Mittwoch, 06.02.2013

Teller statt Tonne

Irgendwie denken doch die meisten von uns, wir seien sparsam. Umweltbewusst. Und verantwortungsvoll im WDR: Umgang mit Lebensmitteln. Leider deckt sich das nicht mit der Rechnung, dass jeder Einzelne von uns, auch ich, umgelegt auf alle Privathaushalte in Deutschland, Lebensmittel im Wert von rund WWW: 235 Euro pro Jahr wegwirft. Kann doch gar nicht sein? Doch! Denn leider fängt die Verschwendung schon im Supermarkt an. Über WWW: ein Drittel aller Lebensmittel schafft es gar nicht erst auf den Teller. Weil angedötschtes Obst erst gar nicht in die Regale kommt und Kunden abgelaufene Waren nun mal nicht mehr kaufen. Oder möchten Sie für alte Wurst denn vollen Preis bezahlen?

Verschwendung satt
Damit diese Lebensmittelverschwendung ein Ende hat, haben ein paar Kölner eine Plattform ins Leben gerufen, die sich WWW: Foodsharing nennt. Essenteilen.

Foodsharing; Rechte: WDR

Ich melde mich kurzerhand an um mitzumachen. Die Registrierung ist kostenlos und kinderleicht. Name eingeben, Adresse und Kontaktdaten hinterlegen und Essenskörbe suchen. Dabei hilft eine interaktive Deutschlandkarte auf der Startseite. Ich zoome mich einfach immer näher in meine eigene Stadt und sehe: In direkter Nachbarschaft bieten vier Leute Essenskörbe an. Zwei Becher H-Milchkaffee, ein Paket Hirse, noch haltbar. Gebäck vom Vortag und Müsli, originalverpackt. Ich schreibe den Anbietern über das Kontaktformular eine Mail. Und eine Stunde später habe ich schon zwei Antworten. Jenny ist Studentin in Köln. Leider ist mir jemand zuvorgekommen, der Essenskorb ist schon weg. Auf meine Frage, warum Jenny Essen verschenkt, das noch gut ist, schreibt sie mir: „Manchmal fahre ich spontan für ein paar Tage weg. Wieso sollte ich das Essen wegwerfen, wenn jemand anders noch was davon hat?"

Geld sparen statt wegwerfen
Kurz darauf bekomme ich eine weitere Antwort von Maik. Auch er hat seinen Essenskorb schon vergeben, lädt mich aber zum Gespräch ein. Er ist die Verschwendung satt. „Ich habe vor kurzem erfahren, dass ich Diabetes habe. Ich kann also nicht alles essen, deshalb gebe ich meine Vorräte weiter. Manchmal kaufe ich auch Sachen, die mir dann nicht schmecken. Und an und zu gehe ich containern. Supermärkte schmeißen Lebensmittel weg, die noch gut sind. Da ist höchstens mal die Verpackung angeknickt. Das biete ich auch an. Aber dann schreibe ich natürlich dazu woher das Essen kommt." Vor ein paar Tagen kam eine Frau zu Maik, mit der er Essen getauscht hat. Hirse gegen Pastinaken. Gekauft hätte Maik das nicht. Jetzt kennt er sogar gute neue Rezepte. Bis zu zehn Euro pro Woche spart Maik durch das Tauschen und Abholen, selbst wenn er mal weitere Wege und Fahrtkosten in Kauf nimmt.

Mein Essenskörbchen
Jetzt möchte ich selbst aktiv werden. Von einer kleinen Party bei mir Zuhause habe ich ein großes Stück frisches Brot übrig. Außerdem selbst gemachten Nudelsalat, zwei Grillwürstchen, eingelegtes Fleisch und Spieße mit Tomate-Mozarella, Gurken und Würstchen.

Essenskorb; Rechte: WDR

Ich stelle mein virtuelles Essenkörbchen zusammen. Die Plattform bietet dafür eine Maske. Ich trage nur eine Überschrift ein, gebe die Mengen, das Kaufdatum und die Haltbarkeit an. Und bis wann das Körbchen abgeholt werden soll. Ein paar Stunden später bekomme ich eine Benachrichtigung per Mail. Helena wohnt ganz in der Nähe und interessiert sich für das Essen. Ich schicke ihr meine Nummer. Sie ruft an. Fragt mich, ob ich auch was bräuchte. Wir verabreden uns für den Abend und um Punkt sechs steht sie vor der Tür, um mein Essen vor dem Mülleimer zu retten. Sie guckt sich das Fleisch genau an, riecht daran und sagt erfreut danke. Eigentlich kauft sie selten Fleisch, aber wenn sie es geschenkt bekommt - warum nicht? Die Spieße sind nicht so nach ihrem Geschmack. Die lehnt sie dankend ab. Wir plaudern über die gute Idee, den Film „WWW: Taste the Waste" vom Foodsharing-Erfinder Valentin Thurn und sehen uns sogar bald noch mal wieder. Ich habe ihr den Nudelsalat in meiner Tupperdose mitgegeben. Ganz nachbarschaftlich.

Regeln für die User
Jeder User sollte sich an ein paar Regel halten: Lege nichts in den Korb, was du selbst nicht essen würdest. Sei verantwortungsvoll und zuverlässig, heißt es auf der Seite. Ob ich fremdes Essen einfach so essen würde? Ich denke, man tastet sich heran. Ist der Abholort sauber und der Foodsharer sympathisch, würde ich das Essen nehmen. Ich habe ja Nase und Augen. Ein Vorab-Foto des Essenskörbchens auf der Internetseite wäre allerdings sehr hilfreich. Um schwarze Schafe zu entlarven kann man die Foodsharer bewerten. Allerdings ist dieses System noch sehr lückenhaft.

Nachahmer gewünscht
Etwa 8300 Menschen machen bereits bei Foodsharing mit. Bei WWW: Facebook hat die Plattform über 11.500 Likes. Tendenz täglich steigend. Die Community hat schon über 1300 Kilo Lebensmittel gerettet. Praktisch. Denn die städtischen Tafeln dürfen z.B. kein Essen von Privatpersonen annehmen. Ebenso wenig verarbeitetes Essen, wie das von Gastronomin Johanna Dohle-Lagdir. Sie hat einen Gewürzladen mit Fingerfood in Köln und stellt ihre Reste regelmäßig bei Foodsharing ins Netz. Einer ihrer Stamm-Abholer: Maik. Er hat schon Curry, Teigtaschen und Kartoffelküchlein bekommen. Das WWW: Ministerium für Verbraucherschutz unterstützt die Plattform. Und auch außerhalb Deutschlands findet das Projekt Anerkennung. WWW: Brasilianische und WWW: griechische Medien haben schon über Foodsharing berichtet. Um wirklich alltagstauglich zu werden, müssten meiner Meinung nach noch mehr User mitmachen. Nur so entsteht ein großes Tauschnetz, das weite Anfahrten erspart. Wer zusätzlich WWW: nachhaltig plant und bewusst einkauft, leistet einen guten Beitrag.

Essensrettung; Rechte: WDR

Insgesamt finde ich: gute Idee. Gute Umsetzung. Guten Appetit!

Unsere Blogger Anita Horn und Dennis Horn sind weder verwandt noch verheiratet, aber umso besser vernetzt. Sie entdecken jede Woche digitale Perlen: spannende Webseiten, lustige Links und Angebote, die den Alltag bereichern - hier im Blog und jeden Donnerstag in der WWW: WDR 5 LebensArt im Radio.

Super Beitrag.
Danke!

Wolfgang am 6.02.13 9:08

Schoenes Thema gut umgesetzt, danke! Muss allerdings sagen, dass so eine Internetplattform vielleicht gar nicht noetig waere, wenn man mehr an unmittelbare Nachbarn oder Freunde denken wuerde, ehe Essensreste in die Tonne gehen. Trotzdem, schoen, dass es sowas gibt!

Marc B. am 6.02.13 11:21

Liebe Frau Horn, warum sparen Sie sich nicht den ganzen anonymen Anmelde-, Aufruf- und Eintrageschwachfug und fragen ganz einfach mal in der Nachbarschaft?? Machen ich und meine Mit-Mieter schon seit Jahren in der ganzen Gegend und es funzt super - inklusive lachender Gesichter beim Abholen oder Bringen, weil es a) super geschmeckt hatte und b) man so auch im geregelten, *direkten* Kontakt bleibt.

Klaus Lohmann am 6.02.13 20:24

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