keinen Arzt oder Laden mehr. Ergo muss der Kühlschrank nicht nur ordern können, der muss das Zeuchs auch noch anschleppen.
Motto: Hol das Happi, ein ganz ein Feiner is er! (Muss der unterwegs tanken?)

Pragmaticus am 7.03.13 22:59

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