Montag, 17.12.2012

Facebook soll Pseudonyme zulassen

Wer sich anschaut, wo Facebook herkommt, kann verstehen, wieso Mark Zuckerbergs Social Network Klarnamen bevorzugt und Pseudonyme nicht mag. Schließlich soll man bei Facebook Freunde oder Bekannte wiederfinden, und das fällt naturgemäß schwer, wenn sich die Personen hinter Pseudonymen verstecken. Deshalb verlangt Facebook offiziell von allen Usern: Sie sollen Klarnamen benutzen, ihren richtigen Namen - Pseudonyme sind tabu.

Wer sich nicht dran hält und dabei erwischt wird, dem droht eine Abmahnung - und das Schließen des Facebook-Accounts. Zur Erinnerung: Als Google+ gestartet ist, wollte auch Google ursprünglich Pseudonyme verbieten. Selbst Firmennamen, Markennamen oder Künstlernamen waren nicht erlaubt. Der Protest war damals recht groß. Mittlerweile sind bei Google+ Pseudonyme erlaubt - offiziell.

klarname.png
Klarname oder Pseudonym? Beides hat Vor- und Nachteile (Deeplink)

Facebook diktiert die Regeln
So weit ist Facebook noch nicht. Facebook will uns nach wie vor vorschreiben, wie wir uns im sozialen Netzwerk zu bewegen haben. Ein klarer Verstoß gegen geltendes Recht, WWW: meint zumindest das Unabhängige Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein und hat nun eine Verfügung gegen Facebook erlassen. Die Begründung ist so einfach wie einleuchtend: Facebook habe sich geweigert, pseudonyme Konten für deutsche User zuzulassen, so wie vom deutschen WWW: Telemediengesetz (TMG) in §13 Abs. 6 gefordert.

WWW: Klarname oder Pseudonym? Darüber wird schon lange diskutiert. Ich bin, unabhängig von der Gesetzeslage, eindeutig dafür, Pseudonyme zu erlauben. Denn jeder Internetbenutzer sollte selbst entscheiden dürfen, ob und wie er im Netz unterwegs ist - außer dort natürlich, wo Rechtsgeschäfte abgewickelt werden. Aber dort, wo diskutiert wird, wo Meinungen ausgetauscht oder meinetwegen auch Freundschaften geschlossen werden, wie eben bei Facebook, da hat jeder ein Recht darauf, nur so viel von sich preiszugeben (zumindest öffentlich), wie er will. Dagegen verstößt Facebook eindeutig.

facebook.jpg
Facebook besteht derzeit auf Klarnamen - Pseudonyme sind nicht erlaubt


Klarnamen sollen für Vertrauen sorgen - aber kann das klappen?
Facebook sieht das allerdings anders. Facebook verweist gerne auf höherrangiges EU-Recht. Offiziell will der Konzern mit der Klarnamenpflicht für Vertrauen und Sicherheit innerhalb des Netzwerks sorgen. Klingt zu schön, um wahr zu sein. Es ist wohl eher so, dass Pseudonyme möglicherweise das Werbegeschäft behindern... Jedenfalls ist eins klar: Die Klarnamenpflicht verhindert weder den Missbrauch des Dienstes, noch Beleidigungen, Provokationen oder Identitätsdiebstahl. Gibt es alles bei Facebook - trotz offiziellem Zwang zum Klarnamen.

Thilo Weichert vom ULD argumentiert: "Es ist nicht hinnehmbar, dass ein US-Portal wie Facebook unbeanstandet und ohne Aussicht auf ein Ende gegen deutsches Datenschutzrecht verstößt. Ziel der Verfügungen des ULD ist es, endlich eine rechtliche Klärung herbeizuführen, wer bei Facebook verantwortlich ist und woran dieses Unternehmen gebunden ist."

Eine klare Kampfansage also - und nicht die erste von Thilo Weichert. Allerdings dürfte es schwierig werden, sich hier durchzusetzen. Denn in der Tat hat Facebook seinen Firmensitz in den USA und eine Niederlassung für Europa in Irland. Selbst einige Datenschützer sind der Auffassung, dass deshalb europäisches Recht gilt. Da hilft nur eins: Dann muss halt das europäische Recht entsprechend angepasst werden. Ein Recht auf Pseudonyme - für alle! Unmissverständlich.


User sind entspannt und haben eigene Lösungen
Die User hingegen nehmen es gelassen. Auch ohne Datenschutzbeauftragte. Sie verwenden bei Bedarf einfach Phantasienamen, die wie Klarnamen wirken. Da nennt man sich halt "Jo erg Push" oder "Ann Nette" - und schon schlagen die Filter von Facebook keinen Alarm. Bei einer Milliarde User kann halt unmöglich jeder Account manuell kontrolliert werden. Auch eine Lösung!


Diese "Lösung" mit Scheinklarnamen ist letztlich das Blödeste, was passieren kann (aber unvermeidbar).

Besser wäre es, wenn Facebook Pseudonyme erlauben würde, diese dann aber eindeutig als Pseudonym markiert wären. Scheinbare Klarnamen sind einfach nur falsche Namen und keine Pseudonyme.

Wie auch immer, persönlich mußte ich feststellen, dass für mich ein Facebook-Account mit Pseudonym sinnlos ist, aber da ich Facebook nicht genug traue, um dem Laden meine Daten unter meinem richtigen Namen zu geben, halte ich mich dort halt ganz raus.

joh am 17.12.12 22:26

Hi,

Ich hab einen Facebook-Account mit erfundenen Daten (ich nutze den Account zwar nicht, aber ich hab den mal angelegt) - ich bekomme massenhaft Freundschaftsanfragen, auf die ich natürlich nicht reagiere - also, ich könnte mit falschen Daten Facebook nutzen - warum machen das nicht alle so - nur zu der dort hinterlegten eMail-Adresse, aber auch bei dem kostenlosen eMailanbieter sind die Daten falsch - hab ich Zugriff!
Bei solchen Gesellen wie Facebook, twitter und kostenlosen eMaildiensten lügen, bis sich die Balken biegen, halte ich für legitim!

Anton am 17.12.12 23:41

Google verlangt seit einiger Zeit für die Bewertung von Apps bei Google-Play einen Google+-Account. Man merkt, wie sich die Schlinge langsam zu zieht. Und Instagram möchte mit Facebook kooperieren und "Nutzerinhalte und Informationen beispielsweise aus Cookies, Geräte-IDs, Ortsdaten oder Nutzungsdaten" zugänglich machen. Ich stufe es als zunehmend bedenklich ein, dass man immer mehr durch die Hintertür versucht, die Menschen in Soziale-Netzwerke zu locken bzw. Informationen über sie zu generieren. Da kann Facebook Pseudonyme erlauben, oder nicht.

Dominik am 18.12.12 10:00

Ach Leute, wir versuchen schon seit Jahren, den Kindern beizubringen: Wer bei Facebook echte Daten angibt, ist selber schuld.

Elvis am 18.12.12 14:41

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Montag, 17.12.2012

Netzpolitik für alle

75,9 Prozent der WWW: Deutschen sind online. Markus Beckedahl hat also beinahe recht, wenn er schreibt "Netzpolitik betrifft alle, jede und jeden". Der WWW: Netzpolitik.org-Chefredakteur undWWW: re:publica-Mitbegründer hat deshalb gemeinsam mit Andre Meister das heute veröffentlichte "Jahrbuch Netzpolitik 2012 - von A wie ACTA bis Z wie Zensur" herausgegeben.

beckedahl_256.jpg Null Netzpolitik in Deutschland ohne Markus Beckedahl? Gemeinsam mit 34 weiteren Autoren wagen sie den Rundumschlag. Die Autoren sind eigenen Angaben zufolge "Beobachter und Akteure" zugleich; viele von ihnen wie Johnny Haeusler (WWW: Spreeblick.com, re:publica u.a.), Constanze Kurz und Frank Rieger vom Chaos Computer Club oder Datenschutz-Experte Falk Lüke, sind dem netzpolitisch interessierten Leser ohnehin bekannt. Und an Blog: Jahresrückblicken darf es zum Jahresende nicht fehlen, was wäre das auch für ein Ende ganz ohne Bilanz? Aber beinhaltet dieser zusätzlich überhaupt noch etwas Neues, einen - Achtung! - Mehrwert gegenüber der allgemeinen deutschen Vorliebe zum Zurückgespule?

"Zeit zum Reflektieren" biete ein Buch gegenüber einem ganzjährig bespielten Blog, erklingt eine erste Antwort von Autorenseite im Vorwort. Viele neue und bisher unveröffentlichte Beiträge werden dort auch gleich versprochen. Die Themen: Erwartungsgemäß Urheberrechtspolitisches, ein Interview mit WWW: Lawrence Lessig anlässlich des zehnjährigen Jubliäums von Creative Commons - das und mehr findet sich im Kapitel "Wissen", im Folgeabschnitt "Daten" gibt unter anderem Open-Data-Expertin Julia Kloiber einen Rückblick im Rückblick ("Deutschland, deine Datenschätze!"), in diesem Kapitel finden auch Datenjournalismus und Informationsfreiheitsgesetz Erwähnung. Die Folgeabschnitte bündeln thematisch Artikel, zum Teil auch Interviews, 2012 gehaltetene Vorträge oder Essays zu den netzpolitisch interpretierten Oberbegriffen "Demokratie", "Kontrolle", "Überwachung", "Aktivismus" und final "Big Picture". Konkret sind das etwa Themen wie "Open Source", "Open Education", "Internet Governance", Vorratsdatenspeicherung, Anonymous ("Leuchtfeuer der digitalen Freiheit") oder "Cybersicherheitspolitik", behandelt in Diskussionsbeiträgen.

Auch mit Erklärbär-Teilen, aber nie vorraussetzungs- oder meinungsarm. Meist Mainstream-Politik-kritisch. (Oder sollte man sagen: Noch?) In vielen Beiträgen geht es um das Spannungsfeld Politik und Wirtschaft, dazwischen User und die ihn umkreisenden Begriffe Privatsphäre, Datenschutz und ganz allgemein: Freiheit. Auf welche Weise und konkret von welcher Seite also gerade die Internetfreiheit in ihrer originären Form bedroht wird, darüber kann hier viel gelesen werden, denn der User und seine Bedürfnisse, dabei auch Usability und sowieso Informationsfreiheit, stehen im Mittelpunkt.

Ein Ausblick auf 2013 darf da nicht fehlen. In "Das Jahr, in dem die Netzpolitik Emotionsbingo spielte" beruft sich Falk Lüke zunächst auf das netzaktivistische Erfolgsmodell "Anti-ACTA-Protest" und schreibt: "Mit ACTA hat die digitale Zivilgesellschaft einen Vorzeigeerfolg hinbekommen, der aber nun die Messlatte darstellt." Nun habe die abstrakte Größe Brüssel auch Namen - "nie war die Brüsseler Kommissarsriege so präsent in den deutschen Netzdebatten wie in jenen Monaten", schreibt Lüke. Angetrieben wurde über ACTA schließlich auch die öffentliche Diskussion um das Urheberrecht im Internet.

antiactademo_256.jpg Netzpolitisches Erfolgsmodell Anti-ACTA-Protest Mit einer Großreform des Urheberrechts rechnet Lüke allerdings frühestens in drei Jahren, "wenn eine neugewählte EU-Kommission installiert und die Europa- (2014) und Bundestagswahlen (2013) lange durch sind". Emotionen gab es schließlich 2012 auch bei der "Dauergroßbaustelle Datenschutz" und dem Streit um das Leistungsschutzrecht für Presseverleger. Wo nun der Ausblick bleibt? Spannend findet Lüke etwa die Frage nach der Zukunft der "Enquete-Kommission Internet und Digitale Gesellschaft des Deutschen Bundestages", aus der ein ständiger netzpolitischer Ausschuss hervorgehen soll, ob es womöglich bald einen "Internetminister" geben könne? Ja, die Netzpolitik sei 2012 voran gekommen, irgendwie auch mit Hilfe der Piraten. Vieles könnte sich 2013 mit dem erwarteten Nachrücken von Nachwuchspolitikern ("internetaffinere - dadurch aber keineswegs automatisch netzpolitisch interessierte") nach der Bundestagswahl ändern, meint Lüke.

Ist dieses originär digitale Buch also für "jeden und jede"? Nein, 75,9 Prozent der Deutschen werden daran wohl kaum Gefallen finden. Überraschung. Was hier gebündelt wird, ist an keiner Stelle ausnahmslos leichte Kost ("Zur netzpolitischen Dimension von Gangnam Style" etc.), aber insgesamt ein hochspannendes breites Informationsangebot. Viele dieser Themen gehören definitiv in die Lehrpläne. Deshalb: Leseempfehlung und "Mehrwert zum regulären Jahresrückblick: check"!

Übrigens 1: Das netzpolitische Jahrbuch wird in verschiedenen Formaten WWW: zum freien Download angeboten ("WWW: Lizenz Creative Commenons Namensnennungs-Weitergabe unter gleichen Bedingungen"), gibt es aber auch als Kindle-Version bei Amazon für 3,99 Euro. Anfang 2013 soll das Buch dann auch zum gedruckten Buch statt digitalen Book werden - für 9,95 Euro. 1.000 Freiexemplare soll es schon jetzt "gegen Spende" geben.

Übrigens 2: Einen WWW: ersten netzpolitischen Jahresrückblick lieferte ein Team um Beckedahl bereits Anfang Dezember ab; das 28-seitige Papier der Digitalen Gesellschaft ist primär eine Übersicht über die diesjährigen Kampagnen und Themen der 2010 gegründeten Netzaktivistenlobby. Ein Buch zur digitalen Gesellschaft ist in diesem Jahr ebenfalls schon erschienen, Autoren: Falk Lüke und natürlich Markus Beckedahl.

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