Donnerstag, 17.01.2013

Bin ich ein Cyberchonder?

Es ist Mitte Januar. Es ist wieder Zeit. Meine Erkältung ist da. Ein Klassiker. Eine Tradition. Jeden Winter: erst die Halsschmerzen, dann ordentlich Schnupfen und am Ende bleibt ein Husten übrig. Diesmal aber so hartnäckig, wochenlang schon, dass er in die Kategorie "chronisch" fallen könnte. Ich mache mir also Sorgen.

Aber wie das so ist in diesem stressigen Beruf: Zeit fürs Wartezimmer habe ich natürlich nicht. Ich habe stattdessen gegoogelt: "Warum bleibt der Husten immer so lange". Die ersten Ergebnisse: "Nach Erkältung lange Husten. Woran kann's liegen?" Oder: "Lange Husten - und jetzt unerträgliche Rippenschmerzen." Ich horche in meinen Körper. Ja, meine Rippen sind zu spüren. Sind das Schmerzen? Könnte sein.

Medikamente und Taschentücher; Rechte: WDR/Horn
Mein erstes Notfallset gegen die Erkältung. Ob es reicht, den Tod zu bekämpfen, der mir bevorsteht, wenn ich die Informationen aus dem Netz richtig interpretiere?


Die Gewissheit steigt: An diesem Husten werde ich sterben!

Mit jeder Diagnose, die ich mir in einem der vielen Online-Foren hole, wird mir unwohler: "Durch den ständigen kräftigen Husten hatte sich ein Nerv eingeklemmt." "Mich hat man gefragt, ob ich die Rüsselseuche hätte." "Bei mir waren es trockene Schleimhäute." "Ich hatte das einige Male, und zuletzt hat meine Stimme versagt."

Die Stimme versagt. Ich arbeite unter anderem beim Radio. Das wäre nicht gut. Was ich dann noch über chronischen Husten lese, macht mich noch verrückter, vor allem die Liste der wichtigsten Ursachen: Lungenentzündung, Tuberkulose, Vernarbung des Lungengewebes, Stimmbandlähmung. Und bei YouTube erklärt mir ein Arzt, dass die Angst vor meinem Husten sehr starke Reaktionen der Psyche hervorrufen kann.

Je mehr Informationen ich mir im Netz hole, desto klarer wird mir: Ich werde an diesem Husten sterben. Damit bin ich allerdings nicht einverstanden und mache mich jetzt doch auf den Weg zu meinem Hausarzt, Dr. Udo Kratel in Dormagen. Die gute Nachricht zuerst: "Banale Bronchitiden, die den Husten als Symptom hinterlassen." Das kann auch mal gut drei Wochen dauern. Dr. Kratel rät mir zum Asthmaspray.


Der Fachbegriff für Online-Hypochonder: Cyberchondrie

Und dann erzählt er mir von Patienten, die ihre Krankheiten googeln. Seit fünf, sechs Jahren, kommen sie zum Teil schon mit fertigen Diagnosen zu ihm. Dutzende Seiten, ausgedruckt aus dem Netz - vor allem aus Foren, in denen sich Menschen über ihre Symptome austauschen. Leichte Brustbeschwerden sind da plötzlich eine schwere Angina, jeder Fleck am Bein Hautkrebs, jeder Kopfschmerz ein Tumor.

Dr. Kratel hält das für ein Problem: "Google ist ein Marktplatz. Da gibt es sehr gute Informationen, es gibt aber auch ganz miserable. Der medizinisch unbedarfte Nutzer kann das kaum unterscheiden. Es ist sinnvoller, das medizinisch prüfen zu lassen, bevor man sich selbst verrückt macht. Es gibt ja viele Differentialdiagnosen. Bei Ihrem Husten gibt es mindestens 20 verschiedene Möglichkeiten, was dahinter stecken kann."

Für Menschen, die sich vor Krankheiten fürchten und im Netz stundenlang nach Erklärungen suchen, haben Mediziner sogar einen Fachbegriff: Cyberchonder. Wenn ich unbedingt krank sein will, wird Google mir das auch bestätigen. Ich laufe also wirklich Gefahr, zum Cyberchonder zu werden? Cyberchonder. Soll ich danach mal googeln?


Unsere Blogger Anita Horn und Dennis Horn sind weder verwandt noch verheiratet - aber umso besser vernetzt. Sie entdecken jede Woche digitale Perlen: spannende Webseiten, lustige Links und Angebote, die den Alltag bereichern - jeden Donnerstag hier im Blog und in der WWW: WDR 5 LebensArt im Radio.

Wer auch sonst nicht recherchieren kann, ist eben bei seinen Krankheiten genauso aufgeschmissen.

Klaus Lohmann am 17.01.13 14:29

Oh ja, das kenne ich gut. Aber bei mir ist das noch schlimmer. Ich muss nur eine Arztserie gucken und bin gleich sterbenskrank. Bei Dr. House hatte ich immer auch alle Symptome der Patienten. Und wenn wer in meinem Bekanntenkreis erzählt, wie es ihm geht, fällt mir gleich auf, dass ich ja die gleichen Probleme habe. Jemand hat Schilddrüsenprobleme? Ohwei, ich bin auch dauernd müde und mir juckt die Haut und mir wird schon mal schwindelig. Der Kollege hatte einen Schlaganfall? Ich sehe auch manchmal unscharf, und letztens konnte ich meinen Arm nicht bewegen. Jemand anders hatte einen Herzinfarkt? Tut mein Herz nicht auch häufiger schon mal weh? Und die Rückenschmerzen kommen bestimmt auch vom Herzen. Und jedes Sodbrennen ist gleich Bauchspeicheldrüsenkrebs. Und dann die ganzen Muttermale, die ich habe.....
Zum Glück bin ich aber gesund wie ein Pferd und muss mir das nur immer wieder selber sagen.

Frank am 17.01.13 14:36

@Frank-nur mal so zu "deinem Bauchspeicheldruesenkrebs"-der aeussert sich,wenn ueberhaupt,anders.
Oft durch Rueckenschmerzen und da ist es bereits zu spaet-3 Jahre Uberlebenschance liegt bei 3%.
Ausser man heisst Steve Jobs und kann seine Drogenverseuchten Innereien eben mal austauschen lassen-was dann allerdings auch nicht sehr viel weiter hilft.
Haeufiges Sodbrennen deutet eher auf Reflux,oder gereizte Magenschleimhaeute hin.
Aber der oben angesprochene und haeufig(eigendlich immer)unterschaetzte Schnupfen-der ist normalerweise als erstes da.Nur das er dann erst einmal nach hinten laeuft.Tipp daher:Sinupret schlucken;mit Hexoral gurgeln und mit Gelomirtol inhalieren-dann geht das alles gut vorbei.

Bauchspeicheldruese am 18.01.13 12:37

Also ich muss ehrlich sagen, dass ich Dr.Google schon des Öfteren in Andpruch genommen habe. Zum Bsp. als ich mit 13 einen Schilddrüsentumor bekam und mich anschließend im Internet darüber informiert habe. Ich wusste nicht viel darüber und, da ich noch recht Jung war, wollte meine Mama mich schonen, über einige Sachen und den Ernst der Lage Bescheid zu wissen.
Hinterher prahlte ich dann mit meinem Fachwissen ;-)

Lg, Helena

Helena am 23.01.13 10:10

Kommentieren



Die mit * gekennzeichneten Felder müssen ausgefüllt werden.


Angaben speichern (Cookie)?


Um Ihren Kommentar zu versenden, beantworten Sie bitte die folgende Frage:


Trackbacks zum Eintrag Bin ich ein Cyberchonder?

Zum Anfang dieses Eintrags

September 2014

Mo Di Mi Do Fr Sa So
1 2 3 4 5 6 7
8 9 10 11 12 13 14
15 16 17 18 19 20 21
22 23 24 25 26 27 28
29 30

Über das Blog

Digitalistan: Heimatkundliches aus dem Land der Einsen und Nullen

Suche im Blog

Aktuelle Einträge

Autoren

Blogregeln und Glossar

Newsreader-Feeds (XML/RSS)


Permanente URL dieser Seite: http://wdrblog.de/digitalistan/archives/2013/01/bin_ich_ein_cyberchonder.html