Mittwoch, 20.02.2013

Erste Apphilfe im Notfall

Mit der einen Hand den Puls fühlen, mit der anderen Hand die App bedienen? Einen Versuch ist es Wert. Schließlich ist das Netz ja oft der Retter in der Not. Wer in einer Notsituation nicht weiß, wie er vorgehen soll, kann auf zwei Apps zurück greifen, die Abhilfe versprechen: eine Gratis-App der Malteser und eine vom Deutschen Roten Kreuz für 0,89 Euro.

Malteser und DRK; Rechte: WDR

Ich simuliere einen kleinen Fahrrad-Crash. Meine Retterin: Charly, 26 Jahre alt, aus Köln. Die Sportstudentin frischt regelmäßig ihren Erste-Hilfe-Schein auf. Bei ihr bin ich in guten Händen.

Test 1: Malteser
Der Download funktioniert ohne Registrierung. Die App ist gratis sofort einsatzbereit auf dem Handy oder dem Tablet. Allerdings gibt es auf der Startseite direkt fünf verschiedene Button. Notfallkette, Erste-Hilfe-Tipps, Kurs buchen, Spenden und Notruf absetzen. In einer Notfallsituation zu unübersichtlich. Charly klickt sich durch. Problem eins: Es kann keine Verbindung zum Internet hergestellt werden. Klar, kein WLAN weit und breit. Und das Tablet hat kein UMTS. Beim dritten Versuch öffnet sich die Notfallkette trotzdem. Wir müssen auswählen: Akute Erkrankung, Verletzung, Vergiftung. Aber woher soll man wissen, was dem Betroffenen fehlt? Es folgen unzählige Unterseiten mit Grafiken, Bildern und viel zu kleiner Schrift. Die App beschreibt ausführlich die einzelnen Schritte, zum Beispiel wie man bei einer Blutung einen Druckverband anlegt. Allerdings helfen dabei nur Fotos und kurze Texte. Für Charly ein Grund die App wieder zu löschen.

Test 2: DRK
Auf der DRK-Startseite gibt es auf vier Button zur Auswahl, allerdings ist die „Erste Hilfe" zumindest ein kleines bisschen größer dargestellt und somit halbwegs gut erkennbar. Ich simuliere also einen kleinen Unfall und Schmerzen im Bein. Charly folgt den Anweisungen. Sofort fängt eine Frauenstimme an, mit uns zu sprechen. „Befinden Sie sich im Straßenverkehr?". Der User muss nun „Ja" oder „Nein" klicken. Eine Hand muss also immer die App bedienen. Meine Retterin wird aufgefordert, die Unfallstelle mit einem Warndreieck zu sichern. Dann heißt es: „Sprechen Sie die Person an. Antwortet die Person?". Ich reagiere. „Hat die Person starke Schmerzen? Leidet die Person unter Atemnot?" Klickt man nicht auf eine Antwort, wiederholt die Frau im Tablet die Frage immer und immer wieder. Charly ist jetzt schon genervt. Sie wünscht sich eine weniger penetrante Stimme, die Möglichkeit auf Pause zu drücken und kürzere Sätze. „So schnell kann ich gar nicht reagieren." Gerade für ungeübte Helfer könnte das Hektik auslösen und zu Fehlern führen.

Erste Hilfe; Rechte: WDR

Ich spiele jetzt bewusstlos. Charly kontrolliert wie angesagt meine Atmung und bekommt eine Anleitung zur Herzmuskelmassage. Es folgen 30 laute Klicktöne und dann die Beschreibung zur Mund-zu-Mund-Beatmung. Die Frauenstimme redet ununterbrochen und bringt selbst mich als "Verunfallte" in Rage. Ob ich es befürworten würde, dass mich jemand wiederbelebt, der zwischendurch die Fotos der App anguckt, darüber muss ich mir zum Glück nicht ernsthaft Gedanken machen. Videos oder zumindest eine Fotoreihe wären übrigens wesentlich angenehmer. Die Frauenstimme wäre im lauten Straßenverkehr trotz maximaler Lautstärke nur noch schlecht zu verstehen. Charly bringt mich gekonnt in die stabile Seitenlage. Die App läuft nur noch nebenbei. Und die Info, dass sie nun einen WWW: Notarzt rufen soll, erscheint irgendwie verspätet. „Das hätte ich schon längst gemacht. Oder ich hätte andere Passanten gebeten, einen Notruf abzusetzen." Apropos Notruf absetzen - das kann man mit Hilfe der App über die Startseite und den Button „Notrufassistent". Mit dem Handy kein Problem. Dumm nur, dass das Tablet keine SIM-Karte hat und man die 112 somit nur den Kontakten zufügen kann.

Erste Hilfe; Rechte: WDR

Fazit
Die Malteser-App ist hilfreich, um Wissen aufzufrischen oder mal was nachzulesen. Eine echte Anleitung bei einem Unfall bietet sie nicht. Die Unterseiten sind dafür zu unübersichtlich und zu lang. Man muss viel scrollen und verliert sich schnell.

Die DRK-App ist übersichtlich und führt am Ende immer zum selben Ergebnis: Nachdem man die mögliche Gefahrenzone abgesichert hat wird der Betroffene angesprochen. Verletzungen werden verbunden. Atmet der Betroffene nicht, leitet die Frauenstimme zu Beatmung und Herzmassage an. Atmet die Person selbstständig, soll man einen Notruf absetzen und auf die Sanitäter warten. Nicht sehr überraschend, aber für Laien in hektischen Situationen vielleicht eine hilfreiche Anleitung. Wünschenswert wären eine größere Schrift, mehr Bilder und eine ruhigere Stimme. Als Gedankenstütze ist die App akzeptabel. Aber am besten ist es, trotzdem sein Erste-Hilfe-Wissen regelmäßig in interaktiven WDR: Kursen aufzufrischen und 25,00 statt 0,89 Euro zu investieren. So würde ich im echten WDR: Notfall auch irgendwie ein besseres Gefühl haben. Als Betroffene und als Helferin.

Unsere Blogger Anita Horn und Dennis Horn sind weder verwandt noch verheiratet, aber umso besser vernetzt. Sie entdecken jede Woche digitale Perlen: spannende Webseiten, lustige Links und Angebote, die den Alltag bereichern - hier im Blog und jeden Donnerstag in der WWW: WDR 5 LebensArt im Radio.

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